Der Wolf, der vor Katzen davonlief

Es war einer dieser Novemberabende, an denen der Wald nach nassem Laub und kaltem Eisen roch. Thomas, Förster im Hochschwarzwald, fuhr mit seinem alten Land Rover die Schotterpiste entlang, als die Scheinwerfer etwas Helles am Wegesrand fingen. Ein Tier. Er drosselte den Motor, stieg aus und hörte ein leises, heiseres Wimmern. Im Lichtkegel lag ein Wolf, das rechte Hinterbein von Schrotkugeln zerfetzt, das Fell verklebt von Blut.

Thomas war kein Jäger, der auf Wölfe schoss. Er fluchte leise, zog eine Decke aus dem Kofferraum und hob das Tier auf den Beifahrersitz. Der Wolf riss die Augen auf, gelb und blind vor Schreck, und ließ den Kopf hängen, als gäbe er auf. „Nicht beißen, hörst du? Wir fahren zu einem, der sich damit auskennt“, murmelte Thomas und gab Gas.

In der Tierklinik von Titisee-Neustadt rannte alles auseinander, als er mit dem blutenden Wolf auf den Armen durch die Tür kam. Nur Dr. Freytag blieb stehen, legte die Kaffeetasse weg und sagte: „Auf den Tisch, aber dalli.“ Sie setzte eine Narkose und holte Stück für Stück das Blei aus dem Muskel. Der Wolf atmete flach und schnell, und irgendwann schlief er ein.

Als er aufwachte, lag er in einem Wohnzimmer auf einer alten Wolldecke. Der Geruch von Bohnerwachs und Apfelkuchen hing in der Luft. Über ihn gebeugt stand ein Kind, vielleicht acht Jahre alt, mit Zöpfen und fehlendem Vorderzahn. Emma. Sie legte beide Arme um den Hals des Wolfes und drückte ihre Wange an sein struppiges Fell. „Mein Hund“, sagte sie mit der ganzen Selbstverständlichkeit eines Mädchens, das gerade die Welt neu ordnete. Der Wolf, noch halb betäubt, blinzelte kurzsichtig und leckte mit seiner rauen Zunge über Emmas Handgelenk.

Emilie, Emmas Mutter, stand in der Tür und kreischte auf. Sie war wütend, so wütend, dass ihre Stimme überschlug. „Thomas, bist du von allen guten Geistern verlassen? Das ist ein Wolf! Ein Raubtier! Mitten im Haus, neben unserem Kind!“ Sie fuchtelte mit dem Geschirrtuch, als wolle sie das Tier verscheuchen. Doch der Wolf zog nur den Kopf ein und winselte. Emma sagte, ohne den Griff zu lockern: „Das ist Schatten. Weil er so grau ist wie der Schatten vom Kirschbaum.“ Emilie starrte das Tier an, sah, wie es die Lider zusammenkniff, weil es auf Armeslänge kaum etwas erkannte. Sie kniete sich zögernd hin und berührte die Stirn des Wolfes. Er stieß die Nase gegen ihre Handfläche, einmal, ganz sanft.

Thomas hatte einen Wolf angeschleppt, der nicht kämpfte, sondern fror und blind vertraute. Emilie stand auf, schnaufte und sagte: „Wenn er auch nur einmal knurrt, fliegt er raus. Und du gleich mit.“ Schatten knurrte nie. Er wurde dick und rund und vergaß wohl, dass er je wild gewesen war. Beim Spaziergang durchs Dorf zogen sämtliche Hunde ihre Besitzer im hohen Bogen über den Asphalt. Die Katzen hingegen, diese frechen, unverschämten Kreaturen, hatten schnell spitzgekriegt, dass der große Graue ein Herz wie ein Sofakissen hatte. Sie lauerten im Gebüsch, sprangen ihm zu dritt ins Genick und jagten ihn quer über den Hof. Schatten flüchtete hinter Emilie und drückte sich zitternd an ihre Beine. Emilie griff sich den Reisigbesen, rannte mit hochrotem Kopf hinter den Katzen her und brüllte: „Schert euch zum Teufel, ihr Satansbraten!“ Schatten stubste ihre Hand an und stieß ein winselndes Geräusch aus, das nach Glück klang.

In der Nacht, in der alles kippte, war Thomas auf einer Forsttagung in Freiburg. Emilie und Emma schliefen im hinteren Zimmer, die Fensterläden waren geschlossen, der Mond nur ein dünner Strich. Kurz nach zwei Uhr polterte es an der Terrassentür. Zwei Männer brachen das Schloss mit einem Stemmeisen auf. Sie dachten, das Haus sei leer, oder sie hatten sich einfach vertan. Sie stiegen über die Schwelle, und einer der beiden trat auf eine knarrende Diele.

Schatten lag im Flur. Er hob den Kopf und gähnte – und dann roch er sie. Fremde. Bedrohung. Ehe einer der Männer auch nur die Taschenlampe heben konnte, schnellte der Wolf hoch. Er warf seine Schulter gegen die Wohnzimmertür, dass das Holz splitterte, und stand im Gang, die Lefzen hochgezogen. Der erste Einbrecher drehte sich um, machte einen halben Schritt, dann schlugen die Fänge in seine Kehle. Es gab keinen Kampf, keinen Schrei. Nur ein dumpfes Fallen.

Der zweite Mann rannte. Er hetzte über die Veranda, durch den Vorgarten, Richtung Wald. Der Schotter flog unter seinen Sohlen weg. Schatten holte ihn nach dreißig Metern ein, sprang ihm auf den Rücken und biss zu, tief in den Nacken. Man hörte ein trockenes Knacken, dann Stille. Der Schäferhund des Nachbarn bellte hysterisch, Lichter gingen an, jemand rief die Polizei.

Die Beamten fanden den Wolf mit triefend roter Schnauze vor dem Gartentor sitzen. Sie entsicherten ihre Waffen. Da flog die Haustür auf, und Emma lief barfuß über den Kies, warf sich über Schatten, presste ihr Gesicht in sein nasses Fell und schrie: „Nicht schießen! Er hat uns beschützt!“ Der Einsatzleiter hielt die Hand hoch und rief „Waffe runter!“ Ein Spezialist kam mit einem Betäubungsgewehr, und dann wurde Schatten in eine Gitterbox gehoben, schlaff und schwer. Emilie kniete im Kies und hielt die zitternde Emma, deren Schlafanzug schwarz vom Wolfsblut war.

Am nächsten Tag im Revier sagte man Emilie, der Wolf werde eingeschläfert. Zwei Tote, das sei nicht zu rechtfertigen, ein wildes Tier bleibe wild. Emilie ging nach Hause, setzte sich an den Küchentisch und schrieb. Sie schrieb die ganze Geschichte auf – die Schrotkugeln, die Katzen, das Mädchen, das ihn „mein Hund“ nannte, und die Nacht, in der ein vermeintlich feiges Tier zum Beschützer wurde. Sie stellte es ins Internet und bat um Hilfe, ohne wirklich an etwas zu glauben.

Am dritten Tag hatte die Geschichte eineinhalb Millionen Aufrufe. Tierschutzanwälte boten kostenlose Vertretung an. Vier große Organisationen schalteten sich ein. Die Polizei erklärte, einem Wolf stünden keine Anwälte zu. Die Anwälte lächelten nur und gingen. Am Morgen darauf standen fünfzigtausend Menschen mit Plakaten auf dem Münsterplatz. „Freiheit für Schatten“, „Unser Held hat vier Pfoten“, daneben das Bild des grauen Wolfs mit den gelben Augen. Politiker gaben Solidaritätsbekundungen ab. Ein Prozess wurde anberaumt. Die Stadt war elektrisiert.

Emilie und Thomas wurden zu Talkshows eingeladen, Emma saß auf dem Sofa und malte ein Bild von Schatten mit Krone. Die Anwälte feilten an glühenden Plädoyers. Tausende unterschrieben Petitionen. Die Polizei geriet zunehmend in die Defensive.

Dann, in der Nacht vor dem ersten Verhandlungstag, geschah es, worüber man im Dorf noch lange raunen würde. Drei vermummte Gestalten knackten das Tor des Polizeizwingers, in dem Schatten in einer Betonbox lag. Sie führten ihn in einen Kastenwagen und fuhren über versteckte Waldwege Richtung Osten. Die Polizei setzte eine Fahndung aus, die niemand wirklich ernst nahm. Der diensthabende Beamte notierte „Wolf, grau, etwa 40 Kilo, hört auf den Namen Schatten“ – und lehnte sich dann zurück. Ihm war, wie den meisten, ein entlaufener Wolf lieber als der ganze Zirkus.

Eine Woche später fand Emilie einen handgeschriebenen Zettel unter dem Scheibenwischer: „Der Graue ist in guter Obhut. Forsthaus am Falkenstein. Fragt nach Hansen.“ Sie setzten sich noch am selben Nachmittag ins Auto. Das Forsthaus lag abgelegen, mitten im Tann, ein Schornstein qualmte. Der Förster Hansen, ein sehniger Mann mit weißem Bart, öffnete die Tür und zeigte auf den Hof. Dort lag Schatten auf einem alten Pferdetrog und blinzelte in die Sonne. Als er Emma roch, sprang er auf und rannte ihr entgegen, so schnell und tapsig, dass er auf dem nassen Gras beinahe ausrutschte. Emma schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte: „Mein Schatten.“ Der Wolf legte den Kopf auf ihre Schulter und stieß sein hohes, winselndes Singen aus.

Thomas und Emilie kauften wenig später eine kleine Kate eine Meile entfernt. Emma ritt jeden Nachmittag auf Schattens Rücken den Weg am Wildbach entlang, und das Fell des Wolfes glänzte grau im Licht zwischen den Fichten. Polizeilich war die Sache irgendwann wegen mangelnden öffentlichen Interesses eingestellt worden. In den Akten stand: „Wolf entlaufen. Keine weitere Gefahr. Aufwendungen nicht gerechtfertigt.“ Manchmal, wenn Dämmerung den Himmel färbte, sah man zwei Gestalten am Waldrand – ein Mädchen und einen großen grauen Wolf, die Köpfe dicht beieinander. Sie schauten nie zurück.

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