Die Erbin, die plötzlich auf meinem Sofa saß

Der erste Oktobertag in Oberbayern war grau und roch nach nassem Laub. Ich stand mit meinem Mann Tobias am Maschendrahtzaun und sah auf das Grundstück, das seine Mutter uns überlassen wollte. Ein windschiefer Carport, eine Terrasse mit morschen Dielen, dahinter ein alter Birnbaum, der seit Jahren nicht geschnitten worden war.

Edeltraut, die Mutter meines Mannes, führte uns über den ungemähten Rasen. Ihre Gummistiefel hinterließen tiefe Abdrücke im weichen Boden. Sie wirkte erschöpft, redete leise, und ich dachte damals, sie trauere um ihre Jugend auf diesem Fleckchen Erde.

„Ich schaff das nicht mehr“, sagte sie. „Meine Knie machen nicht mehr mit. Besser, es bleibt in der Familie, als dass es irgendwann an Fremde geht.“

Sie nannte einen Preis, der etwa fünfzehntausend Euro unter dem lag, was ein Makler aufgerufen hätte. Ein Freundschaftspreis, sagte sie. Wir gingen zum Notar, überwiesen das Geld, alles sauber und ordentlich. Edeltraut faltete den Überweisungsbeleg zusammen und schob ihn in ihre Handtasche. Beim Abschied umarmte sie mich und ich spürte, wie ihre Hand einen Moment zu lange auf meinem Rücken liegen blieb.

Drei Jahre ist das her.

Das erste Jahr verbrachten Tobias und ich an fast jedem Wochenende auf dem Grundstück. Wir rissen den alten Carport ab und bestellten einen Container. Tobias und sein Bruder schufteten zwei Samstage lang bei Regen, bis die Fläche leer war. Ich kratzte die alten Farbreste von den Fensterläden, strich sie zweimal, weil mir der erste Grünton zu kalt vorkam. Die Terrasse bauten wir komplett neu: Lärchenholz, stabile Pfosten, eine Überdachung aus Milchglas.

Das Teuerste war die neue Heizung. Über Wochen lief Tobias jedem Installateur in Weilheim hinterher, bis endlich einer zusagte. Am Ende standen knapp über vierzigtausend Euro auf der Kreditkarte. Aber dafür hatten wir jetzt ein Häuschen mit Warmwasser, einem Bad, das nicht nach den siebziger Jahren roch, und einem Kamin, der im Winter die Wohnküche in zwei Stunden aufheizte.

Meine Schwester sagte einmal: „Ihr habt das Ding nicht gekauft, ihr habt es vor dem Abriss gerettet.“

Und es stimmte.

Edeltraut kam in dieser Zeit alle paar Wochen vorbei. Sie lobte die neuen Fenster, fotografierte die Terrasse mit ihrem Handy, brachte uns einen Kuchen mit, den sie beim Bäcker im Dorf gekauft hatte. Ich legte ihr ein Kissen auf den neuen Gartenstuhl, wir tranken Kaffee, alles war freundlich.

Dann, im zweiten Sommer, veränderte sich etwas.

Edeltraut blieb länger. Aus einem Kaffeebesuch wurden ganze Nachmittage. Irgendwann brachte sie eine alte Wolldecke und ein Paar Filzpantoffeln mit und ließ beides auf dem Sofa liegen. Einmal hörte ich, wie sie am Gartenzaun zur Nachbarin sagte: „Ich wohne jetzt hier ein bisschen. Das ist meine Erholung, weißt du, die Luft da oben ist gut für mein Herz.“

Ich sagte nichts. Noch nicht.

Der erste offene Streit begann mit dem Esstisch.

Ich hatte den Tisch so gestellt, dass man vom Platz am Fenster über das Grundstück bis zum Birnbaum sehen konnte. Edeltraut fand das unpraktisch. Sie wollte ihn quer zur Wand haben, damit mehr Durchgang zur Küche blieb. Wir diskutierten eine halbe Stunde, sie lächelte die ganze Zeit, und am Ende sagte sie: „Ich weiß doch, was hier funktioniert. Ich habe mein Leben in diesem Haus verbracht, Kind.“ Sie nannte mich nicht mehr Katja. Nur noch Kind.

Am Freitag darauf kam ich nach einer anstrengenden Woche in der Münchner Kanzlei gegen Abend an. Es war kühl geworden, die Dämmerung hing schon zwischen den Apfelbäumen. Ich schloss die Haustür auf, zog die Schuhe aus, ging ins Wohnzimmer.

Der Tisch stand quer zur Wand.

Ich blieb im Türrahmen stehen und drückte den Schlüsselbund in meiner Manteltasche so fest, dass der Bart in die Handfläche schnitt. Tobias war in der Küche, er hantierte mit dem Wasserkocher herum und tat so, als hätte er mich nicht hereinkommen hören.

„Tobias“, sagte ich.

Er drehte sich um, und an der Art, wie er den Kaffeelöffel auf die Arbeitsplatte legte, sah ich, dass er Bescheid wusste.

„Deine Mutter war wieder da“, sagte ich.

„Sie war am Mittwoch kurz hier. Sie meinte, der Tisch stünde im Weg. Sie hat nur —“

„Sie hat nur was? In meinem Haus Möbel umgestellt? Ohne zu fragen?“

„Es ist auch ihr Haus. War es, meine ich.“ Er zuckte mit den Schultern. „So ein Tisch hat keine Gefühle, Katja. Er steht jetzt halt anders.“

Ich stellte den Tisch an diesem Abend zurück. Zwei Wochen später stand er wieder quer.

Ab da begann ich, mir die Wochenenden anders einzuteilen. Ich fuhr schon freitags mittags raus, nicht erst abends. Ich wollte wissen, was auf dem Grundstück passierte, wenn ich nicht da war.

Im August saß ich an einem Freitagnachmittag auf der Terrasse und hörte, wie ein Auto in die Einfahrt bog. Es war nicht Tobias’ alter Kombi. Es war ein silberner Kleinwagen, den ich nicht kannte.

Edeltraut stieg aus. Sie trug einen Strohhut, den ich noch nie an ihr gesehen hatte. Über dem Arm hing eine Einkaufstasche vom Supermarkt.

„Ach, du bist da“, sagte sie, als ich um die Hausecke trat. Sie wirkte nicht überrascht. Sie wirkte genervt.

„Ich wohne hier“, sagte ich.

„Ich weiß doch. Ich wollte nur kurz lüften. Bei dem Wetter muss man die Räume durchziehen lassen, sonst setzt sich die Feuchtigkeit in die Wände.“

„Edeltraut, ich bitte dich nur um eines“, sagte ich. „Ruf vorher an. Du kannst nicht einfach kommen und Möbel umstellen und die Türen aufsperren, als wäre es deins.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Ich habe den Schlüssel von meinem Sohn. Ich habe nicht eingebrochen.“

„Es geht nicht darum, wie du reinkommst. Es geht darum, dass du es tust.“

Da sagte sie den Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe. Sie sagte ihn, während sie die Einkaufstasche in ihre andere Hand nahm, als hätten wir über das Wetter gesprochen:

„Du bist hier nicht die Eigentümerin. Du brauchst hier nicht herumkommandieren und mit den Händen durch die Luft zu fuchteln.“

Dann drehte sie sich um, zog ihren Schlüsselbund aus der Jackentasche, ging damit zur Haustür und schloss auf, als wäre es ihre eigene. Ich blieb am Birnbaum stehen, die Hände in den Taschen meiner Leinenhose vergraben, und sah ihr durch das Küchenfenster zu, wie sie die Einkaufstasche auf der Arbeitsplatte abstellte und die Fenster zum Lüften öffnete.

In dem Moment begriff ich, wohin diese Reise ging.

Sie kam jetzt zwei-, dreimal pro Woche. Meist vormittags, wenn ich in der Kanzlei war. Sie verräumte meine Kaffeebecher, ordnete die Bücher im Regal neu, hängte ein anderes Küchenhandtuch auf. Einmal kam ich nach Hause und auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer stand eine Plastikfigur der Muttergottes, die ich vorher noch nie gesehen hatte.

Ich rief Tobias an. Er war auf Montage in Ingolstadt, das Telefon klingelte sechsmal, dann meldete er sich mit müder Stimme.

„Ruf deine Mutter an“, sagte ich. „Sie hat heute wieder die Terrasse gedreht und das Badezimmer umgeräumt. Die Handtücher sind weg. Meine Handtücher, Tobias. Aus dem Schrank im Bad. Dafür hängen jetzt gefaltete Gästehandtücher aus ihrem Bestand über der Stange.“

„Ich rede mit ihr“, sagte er.

„Du redest mit ihr nicht. Du versprichst es und dann steht der Tisch wieder quer.“

„Katja, ich kann das nicht hören. Ich stehe zwischen euch. Meine Mutter ist keine einfache Frau, das weiß ich. Aber sie meint es nicht böse. Sie denkt nur, dass sie weiß, was gut für das Haus ist.“

„Es ist nicht ihr Haus. Es ist unser Haus. Wir haben es gekauft. Wir haben vierzigtausend Euro reingesteckt. Wir haben den Carport abgerissen, die Terrasse gebaut, die neue Heizung bezahlt. Sie hat das Geld genommen und war damit zufrieden.“

„Sag das nicht so“, sagte Tobias leise.

„Wie soll ich es sonst sagen?“

„Sie hat uns das Grundstück günstig überlassen. Aus Familie. Sie hat gedacht, es bleibt in der Familie. Und jetzt benimmst du dich, als dürfte sie nicht mehr zur Tür hereinschauen.“

Da geschah etwas in mir. Etwas Kaltes, sehr Klares. Ich beendete das Gespräch mit einem Satz, den ich nicht geplant hatte: „Dann klär du, was Familie bedeutet. Bis Sonntagabend.“

Dann legte ich auf und ging ins Wohnzimmer. Dort nahm ich die kleine Muttergottesfigur vom Fensterbrett und wog sie in der Hand. Sie war leicht, billiges Plastik, das Klosterladen-Modell. Ich stellte sie nicht weg. Ich ließ sie stehen und wusste, dass ich in diesem Haus nicht mehr nachgeben würde.

Am nächsten Samstag kam die Nachbarin, eine schmale Frau mit raspelkurzem grauem Haar, die früher im Landratsamt gearbeitet hatte. Sie blieb am Gartenzaun stehen und winkte mich herüber.

„Sie war gestern wieder da“, sagte sie. „Ich habe ihr silbernes Auto in der Einfahrt gesehen. Und das Küchenfenster war offen, die ganze Nacht. Bei der Kälte. Sie hat wohl vergessen, es zuzumachen.“

Ich dankte ihr und ging zurück ins Haus. Im Küchenfenster stand auf der inneren Fensterbank eine einzelne braune Kaffeetasse, die mir nicht gehörte. Und der Wasserhahn tropfte. Leicht, aber hörbar. Als hätte jemand das Wasser absichtlich nicht ganz zugedreht.

Das war der Punkt.

Am Montagmorgen fuhr ich zur Sparkasse. Ich ließ mir die Kontoauszüge des gemeinsamen Kontos ausdrucken, die, auf denen die Überweisung an Edeltraut vor drei Jahren verzeichnet war. Ich ging in ein Copy-Shop am Bahnhof, machte Kopien. Dann setzte ich mich in ein Café am Marienplatz und trank einen Milchkaffee, der nach verbrannter Bohne schmeckte, und schrieb einen langen Brief an eine Anwaltskanzlei für Familienrecht. Nicht an Tobias. An die Kanzlei.

Am Abend legte ich die Kopien und den Briefentwurf in einen schlichten Pappordner. Auf das Etikett schrieb ich das Datum und ein Wort: Bestandsaufnahme.

Ich erzählte Tobias nicht davon. Ich wollte erst wissen, was rechtlich möglich war.

Am darauffolgenden Freitag fuhr ich wieder raus. Auf der Autobahn hingen tiefe Wolken zwischen den Hügeln, und ich hatte die Heizung im Auto aufgedreht, obwohl mir nicht kalt war. Ich war wütend, aber ich wirkte ruhig. Diese Ruhe war das Gefährlichste an mir, das wusste ich.

Vor dem Haus stand der silberne Kleinwagen.

Ich stellte mein Auto daneben, zog den Pappordner aus der Handtasche auf dem Beifahrersitz und ging nicht zur Haustür, sondern zur Terrasse. Von dort konnte ich durch das große Fenster ins Wohnzimmer sehen.

Edeltraut saß auf meinem Sofa. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und hielt in der linken Hand einen Teebeutel, den sie gerade aus einer Tasse zog. Meiner Tasse. Auf dem Tisch neben ihr lag ein gefaltetes Papiertaschentuch.

Ich klopfte nicht. Ich drehte den Schlüssel im Schloss, trat ein und ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen. Ein einziges Klicken.

Edeltraut stand auf. Nicht erschrocken, nur überrascht. Sie stellte die Tasse ab.

„Ich muss mit dir reden“, sagte ich.

Sie setzte sich wieder. Ich blieb stehen.

„Ich war heute bei einer Anwaltskanzlei“, sagte ich. „Wegen des Hauses. Wegen der Übergriffe. Wegen des Schlüssels, den du noch hast.“

Sie verzog keine Miene. Nur ihre rechte Hand lag jetzt auf dem Sofakissen und drückte es ein wenig zusammen, immer wieder, als taste sie den Stoff ab.

„Du willst mich verklagen?“, fragte sie ruhig.

„Ich will, dass du aufhörst. Dafür brauche ich keinen Prozess. Dafür brauche ich nur, dass du verstehst: Das Haus gehört dir nicht mehr. Es gehört uns. Zu einhundert Prozent. Und du hast keinen Zweifel daran zu lassen, wie ich es einrichte, welche Tasse ich benutze und wie oft ich die Fenster öffne.“

Einen Moment lang sah sie mich an, und in ihrem Gesicht lag etwas, das ich nicht benennen konnte. Nicht Wut. Nicht Scham. Vielleicht das leise Staunen darüber, dass ich den Schritt gewagt hatte.

„Ich habe nur gelüftet“, sagte sie.

„Und der Tisch?“

„Der stand im Weg.“

„Mein Tisch. Auf meiner Terrasse. Und du hast ihn wieder umgestellt, obwohl ich dich gebeten habe, es zu lassen. Du bist in dieses Haus gekommen, während ich in München Akten gewälzt habe, und hast deine Pantoffeln in den Flur gestellt, deine Decke über die Sofalehne gelegt, deine Heiligenfigur auf mein Fensterbrett gestellt. Du hast mir gezeigt, dass du dich hier zuhause fühlst. Aber du bist es nicht. Nicht mehr. Und du wirst es nie wieder sein, solange ich lebe.“

Da sagte sie einen Satz, so leise, dass ich ihn fast überhört hätte: „Du verstehst das nicht. Ich habe dort meinen Mann gepflegt. Zwölf Jahre. In diesem Haus. Jeden Tag. Er ist in dem Zimmer gestorben, in dem ihr jetzt schlafft. Und als ich euch das Grundstück überlassen habe, habe ich geweint. Nicht, weil ich euch das Geld gegönnt habe. Sondern weil ich einen Teil von mir abgegeben habe. Und jetzt sehe ich euch darin herumlaufen, als wäre alles, was ich dort erlebt habe, nur ein alter Putzlappen, den man entsorgt.“

Es war das erste Mal, dass sie mit mir über ihren Mann sprach. Ich hatte ihn nie kennengelernt. Tobias redete nicht über ihn.

Einen Augenblick standen wir beide regungslos. Dann ging ich zur Garderobe, nahm den Pappordner aus meiner Tasche und legte ihn auf den Tisch neben ihrer Teetasse. Zwischen uns.

„Dann trauere in deiner eigenen Wohnung“, sagte ich. „Nicht in meiner.“

Ich griff in meine Handtasche und holte ein Blatt Papier hervor, das ich am Morgen ausgedruckt hatte. Eine Liste der Schlüssel, die zum Haus gehörten. Ich hatte beim Schlosser in Murnau gefragt, was ein Austausch des Schließzylinders kostet. Der Mann hatte dreiundachtzig Euro gesagt, inklusive Anfahrt. Ich legte die Liste vor sie hin.

„Du hast zwei Möglichkeiten“, sagte ich. „Entweder du gibst mir den Schlüssel jetzt. Oder ich tausche morgen das Schloss aus. Und dann kommst du nie wieder hinein. Auch nicht zum Lüften.“

Edeltraut sah das Blatt lange an. Dann griff sie nach ihrer Einkaufstasche, die neben dem Sofa stand, öffnete sie und holte ein Schlüsselbund hervor. Sie hielt es mir hin, nicht zitternd, sondern mit einer langsamen, fast feierlichen Bewegung. Als übergäbe sie ein Amt.

„Ich wollte doch nur“, begann sie, und brach ab.

Ich nahm das Bund entgegen. Es war warm von ihrer Hand.

„Wenn du dich hier je wieder ohne Erlaubnis blicken lässt“, sagte ich, „rufe ich die Polizei. Nicht Tobias. Nicht die Nachbarin. Die Polizei. Wegen Hausfriedensbruch. Das habe ich meinem Anwalt gesagt, und er hat mir gesagt, dass die Rechtslage eindeutig ist, weil du keinen Wohnsitz hier hast und kein Eigentumsrecht mehr.“

Sie antwortete nicht. Sie stand nur da, strich mit der flachen Hand über das Sofakissen, auf dem sie gesessen hatte, und ging dann zur Tür. Im Gehen hinterließ sie tatsächlich etwas. Auf dem Garderobenbrett lag ein Sofakissenbezug, den ich noch nie gesehen hatte, mit einem Muster aus verblassten Rosen.

Ich rief ihr nach, ohne zu rufen: „Nimm deine Muttergottesfigur mit.“

Sie blieb stehen, drehte sich halb um. „Behalt sie. Vielleicht hilft sie dir. Du wirst sie brauchen.“

Dann fiel die Tür ins Schloss.

Am nächsten Morgen, bevor Tobias nach Hause kam, fuhr ich zum Schlosser in Murnau. Er tauschte den Schließzylinder in der Haustür und den in der Terrassentür. Dreiundachtzig Euro, wie veranschlagt. Ich zahlte bar und bat ihn, mir zwei neue Schlüssel zu geben. Einen für mich. Einen für Tobias.

Als Tobias am Nachmittag vor der Tür stand und sein altes Schlüssel nicht mehr passte, rief er mich auf dem Handy an.

„Katja? Das Schloss ist neu.“

„Ja“, sagte ich. „Deine Mutter hat gestern den Schlüssel abgegeben. Alle Schlüssel. Ich habe vorsichtshalber trotzdem austauschen lassen. Der Preis war dreiundachtzig Euro. Ich habe es dir auf das gemeinsame Konto geschrieben.“

Am anderen Ende war es einen Moment still. Dann sagte Tobias: „War sie gestern hier?“

„Setz dich auf die Terrasse, ich komme raus. Der neue Schlüssel liegt in einer Tasse neben der Kaffeemaschine. Der zweite von links. Deiner.“

Der Oktoberwind zog über das Grundstück, als ich auf die Terrasse trat. Die rostfarbenen Hänge hinter dem Birnbaum wirkten kalt und klar. Auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer stand die kleine Muttergottesfigur. Ich hätte sie wegwerfen können. Ich tat es nicht. Ich ließ sie stehen, als stummer Zeugen, wie man hier nicht mit mir umspringt.

Ich weiß nicht, was Edeltraut ihrem Sohn später erzählte. Ich weiß nur, dass sie nie wieder ohne Einladung kam. Und dass ich an jedem ersten Oktoberwochenende des Jahres den Pappordner aus dem Regal ziehe, die Kopie der Überweisung heraushole und mir leise sage: Das war der Kaufpreis. Und der Rest beginnt jetzt.

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Die Erbin, die plötzlich auf meinem Sofa saß