„Ich hab eure Buchung umgebucht, ihr könnt mir später danken“, sagte Ludmilla, als wäre sie die Rezeptionistin unseres Lebens.
Ich stand in der Küche in Dresden, die Kaffeemaschine zischte, und auf dem Tisch lag noch die Rechnung vom letzten Großeinkauf. Draußen rumpelte die Straßenbahn die Bautzner Straße runter. Es war Donnerstag, kurz nach neun. Wir wollten am Samstag früh los, ein verlängertes Wochenende in einer Pension am Berzdorfer See. Ich hatte die Buchung vor sechs Wochen gemacht, mit Blick auf den Steg und Frühstück aus regionalen Produkten. Es war das erste freie Wochenende seit fünf Monaten.
„Am Samstag fahrt ihr nicht“, fuhr Ludmilla fort. „Ihr helft Mareike beim Umzug. Schlüsselübergabe ist Sonntagabend, die Möbelpacker kommen um acht. Dein Bruder schraubt die Küche zusammen, und du räumst die Kartons ein. Ich hab alles organisiert.“
Ich nahm den Kaffee und trank einen Schluck, der noch zu heiß war. Am Telefon hörte ich, wie Ludmilla atmete, als warte sie auf Applaus.
„Wann genau“, fragte ich, „hast du beschlossen, über unsere bezahlte Buchung zu verfügen?“
„Ach, mach keine Wissenschaft draus. Robert hat mir doch den Link geschickt, mit dem Foto von dem See. Da war diese Schaltfläche, hier direkt unter dem Bild. Ein Klick, und schon waren andere Daten drin. Am Dienstag und Mittwoch habt ihr denselben Tarif, nur ein bisschen teurer wegen Hauptsaison. Aber dafür seid ihr am Wochenende frei für Mareike.“
Ich hörte die Pause, in der sie auf Widerstand wartete, und dann schob sie nach: „Ich würde ja helfen, aber ich bin von Freitag bis Montag im Thermalbad in Bad Schandau. Wasserwelt, Sauna, Schlammpackung. Nicht stornierbar, verstehst du. Ich hab gedacht, wenn ihr sowieso den Umzug macht, kann ich mir das mal gönnen.“
Robert hatte ihr unser Buchungsmail weitergeleitet. Ich hatte es ihm am Abend vorher geschickt, weil er wissen wollte, ob es in der Pension WLAN gibt. Er hatte nur die Fotos vom See angesehen und nicht bemerkt, dass unten im Anhang der Verwaltungslink samt Zugangscode steckte. Ludmilla hatte alles gefunden, was man braucht, um fremde Wochenenden zu verschieben.
Ich stellte die Tasse ab und öffnete den Laptop auf dem Küchentresen. Auf der Buchungsseite der Pension stand noch unser ursprüngliches Datum, aber darunter war eine Fußnote: geändert am Vortag um 21:47 Uhr. Dienstag, 19. September, vierzehn Uhr. Genau der Dienstag, an dem ich im Deutschen Buch- und Schriftmuseum einen Vortrag über die Restaurierung beschädigter Einbände halten sollte, mit bereits bezahlter Anfahrt und festgelegtem Programm. Und Robert war an dem Tag für die Tonabnahme im Theater eingetragen, ein Probelauf mit dem kompletten Ensemble.
Ich sagte nichts davon. Ich sagte nur: „Weißt du was, Ludmilla, ich melde mich später bei dir.“ Dann legte ich auf.
Als die Dame von der Buchungshotline ranging, nannte ich die Bestellnummer, Roberts Nachnamen und die letzten vier Ziffern der Karte, mit der wir die Anzahlung geleistet hatten. Die Änderung war als unbestätigt markiert, weil die Preisdifferenz noch offen war. Ich bat darum, die Änderung zu verwerfen und den ursprünglichen Termin wiederherzustellen. Die Frau am anderen Ende tippte eine Weile, dann sagte sie: „Erledigt. Ihre Buchung für Samstag ist wieder aktiv. Die Rechnung geht an die hinterlegte Karte wie gehabt.“
Robert kam am Abend nach Hause, müde vom Theater, und legte seine Schlüssel auf die Kommode im Flur. Ich erzählte ihm, was seine Mutter gemacht hatte. Er hörte zu, ohne mich zu unterbrechen, dann nahm er sein Handy, scrollte durch die Nachrichten und blieb an der Mail hängen, die er an Ludmilla geschickt hatte.
„Ich wollte ihr doch nur zeigen, wie schön der See ist“, sagte er. „Ich Vollidiot.“
Er rief sie an. Ich setzte mich auf die Armlehne des Sofas und zog die Wolldecke über die Knie. Das Gespräch war kurz.
„Mama“, sagte Robert, „wir fahren am Samstag, wie geplant. Unsere Buchung ist wieder auf den alten Termin gesetzt. Der Umzug läuft ohne uns.“
Aus dem Lautsprecher kam ein Geräusch, als hätte jemand einen Topfdeckel fallen lassen.
„Das geht nicht! Die Packer sind für zwei Stunden bezahlt, die stellen nur die Sachen rein und fahren weiter. Mareike hat keine Ahnung, wie man einen Schrank aufbaut. Ich bin im Wellnesshotel, das kann ich nicht absagen!“
„Dann hilf du ihr“, sagte Robert. „Du hast den Plan gemacht. Du hast die Buchung umgebucht. Jetzt bau du die Küche auf. Oder mach nur die Schubladen, die Anleitung liegt bestimmt irgendwo.“
Dann legte er auf. Ich weiß noch, wie still es plötzlich in der Wohnung war. Die Straßenbahn draußen bimmelte.
Am Samstagmorgen lagen wir am See. Die Pension hatte uns ein Zimmer im obersten Stock gegeben, mit Blick auf das Wasser und die Kastanien am Ufer. Beim Frühstück standen regionale Käsesorten auf dem Buffet, hausgemachte Marmelade und Eier aus der Nachbarschaft. Es roch nach frischem Brot und Holz. Robert schaltete sein Handy auf stumm und steckte es in die Jackentasche.
Trotzdem sahen wir, was ankam. Auf dem Sperrbildschirm leuchteten die Nachrichten von Ludmilla auf, eine nach der anderen, wie ein Ticker. Die erste: „Robert, weißt du, wo man in Übigau Dübel für Betonwände bekommt?“ Dann: „Der Aufbauservice sagt, der Anschluss für den Geschirrspüler ist nicht kompatibel, ich muss einen Installateur rufen.“ Und später: „Der Spiegelschrank ist zu breit für das Bad, Mareike hat die Öffnung nicht ausgemessen!“
Ich lag in einem Liegestuhl und trank einen Kaffee aus Porzellan. Das Wasser glänzte. Robert las laut vor, aber nur die Absätze, die er für wichtig hielt. „Mama hat den Kleiderschrank zweimal falsch zusammengebaut“, sagte er. „Die Seitenwand gehört auf die andere Seite. Jetzt fehlen Schrauben.“
Gegen Mittag kam ein langer Text. Wir lasen ihn erst abends. Ludmilla schrieb, der Elektriker habe für den Herd eine Drehstromdose setzen müssen, die Rechnung läge bei 480 Euro, zahlbar in bar, und der Mann sei mit einer Säge im Kofferraum wieder abgefahren, ohne die Blende zu schließen. Die Worte waren hastig getippt, ohne Punkt und Komma, als hätte sie in der Eile die Autokorrektur nicht mehr ausgehalten.
Am Sonntagnachmittag fuhren wir zurück nach Dresden. Auf dem Beifahrersitz lag ein Beutel mit Äpfeln vom Hof an der Landstraße. Wir aßen beide einen, während Robert das Handy aus der Jackentasche holte. Es zeigte zwölf verpasste Anrufe von Ludmilla. Dazu ein Foto, aufgenommen in einer Rumpelkammer in Übigau: ein querliegender Schrank, ein aufgerissener Karton, davor eine Türklinke auf dem Boden. In der Bildunterschrift hatte Ludmilla geschrieben: „Wo ist die Anleitung für die Kommode?“
Ich antwortete nicht, Robert auch nicht. Er fuhr die Elbe entlang, an der Altstadt vorbei, und ich dachte daran, dass sie jetzt zwischen den Kartons stand, in den alten Jogginghosen, die sie angeblich nur im Keller trug, und dass sie zum ersten Mal seit Jahren selbst herausfinden musste, was ein Inbusschlüssel ist.
Am Montag war die Schlüsselübergabe. Mareike rief an, um zu sagen, dass alles gut sei. Den Spiegel habe man ins Schlafzimmer gelegt, weil er nicht ins Bad passte. Die Küche funktionierte. Ludmilla war nicht am Telefon.
Am Abend überwies ich die Differenz an die Pension. Es waren 215 Euro mehr als in der ursprünglichen Rechnung, weil wir am Samstagabend noch auf der Terrasse ein Abendessen genommen hatten, und ich bestand darauf, dass ich das bezahle. Dann rief ich im Hotel in Bad Schandau an, um zu fragen, ob die nicht stornierbare Buchung von L. Neumann wirklich verfallen sei. Die Frau an der Rezeption war höflich, aber deutlich: „Die Buchung ist verfallen, den Betrag von 740 Euro können wir nicht erstatten. Das Haus war ausgebucht, das Zimmer wurde anderweitig vergeben, aber die Frist war leider abgelaufen.“
Ich bedankte mich und legte auf. Auf dem Küchentisch lag die Sonntagszeitung, daneben die Schachtel mit den übrig gebliebenen Äpfeln. Einer hatte eine braune Stelle, den legte ich zum Kompost.
Robert kam aus dem Bad, die Haare noch feucht, und fragte: „Na, was hast du gemacht?“
„Ich hab im Hotel angerufen. Wegen der Buchung deiner Mutter.“
„Und?“
„Die ist weg. Das Zimmer war anderweitig belegt. Das Geld ist hin.“
Robert schwieg. Dann strich er sich mit der Hand übers Gesicht und sagte: „Ich hab ihr das Mail geschickt, um ihr den See zu zeigen. Das war mein Fehler. Aber was sie daraus gemacht hat, das ist ihrer.“
Ich sah die Straßenbahn draußen vorbeifahren. In der Ferne brannte im Hinterhof ein Licht, das war die alte Laterne am Fahrradschuppen und sie flackerte wie jeden Abend. Ich nahm den letzten Apfel, schnitt ihn in Spalten und schob Robert einen Teller hin.
„Fürs nächste Mal“, sagte ich, „leite ich dir die Buchungsbestätigung nur noch als ausgedruckte Seite weiter, und den Link schicke ich an meine beste Freundin, die in Frankfurt wohnt und uns nie besuchen kommt.“
Robert lachte. Draußen bimmelte die Straßenbahn.







