Der Kontoauszug fühlte sich an wie Eis in ihren Fingern. Ellen saß am Küchentisch in ihrer Wohnung in der Helmholtzstraße in Bielefeld, und die Zahlen vor ihren Augen ergaben keinen Sinn, obwohl sie sie zum dritten Mal las. 14.800 Euro. Gestern noch standen da 21.300. Sie blätterte zurück, als hätte die Bank einen Fehler gemacht, aber da war kein Fehler. Nur eine Überweisung, morgens um 9:41 Uhr, an Gisela Brandt. Die Mutter ihres Mannes.
Draußen rauschte die Linie 4 Richtung Lohmannshof vorbei, und im Treppenhaus roch es nach dem Eintopf, den Frau Kowalski aus der dritten Etage jeden Mittwoch kochte. Ellen hörte den Wasserhahn im Bad. Michael putzte sich die Zähne, so wie jeden Morgen, so als wäre nichts gewesen.
Sie stand auf. Sie ging nicht sofort ins Bad, weil ihre Beine sie nicht trugen. Der Küchenstuhl quietschte über das Linoleum, als sie sich wieder setzte. Auf dem Tisch lag noch der Zettel vom Kinderarzt, den sie letzte Woche mit der Hebamme besprochen hatte. Vorsorgeuntersuchung im achten Monat. Alles gut, hatte die Ärztin gesagt. 34. Schwangerschaftswoche. Die kleine Leonie trat gerade gegen ihre Rippen, und Ellen legte eine Hand an den Bauch, während sie mit der anderen die Bank-App schloss und wieder öffnete, als würde das Ergebnis zu einem anderen werden.
Michael kam ins Zimmer. Er hatte noch Schaum hinterm Ohr. „Ist was? Du schaust so komisch.“
Ellen schob ihm das Telefon über den Tisch. Es blieb vor der Butterdose aus Porzellan liegen, die sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Ein kleines Gefäß mit blauem Rand. Schon sechs Jahre her.
Er wischte sich den Mund mit dem Handtuch ab, warf einen Blick aufs Display und ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber sinken. Er war blass, aber sein Kiefer mahlte. Das kannte sie. So sah er aus, wenn er wusste, dass er etwas durchgezogen hatte, für das er sich nicht entschuldigen würde.
„Du hast es gesehen.“ Keine Frage. Sein Blick wanderte zum Balkon hinaus, zum Ahornbaum im Innenhof, der schon kahler wurde.
„14.800 Euro. Die Hälfte von dem, was wir für die Kleine angespart haben.“ Ellens Stimme klang ruhig, zu ruhig. Als käme der Ton von jemand anderem, aus einer Ecke des Zimmers. Sie spürte, wie Leonie wieder trat, ein kräftiges, fast wütendes Stoßen unter ihrem Brustbein.
„Mama hat gestern angerufen. Der Kredit für die Eigentumswohnung in Bad Salzuflen ist geplatzt, und die Bank wollte am Montag das Konto sperren. Sie musste sofort zahlen, sonst hätte sie den Zinssatz nicht mehr bekommen. Es ging nicht anders.“
„Wie viel?“
„Wie viel was?“
„Wie viel hat sie dir diesmal erzählt, dass sie braucht?“
Michael rieb über sein Kinn, ein trockenes Geräusch über den Bartstoppeln. „14.800. Genau die Summe. Ich hab den Kontoauszug von ihrer Hausbank gesehen, das war kein Schwindel. Sie hat einen Dispo von 15.000 ausgeschöpft, weil die Handwerker für das Bad noch nicht bezahlt waren. Der Kostenvoranschlag lag bei.“ Er brach ab, als er ihren Blick sah.
„Das Bad?“ Ellen lachte nur, es klang wie ein Sprung im Glas. „Deine Mutter hat vor vier Monaten ihre Doppelhaushälfte in Lage verkauft. Für 410.000 Euro. Wo ist das Geld, Michael? Hat sie es in der Spielbank am Detmolder Markt gelassen oder hat sie der Bank zwei Koffer geschickt, die nie ankamen?“
Er griff nach dem Handtuch, faltete es klein. „Ich weiß es nicht genau. Sie sagt, die Wohnanlage hat eine Kaution von 90.000 verlangt, dazu die Ablöse für den alten Kredit auf das Haus, den sie nie ganz getilgt hatte. Und dann noch Handwerker, Umzug, Möbel. Sie hat mir keine Gesamtrechnung gezeigt, nur den Dispo-Auszug und die Mahnung. Ich hab nicht nachgefragt, weil sie am Telefon geweint hat.“
„Du hast nicht nachgefragt.“ Ellen schüttelte den Kopf. „Michael, das ist genau das Problem. Deine Mutter hat vor vier Monaten eine halbe Million kassiert, und du überweist ihr Geld, ohne einen einzigen Kontoauszug zu verlangen, der zeigt, wo der Rest geblieben ist. Das ist keine Hilfe mehr. Das ist Blindflug mit unserem Geld.“
„Das ist ihr Geld gewesen, ihr Haus. Sie kann machen, was sie will damit. Sie ist fast siebzig. Ich kann sie doch nicht da reinpfuschen lassen. Das ist meine Mutter.“
„Wann warst du vor dem Altar, Michael? Letztes Jahr im Juni? Da hast du mir gesagt, wir wären deine Familie. Jetzt bin ich schwanger mit deiner Tochter, und du leerst unser Sparkonto für eine Frau, die dir nicht einmal zeigt, wo ihr eigenes Geld hin ist.“
Sein Gesicht zuckte. „Ich habe dir nichts von dem Geld versprochen, das war unser gemeinsames. Genau deshalb habe ich es ja genommen. Für meine Mutter.“
„Unser gemeinsames.“ Ellen stand auf, öffnete die Küchenschublade, nahm den Ordner mit den Unterlagen für das Kinderzimmer heraus und legte ihn auf den Tisch. Der Kostenvoranschlag für den Anbau. 7.200 Euro. Die Rechnung für den Hochstuhl aus dem Fachgeschäft an der Detmolder Straße. 189 Euro. Der Ausdruck vom Online-Shop für den Wickelaufsatz. 159 Euro. Der Rest, 14.300 Euro, war für den kleinen grünen Skoda Fabia reserviert, den sie im September hatten kaufen wollen, weil das alte Fahrrad mit Kindersitz nicht reichte.
Sie blätterte jedes Blatt um, eins nach dem anderen, während Michael auf den Tisch starrte.
„Deine Mutter bekommt die Summe inklusive Zinsen zurück, sobald sie mir die Abrechnung von der Wohnanlage zeigt. Bis dahin ist das Geld weg, Michael, weg für uns. Das Kinderzimmer wartet drei Monate. Das ist doch nicht tragisch. Hör auf, so ein Drama daraus zu machen. Die Kleine merkt doch nichts davon.“
„Die Kleine merkt es nicht. Nein. Aber ich. Ich merke, dass du bei jedem Anruf deiner Mutter das Handy sofort vom Tisch nimmst und in den Hausflur gehst. Ich merke, dass du die Kontoauszüge nicht mehr in den Papierkorb wirfst, sondern in den Schredder. Und ich merke, wie Leonie heute Nacht um zwei Uhr getreten hat, während du geschlafen hast, und ich lag da und habe darüber nachgedacht, wen von uns beiden du anrufst, wenn die Wehen losgehen. Mich oder Gisela.“
Er stand jetzt auch, trat ans Fenster, die Schultern angespannt wie die Bügel eines zu stramm gespannten Vorhangs. Draußen fuhr die Linie 3 an, ein quietschendes Anfahren in den grauen Novembervormittag.
„Ich wollte das nicht hinter deinem Rücken. Aber wenn ich es dir vorher gesagt hätte, hättest du nein gesagt. Und dann wäre meine Mutter heute vielleicht ohne Platz in der Wohnanlage. Du kannst das nicht verstehen, du hast deine Eltern mit zwanzig verloren. Du weißt nicht, was es heißt, wenn einen das eigene Kind im Stich lässt.“
„Und du weißt nicht, was es heißt, wenn der Mann, mit dem man ein Kind zeugt, mit fremden 14.800 Euro durch die Nacht verschwindet und am Morgen so tut, als sei es nur eine Zahl auf einem Handy.“
„Es war kein Verschwinden. Ich war zu Hause. Ich habe mit dir Kaffee getrunken, bevor du aufgestanden bist.“ Er sagte es fast bittend. Fast.
„Ich bin um halb sechs aufgestanden, Michael. Du warst am Laptop, die Küchentür war zu. Du hast mir Kaffee eingeschenkt, ohne mich anzusehen, und dann bist du unter die Dusche. Das war dein Verschwinden. Unsichtbar werden.“
Michael rieb mit dem Handtuch über das Gesicht. Es war dasselbe Handtuch, mit dem er sich den Schaum abgewischt hatte, und jetzt waren nasse Streifen auf seinen Wangen. Er legte es über die Stuhllehne, trat einen Schritt zu ihr, blieb aber auf halbem Weg stehen, als er sah, wie sie die Hand auf den Ordner legte.
„Es tut mir leid, dass ich dich nicht eingeweiht habe. Es war falsch. Aber ich konnte nicht anders. Gisela war so verzweifelt, sie hat am Telefon eine Stunde geweint. Und ich bin der Einzige, der ihr helfen kann. Das ist doch auch was, was ein Mann tun soll. Für seine Mutter da sein.“
„Dann bist du ab sofort für deine Mutter da, mit deinem eigenen Geld. Nicht mit unserem.“ Ellen griff ruhig nach ihrer Jacke, die über dem dritten Stuhl hing. Eine dicke beigefarbene Jacke mit Fleece-Kragen, die Michael ihr im letzten Herbst im Outlet in Halle mitgekauft hatte. Sie zog den Reißverschluss bis unter das Kinn. Ihr Bauch spannte, als sie sich beugte, um die Schlüssel vom Haken zu nehmen.
„Was machst du?“, fragte er, und seine Stimme bekam einen schärferen Klang.
„Ich fahre zur Sparkasse. Ich schaue mir den Rest des Kontos an. Und dann entscheide ich, was von deiner Hälfte noch übrig ist.“
„Was soll das heißen? Du kannst nicht einfach … Du bist schwanger! Setz dich hin, ich hole dir einen Tee. Wir reden das in Ruhe durch.“
„Ich brauche keinen Tee. Ich brauche eine Antwort auf die Frage, wie viel Geld du noch für deine Mutter brauchst, bevor deine Tochter geboren wird. Und ich will es schriftlich sehen. Eine Liste. Alle Überweisungen der letzten zwölf Monate.“
Sein Gesicht wurde noch blasser. „Warum sollten wir das alte Zeug jetzt durchgehen? Das ist doch Vergangenheit. Wir sollten nach vorne schauen. Nach Leonie.“ Er deutete auf ihren Bauch, auf die Stelle, wo die Kleine eben wieder zugestoßen hatte, und sein Mund verzog sich zu einem halben Versuch zu gratulieren.
Ellen schob den Ordner mit den Unterlagen in ihre dunkelblaue Umhängetasche. Dann zog sie das Handy aus der Hülle, öffnete die Banking-App und hielt ihm den Bildschirm hin. Auf dem Konto standen noch 6.400 Euro. Nicht genug für die Anzahlung. Nicht genug für den fünften Monat im Anbau, wenn er käme. Nicht genug, um die Hebamme zu bezahlen, deren Rechnung über 1.180 Euro erst letzte Woche im Briefkasten lag.
„Ich sag dir jetzt, was passiert, Michael. Erstens: Von dem, was noch da ist, geht die Hälfte heute auf ein eigenes Konto, das nur auf meinen Namen läuft. Zweitens: Du beantragst einen Kredit über 14.800 Euro, auf deinen Namen, bei deiner Bank, und die Raten gehen an mich zurück, bis unser Konto wieder voll ist. Drittens: Wir setzen das schriftlich auf, heute Nachmittag, bei der Schuldnerberatung in der Innenstadt. Jede Ausgabe für deine Mutter über 500 Euro wird vorher mit mir besprochen. Das sind keine drei verschiedenen Wege, das ist ein Plan. Und wenn du auch nur einen Teil davon nicht mitträgst, ziehe ich mit Leonie zu meiner Cousine nach Herford, bis das Kind da ist.“
„Ich habe doch schon gesagt, ich zahle es zurück“, warf er ein, fast trotzig.
„Sagen reicht nicht mehr. Ich will die Bankbestätigung sehen, heute, bevor die Filiale schließt. Nicht ein Versprechen. Eine Unterschrift.“
Etwas in Michaels Gesicht brach auf. Er stand jetzt am Kühlschrank, die Hand auf der Tür, als wollte er sich daran festhalten. „Du kannst mir das Konto nicht einfach wegnehmen. Das ist unser gemeinsames Sparkonto. Ohne meine Unterschrift kommst du da nicht ran.“
„Ich brauche deine Unterschrift nicht, Michael. Der Dauerauftrag für die Kitagebühr läuft auf meinen Namen. Die Miete läuft auf meinen Namen. Die Versicherung auch. Du hast in den letzten sechs Monaten keinen Cent von deinem Gehalt auf das Konto eingezahlt. Ich weiß es. Ich habe es gesehen. Auf den Auszügen, die du im Schredder verschwinden lassen wolltest, aber offensichtlich nicht schnell genug.“
Er schnappte nach Luft. Draußen rumpelte ein Lkw über die Pflastersteine vor der Bäckerei. Der Geruch von frischen Brötchen und kalter Luft zog durch das angekippte Fenster in die Küche. Ellen griff nach der Türklinke.
„Du erzählst mir jetzt also, dass ich dich betrogen habe?“, fragte er heiser. „Ich bin ein Dieb?“
„Die Überweisung war an deine Mutter. 9:41 Uhr morgens. Ohne ein Wort zu mir. Das nennt man keinen Diebstahl, aber es fühlt sich an wie einer. Und weißt du was? Am schlimmsten ist, dass ich dir nicht mehr glaube. Ich sehe dich an und sehe den Mann, der gestern Abend noch meinen Bauch gehalten hat, aber ich höre die Stimme von jemandem, der mir sagt, ich soll kein Drama machen, während er unser gemeinsames Geld an eine Frau schickt, deren eigenes Geld verschwunden ist, ohne dass er auch nur einmal gefragt hat, wohin. Das passt nicht zusammen, Michael. Und die Lücke hat nichts mit Liebe zu tun.“
Sie öffnete die Tür. Im Hausflur war das Licht wieder ausgegangen, die Glühbirne auf der zweiten Etage, wo der Junge aus dem Nachbarhaus immer seine Fußballschuhe an die Wand warf, flackerte nur. Es war kurz nach zehn. Um Viertel vor drei hatte sie eine Kontrolluntersuchung in der Frauenklinik in der Mindener Straße. 21 Tage bis zum errechneten Termin.
„Ellen, warte.“ Michael kam zwei Schritte in den Flur, die Socken glitten auf dem kalten Boden. „Du kannst jetzt nicht gehen. Was ist mit der Kleinen? Was ist mit uns?“
„Ich gehe nicht für immer. Noch nicht. Ich gehe zur Bank, ich richte das Konto ein, und danach gehen wir gemeinsam zur Schuldnerberatung, du und ich, um drei Uhr. Wenn du bis dahin die Kreditzusage deiner Bank hast, unterschreiben wir den Vertrag zusammen, und ich fahre nicht zu meiner Cousine. Wenn du es nicht schaffst, weißt du, was ich tue.“
Damit zog sie die Tür hinter sich zu, hörte das Schloss einschnappen. Der Aufzug ruckte zwei Etagen tiefer, als sie ihn rief, und während sie auf das metallene Geräusch hörte, meldete ihr Handy eine neue Nachricht. Von Michael. „Ich bin kein Dieb. Ich wollte doch nur helfen.“ Drei Sekunden lang prüfte sie die Worte wie einen Scheck, der nicht eingelöst werden konnte.
Dann schrieb sie: „Dann beweis es. Kreditzusage bis 14 Uhr, Unterschrift um 15 Uhr bei der Schuldnerberatung. Und wehe, du rufst deine Mutter an, bevor wir unterzeichnet haben.“ Sie drückte auf Senden, trat in den Aufzug, während die Kabinentür sich hinter ihr schloss.
Um Viertel nach zwei stand Ellen vor der Sparkasse am Jahnplatz, als das Handy in ihrer Tasche vibrierte. Ein Foto: die Kreditzusage seiner Bank, 14.800 Euro, Laufzeit zwölf Monate, seine Unterschrift schon darunter, noch feucht von der Unterschriftenmappe. Dazu eine Zeile: „Bin um drei da. Ohne Anruf bei Mama. Versprochen.“
Sie stand einen Moment mit dem Handy in der kalten Luft, dann steckte sie es weg und ging die zwei Straßen zur Schuldnerberatung hinüber, vorbei am Wochenmarkt, wo ein Händler gerade die letzten Kohlköpfe in Kisten packte. Um kurz vor drei saß Michael schon im Wartebereich, den Aktenordner mit der Kreditzusage auf dem Schoß, die Krawatte, die er sonst nur zu Beerdigungen trug, notdürftig gebunden. Er sah aus wie jemand, der sich extra für einen Termin angezogen hatte, den er fürchtete.
Die Beraterin, eine Frau mit grauem Pferdeschwanz und einer Lesebrille an einer Kette, ließ sie beide die Kontoauszüge der letzten sechs Monate nebeneinanderlegen und tippte die Zahlen in ein Formular. Getrenntes Konto für Ellen. Ratenplan für Michael, monatlich 1.233 Euro an sie, zwölf Monate lang. Eine Klausel, handschriftlich ergänzt, weil die Beraterin sagte, das komme selten vor, aber sie kenne solche Fälle: Überweisungen an Angehörige über 500 Euro nur mit Zustimmung beider Kontoinhaber.
Michael unterschrieb zuerst, mit einer Hand, die leicht zitterte, dann sie. Als die Beraterin die Kopien zusammentackerte, sagte er leise, ohne sie anzusehen: „Ich ruf sie heute Abend an. Sag ihr, dass sie sich einen Anwalt für die Wohnanlage sucht, keinen Sohn mehr für die Überweisungen.“
Draußen, auf dem Weg zur Bushaltestelle, blieb Ellen kurz stehen und legte die Hand auf den Bauch. Leonie trat, heftig, fast zornig, als wollte sie mitreden. „Ich weiß“, murmelte Ellen und ging weiter, Michael einen halben Schritt hinter ihr, den unterschriebenen Vertrag noch in der Hand, als traute er sich nicht, ihn einzustecken.







