Die Vierzehn-Jahre-Katze
Als Linus Brandner vierzehn Jahre lang die A40 zwischen Dortmund und Hannover fuhr, galt eine eiserne Regel: Kein Mensch steigt in seine Kabine. Keine Anhalter, keine Kollegen, keine Schwäger, die „doch zufällig in dieselbe Richtung müssen". Die Fahrerkabine war seine zwei Quadratmeter Ordnung, in denen niemand fragte, warum er lieber schwieg als redete.
Die Regel hielt bis zum zweiten Donnerstag im November.
An dem Abend transportierte er Fliesen nach Osnabrück. Achte Stunde am Steuer, Regen, der keiner war – so ein feiner Niesel, der die Scheinwerfer des Gegenverkehrs zu hellen Schlieren verschmiert. Der Rücken fühlte sich an wie ein Brett, der Hals war trocken, und Linus redete mit sich selbst, nur um eine Stimme zu hören.
„Noch dreißig Kilometer. Dann Raststätte."
Er griff nach der Thermoskanne. Der Kaffee war vom Morgen, kalt und bitter geworden, aber den trank er seit Jahren, und einen anderen bestellte er nicht.
Dann passierte es.
Aus dem toten Winkel eines entgegenkommenden Kleinwagens schoss etwas Graues. Klein, schnell, direkt auf seine Spur. Linus trat das Bremspedal bis zum Anschlag durch. Der Sattelzug brüllte auf, der Auflieger zerrte nach rechts, irgendwo hinter ihm rutschten Paletten mit einem trockenen Krachen ineinander.
Dann nur noch die Scheibenwischer: wisch-wisch, wisch-wisch.
Er stieg aus, ohne den Motor abzustellen. Die Beine waren weich, als gehörten sie jemand anderem. Im Taschenlampenlicht sah er es: ein Katzenjunges, nass, verdreckt, die Rippen zeichneten sich unter dem Fell ab. Es sah Linus an mit Augen wie zwei vergessene Centstücke und miaute. Fast lautlos, nur das Maul ging auf und zu.
„Lebt", murmelte Linus. „Sieh mal einer an. Das lebt ja noch."
Das Kätzchen versuchte aufzustehen. Die Pfoten rutschten weg. Es kippte zur Seite und miaute jetzt im Liegen. Linus stand drei Minuten lang da. Der Regen lief hinten in den Kragen. Autos rauschten vorbei, Gischt spritzte, keine einzige wurde langsamer.
„Und was mach ich jetzt mit dir, hm?"
Das Kätzchen schwieg.
„Bis zur Raststätte nehm ich dich mit", entschied er. „Dann mal sehen."
Er hob es mit einer Hand auf – es passte komplett in seine Handfläche – und schob es unter die Jacke. Das Tier wehrte sich nicht. Es drückte sich an den Pullover und wurde ganz still.
In der Kabine fand er einen Schuhkarton. Hinein damit, auf ein altes Flanellhemd, das er nie mehr anzog. „Sitz still. Und keine Überraschungen, klar?"
Das Kätzchen rollte sich zusammen, machte die Augen zu und schlief nach fünf Minuten ein.
—
Die Raststätte Dammer Berge empfing sie mit weißem Neonlicht und dem Geruch von Diesel. Linus stellte den Motor ab, und die Ruhe nach acht Stunden Fahrt legte sich wie Watte auf die Ohren. Er nahm den Karton. Das Kätzchen hob den Kopf.
„Sind da", sagte Linus. „Hier laufen den ganzen Tag Leute rum. Irgendeiner nimmt dich mit. Ist warm hier, trocken, kein Regen."
Er platzierte den Karton neben der Wand, dort, wo die warme Luft aus dem Lüftungsschacht kam. Das Kätzchen schaute über den Rand.
Linus drehte sich um, ging zum Lkw. Zwanzig Schritte. Dreißig. Hinter ihm miaute es. Er öffnete die Tür, blieb stehen. Dann fluchte er leise, warf die Schlüssel zurück auf den Sitz und ging den Weg wieder zurück.
„Na gut", sagte er, hob den Karton auf. „Eine Nacht. Hörst du? Eine einzige. Morgen früh setze ich dich aus."
Das Kätzchen miaute, und Linus kam es so vor, als hätte es genickt.
In der Kabine wollte es nicht im Karton bleiben. Es kletterte heraus, arbeitete sich an seiner Jeans hoch auf den Schoß und fing an zu schnurren. Laut, angestrengt, wie ein alter Kühlschrank, der jeden Moment den Geist aufgibt.
„Wohin willst du? Los, runter da."
Das Kätzchen krallte sich am Stoff fest und blieb. Linus lehnte den Sitz zurück, zog die Jacke über sich. Das Tier tapste auf seine Brust, drehte sich zweimal um sich selbst und legte sich genau dort hin, wo das Herz schlug.
„Morgen setz ich dich aus", murmelte er im Halbschlaf. „Ganz sicher."
Er wachte um kurz nach sechs auf. Das Kätzchen saß an derselben Stelle und starrte ihn an, ohne zu blinzeln.
„Du bist vielleicht eine Frechheit", sagte Linus. „Na gut. Noch ein Tag. Der letzte."
—
Dieser „letzte Tag" reichte für Milch aus dem Raststätten-Shop, für eine Plastikschale und für eine Packung Taschentücher – für alle Fälle. Das Kätzchen schlabberte die Milch so gierig, dass die Ohren wackelten. Dann putzte es sich mit der Pfote, sorgfältig, fast erwachsen, als hätte es nie etwas anderes getan.
„Du lernst schnell", musste Linus zugeben.
Am Abend saß es nicht mehr im Karton, sondern auf dem Armaturenbrett. Es beobachtete die Straße mit einer Aufmerksamkeit, als hätte es zu jedem überholenden Wagen eine eigene Meinung.
„Falls du da runterfällst", warnte Linus, „dann klebst du an der Windschutzscheibe, das sag ich dir."
Kurz vor der Abfahrt zog vor ihm jemand über die durchgezogene Linie.
„Hast du das gesehen?" Linus schüttelte den Kopf. „So ein Vollidiot. Und nachher steht man eine Woche in der Werkstatt. Wegen so einem."
Das Kätzchen miaute.
„Genau. Seh ich auch so."
Da ertappte er sich dabei, dass er redete. Laut. Nicht mit sich selbst, wie es auf der vierten Fahrstunde passiert, sondern mit jemandem.
Am Abend holte er das Handy heraus und fotografierte das Kätzchen. Es war gerade auf das Lenkrad geklettert und saß da mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der genau weiß, wohin die Reise geht.
Das Foto schickte er Marion. Zum ersten Mal seit Monaten schrieb er ihr zuerst.
*„Das ist mein neuer Beifahrer."*
Marion tippte lange. Dann kam: *„Du? Mit Katze?"*
Und eine Minute später: *„Hätte ich nicht gedacht. Dass du dich um jemanden kümmern kannst."*
Linus starrte auf den Bildschirm. Weil sie recht hatte. Einundzwanzig Jahre waren sie zusammen gewesen, bevor sie vor drei Jahren getrennte Wege gegangen waren, und in all den Jahren war er entweder unterwegs gewesen oder hatte geschlafen, bevor er wieder unterwegs war.
—
Seinen Sohn rief er am nächsten Tag an. Einfach so. Zum ersten Mal einfach so.
Jonas ging nicht sofort ran.
„Papa? Ist was passiert?"
„Nichts ist passiert."
„Sicher? Du rufst doch nie einfach so an."
„Jetzt ruf ich eben mal an." Linus machte eine Pause. „Sag mal. Erinnerst du dich, als du mit neun eine Katze wolltest?"
Am anderen Ende wurde es still.
„Klar erinnere ich mich", sagte Jonas. „Du meintest, wir brauchen keine zusätzliche Belastung."
„Hab ich gesagt." Linus räusperte sich. „Das war Quatsch, Jonas. Ich hab eine Katze aufgelesen. An der Autobahn. Grau, völlig abgemagert."
Wieder Stille. Eine lange.
„Geht's dir gut?", fragte Jonas vorsichtig.
„Bestens. Ich hab's mir nur anders überlegt. Spät, aber immerhin."
„Das freut mich", sagte Jonas, und seine Stimme klang fremd, weil sie weich war. „Das freut mich wirklich, Papa."
„Ich weiß nur nicht, wie ich ihn nennen soll."
Jonas antwortete ohne Zögern:
„Herr Schröder."
„Warum Herr Schröder?"
„Weil ich den Namen schon damals hatte. Bevor ich dich überhaupt gefragt hab. Ich bin eine Woche lang durch die Gegend gelaufen und hab überlegt."
Linus saß lange da, das Handy in der Hand, und schaute auf das Kätzchen, das sich auf dem Handschuhfach zusammengerollt hatte.
„Hast du das gehört?", sagte er schließlich. „Du bist Herr Schröder. Auf dich hat man vierzehn Jahre gewartet."
—
Dann kam der Dezember. Herr Schröder wuchs, bekam Fell, verwandelte sich von einem grauen Lumpen in eine richtige Katze. Er entwickelte ein Gespür für die Straße: Vor Kurven duckte er sich, vor Bremsungen stemmte er die Pfoten gegen die Unterlage. Linus verlegte sein Körbchen hinter den Fahrersitz, kaufte richtiges Futter statt Milch und stellte eine eigene Wasserflasche in die Kabine – für die Katze.
„Völlig verwöhnt", brummte er. „Lebt besser als manche Leute."
Marion rief jetzt jeden Abend an. Nicht „Wo bist du" und nicht „Wann kommt Geld", sondern einfach so. Sie redeten wieder wie früher, bevor alles zäh und stumm geworden war.
„Wie geht's euch?"
„Passt schon. Wir fahren Kaffee. Herr Schröder kontrolliert die Strecke."
„Grüß ihn von mir."
Linus ertappte sich dabei, dass er auf diese Anrufe wartete. Dass er kurz vor acht den Klingelton lauter stellte, um sie nicht zu verpassen.
—
Die Berge kamen ohne Vorwarnung, wie Berge das so an sich haben. Morgens noch minus drei Grad und Sonne. Um sechs Uhr abends begann am Pass etwas, das Linus in vierzehn Jahren höchstens dreimal erlebt hatte.
Zuerst kam Schnee. Große, schwere Flocken, fast festlich. Dann frischte der Wind auf, und der Schnee fiel nicht mehr, sondern flog waagerecht. Die Sichtweite betrug vielleicht zehn Meter. Winterreifen hatte er schon im Oktober aufgezogen, aber Winterreifen helfen nicht, wenn man nicht sieht, wohin man fährt.
„Sieht schlecht aus, Herr Schröder", sagte Linus. „Wir ziehen das bis zum Rastplatz durch und warten ab."
Bis zum Rastplatz waren es noch siebzehn Kilometer. Herr Schröder saß auf dem Armaturenbrett, die Ohren nach vorn gerichtet, als wollte er den Schnee mit den Augen festhalten.
Dann passierte es.
Ein dunkler Lieferwagen kam aus dem Nichts, mit hoher Geschwindigkeit, auf der Gegenspur ins Schlingern geraten. Linus wich aus, spürte, wie der Auflieger brach, hörte das Bersten, bevor er es begriff. Das Lenkrad riss ihm fast die Arme aus den Gelenken. Die Welt kippte zur Seite, Glas splitterte, irgendwo klirrte die Thermoskanne, die er seit dem Morgen nicht mehr geleert hatte.
Dann Dunkelheit.
Als er wieder zu sich kam, war es still. Nur der Wind pfiff durch das zerstörte Seitenfenster. Er schmeckte Blut. Seine Rippen stachen, der linke Arm lag irgendwo unter ihm, und etwas drückte auf seine Brust, als säße da ein Mensch.
Herr Schröder.
Das Tier lag zusammengekrümmt auf seiner Brust, genauso wie in der ersten Nacht auf dem Rastplatz. Es atmete flach, schnell. Die Augen waren halb geschlossen, aber es lebte.
„Dass du mir nicht abhaust", krächzte Linus, und es kam ihm absurd vor, dass er das in diesem Moment sagte.
Er versuchte, sich zu bewegen. Der Schmerz fuhr durch ihn wie ein Stromschlag. Er sah den Spalt zwischen Tür und Rahmen, sah den Schnee, der in die Kabine rieselte, und begriff, dass die Fahrerkabine auf der Seite lag.
Dann hörte er Stimmen. Gestalten im Schnee. Ein rotes Blinklicht, das den Sturm in ein Irrenhaus aus roten Blitzen verwandelte.
—
Im Krankenhaus erfuhr er, dass er einen doppelten Rippenbruch erlitten hatte, eine Schulter ausgekugelt und außerdem einen Schock, der sich erst nach Stunden löste. Die Ärzte redeten, Linus hörte nicht zu.
„Wo ist die Katze?", fragte er die Schwester, die ihm den Arm neu verband.
„Die Katze?"
„Grau. War mit mir im Führerhaus."
Die Schwester schaute ihn an wie einen Menschen, der zu lange durch die Nacht gefahren ist.
„Ich frag mal nach."
Am Abend kam ein Polizist. Ein junger Mann mit einem Notizblock und dem vorsichtigen Gesichtsausdruck eines Menschen, der einen Verletzten nicht aufregen will.
„Der Unfall", begann er. „Nach den Zeugenaussagen und den Bremsspuren gehen wir davon aus: Der Fahrer des Lieferwagens war auf dem Schnee deutlich zu schnell unterwegs, hat die Kontrolle verloren und ist in Ihre Spur geraten. Sie haben versucht auszuweichen, dabei ist Ihr Lkw von der Fahrbahn abgekommen. Das wird sich so auch im Bericht wiederfinden. Die Schuldfrage ist eindeutig."
„Und er? Der Lieferwagen?"
„Ist im Straßengraben gelandet. Der Fahrer hatte Glück. Nur eine Platzwunde über der Augenbraue. Er stand neben seinem Wagen, als die ersten Rettungskräfte eintrafen."
Linus nickte. Aber die Wut, die in ihm aufstieg, war eine andere: Der Typ klettert aus seiner Blechkiste und steht nur da, während meine Kabine auf der Seite liegt und Herr Schröder …
„Und die Katze?"
Der Polizist blätterte in seinem Block. „Die Feuerwehr hat ein graues Tier aus dem Führerhaus geborgen. Es lag auf Ihrer Brust. Unter einer Jacke, soweit ich weiß. Das Tier ist in einer Tierklinik in der Nähe, in Wuppertal. Die Adresse … Moment …"
Linus schloss die Augen. Auf seiner Brust. Unter seiner Jacke. Es hatte sich an ihn gedrückt, und vielleicht hatte genau das verhindert, dass er im Schnee erfror.
—
Drei Nächte im Krankenhaus. Am vierten Tag stand er auf, obwohl die Ärzte es lächerlich nannten, und ließ sich von einem Taxi zur Tierklinik fahren. Die Schulter in einer Schlinge, die Rippen mit einem festen Verband, den Behandlungsbericht unterm Arm.
„Sie sind der Fahrer?", fragte die Tierärztin. Eine Frau um die fünfzig, mit müden Augen und dem rauen Charme von jemandem, der schon zu viele Nachtschichten hinter sich hat.
„Ja. Der Kater. Herr Schröder. Wie geht's ihm?"
„Er hat einen Schock und eine kleine Platzwunde an der linken Flanke. Sonst nichts. Der Kater hat enormes Glück gehabt." Sie machte eine Pause. „Wir haben ihn aufgepäppelt. Er ist der ruhigste Patient, den wir seit Monaten haben."
Sie führte ihn in einen kleinen Raum mit Käfigen. In einem davon saß Herr Schröder. Als er Linus erkannte, miaute er. Dünn, aber bestimmt.
„Na, du harter Kerl", sagte Linus. „Hast du gedacht, ich hau ab ohne dich?"
Herr Schröder drückte den Kopf gegen die Käfigtür. Linus öffnete den Verschluss. Das Tier kletterte an seinem Arm hoch, trotz der blauen Schlinge, trotz der Schmerzen, die der Bewegung folgten, und presste sich an seine Brust. Genau an die Stelle, wo das Herz schlug.
—
Die Versicherung übernahm die Behandlung, aber der Lkw war hin. Totalschaden. Der Arbeitgeber zog die Konsequenzen, von denen Linus gewusst hatte, dass sie kommen würden: Der Vertrag lief aus, eine Viertelmillion Euro Lohn über die nächsten Jahre bröselte wie trockener Lehm. Linus stand in der kleinen Küche seiner Wohnung in Bochum und schaute auf den Brief der Spedition, den der Postbote in den Briefkasten geworfen hatte, ohne zu ahnen, was drinstand.
„Und was jetzt?", fragte Marion am Telefon.
„Keine Ahnung."
„Du könntest wieder herziehen. Zu mir. Erstmal."
„Erstmal", wiederholte Linus. Das Wort schmeckte wie der kalte Kaffee aus der Thermoskanne.
In dem Moment sprang Herr Schröder auf den Tisch, stieß mit dem Kopf gegen seine Hand und legte sich dann auf den Brief, mitten auf die Worte, die Linus nicht laut gelesen hatte.
„Der will dir was sagen", sagte Marion.
„Was?"
„Dass du eine Katze hast, die sich auf deine Brust legt. Das ist mehr, als die meisten haben."
Linus lachte. Aber es war ein Lachen, das nichts mit Freude zu tun hatte, sondern mit der Einsicht, dass sie recht hatte – nicht mit der Katze, sondern mit allem.
—
Am nächsten Morgen rief er Jonas an.
„Ich hab eine Bitte", sagte er. „Kannst du mit dem Auto rüberkommen? Ich muss was abholen. Es gibt da eine Sache, die ich erledigen muss."
„Was ist mit deinem Arm? Du sollst noch nicht fahren."
„Ich weiß. Deshalb fährst du."
„Wohin?"
Linus schaute auf Herrn Schröder, der auf der von der Sonne beschienenen Fensterbank lag und mit den Pfoten zuckte, als träumte er von der Autobahn.
„Nach Wuppertal", sagte Linus. „Und dann nach Dortmund."
„Was ist in Dortmund?"
„Der Typ. Der Fahrer des Lieferwagens. Ich hab seine Adresse von der Polizei. Er wohnt in Dortmund-Hörde. Reinecke, so heißt er. Markus Reinecke."
Jonas schwieg eine Weile.
„Willst du ihm Vorwürfe machen? Ich meine, er wäre fast gestorben."
„Nein", sagte Linus. „Ich will ihn treffen. Das ist alles."
—
Jonas fuhr. Sie holten Herrn Schröder auf dem Rücksitz, weil die Katze in der Transportbox von Anfang an miaute, als forderte sie etwas, das Linus nicht verstand.
Markus Reinecke wohnte in einer schmalen Straße, gesäumt von Reihenhäusern, die aussahen wie müde alte Männer mit schiefen Hüten. Ein Mann um die vierzig, mit dunklem Pullover und dem misstrauischen Blick eines Menschen, der selten Besuch bekommt. Über der rechten Augenbraue eine frische Narbe.
„Sie?", sagte er, als er die Tür einen Spalt öffnete. „Sie sind der Fahrer, oder?"
„Ja", sagte Linus. „Der Fahrer."
„Was wollen Sie?"
Es hätte so laufen können: eine Abrechnung, ein Schwall aus Wut, die geballte Faust, die aus dem Arm mit der Schlinge gar nicht erst hochgekommen wäre. Aber Linus hatte zwei Tage lang nachgedacht, während Herr Schröder auf seiner Brust schlief und die Schmerzen in den Rippen ihn daran erinnerten, dass er noch lebte.
„Ich will nichts Schlimmes", sagte Linus. „Der Polizist hat mir gesagt, dass Sie zu schnell waren. Dass es Ihre Schuld war."
Reinecke wich einen halben Schritt zurück, als hätte ihn das getroffen.
„Ich weiß."
„Ich bin nicht hier, um Sie anzuzeigen." Linus hielt ihm einen Umschlag hin. „Ich bringe Ihnen das."
Reinecke nahm ihn zögernd, als könnte das Papier beißen.
„Was ist das?"
„Ein Brief. Kein amtliches Papier, keine Erklärung für die Versicherung. Nur ein paar Zeilen von mir. Dass ich Ihnen nichts nachtrage. Dass ich nicht klagen werde, auch wenn ich es könnte."
„Ich versteh nicht …"
„Ich hab zwei Tage nachgedacht. Wäre ich in der Kabine erfroren, wenn diese Katze nicht auf meiner Brust gelegen hätte – wüsste ich es nicht. Aber ich hab überlebt. Sie auch. Das reicht mir."
Reinecke schaute auf den Umschlag, nicht auf Linus.
„Warum tun Sie das?"
„Weil ich vierzehn Jahre lang allein gefahren bin", sagte Linus, „und weil ich erst jetzt begreife, dass es nicht ums Fahren ging. Es ging darum, dass ich dachte, ich bräuchte niemanden." Er atmete tief durch, und der Schmerz in den Rippen fühlte sich an wie eine Rechnung, die lange fällig gewesen war. „Sie haben einen Fehler gemacht. Das ändert nichts daran, dass ich Ihnen keinen Ärger machen will. Sie werden noch genug damit zu tun haben."
Reinecke starrte auf den Umschlag. Auf die Adresse, auf die Handschrift.
„Sie könnten mich verklagen", sagte er.
„Ich weiß. Aber ich will nicht."
„Sie sind verrückt."
„Vielleicht", sagte Linus.
Hinter ihm miaute Herr Schröder in seiner Transportbox.
—
Auf der Rückfahrt saß Jonas am Steuer, Linus auf dem Beifahrersitz, Herr Schröder in der Box auf dem Rücksitz.
„Papa?", sagte Jonas nach einer Weile.
„Ja?"
„Das mit dem Brief. Das ist …" Er suchte nach Worten. „Das ist ungewöhnlich."
„Findest du?"
„Du könntest ihn verklagen. Und stattdessen schenkst du ihm einen Brief, dass du es nicht tust."
„Es hätte mir nichts zurückgebracht. Den Lkw nicht, die Rippen nicht."
„Und was ist mit dem Job?"
„Der Lkw ist hin. Der Job ist es schon." Linus schaute aus dem Fenster, wo die A40 sich durch die verschneiten Hänge von Westfalen zog. „Aber die Katze ist da. Und du bist da. Und deine Mutter telefoniert jetzt jeden Abend. Das reicht für einen Neuanfang."
Jonas nickte. Und dann sagte er, mit einer Offenheit, die zwischen ihnen selten war:
„Ich bin froh, dass du den Kater aufgelesen hast."
„Ich auch", sagte Linus. „Ich auch."
—
Sechs Wochen später stand Linus in der kleinen Autowerkstatt in Bochum, die ihm ein alter Bekannter überlassen hatte, und besprühte ein Moped mit Trennmittel. Herr Schröder saß auf der Werkbank, die Vorderpfoten nach vorn gestreckt wie ein Navigator auf der Brücke.
„Bremsbeläge", sagte Linus zu ihm. „Bringen nicht viel ein. Aber es ist ein Anfang."
Herr Schröder blinzelte.
„Und ich hab dir was gekauft." Linus holte eine kleine, graue Decke aus dem Regal. „Damit du auf der Fahrt zur Arbeit nicht frierst. Ich hab nämlich gedacht, du kommst mit. Wenn du willst."
Herr Schröder schnurrte, und Linus spürte es bis in die Brust, dort, wo der Verband noch immer das Gefühl der kalten Nacht aufbewahrte.
—
Am ersten Abend in der Werkstatt saß Linus auf einem Ölkännchen und schaute auf sein Handy. Ein Anruf von Marion.
„Wie war dein erster Tag?"
„Mittelmäßig. Zwei Reifen gewechselt, eine alte Vespa repariert. Und die Katze hat die ganze Zeit auf der Werkbank gesessen und mich angeschaut, als würde sie jeden Handgriff beurteilen."
„Klingt nach einer besseren Zukunft als Lkw fahren."
„Kann sein", sagte Linus. „Ich bin gespannt, ob es klappt."
„Du hast vierzehn Jahre lang eine Sache gemacht, die dich krank gemacht hat", sagte Marion. „Jetzt probierst du was Neues. Das ist schon mal ein Anfang."
„Und wenn ich fertig eingerichtet bin, kommst du mich anschauen?"
Marion schwieg kurz. „Kann sein", sagte sie dann, und man hörte, dass sie es ernst meinte.
—
Acht Monate später stand in der Werkstatt eine kleine, mit Geschenkpapier beklebte Schachtel auf der Werkbank. Auf dem Zettel daneben stand in krakeliger Kinderhandschrift: *„Für den Mann, der meinem Vater geholfen hat."*
„Von Lukas", sagte Reinecke, der neben der Tür stand und sich die Hände rieb, als wäre ihm kalt, obwohl es draußen Sommer war. Er hatte angerufen und gefragt, ob er kurz vorbeikommen dürfe. „Ich hab den Umschlag nie zur Versicherung geschickt", sagte er, während Linus die Schachtel öffnete. „Ich hab stattdessen mit denen gesprochen und gesagt, wie es war. Dass ich zu schnell gefahren bin. Sie übernehmen jetzt einen Teil Ihres Verdienstausfalls."
Linus hielt inne, die Schachtel halb offen. „Das hätten Sie nicht tun müssen."
„Ich weiß." Reinecke zuckte mit den Schultern. „Aber ich konnte den Brief von Ihnen nicht behalten, ohne wenigstens das zu tun."
In der Schachtel lag ein kleines, in Silber gefasstes Foto von einem grauen Kätzchen. Es war Herr Schröder, gemalt nach dem Handyfoto, das Linus damals an Marion geschickt hatte – zusammengerollt, die Pfote ausgestreckt.
„Lukas hat Wochen dafür gebraucht", sagte Reinecke. „Wir haben übrigens eine Katze aus dem Tierheim geholt. Er nennt sie Pfeffer."
Linus betrachtete das Bild lange, ohne etwas zu sagen. Dann stellte er es auf das Regal über der Werkbank, genau dorthin, wo er jeden Morgen zuerst hinsah.
„Sag ihm Danke", sagte er schließlich. „Und dass er auf Pfeffer aufpassen soll."
Reinecke nickte und ging.
—
An diesem Abend saß Linus zu Hause in der Küche. Herr Schröder lag auf dem Brief des Arbeitgebers, der noch immer auf dem Tisch lag. Linus zog ihn unter der Katze hervor, faltete ihn einmal, zweimal, und legte ihn in die Schublade zu den anderen Unterlagen.
Er stellte die Kaffeemaschine an. Der Kaffee, den sie ausspuckte, war der erste seit vierzehn Jahren, der nicht aus einer Thermoskanne kam. Er schmeckte bitter, aber frisch.
Draußen klingelte es. Linus öffnete – Marion stand vor der Tür, eine Reisetasche über der Schulter, die Haare nass vom Regen.
„Ich hab gedacht, ich schau mal vorbei", sagte sie. „Bevor du dich zu sehr an die Werkstatt gewöhnst."
Linus trat einen Schritt zur Seite, um sie hereinzulassen. Herr Schröder sprang von der Werkbank – nein, vom Küchentisch – auf den Boden und strich Marion um die Beine, als hätte er sie erwartet.
„Na", sagte Marion und ging in die Knie, um ihn zu streicheln. „Du bist also der Grund, warum er wieder anruft."
„Einer der Gründe", sagte Linus.
Er goss zwei Tassen Kaffee ein, stellte eine vor Marion auf den Tisch, und Herr Schröder sprang auf den freien Stuhl zwischen ihnen, als gehörte er dort schon immer hin.







