Ich arbeite seit zwölf Jahren als leitende Krankenschwester in der Onkologie des Klinikums Nürnberg. In dieser Zeit sind Tausende Menschen durch meine Hände gegangen – Patienten und ihre Angehörigen. Ich habe gelernt zu unterscheiden, wer nur kurz vorbeischaut und wer bis zum Ende bleibt. Wer Orangen mitbringt, weil sich das so gehört, und wer die Hand hält, wenn längst nichts mehr zu sagen ist.
Aber diese Geschichte handelt nicht von einer Kranken.
Sie handelt vom Sohn einer Patientin. Ich nenne ihn Herrn Berger. Und von einer jungen Frau, die für seine Mutter sorgte.
Frau Edelgard lag drei Wochen bei uns. Zweiundachtzig Jahre, Magenkrebs, Stadium vier. Schmerzen, gegen die selbst Morphium manchmal nicht half. Der Sohn kam jeden Abend um sechs, pünktlich für zwanzig Minuten. Er stand an der Zimmertür, schaute aus dem Fenster, fragte den Arzt „na, wie sieht's aus", nickte kurz und fuhr wieder. Zu seiner Mutter ging er nicht immer hinein. Er wolle sie nicht stören, sagte er.
Er besitzt eine Kette von Tankstellen entlang der A9, deshalb sei seine Zeit, das könne man sich ja denken, sehr knapp bemessen. Das erklärte er uns gleich am ersten Tag.
Neben Frau Edelgard saß eine junge Frau, Mitte zwanzig. Schmal, mit Händen, die keine Ruhe kannten – mal richtete sie die Decke, mal stellte sie das Glas um, mal faltete sie eine Serviette. Zuerst dachte ich, sie sei die Enkelin. Dann stellte sich heraus, sie kam von einem Pflegedienst. Eine Betreuungskraft. Der Sohn hatte sie engagiert, weil er selbst natürlich beschäftigt war. Sie hieß Nadja, und Frau Edelgard nannte sie nur „meine kleine Nadja".
So etwas hatte ich in fünf Jahren auf dieser Station noch nie gesehen: Die Betreuungskraft wusch Frau Edelgard die Füße mit warmem Wasser und küsste ihr danach die Hand – einfach so, ohne ein Wort. Nicht für irgendjemanden. Wirklich.
Herr Berger sah das nicht. Er sah überhaupt wenig.
Einmal kam er ins Schwesternzimmer, als ich gerade Kaffee trank. Er stellte einen Plastikbecher vom Automaten auf den Tisch – für sich selbst – und sagte, er wolle über „dieses Mädchen" reden. Über Nadja.
„Die ist mir nicht geheuer", sagte er.
„Warum denn?", fragte ich.
„Weil sie sich wie eine Wetterfahne um meine Mutter dreht. Lächelt zu viel. Solche kenne ich – die wollen am Ende ans Erbe."
Ich sagte ihm: Herr Berger, das Mädchen hat mit dem Erbe nichts zu tun. Sie arbeitet auf Basis eines Arbeitsvertrags. Sie füttert Ihre Mutter mit dem Löffel, wenn ich nicht kann.
Und er, ganz von oben herab:
„Sie ist Personal. Personal soll seinen Platz kennen. Gestern hat sie meiner Mutter irgendwelche Gedichte vorgelesen. Was soll dieser Zirkus?"
Ich sagte: „Frau Edelgard hat darum gebeten. Sie liebt Gedichte."
Und er: „Ich bezahle sie dafür, dass sie versorgt. Nicht dafür, dass sie Gedichte vorliest."
Und da dachte ich zum ersten Mal – naja, nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal richtig – dieser Mann, der alles in Geld misst, sogar Gedichte am Bett seiner sterbenden Mutter, ist zutiefst unglücklich. Aber ich schwieg. Was sollte ich schon dem Sohn einer Patientin sagen?
Nadja tat derweil Dinge, die Herr Berger gar nicht bemerkte. Sie brachte von zu Hause ein besticktes Kissenkopftuch mit, um es unter Frau Edelgards Kopfkissen zu legen. Sie notierte in einem Heft, wie viel Wasser die alte Dame trank und um welche Uhrzeit. Sie rief mich nachts an – nicht um sich zu beschweren, sondern um zu fragen, ob sie hausgemachte Brühe mitbringen dürfe, weil das Krankenhausessen ihr nicht schmeckte.
Ich sah das alles von innen, von meinem Dienstzimmer aus. Und ich sah, wie Herr Berger sie ansah – wie einen Hausmeister, der den Hof schlecht gefegt hat.
Ein paar Tage später sagte er zu ihr, direkt vor mir:
„Pass auf, wenn Mutter dir irgendetwas unterschreibt, finde ich einen Weg, das anzufechten. Du bist hier niemand. Verstanden?"
Nadja antwortete nicht. Sie stand da, eine noch warme frisch gewechselte Windel in den Händen, und ihr Blick ging irgendwohin in den Flur. Sie weinte nicht. Sie schwieg nur.
Und Frau Edelgard hörte alles durch die angelehnte Tür. Im Zimmer war es still. Als Herr Berger gegangen war, rief sie mich zu sich und flüsterte:
„Schwester, er soll nicht mehr kommen. Ich will ihn nicht sehen."
Ich richtete es dem Sohn aus. Er war empört: „Wie, nicht mehr kommen? Ich bin doch der Sohn!" Aber ich tat, worum die Mutter gebeten hatte. Er kam seltener. Und wenn er kam, blieb er vor dem Eingang stehen, ohne das Zimmer zu betreten.
Nadja dagegen blieb über Nacht. Ohne Herrn Bergers Erlaubnis. Der Arzt gestattete es, denn ein sterbender Mensch braucht mehr als nur einen Tropf.
Eines Morgens rief mich Frau Edelgard zu sich. Sie hielt einen Umschlag in der Hand – einfach, ohne Absender, ohne Briefmarke. Sie sagte:
„Ich habe mein Leben lang in einer Näherei gearbeitet. Jeden Monat habe ich vom Lohn etwas zurückgelegt. Fünf Mark hier, zehn dort… Mein Mann hat getrunken, deshalb habe ich es in einer alten Keksdose versteckt. Weißt du, wie viel da über siebenundvierzig Jahre zusammenkam?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Achtundvierzigtausend Euro. Dazu gehört mir eine Einzimmerwohnung in der Altstadt, in der Weißgerbergasse. Die habe ich von meiner Schwiegermutter geerbt. Also…" – sie nahm meine Hand. „Das alles gebe ich Nadja. Nicht meinem Sohn. Der kleinen Nadja."
Ich sagte: „Frau Edelgard, aber das ist doch Ihr Sohn. Er wird sich kränken."
„Er kränkt sich sowieso. Ob ich ihm etwas hinterlasse oder nicht. Er ist auf die ganze Welt gekränkt, weil ihm nie genug ist. Und weißt du, warum gerade Nadja?"
Ich schwieg.
„Weil sie die Einzige ist, die meine Hand gehalten hat, wenn ich Angst hatte. Roman ist nicht mal gekommen, um sich zu verabschieden. Immer hieß es: 'Später, Mutter, später.' Und dann kam kein Später mehr."
Am selben Tag kam ein Notar ins Zimmer. Frau Edelgard übertrug die Wohnung und übergab das Geld. Nadja wehrte sich, weinte, sagte: „Das kann ich nicht annehmen, das steht mir nicht zu." Aber die alte Dame blieb hart:
„Was mein ist, damit mache ich, was ich will. Und das ist mein Wille."
Als Herr Berger davon erfuhr, stürmte er auf die Station. Ich verteilte gerade die Medikamente. Er packte mich am Arm – nicht schmerzhaft, aber fest – und schrie, wir steckten alle unter einer Decke. Die Betreuungskraft habe die alte Frau betrogen. Er werde sich den besten Anwalt der Stadt suchen.
„Herr Berger", sagte ich ruhig. „Ihre Mutter lebt noch. Gehen Sie zu ihr. Reden Sie mit ihr."
Aber er ging nicht hinein. Er ging weg. Er schlug die Tür zum Treppenhaus so heftig zu, dass Putz von der Wand bröckelte.
Frau Edelgard starb vier Tage später. Um fünf Uhr morgens, noch bevor die neue Schicht begann. Nadja hatte die ganze Nacht neben ihr gesessen. Als ich kam, sagte sie:
„Sie hat einfach aufgehört zu atmen. Als wäre sie in ein Gedicht gegangen."
So etwas hatte ich über den Tod noch nie sagen hören.
Die Beerdigung organisierte Nadja. Herr Berger kam mit seinem schwarzen Audi zum Friedhof, blieb abseits stehen, trat nicht ans Grab. Nach der Trauerfeier – ich weiß es von seiner Schwester – reichte er Klage ein. Er wollte das Testament für ungültig erklären lassen, sprach von Geschäftsunfähigkeit seiner Mutter. Das Verfahren zog sich über vier Monate. Die Richterin lud Zeugen: den Arzt, mich, die Bettnachbarin. Alle bestätigten: Frau Edelgard war bei klarem Verstand. Das Urteil blieb bestehen. Nadja besitzt die Wohnung und das Geld. Aber sie geht damit um, als wäre nichts geschehen.
Diesen Sommer habe ich sie besucht. Sie wohnt noch in derselben Wohnung in der Weißgerbergasse. Sie hat renovieren lassen. An der Wand hängt ein Porträt von Frau Edelgard, darunter liegt dasselbe bestickte Tuch. Nadja arbeitet nicht mehr als Betreuungskraft. Sie studiert Psychologie. Sie sagt: „Ich möchte Menschen helfen, die von den eigenen Kindern erniedrigt werden."
Und Herr Berger? Ihn habe ich vor einer Woche gesehen. Er stand an seiner Tankstelle an der A9, trank Kaffee aus einem Plastikbecher. Ich fuhr vorbei. Er schaute auf die Straße, und in seinen Augen lag dasselbe, das er immer schon getragen hatte. Nur hatte er jetzt niemanden mehr, dem er erklären konnte, dass er beschäftigt sei.
Er hat es nie verstanden. Aber das ist nicht mehr seine Geschichte.







