Die Werkstatt in der Bäckerstraße

Ich heiße Tobias Reinke, ich bin zweiundvierzig, und ich repariere seit sechzehn Jahren Autos in Freiburg. Die Werkstatt in der Bäckerstraße hat mein Vater aufgebaut, ich habe sie übernommen, und bis vor zwei Jahren war mein bester Freund Matthias mein Kompagnon. Zwei Hebebühnen, drei Angestellte, ein Kaffeeautomat, der immer klemmt. So sah mein Leben aus, bevor alles kippte.

Man denkt, Freundschaft sei etwas Feststehendes. Etwas, das man einmal aufbaut und dann einfach hat, wie eine Garage oder ein Sparkonto. Ich habe das auch geglaubt. Matthias und ich kannten uns seit der Lehre bei Bosch, wir haben zusammen die Gesellenprüfung gemacht, er war Trauzeuge bei meiner Hochzeit mit Sabine. Als ich die Werkstatt von meinem Vater übernahm, holte ich ihn als Teilhaber rein, vierzig Prozent, schriftlich, beim Notar in der Kaiserstraße. Ich dachte, das ist für immer.

Der Bruch kam nicht mit einem großen Knall. Er kam schleichend, über anderthalb Jahre, und ich habe es zu lange nicht sehen wollen.

Es fing damit an, dass Matthias öfter zu spät kam. Erst zehn Minuten, dann eine halbe Stunde, dann kam er manchmal gar nicht, und ich stand allein am Auspuff eines Passat, während im Wartezimmer drei Kunden auf ihre Kaffeemaschine starrten, die sowieso nur lauwarmen Filterkaffee ausspuckt. Ich habe für ihn gedeckt. Habe seinen Kunden erzählt, er sei beim Großhändler, obwohl ich genau wusste, dass er zu Hause im Bett lag, weil er die Nacht durchgezockt hatte. Man deckt für einen Freund. Das macht man doch.

Dann kam die Sache mit dem Werkzeug. Kleinigkeiten zuerst — eine Drehmomentschlüssel-Serie, die plötzlich fehlte, eine Diagnosesoftware-Lizenz, die er sich privat auf den Laptop gezogen und dann für eigene Aufträge außerhalb der Werkstatt genutzt hat. Ich habe die Rechnungen gesehen, weil unser Steuerberater in Emmendingen mich anrief und fragte, warum bei drei Kundenaufträgen kein Materialverbrauch verbucht war, obwohl Teile aus unserem Lager rausgegangen waren. Matthias hatte nebenbei Autos für Bekannte repariert, mit unseren Ersatzteilen, unserer Hebebühne, nach Feierabend, und das Geld ging an ihn allein.

Ich hätte damals reden müssen. Klar sofort, direkt, ohne Umschweife. Stattdessen habe ich geschwiegen, wochenlang, weil ich Angst hatte, die Freundschaft zu zerstören, wenn ich die Wahrheit ausspreche. Man hält lieber den faulen Frieden aus als den ehrlichen Streit. Ich weiß das jetzt. Damals wusste ich es nicht.

Der Punkt, an dem ich nicht mehr wegsehen konnte, war ein Dienstag im März, kurz nach sieben Uhr abends, die Werkstatt schon zu, ich wollte nur noch die Kasse zählen. Da kam ein Anruf von unserer Versicherung, der Allianz-Sachbearbeiter, ganz ruhig, fast entschuldigend in der Stimme: Es gäbe eine Schadensmeldung auf den Namen der Werkstatt, ein angeblicher Wasserschaden an einem Kundenfahrzeug, Reparaturkosten dreitausendzweihundert Euro, die Auszahlung sei bereits auf ein Privatkonto erfolgt. Auf Matthias' Konto. Das Auto hatte nie einen Wasserschaden gehabt. Ich kannte den Kunden, ein Rentner aus dem Vorort Littenweiler, der seinen alten Opel Corsa bei uns zur Inspektion gebracht hatte, sonst nichts.

Ich saß da mit dem Telefon in der Hand, und draußen fing es an zu regnen, dieser typische Freiburger Nieselregen, der nie richtig aufhört, nur langsam von der Dachrinne tropft. Ich erinnere mich, dass der Kaffeeautomat gerade wieder klemmte und ein leises Surren von sich gab, obwohl niemand einen Knopf gedrückt hatte. Diese Details bleiben komischerweise hängen, wenn im Kopf alles andere zusammenbricht.

Was ich in dem Moment gefühlt habe, war nicht in erster Linie Wut. Es war eher so ein Ziehen im Magen, ähnlich wie damals, als mein Vater mir sagte, dass die Werkstatt Schulden hatte, von denen ich nichts wusste. Dieses Gefühl: der Boden, auf dem du stehst, ist nicht der Boden, den du kanntest.

Ich rief Matthias nicht sofort an. Ich fuhr erst nach Hause, aß mit Sabine zu Abend, Spätzle mit Linsen, ohne ihr ein Wort zu sagen, weil ich selbst noch nicht wusste, wie ich es einordnen sollte. Erst am nächsten Morgen, bevor die Angestellten kamen, bestellte ich ihn in die Werkstatt.

Er kam pünktlich, was mich fast wütender machte als alles andere. Er stand zwischen den zwei Hebebühnen, die Hände in den Jackentaschen, und ich legte ihm den Ausdruck der Versicherungsmeldung auf die Werkbank.

„Erklär mir das", sagte ich.

Er schaute auf das Papier, dann auf mich, und sagte: „Das ist doch nur ein Ausgleich. Für die ganzen Überstunden, die ich reingesteckt hab und die du mir nie richtig vergütet hast."

„Das ist Betrug an einem Kunden, Matthias. An einem Rentner, der uns vertraut hat."

„Du machst daraus wieder ein Drama."

Genau da wusste ich: er sieht das nicht als Fehler. Er sieht das als sein gutes Recht.

Ich hätte da schon die ganze Sache dem Anwalt übergeben können. Habe ich aber nicht, noch nicht. Ich gab ihm eine letzte Chance, verlangte, dass er das Geld an den Kunden zurückzahlt und aus der Werkstatt aussteigt, freiwillig, ohne dass ich die Polizei einschalte. Er versprach es. Er hielt es nicht.

Die nächsten drei Monate zog sich wie Kaugummi. Er zahlte nicht zurück, verzögerte, erfand Ausreden, behauptete am Ende sogar, die vierzig Prozent Gesellschaftsanteil seien ihm mehr wert als der Streit, und wenn ich ihn rauswerfen wolle, solle ich ihn eben auszahlen — zu einem Preis, der weit über dem lag, was der Anteil tatsächlich wert war.

In dieser Zeit war es Renate Brummel, die mich aufgefangen hat. Renate führt seit zwanzig Jahren die Änderungsschneiderei zwei Häuser weiter in derselben Straße, wir kennen uns, weil sie jeden Morgen ihren Kaffee bei uns im Automaten zieht, seit ihre eigene Maschine kaputt ist. Sie ist keine große Rednerin, Renate. Aber an dem Abend, als ich ihr auf der Bank vor ihrem Laden erzählte, was mit Matthias los war, hörte sie einfach zu, ohne mich zu unterbrechen, bis ich fertig war. Dann sagte sie nur: „Du weißt, was du tun musst. Du zögerst nur, weil du hoffst, dass es sich von selbst löst. Das tut es nicht."

Sie hatte recht. Und sie war die Einzige, die mir nicht sagte, ich solle „Gras drüber wachsen lassen", wie das halbe Dorf, äh, die halbe Straße es mir riet, weil man ja Matthias auch kannte, weil er sonntags in der Kirchengemeinde den Kaffee ausschenkte und alle ihn für einen netten Kerl hielten.

Ende Juni ging ich zu Frau Dr. Ostermeier, Fachanwältin für Gesellschaftsrecht, Kanzlei am Rotteckring. Sie prüfte den Gesellschaftsvertrag, die Buchhaltung, die Versicherungsunterlagen. Es dauerte sechs Wochen, bis alles zusammengestellt war: der Ausschluss aus der Gesellschaft wegen grober Pflichtverletzung, die Rückforderung von vierzehntausendachthundert Euro, die Matthias über anderthalb Jahre durch nicht verbuchte Privataufträge und die gefälschte Versicherungsmeldung der Werkstatt entzogen hatte.

Die Kündigung des Gesellschaftsvertrags kam per Boten, an einem Freitagvormittag im August, während ich selbst am Nachbartisch stand und einen Ölwechsel an einem Golf machte. Ich hatte extra darauf bestanden, dass ich dabei bin, wenn Matthias die Papiere entgegennimmt — nicht aus Rache, sondern weil ich ihm ins Gesicht sagen wollte, was ich zu sagen hatte, ohne Umweg über einen Brief.

Er riss den Umschlag auf, las die erste Seite, und ich sah, wie seine Hand kurz zitterte, bevor er das Papier auf die Werkbank warf.

„Das ist doch Wahnsinn, Tobi. Sechzehn Jahre kennen wir uns."

„Sechzehn Jahre, in denen ich für dich gedeckt hab. Das ist vorbei."

„Du machst mich fertig, das weißt du, oder?"

„Nein. Du hast dich selbst fertiggemacht. Ich zahle nur nicht mehr dafür."

Er stand noch eine Weile da, zwischen den Hebebühnen, dort, wo er sechzehn Jahre lang gearbeitet hatte, und dann ging er, ohne die Tür richtig zuzumachen, sodass der Wind sie gegen die Wand schlug und der Kalender vom Reifenhändler von der Wand fiel.

Die Rückzahlung der vierzehntausendachthundert Euro läuft jetzt über eine Ratenvereinbarung, die Frau Dr. Ostermeier durchgesetzt hat, monatlich vierhundert Euro, über einen Zeitraum von siebenunddreißig Monaten, gesichert durch eine notarielle Schuldanerkenntnis. Die erste Rate kam Anfang September, pünktlich, weil das Amtsgericht sonst die Vollstreckung angedroht hätte.

Ich habe die Werkstatt jetzt allein, mit zwei neuen Angestellten, und ich habe Renates Kaffeeautomat endlich reparieren lassen, als Dankeschön, mit einem Ersatzteil, das ich extra aus Karlsruhe bestellt habe. Sie hat sich nicht bedankt mit großen Worten. Sie hat nur gesagt: „Wurde auch Zeit", und mir eine Tasse von dem neuen Kaffee hingestellt, der jetzt tatsächlich heiß ist.

Matthias grüße ich nicht mehr, wenn ich ihn in der Stadt sehe. Er wechselt sowieso meistens die Straßenseite.

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