Ich war um vier Uhr morgens aufgestanden, um die Tickets für die Oper zu besorgen. Tristan und Isolde, Wagner, viereinhalb Stunden Musik, die einen auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Simon liebte Wagner. Er hatte mir beim dritten Date eine halbe Stunde lang erklärt, warum das Vorspiel zum ersten Akt das Schönste sei, was je für ein Orchester geschrieben wurde, und ich hatte ihm zugehört und nichts verstanden, aber gemerkt, wie seine Augen dabei geleuchtet hatten. So einen Mann hatte ich noch nie getroffen. Einen, der für etwas brannte, das nichts mit seinem Job oder seinem Auto zu tun hatte.
Wir hatten uns im Mai kennengelernt, bei einer Weinprobe in der Hamburger Speicherstadt, zu der ich von meiner Chefin mitgeschleppt worden war, obwohl ich keinen Wein mag. Simon stand neben mir, als ich höflich an meinem Glas nippte und versuchte, nicht das Gesicht zu verziehen, und er sagte leise: Keine Sorge, der nächste ist noch schlimmer, der schmeckt nach nassem Karton. Ich musste so lachen, dass ich fast das Glas fallen ließ. Danach holte er mir stilles Wasser von der Bar, und wir redeten bis Mitternacht, während um uns herum die Gäste gingen und die Kerzen herunterbrannten.
Er war Architekt, geschieden, zwei Kinder, die jedes zweite Wochenende bei ihm waren. Ich war Grafikdesignerin, seit acht Jahren allein, mit einer kleinen Wohnung in Eimsbüttel und einem Kater namens Puschkin, der Gesellschaft lieber mochte als ich. Simon war klug und warmherzig und auf eine Art aufmerksam, die ich nicht mehr gewohnt war. Einmal kam er mit einer Tube Voltaren vorbei, weil ich am Telefon beiläufig erwähnt hatte, mein Rücken zwicke vom langen Sitzen. Kein großes Theater, einfach die Tube auf den Küchentisch gelegt, Da, falls dus brauchst, und dann Tee gemacht. Ich dachte wirklich, diesmal ist es anders. Ich dachte es so sehr, dass ich anfing, wieder von gemeinsamen Sommerplänen zu träumen.
Am Sonntag sollte er um sechs kommen. Wir hatten abgemacht, gemeinsam zu essen, mehr nicht, ich hatte bewusst nichts von der Oper verraten. Ich wollte sein Gesicht sehen, wenn ich die Karten aus der Schublade zog.
Es klingelte. Ich öffnete, und da stand er, keine Blumen, aber dafür mit einer großen Papiertüte vom Markt. Er küsste mich flüchtig auf die Wange, während er hereinkam, und stellte die Tüte auf den Küchentresen. Ich roch Knoblauch und rohes Fleisch.
Überraschung, sagte ich und hielt ihm die Karten hin. Zwei Plätze, Parkett, morgen Abend. Tristan und Isolde.
Er sah die Karten an und dann mich, und sein Gesicht wurde nicht heller, sondern eher unentschlossen, als hätte ich ihm eine Rechnung über den Tisch geschoben.
Morgen? Aber ich hab heute eingekauft, sagte er und deutete auf die Tüte. Lammkarree, für uns beide. Ich dachte, du kochst was, und wir machen es uns gemütlich.
Ich spürte einen winzigen Riss in der Stimmung, aber ich lächelte noch. Das kann ich doch einfrieren, oder wir essen es übermorgen. Morgen ist die Oper, Simon, wir reden seit Wochen davon, dass wir mal wieder zusammen ausgehen wollten.
Schon, sagte er und lehnte sich an die Arbeitsplatte, aber ich war die ganze Woche auf Montage, ich bin hundemüde. Ich freu mich einfach auf ein warmes Essen hier, auf dem Sofa, ohne hundert Leute um mich herum.
Ich schlug vor, dass wir trotzdem in die Oper gehen und das Lamm eben warten müsse. Wir könnten vorher noch etwas essen gehen, ganz entspannt. Simon schüttelte langsam den Kopf, und ich sah, wie seine Müdigkeit in etwas anderes überging, etwas, das tiefer saß.
Kathrin, sagte er, und sein Tonfall veränderte sich, als würde er zu einem Kind sprechen, das nicht versteht, wie die Welt funktioniert. Du bist dreiundfünfzig. Ich bin sechsundfünfzig. Wir sind doch keine Studenten mehr, die abends durch die Bars ziehen. Wir sind in einem Alter, wo man nach Hause kommt und der Partner da ist und das Essen auf dem Tisch steht. Dafür hat man doch eine Beziehung.
Das Wort Partner blieb in meinem Kopf hängen wie ein Haken.
Ich bin nicht deine Köchin, Simon, sagte ich leise.
Jetzt komm, so hab ich das nicht gemeint, erwiderte er, schon eine Spur ungeduldig. Aber schau doch mal realistisch drauf: Du als Frau hast doch auch das Bedürfnis, für jemanden zu sorgen, oder nicht? Das ist doch ganz natürlich. Meine Mutter hat das immer so gemacht, und das war eine glückliche Ehe, fünfundvierzig Jahre. Mein Vater kam heim, das Essen war fertig, die Wohnung sauber. Das hat nichts mit Köchin zu tun. Das ist Zuwendung.
In diesem Moment überkam mich eine Kälte, die ich kannte. Nicht von Simon, sondern von früher. Von einem anderen Mann, einer anderen Küche, einem anderen Leben.
Thomas. Mein Exmann, mit dem ich vierzehn Jahre zusammengelebt hatte. Thomas, der auch immer fand, ich solle doch bitte rechtzeitig zu Hause sein, um zu kochen, weil er ja den ganzen Tag gearbeitet hatte, und was ich denn eigentlich den ganzen Tag so mache, ich sei doch nur halbtags im Büro. Thomas, der meine Grafikprojekte als Hobby bezeichnete, als kleine Beschäftigung, während er das Geld nach Hause brachte, das echte Geld. Thomas, der mich eines Tages sitzen ließ für eine Zweiunddreißigjährige aus der Buchhaltung und mir beim Auszug erklärte, ich hätte mich einfach zu sehr gehen lassen, nie mehr Lippenstift getragen, mich nicht genug um mich gekümmert. Dabei hatte ich mich um alles gekümmert, nur eben nicht um das, was er sehen wollte. Ich hatte die Wohnung geputzt, seine Hemden gebügelt, seine Eltern an Weihnachten bespaßt, während er mit seinen Kumpels in der Kneipe saß. Und als ich einmal fragte, ob wir nicht mal wieder tanzen gehen könnten wie früher, lachte er und sagte: In deinem Alter? Da geht man doch nicht mehr tanzen. Da war ich neununddreißig.
Und nun stand Simon da in meiner Küche, mit seinem Lammkarree und seinen fünfundvierzig glücklichen Ehejahren seiner Eltern im Gepäck, und erklärte mir, was natürlich sei für eine Frau in meinem Alter.
Es geht nicht um die Oper, sagte ich und hörte selbst, wie ruhig meine Stimme klang. Es geht darum, dass du gerade beschlossen hast, was meine Rolle in dieser Beziehung ist, ohne mich zu fragen. Du hast nicht gesagt: Lass uns überlegen, wie wir den Abend gestalten. Du hast gesagt, ich solle kochen, weil du müde bist und weil du findest, dass das mein Job ist.
Ach Quatsch, Job, wehrte er ab und griff nach dem Weinöffner in der Schublade, als wäre nichts geschehen. Du interpretierst da viel zu viel rein. Ich bin einfach nur kaputt, und ich hab mich auf einen Abend zu zweit gefreut. Darf man das nicht mehr sagen?
Doch, sagte ich. Darf man. Aber du hast es anders gesagt. Du hast gesagt, so sehe eine ernsthafte Beziehung in unserem Alter aus. Und das, Simon, ist genau der Satz, wegen dem ich einmal schon vierzehn Jahre lang falsch gelebt habe.
Jetzt wurde er still. Der Weinöffner blieb in seiner Hand, unbenutzt. Er sah mich an, und in seinem Blick lag weniger Verständnis als der Versuch, die Situation neu zu berechnen, wie man einen Bauplan neu berechnet, wenn die Statik nicht stimmt.
Das mit deinem Mann, das ist doch eine ganz andere Geschichte, sagte er schließlich. Ich bin nicht dein Exmann.
Nein, sagte ich. Aber du hast gerade fast wortwörtlich dasselbe zu mir gesagt wie er damals. Und ich werde den Rest meines Lebens nicht damit verbringen, einem zweiten Mann zu beweisen, dass ich mehr bin als der warme Teller, wenn er nach Hause kommt.
Es war kurz vor halb sieben, als er ging. Ich hatte ihn nicht rausgeworfen, nicht angeschrien. Ich hatte einfach gesagt: Ich glaube, es ist besser, wenn du heute Abend woanders isst. Er hatte die Lammkarrees wieder eingepackt, fast pedantisch, als wäre das wichtig, als dürften sie hier nicht bleiben, und war gegangen, ohne ein weiteres Wort.
Ich saß noch lange auf dem Sofa, im grünen Kleid, die Opernkarten auf dem Couchtisch. Dann zog ich die Schuhe aus, nahm die Ohrringe ab und schenkte mir ein Glas von dem Wein ein, den ich nicht mochte. Puschkin sprang auf meinen Schoß und begann zu schnurren.
Drei Tage später klingelte mein Handy. Simon. Ich ließ es klingeln, aber dann schrieb er eine Nachricht: Ich würde gern mit dir reden. Nicht am Telefon. Darf ich vorbeikommen? Ich antwortete nicht sofort. Aber am Abend schrieb ich: In Ordnung, morgen um acht.
Er kam pünktlich, fast überpünktlich, als hätte er unten im Auto gewartet. Diesmal keine Tüte, keine Einkäufe. Nur er selbst, in einer sauberen Jacke, das Haar frisch geschnitten, als wäre er bei mir zu einem Vorstellungsgespräch.
Ich bat ihn herein, aber ich bot ihm nichts an. Keinen Kaffee, keinen Wein, keinen Platz auf dem Sofa. Er blieb im Flur stehen, die Hände in den Taschen, als wüsste er nicht, wohin damit.
Es tut mir leid, sagte er. Ich hab drüber nachgedacht. Du hattest recht.
Ich schwieg.
Ich hab nicht kapiert, was ich da eigentlich sage, fuhr er fort und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Dieses ganze Gerede von wegen Alter und so. Das war Quatsch. Ich war einfach nur übermüdet und hab irgendwas dahergeredet, was ich nicht so gemeint hab. Ich möchte, dass wir das noch mal versuchen, Kathrin. Ich möchte nicht, dass es daran scheitert.
Ich sah ihn an und dachte an all die Abende, an denen ich mit Thomas am Küchentisch gesessen und mir genau solche Worte angehört hatte. Es tut mir leid. Ich habs nicht so gemeint. Wird nicht wieder vorkommen. Und es war immer wieder vorgekommen, in immer neuen Varianten, bis ich irgendwann nicht mehr wusste, ob es überhaupt noch eine Wahrheit gab außerhalb dieser nie endenden Schleife aus Enttäuschung und Verzeihen.
Weißt du, was der Unterschied zwischen dir und meinem Exmann ist?, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf.
Mein Exmann hat zwölf Jahre gebraucht, um mir zu sagen, was er wirklich von mir erwartet. Du hast es in fünf Monaten geschafft. Das ist der Unterschied. Und ich bin dir fast dankbar dafür.
Er öffnete den Mund, aber es kam nichts.
Ich hab vierzehn Jahre meines Lebens damit verbracht, die Frau zu sein, die ein Mann sich wünscht, sagte ich. Ich hab gekocht und geputzt und organisiert und meine eigenen Träume in eine Schublade gelegt, bis ich sie selbst vergessen hatte. Als ich dann allein war, habe ich sie mühsam wieder herausgekramt, einen nach dem anderen, wie alte Fotos, die man kaum noch erkennt. Und jetzt stehst du hier und sagst mir, ich soll sie wieder weglegen, weil ein richtiger Mann zu Hause ein warmes Essen braucht.
So hab ich das nicht…
Doch, sagte ich. Genau so hast du das. Vielleicht ohne es zu wollen. Vielleicht ohne es zu merken. Aber es war das Ehrlichste, was du in den ganzen fünf Monaten zu mir gesagt hast. Und darauf muss ich hören. Nicht auf das, was du heute Abend sagst, weil du Angst hast, mich zu verlieren. Sondern auf das, was du am Sonntag gesagt hast, als du dachtest, es sei selbstverständlich.
Er stand da, mit hängenden Schultern, und zum ersten Mal sah ich ihn nicht als den Architekten, den klugen, charmanten Mann, der mit mir Weinproben überstand und Voltaren vorbeibrachte, sondern als das, was er in diesem Moment wirklich war: jemand, der nicht verstand, dass Zuwendung etwas ist, das man miteinander aushandelt, und nicht etwas, das man voraussetzt, weil man ein Mann ist und sie eine Frau.
Ich wünsch dir alles Gute, sagte ich. Wirklich.
Er nickte langsam, fast unmerklich, und dann ging er. Diesmal fiel die Tür leise ins Schloss, ohne Krachen, ohne Scheppern.
Ich blieb im Flur stehen, das grüne Kleid trug ich heute nicht mehr, sondern Jeans und ein altes Sweatshirt mit Farbflecken. Puschkin strich um meine Beine. Ich hob ihn auf, vergrub mein Gesicht in seinem Fell und spürte, wie sich etwas in mir löste, das ich jahrelang nicht hatte loslassen können: die Angst, dass es ohne einen Mann an meiner Seite kein richtiges Leben gab. Dabei hatte das richtige Leben längst angefangen. Ich hatte nur nie hingesehen, weil ich dachte, es fehle noch jemand.
Später setzte ich mich an meinen Zeichentisch und begann, an einem neuen Entwurf zu arbeiten, den ich seit Wochen vor mir herschob. Draußen wurde es dunkel, und ich schaltete die Lampe an. Es war still in der Wohnung. Aber es war eine gute Stille. Eine, die mir gehörte.







