Deutschlernen für ein Kind aus Charkiw – ein Star in Gießen

Der Schauspieler, der Deutsch lernte, um mit Kindern zu zeichnen

Man hätte ihn in Los Angeles vermutet, zwischen Filmpremieren und Interviews für sein neues Projekt. Stattdessen stand er in einer Turnhalle in Gießen, mit einer Schachtel Wachsmalstifte in der Hand, und sprach gebrochenes, aber verständliches Deutsch mit einem achtjährigen Jungen aus Charkiw.

Ich hatte von der Sache über eine Bekannte gehört, die für den Landkreis in der Flüchtlingskoordination arbeitet. Sie hatte mir am Telefon gesagt: Ein amerikanischer Schauspieler kommt, aber sag niemandem den Namen, sonst haben wir hundert Fotografen vor der Tür. Ich bin trotzdem hingefahren, mehr aus Neugier als aus irgendeinem Auftrag.

Der Schauspieler heißt – in dieser Geschichte nenne ich ihn Daniel Roth, weil der echte Name hier nicht zur Sache tut. Bekannt geworden war er durch zwei, drei Independent-Filme, die in Deutschland kaum jemand gesehen hatte, aber in den USA hatten sie ihm einen Namen gemacht, der für Rollenangebote mit sechsstelligen Gagen reichte. Er hätte also woanders sein können. Er war hier, in einer Halle, die nach Hallenboden-Reiniger roch, mit Kreidestrichen für ein Basketballfeld, die man nur notdürftig mit Teppichresten abgedeckt hatte.

Was mich am meisten überraschte, war nicht, dass er kam. Prominente kommen, machen ein Foto, fahren wieder. Was mich überraschte: Er hatte ein Jahr lang Deutsch gelernt, bevor er hierherfuhr. Nicht Englisch mit Dolmetscher, nicht die üblichen zehn Floskeln für die Kamera – richtig gelernt, mit Vokabelheft und Grammatikübungen, wie mir eine der Betreuerinnen erzählte, die ihn schon von einem Vorbereitungstreffen in Frankfurt kannte. Er wollte mit den Kindern sprechen können, ohne dass ständig jemand übersetzt. Das ist ein Unterschied, den man erst versteht, wenn man selbst mal versucht hat, einem verängstigten Kind über einen Dritten etwas Tröstliches zu sagen. Es funktioniert nicht richtig. Etwas geht verloren.

Das Projekt, für das er gekommen war, nannte sich schlicht Werkstatt Regenbogen – ein Zusammenschluss aus Psychologinnen, Kunsttherapeuten und ein paar Lehrern, die seit zwei Jahren mit geflüchteten Kindern aus der Ukraine arbeiteten, die mit ihren Müttern in Notunterkünften rund um Gießen untergebracht waren. Über siebzig Kinder kamen an diesem Wochenende zusammen, manche mit ihren Müttern, ein paar mit Großmüttern, die die Kinder aus den umkämpften Gebieten allein herausgebracht hatten.

Ich stand am Rand und beobachtete, wie er sich neben ein Mädchen setzte, das partout nicht malen wollte. Sie saß mit verschränkten Armen auf dem Boden, den Rücken an die Heizung gelehnt, die zischend Wärme abgab, obwohl es September war und draußen noch warm genug zum Draußensitzen gewesen wäre. Drinnen war es ihr offenbar lieber. Er fragte sie nicht, warum sie nicht male. Er nahm selbst einen Stift, ein Blatt, und malte etwas Schiefes, Missglücktes – einen Hund vielleicht, man konnte es kaum erkennen –, und schob es ihr rüber. Sie lachte. Nicht viel, aber sie lachte, und dann nahm sie sich auch einen Stift.

Eine der Psychologinnen, eine Frau namens Oksana, die selbst aus Saporischschja stammte und seit anderthalb Jahren in Gießen lebte, erzählte mir in einer Pause, warum ihm das alles so wichtig war. Seine Familie, sagte sie, habe Wurzeln in Galizien, in einer Kleinstadt, die heute in der Westukraine liegt. Urgroßeltern, die den Zweiten Weltkrieg nur überlebt hatten, weil Nachbarn sie versteckten, unter Lebensgefahr, monatelang, in einem Keller unter einer Scheune. Diese Geschichte, sagte Oksana, hatte er ihr selbst erzählt, ganz ruhig, ohne Pathos, so als würde er von einem entfernten Verwandten sprechen, den man nie kennengelernt hat und trotzdem spürt.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, nur eine Stunde zu bleiben. Ich blieb den ganzen Nachmittag.

Gegen vier Uhr, als das Licht durch die hohen Fenster der Halle schräg hereinfiel und Staub in den Strahlen tanzte, gab es eine kleine Aufführung. Die Kinder hatten mit den Theaterpädagogen ein Stück einstudiert, kaum zehn Minuten lang, über einen Fuchs, der sein Zuhause verliert und ein neues findet. Der Junge aus Charkiw, der am Vormittag noch kaum ein Wort gesagt hatte, spielte den Fuchs. Er stolperte über seine eigene Schwanz-Attrappe aus Pappe, und alle lachten, er selbst am lautesten.

Am Ende der Aufführung stand Roth nicht vorne, hielt keine Rede, machte kein großes Gruppenfoto mit erhobenen Daumen. Er setzte sich einfach zurück zu den Kindern in die letzte Reihe, klatschte mit ihnen zusammen, und als eine der Mütter ihn bat, sich mit ihrer Tochter fotografieren zu lassen, kniete er sich hin, auf Augenhöhe, damit das Foto nicht von oben herab wirkte. Eine Kleinigkeit. Aber ich habe in zwanzig Jahren als freie Journalistin genug Prominentenbesuche in Erstaufnahmeeinrichtungen gesehen, um zu wissen, dass diese Kleinigkeit selten ist.

Bevor er ging, sprach er noch kurz mit Oksana und den anderen Organisatorinnen. Es ging, wie ich später erfuhr, nicht nur um diesen einen Nachmittag. Er hatte über seine Stiftung eine Spende zugesagt, die es der Werkstatt Regenbogen erlauben würde, die Kunsttherapie-Kurse für die nächsten zwei Jahre fortzuführen, statt wie geplant im Winter mangels Mitteln einzustellen. Keine Ankündigung, kein Pressefoto mit übergroßem Scheck. Oksana erzählte es mir erst, als ich schon auf dem Weg zum Auto war, fast beiläufig, so wie man von etwas Selbstverständlichem spricht.

Ich fuhr an diesem Abend nach Hause, vorbei an den Reihenhäusern mit den Sonnenblumen-Aufklebern in manchen Fenstern, die seit über drei Jahren dort kleben, und dachte an das schiefe Bild von dem Hund, das er dem Mädchen gemalt hatte. Es hing, als ich ging, mit Tesafilm an der Wand der Halle, zwischen siebzig anderen Zeichnungen von Kindern, die versucht hatten, für ein paar Stunden etwas anderes zu sein als Kinder aus dem Krieg.

Das Mädchen, das nicht hatte malen wollen, hieß Marta. Ich habe sie am nächsten Tag noch einmal getroffen, weil ich für meine Redaktion einen kurzen Bericht schreiben wollte, ohne Namen, ohne Fotos der Kinder – das war die Abmachung mit den Betreuerinnen. Marta zeigte mir ihr Bild, diesmal ein eigenes, ordentlich gemaltes: ein Haus mit einem viel zu großen gelben Fenster. Sie sagte, das Fenster sei so groß, damit man von innen immer sehen könne, ob draußen noch Tag ist. Ich habe nichts dazu gesagt. Manche Sätze von Kindern muss man einfach nur mitnehmen.

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