„Haben Sie denn keine Angst, so allein?" Das fragt mich fast jeder, kaum dass er hört, ich sei einundachtzig und lebe seit Jahren allein in meinem Reihenhaus in Lindenhof, einem kleinen Vorort von Münster. Sie fragen es leise, fast entschuldigend, als würden sie mir schon im Voraus ihr Beileid aussprechen. Ich schenke ihnen dann nur ein kurzes Lächeln und rühre weiter in meinem Kaffee.
Allein leben und einsam sein — das sind zwei verschiedene Dinge, das habe ich erst spät begriffen.
Den größten Teil meines Lebens war es in diesem Haus nie richtig ruhig. Drei Kinder, ein Mann, ein Dackel namens Fritzchen, der ständig unter dem Küchentisch lag und auf Krümel wartete. Die Wohnungstür knallte im Minutentakt, das Telefon in der Diele klingelte, jemand suchte seine Turnschuhe, jemand streckte, jemand rief nach mir vom Dachboden. Ich war Ehefrau, Mutter, Buchhalterin des ganzen Haushalts. Zahnarzttermine, Klassenfahrten, Geburtstage, die Steuererklärung meines Mannes, die Tabletten meiner Schwiegermutter, die Kummer der Kinder — alles lief über meinen Küchentisch, auf dem immer ein Stapel Zettel lag.
Ich habe meine Familie geliebt, ohne Wenn und Aber. Aber es war ein Leben, das für mich selbst kaum etwas übrig ließ.
Dann starb Bernhard, mein Mann, vor sieben Jahren, im November, kurz vor dem ersten Schnee. Und plötzlich wirkte das Haus riesig. Die Stille darin fühlte sich fremd an, fast feindselig. In den ersten Monaten erschrak ich manchmal vor meinem eigenen Schritt auf der Treppe. Jedes leere Zimmer erinnerte mich an etwas, das nicht wiederkommt.
Die Leute begannen, mir Ratschläge zu geben. Meine Nachbarin, Frau Krüger, klopfte fast jede Woche und sagte: „Elenore, Sie sollten zu Ihrer Tochter nach Dortmund ziehen. In Ihrem Alter sollte man nicht allein sein." Mein Sohn Torsten schickte mir Prospekte von einer betreuten Wohnanlage in Rheine. Alle meinten es gut. Das wusste ich.
Aber an einem Morgen im März saß ich am Küchenfenster, eine Tasse Pfefferminztee vor mir, draußen fuhr die Straßenbahn Linie 6 vorbei, die immer quietscht, wenn sie in die Kurve fährt, und plötzlich verstand ich etwas, das mein ganzes Empfinden veränderte.
Man hatte mich nicht zurückgelassen. Man hatte mich mir selbst zurückgegeben.
Jetzt esse ich, wenn ich Hunger habe, nicht wenn der Wecker für die Familie klingelt. Ich lege mich hin, wenn ich müde bin. Ich muss niemandem mehr gerecht werden. Ich kann eine Stunde lang meinen Tee trinken und dabei den Tauben auf dem Fensterbrett zusehen, kann meine Geranien umtopfen, ein Buch von Siegfried Lenz lesen oder einfach dem Nachbarshund zuhören, der abends immer bellt, wenn die Kirchenglocken von St. Lamberti schlagen. Manchmal vergeht ein ganzer Tag, an dem ich mit fast niemandem spreche. Innen ist trotzdem keine Leere.
Die Stille macht mir keine Angst mehr. Sie ist zu einer Begleiterin geworden, die nichts von mir verlangt und mich nicht hetzt.
Meine drei Kinder haben eigene Familien, eigene Sorgen, eigene Leben. Genau so soll es sein. Ich habe sie erzogen, selbstständig zu sein — und jetzt lassen sie, aus Liebe, mich genauso selbstständig sein.
Natürlich gibt es Tage der Wehmut. Ein altes Foto, ein Lied im Radio, der Geruch von Rotkohl, wie Bernhard ihn immer gemacht hat — dann holt mich die Erinnerung ein, ohne Vorwarnung. Dagegen kann ich nichts tun. Aber die Traurigkeit bleibt nie lange. Was länger bleibt, ist etwas anderes: Ruhe. Die Gewissheit, genug geliebt zu haben. Dass ich für meine Leute da war, als sie mich brauchten. Und dass ich jetzt das Recht habe, in meinem eigenen Takt zu leben.
So dachte ich jedenfalls — bis Torsten im Mai anrief und mir eröffnete, er habe mit seiner Schwester besprochen, dass es „das Beste" wäre, das Haus zu verkaufen und mich in die Anlage nach Rheine zu geben, „damit jemand nach dir schaut". Er hatte bereits mit einem Makler gesprochen. Er sagte es freundlich, fast beiläufig, so als spräche er über das Wetter.
Ich legte den Hörer nicht auf. Ich sagte nur: „Torsten, das Haus gehört mir." Er lachte kurz, unsicher. „Natürlich, Mama, aber du musst doch vernünftig sein." Ich fragte ihn, seit wann Vernunft bedeute, dass andere über mein Leben entscheiden.
Am folgenden Samstag kamen beide Kinder, Torsten und meine Tochter Bettina, mit einem Ordner voller Unterlagen zu mir in die Küche. Eine Vorsorgevollmacht, sagten sie, „nur zur Sicherheit", die mir schon jetzt die Verwaltung meines Kontos und des Hauses „erleichtern" sollte. Bettina schob mir den Kugelschreiber hin. Fritzchens Enkelhund Moritz, den sie mir zur Ablenkung mitgebracht hatten, tapste dabei unter dem Tisch herum und stieß gegen meinen Fuß.
Ich nahm den Ordner, blätterte ihn durch, langsam, Seite für Seite, während beide schwiegen und auf den Boden sahen. Dann klappte ich ihn zu und schob ihn zurück über den Tisch. „Ich unterschreibe nichts, wovon ich nicht selbst den Anwalt gewählt habe", sagte ich.
Am Montag darauf fuhr ich mit dem Bus zur Kanzlei von Herrn Dr. Wieczorek in der Innenstadt, bei dem schon Bernhard und ich vor Jahren unser Testament gemacht hatten. Ich brachte den Grundbuchauszug mit, ein Sparbuch der Sparkasse Münsterland Ost mit einem Stand von einhunderteinundvierzigtausend Euro und die alte Kaufurkunde des Hauses aus dem Jahr 1987. Ich ließ eine notarielle Vorsorgevollmacht ausstellen, die ausschließlich meine Nichte Hilde, Krankenschwester im Clemenshospital, benennt — nicht meine eigenen Kinder. Und ich ließ den Grundbucheintrag mit einem Wohnrecht auf Lebenszeit für mich selbst absichern, unabhängig davon, was mit dem Haus je geschehen sollte.
Als Torsten und Bettina zwei Wochen später wieder vor der Tür standen, um „die Sache mit dem Haus" zu klären, legte ich ihnen die Kopie der Urkunde auf den Küchentisch, neben die Teekanne. Torsten wurde blass. „Mama, das hättest du mit uns besprechen müssen." „Ich habe es besprochen", sagte ich, „mit meinem Anwalt. Ihr habt entschieden, ohne mich zu fragen."
Bettina griff nach der Urkunde, las die Zeile mit dem Wohnrecht zweimal, legte das Papier dann still zurück. Draußen bellte Moritz gegen die Straßenbahn, die gerade um die Kurve quietschte.
Ich stand auf, füllte drei Tassen Tee nach, obwohl niemand danach gefragt hatte, und setzte mich wieder. „Ich werde hier alt", sagte ich, „in meinem eigenen Haus, in meinem eigenen Takt. Und wenn ihr mich besuchen wollt, seid ihr willkommen — als Gäste, nicht als Verwalter."
Sie blieben noch eine Stunde, tranken ihren Tee, sprachen kaum. Als sie gingen, umarmte mich Bettina an der Tür etwas länger als sonst. Torsten sagte nichts, nickte nur einmal zum Abschied.
Ich schloss die Tür, hängte die Vollmacht zurück in die Mappe im Schreibtisch, wo seit sieben Jahren auch Bernhards Brille liegt, die ich nie weggeworfen habe. Dann setzte ich mich wieder ans Fenster, mit einer frischen Tasse Tee, und sah der Straßenbahn nach, bis sie hinter der Kirche verschwand.







