Der Zwischenfall mit der Entenbrust in Lindenau

Ich hätte schwören können, dass Renate an diesem Abend friedlich sein würde. Sie hatte extra angerufen, drei Tage vorher, und gesagt: "Klaus, ich benehme mich, versprochen." Und jetzt saß ich da, in meiner eigenen Wohnung im Leipziger Stadtteil Lindenau, mit einem Teller Entenbrust vor mir, den ich gerade eigenhändig in den Mülleimer befördert hatte, und wusste nicht, wie ich das nächste Wort über die Lippen bringen sollte.

Ich muss vorausschicken: Ich bin Klaus, dreiundfünfzig, und meine Frau heißt Sabine. Seit elf Jahren verheiratet. Renate ist meine Schwiegermutter — nein, Moment, ich korrigiere mich sofort, weil das hier der Kern der Sache ist: Renate ist nicht Sabines Mutter, sondern meine eigene Tante, die Schwester meines verstorbenen Vaters. Sie hat mich mit aufgezogen, nachdem meine Eltern früh geschieden waren, und deshalb habe ich ihr gegenüber immer dieses komische Pflichtgefühl gehabt, das man einer richtigen Mutter gegenüber vielleicht auch hätte. Ich wollte sie nie verletzen. Das muss man verstehen, bevor man mich verurteilt.

An diesem Abend saß auch Herbert Wenzel am Tisch, mein Onkel mütterlicherseits, ein Mann, der bei einer großen Bauunternehmung in Dresden das Sagen hatte über die Vergabe von Subunternehmer-Aufträgen. Sabine führt seit vier Jahren einen kleinen Handwerksbetrieb, Trockenbau und Sanitärinstallation, und dieser Auftrag — knapp hundertzwanzigtausend Euro, ein ganzes Neubauprojekt am Dresdner Elbufer — hätte uns aus den roten Zahlen geholt, in die wir seit der Heizkostennachzahlung im letzten Winter gerutscht waren. Ich hatte Herbert extra aus Dresden eingeladen, mit dem ICE, eine Stunde vierzig, und Renate wusste ganz genau, was auf dem Spiel stand.

Und dann das. Sabine hatte drei Stunden an dieser Entenbrust mit Preiselbeersauce gearbeitet, ich hatte ihr sogar beim Rupfen der Petersilie geholfen, weil meine Finger dafür geschickter sind, wie sie immer sagt. Und dann, mitten im Hauptgang, springt Renate auf, der Stuhl kratzt so laut über den Dielenboden, dass mein Nachbar von unten am nächsten Tag fragte, ob bei uns Möbel gerückt worden seien, und sie schreit: "Spuck das sofort aus, Herbert, die vergiftet dich noch!"

Ich saß da und dachte nur: Bitte nicht jetzt. Nicht vor Herbert. Ich kannte Renates Eifersucht auf Sabine, dieses ständige Bedürfnis zu beweisen, dass sie die bessere Köchin, die bessere Gastgeberin, die eigentliche Herrin des Hauses sei, obwohl sie selbst seit Jahren allein in einer Zweizimmerwohnung in Grimma lebt und ihre eigene Küche kaum benutzt. Aber dass sie so weit gehen würde, ausgerechnet an diesem Abend — das hatte ich nicht kommen sehen. Oder wollte ich es nicht sehen? Das frage ich mich seitdem jeden Tag.

"Bittere Kloake, das schmeckt nach Essig bis zum Erbrechen", zeterte Renate weiter, während Herbert seinen Teller angewidert von sich schob. "Der arme Herbert hat doch einen empfindlichen Magen, das darf er auf keinen Fall essen. Sabine, wie kann man nur so verantwortungslos mit einem festlichen Tisch umgehen?"

Sabine sagte nichts. Sie stand nur auf, langsam, und ich sah, wie ihre Hand kurz auf der Tischkante ruhte, bevor sie sie wieder losließ. Kein Wort der Verteidigung. Das hat mich damals fast wütender gemacht als Renates Ausbruch — diese Ruhe von Sabine, dieses Schweigen, das ich nicht einordnen konnte. Erst später verstand ich, dass sie in dem Moment schon wusste, was ich noch nicht wusste.

"Tante Renate, vielleicht bildest du dir das nur ein?", versuchte ich zu vermitteln, mit einer Stimme, die selbst mir zu dünn vorkam. "Sabine kocht sonst immer hervorragend." Ich wollte den Abend retten, den Auftrag retten, irgendwie die Situation kitten, bevor Herbert mit dem falschen Eindruck nach Dresden zurückfuhr.

"Eingebildet?!" Renate fuhr zu mir herum, ihre Augen schmal vor Empörung. "Probier doch selbst, das ist doch reine Essigessenz! Entweder hat sie sich beim Abschmecken vertan oder sie wollte uns absichtlich vor Herbert blamieren. Ich meine es doch nur gut, mein Junge. Ich habe extra nachgeschaut, wie es der Hausherrin am Herd so geht, während sie draußen die Verwandtschaft begrüßt hat, und da roch die Sauce im Topf schon sauer. Da dachte ich, ich muss dem Mädchen helfen, hab Zucker und Gewürze reingerührt — ich hab dir sogar eine geheime Zutat beigemischt, Sabinchen, damit der Geschmack wenigstens halbwegs stimmt, aber da war schon nichts mehr zu retten, das Fleisch war komplett durchgezogen!"

In dem Moment, das gebe ich zu, dachte ich noch, sie meine es tatsächlich gut. So kenne ich Renate seit meiner Kindheit: Sie greift ein, ohne gefragt zu werden, und nennt es Fürsorge. Bei mir war es früher die Hausaufgabenkontrolle, die niemand wollte, oder die Steuererklärung, in der sie ungefragt "Ordnung schaffen" wollte. Ich hatte nie gelernt, ihr zu widersprechen, ohne mich schuldig zu fühlen.

Sabine holte tief Luft. Ihr Gesicht blieb ruhig, fast zu ruhig, und ich merkte, wie das Renate noch mehr reizte. Sie hatte offenbar Tränen erwartet, eine Rechtfertigung, irgendetwas, das sie als Beweis für Sabines Überforderung präsentieren konnte.

"Renate", sagte Sabine leise, "welche geheime Zutat genau hast du in den Topf auf dem Herd gegeben?"

"Ach, was spielt das jetzt für eine Rolle!", winkte Renate ab, während sie aus dem Augenwinkel sah, dass Herbert aufmerksam zuhörte. "Ich wollte deine Kocherei retten, sag ich doch. Aber das war von Anfang an hinüber. Herbert, mein Lieber, mach dir keine Sorgen, ich hab Frikadellen von zu Hause mitgebracht, ich hab's irgendwie geahnt, dass das hier schiefgeht, ich wärm die schnell auf!"

Sie stand auf, siegessicher, in Richtung Küche. Ich wollte etwas sagen, aber Sabine war schneller. Sie stellte sich ruhig vor die Küchentür, und im Wohnzimmer wurde es so still, dass man das Brummen des Kühlschranks aus der Küche hören konnte und draußen, drei Stockwerke tiefer, eine Straßenbahn der Linie 14 vorbeirattern.

"Es muss nichts aufgewärmt werden", sagte Sabine. "Die Entenbrust, die du gerade in den Mülleimer geworfen hast, war nämlich gar nicht mit der Sauce aus dem Topf übergossen. Im Topf auf dem Herd stand tatsächlich eine verdorbene Charge. Die richtige Preiselbeersauce hatte ich längst in eine Sauciere umgefüllt und im geschlossenen Backofen warmgehalten, während du am Herd hantiert hast."

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Ich sah, wie Herbert seine Gabel absetzte und Renate ansah, als würde er sie zum ersten Mal wirklich wahrnehmen.

"Was erzählst du da für einen Unsinn?", fuhr Renate auf, mit einer Schärfe, die mir unangenehm vertraut war. "Ich hab doch selbst gesehen, wie du die Sauce aufgegossen hast!"

"Aus dem Topf auf dem Herd habe ich Sauce auf genau einen einzigen Teller gegossen", sagte Sabine und wandte sich dem Tisch zu. "Auf deinen Teller, Renate. Weil du offenbar wolltest, dass genau dort meine Aufmerksamkeit landet. Ich hatte schon vorher bemerkt, dass die Sauce im Topf nach Essig roch, und das Geschirr vor dem Servieren einfach getauscht. Du warst überzeugt, das ganze Gericht ruiniert zu haben — aber betroffen war nur die Portion, die du so eifrig zu retten versucht hast."

Herbert legte langsam seine Serviette zusammen — ich weiß noch, wie akkurat er das tat, fast pedantisch, während sein Gesicht sich verdüsterte. Er ist ein Mann, der nichts mehr verabscheut als Zeitverschwendung durch Familientheater, das seine Arbeit betrifft.

"Renate, stimmt das?", fragte er, und seine Stimme klang schwer wie Blei. "Hast du dieses Theater mit dem Essen absichtlich inszeniert, um Sabine vor uns bloßzustellen? Vor meinen Augen, obwohl du wusstest, weshalb wir heute hier sitzen?"

"Herbert, du glaubst doch nicht dieser jungen Frau!", kreischte Renate, ihre Stimme überschlug sich. "Sie erfindet das alles! Klaus, sag doch was! Sie verleumdet mich vor der ganzen Familie!"

Ich saß da mit gesenktem Kopf. Ich kannte Renates schwierigen Charakter, ihr ständiges Bedürfnis, alles zu kontrollieren, und ihre Abneigung gegen Sabine, die sie insgeheim nie für "gut genug" für unsere Familie gehalten hatte — obwohl "unsere Familie" eigentlich nur aus mir und ihr bestand, was die ganze Sache noch absurder machte. Aber ihre Sticheleien am Telefon zu ertragen war eine Sache. Live mitzuerleben, wie sie fast einen Auftrag sabotierte, der unsere Existenz sichern sollte, eine andere.

"Tante Renate, es reicht", sagte ich schließlich, leiser als beabsichtigt. "Sabine hat recht. Du solltest dich nicht ins Kochen einmischen, das hatten wir besprochen."

"Ach, so ist das also?!" Renate ging zum Gegenangriff über, weil sie spürte, wie sie vor Herbert das Gesicht verlor. "Gegen die eigene Tante, für sie? Ich hab mein Leben lang für dich gesorgt, und du blamierst mich wegen einem Stück Fleisch vor Leuten?! Wenn ich dir damals nicht geholfen hätte, wärst du heute nirgendwo!"

Aber der letzte Akt gehörte nicht ihr. Sabine ging wortlos zur Kommode, nahm ihr Handy und spiegelte es auf unseren Fernseher. Wir hatten seit einem halben Jahr eine gewöhnliche Überwachungskamera in der Küche hängen — seit unser Kater Muschi angefangen hatte, an den Kabeln der Spülmaschine zu knabbern, und wir Angst um die Elektrik bekommen hatten. Auf dem Video sah man Renate, wie sie verstohlen zur Tür blickte, ein dunkles Fläschchen aus der Handtasche zog und den Inhalt zügig in den Sauciertopf goss, gründlich mit dem Löffel verrührend.

Das Bild war so eindeutig, dass jede weitere Ausrede sinnlos wurde. Herbert stand auf, faltete seine Serviette ein zweites Mal, ordentlicher als nötig, und sah mich an.

"Den Vertrag besprechen wir morgen im Büro, Klaus. Deine Frau ist klug und vorausschauend, sie kann Risiken einschätzen. In Familienangelegenheiten solltest du allerdings mal Ordnung schaffen. Solche Küchenkriege schaden dem Geschäft."

Renate griff nach ihrer Tasche und stürmte ohne ein weiteres Wort aus der Wohnung, die Tür fiel so laut ins Schloss, dass draußen im Treppenhaus ein Nachbarshund zu bellen anfing.

In der Woche danach passierte etwas, das ich nicht erwartet hatte. Sabine rief keinen Anwalt an, drohte nicht mit Konsequenzen, machte keine Szene. Sie holte am Dienstagmorgen die Ordner aus dem Küchenschrank, in denen die Vollmacht lag — jene Vollmacht, mit der Renate seit Jahren berechtigt war, im Notfall über ein kleines gemeinsames Sparkonto zu verfügen, das wir für sie eingerichtet hatten, falls ihr im Alter mal etwas fehlte, dreitausendzweihundert Euro, die auf diesem Konto lagen. Sabine fuhr zur Sparkasse in der Karl-Heine-Straße, legte die Papiere vor und ließ Renates Zugriffsrecht offiziell löschen. Kein Wort der Erklärung an mich vorher, nur die Quittung, die sie abends auf den Küchentisch legte, neben meinen Teller.

"Ich zahle nicht mehr für etwas, das mir am Ende ins Gesicht geschüttet wird", sagte sie nur.

Ich rief Renate an diesem Abend an, um es ihr zu sagen, weil ich fand, sie sollte es von mir hören und nicht erst bei der Bank erfahren. Sie schwieg lange am Telefon, länger, als ich es von ihr gewohnt war, und sagte dann nur: "Das hättest du mir nicht antun müssen." Ich antwortete nicht darauf. Ich legte auf, stellte mein Handy auf lautlos und setzte mich zu Sabine an den Tisch, wo noch die Reste der Preiselbeersauce standen, die Herbert am Ende doch noch probiert hatte, bevor er ging — und für ausgezeichnet befunden hatte.

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Der Zwischenfall mit der Entenbrust in Lindenau