Die Werkstatt gehört jetzt Lukas

Als Frieda Brenner am 4. Oktober um kurz nach sieben die Autowerkstatt in Bergisch Gladbach betrat, roch es nach kaltem Motoröl und dem Filterkaffee, den ihr Sohn Lukas immer viel zu stark aufbrühte. Sie war seit dreiunddreißig Jahren Miteigentümerin dieser Werkstatt, gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann Walter aufgebaut, Schraube für Schraube, Kunde für Kunde. Und an diesem Morgen erfuhr sie von der Steuerberaterin, Frau Ostendorf, dass sie keine Miteigentümerin mehr war.

Angefangen hatte alles zwei Jahre zuvor, an dem Tag, an dem Lukas seine Freundin Selin mit nach Hause brachte. Frieda erinnerte sich noch genau an den Nachmittag: Kaffeetafel im Garten, Streuselkuchen, den sie extra gebacken hatte, und Selin, kaum dass sie ihren Mantel abgelegt hatte, mit dem Satz: "Frau Brenner, wenn Lukas und ich zusammenziehen, wäre es schön, wenn Sie sich aus der Küche raushalten, wenn ich koche. Ich mag es nicht, wenn mir jemand über die Schulter schaut."

Frieda hatte damals gelacht, dachte, das sei ein Scherz einer Nervösen, die ihren Freund zum ersten Mal den Eltern vorstellte. Sie ahnte nicht, dass dieser Satz der erste Stein einer Mauer war, die in den folgenden Monaten immer höher wurde.

Selin arbeitete als Bürokauffrau bei einer Versicherung in Köln, drei Jahre jünger als Lukas, mit einem Blick für Zahlen, den Frieda anfangs sogar bewunderte. Sie hatte selbst nie ein Gespür für Bilanzen gehabt, Walter hatte das immer gemacht, und nach seinem Tod hatte Lukas die Buchhaltung übernommen. Bis Selin einzog, in die kleine Wohnung über der Werkstatt, und begann, sich "nur mal die Papiere anzuschauen".

Der Hund vom Nachbarn, ein alter Schäferhund namens Bruno, bellte jeden Morgen um Viertel nach sechs, wenn der Milchwagen durch die Talstraße fuhr. Frieda hatte sich in dreißig Jahren daran gewöhnt, fast war es ihr Wecker geworden. An jenem 4. Oktober bellte Bruno wie immer, und Frieda lag noch zehn Minuten wach im Bett, ohne zu ahnen, was der Tag bringen würde.

In der Werkstatt saß Frau Ostendorf bereits am kleinen Besprechungstisch neben der Hebebühne, eine Mappe vor sich, die Brille auf der Nasenspitze. "Frau Brenner", sagte sie, "ich muss mit Ihnen über die Gesellschafteränderung sprechen. Die vom letzten Jahr."

Frieda setzte sich, die Hände noch kalt vom Morgen. "Welche Änderung?"

Die Steuerberaterin drehte die Mappe zu ihr. Dort, schwarz auf weiß, stand es: Am 14. November des vergangenen Jahres war Frieda Brenner als Gesellschafterin der Brenner Kfz-Technik GmbH ausgetreten, ihr Anteil von fünfzig Prozent auf Lukas Brenner übertragen, unentgeltlich, mit ihrer Unterschrift. Eine Unterschrift, an die sie sich nicht erinnerte.

"Das habe ich nie unterschrieben", sagte Frieda leise.

"Sie waren im November letzten Jahres beim Notar Dr. Kessler, zusammen mit Ihrem Sohn. Das steht hier im Protokoll."

Und dann erinnerte sich Frieda. November, ja. Sie war beim Notar gewesen, aber wegen etwas anderem, hatte sie geglaubt: wegen der Vollmacht für Lukas, damit er im Krankheitsfall die Bankgeschäfte für sie regeln konnte, weil sie gerade aus dem Krankenhaus kam, eine Gallenoperation, noch benommen von der Narkose der Woche davor. Lukas hatte ihr mehrere Papiere zum Unterschreiben vorgelegt, sie hatte nicht alles gelesen. Sie hatte ihrem Sohn vertraut.

Selin hatte das organisiert. Das wusste Frieda jetzt, ohne dass es jemand aussprach. Selin, die seit einem Jahr in der Wohnung über der Werkstatt lebte, die die Buchhaltung führte, die immer öfter sagte, Lukas solle "endlich Verantwortung übernehmen", die Frieda aus der Küche verbannt hatte, dann aus den Kundengesprächen, dann aus den Terminen mit der Bank.

Frieda fuhr an jenem Abend nicht nach Hause. Sie fuhr zu ihrer Schwester Renate nach Odenthal, saß bis Mitternacht am Küchentisch, während Renate ihr immer wieder Kamillentee nachschenkte, den keiner von beiden trank. "Er ist mein Sohn", sagte Frieda einmal, "aber die Werkstatt war auch mein Leben."

Am nächsten Morgen ging sie zu Rechtsanwalt Herrn Dobrinski in der Kölner Straße, einem Mann mit einer Wand voller Diplome und einem Aquarium, in dem ein einzelner Fisch trübe Kreise zog. Sie legte ihm die Kopie des Notarprotokolls vor, die Frau Ostendorf ihr mitgegeben hatte.

"Frau Brenner, eine Anfechtung wegen Irrtums oder arglistiger Täuschung ist grundsätzlich möglich", sagte Dobrinski, "aber Sie müssten beweisen, dass Sie beim Notartermin nicht wussten, was Sie unterschreiben. Das ist bei einer notariellen Beurkundung schwierig, der Notar muss ja belehrt und vorgelesen haben."

"Ich war frisch operiert. Ich hatte noch Schmerzmittel im Blut."

"Haben Sie das ärztlich dokumentiert? Das Datum der Entlassung, die Medikation?"

Frieda hatte die Klinikunterlagen noch, in einem Aktenordner im Keller, den sie all die Jahre nie weggeworfen hatte, aus Gewohnheit, weil Walter immer gesagt hatte, man werfe keine Papiere weg, man wisse ja nie.

Es dauerte sieben Wochen. Sieben Wochen, in denen Lukas dreimal anrief und Frieda nicht ranging, in denen Selin einmal vor Renates Haustür stand und klingelte, aber wieder ging, als niemand öffnete. Sieben Wochen, in denen Dobrinski der Werkstatt-GmbH eine Anfechtungserklärung schickte und gleichzeitig beim Landgericht Köln eine Klage auf Rückübertragung des Gesellschaftsanteils vorbereitete, gestützt auf das Attest von Dr. Wenzel, dem Hausarzt, der bestätigte: hoher Dosierung Oxycodon zum Zeitpunkt des Notartermins, eingeschränkte Geschäftsfähigkeit an diesem Tag wahrscheinlich.

Der Termin vor Gericht kam nie zustande. Drei Tage bevor die Klage eingereicht werden sollte, stand Lukas allein vor Renates Gartentor, ohne Selin, mit einer Mappe unter dem Arm, die er die ganze Fahrt über auf dem Beifahrersitz liegen gehabt hatte, wie er später sagte.

Frieda öffnete die Tür nicht ganz, ließ die Kette eingehängt, bis sie sah, dass er allein gekommen war.

"Mama", sagte er, "ich hab's nicht gewusst. Also, ich hab's gewusst, aber ich hab nicht verstanden, was ich unterschreiben lasse. Selin hat gesagt, das ist nur die Vollmacht. Ich hab dir nie über die Schulter geguckt, wie du auch nie mir."

Frieda schwieg lange, dann fragte sie nur: "Wo ist sie jetzt?"

"Ausgezogen. Letzte Woche. Sie hat gesagt, wenn die GmbH wieder zur Hälfte dir gehört, ist sie fertig mit der ganzen Sache."

In der Mappe lag ein notariell vorbereiteter Vertrag: Rückübertragung von fünfzig Prozent der Geschäftsanteile an Frieda Brenner, unterschriftsreif, von Dobrinski bereits gegengeprüft. Frieda unterschrieb ihn nicht an der Gartentür. Sie bestellte Lukas zwei Tage später zu Dr. Kessler, demselben Notar wie im November, ließ sich diesmal jede Zeile einzeln erklären, bevor sie den Stift ansetzte.

Die Werkstatt in der Talstraße gehört seither wieder zur Hälfte Frieda Brenner, im Handelsregister eingetragen am 19. Dezember. Sie kommt seitdem jeden Morgen um Viertel vor sieben, wenn Bruno noch bellt, macht sich ihren eigenen Kaffee, schwächer als Lukas ihn mag, und sitzt am Besprechungstisch neben der Hebebühne, wenn Kunden kommen. Mit Lukas spricht sie wieder über Aufträge, über Ersatzteile, über die neue Hebebühne, die sie anschaffen wollen. Über Selin sprechen sie nicht.

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