Das letzte Stück Fleisch

„Also, packst du’s jetzt ein? Die Kinder warten im Auto, wir haben noch eine lange Fahrt vor uns.“ Katrin hielt die Grillzange über dem Rost und spürte, wie sich in ihrem Inneren alles zusammenzog, wie ein Drahtseil, das kurz vor dem Reißen stand. Der Rauch biss in ihren Augen, aber sie wandte den Blick nicht von ihrer Schwägerin ab. „Gabi“, sagte sie langsam und betonte jedes einzelne Wort, „das hier ist kein Schnellrestaurant. Und ich bin nicht deine Bedienung.“

„Stell dich doch nicht so an. Wickel uns das Fleisch einfach in Alufolie, wir haben wirklich keine Zeit, um uns jetzt noch zu euch an den Tisch zu setzen“, entgegnete Gabi und verschränkte die Arme vor der Brust, als stünde sie an einer Imbissbude in Freiburg und warte auf eine Currywurst.

Thomas, Katrins Mann, stand wie versteinert neben der Gartenbank, in der Hand eine geöffnete Flasche Mineralwasser. Sein Blick pendelte zwischen seiner Schwester und seiner Frau hin und her. Er wusste genau: Was sich hier seit drei Monaten aufstaute, würde jetzt explodieren.

Katrin ließ die Zange langsam sinken, legte sie bewusst auf den Holztisch neben dem Grill. Die Schenkel des Hühnchens auf dem Rost zischten, eine Fettflamme schoss kurz hoch, aber sie beachtete es nicht. „Weißt du, was ich nicht verstehe, Gabi?“, sagte sie ruhig. „Du kommst seit Mai jedes einzelne Wochenende hierher. Nicht ein einziges Mal hast du gefragt, ob es uns passt. Nicht ein einziges Mal hast du auch nur eine Schale Kartoffelsalat mitgebracht. Aber heute reicht es dir nicht mal mehr, dich an den gedeckten Tisch zu setzen – du willst das Essen gleich mitnehmen, weil du keine Zeit hast. Merkst du eigentlich noch was?“

Gabis Gesicht verfärbte sich, ein schneller Wechsel von gekränktem Weiß zu zornigem Rot. Sie drehte sich hilfesuchend zu ihrem Mann Marco um, der bis eben am Gartentor gelehnt und auf sein Handy gestarrt hatte. Der steckte es nun hastig weg und blickte angestrengt zur Straße, als gäbe es dort etwas ungemein Interessantes. Aus dem offenen Fenster des silbernen Kombis drang das blecherne Gedudel eines Zeichentrickfilms.

„Willst du uns jetzt etwa einen Vorwurf machen?“, fragte Gabi, und ihre Stimme zitterte vor gespielter Empörung. „Weil wir an einem Samstag kurz bei unserem Bruder vorbeigekommen sind?“

„Nein, ich mache euch keinen Vorwurf, weil ihr vorbeigekommen seid. Ich sage dir nur, dass du unseren Garten seit Wochen behandelst wie eine kostenlose Kantine.“ Katrin zog sich den Ofenhandschuh von der rechten Hand und warf ihn auf den Tisch. Das dumpfe Geräusch hing schwer in der Stille. „Es reicht. Es reicht einfach, Gabi. Du kommst Punkt zwölf, isst für zehn Leute, die Kinder verwüsten den Rasen, und um vier seid ihr wieder weg. Ohne einmal gefragt zu haben, ob du vielleicht den Abwasch machen willst. Ist dir das nie komisch vorgekommen?“

Um zu verstehen, wie es zu diesem Showdown am Holzkohlegrill kommen konnte, muss man drei Monate zurückspringen, in einen April, der so mild und verheißungsvoll begann, dass niemand den aufziehenden Sturm ahnte.

Katrins Mutter war, kaum dass der letzte Frost vorbei war, zu ihrer jährlichen Auszeit nach Meran gefahren. Seit zwanzig Jahren fuhr sie in denselben kleinen Gasthof, den eine Jugendfreundin betrieb. Sie hatte Katrin vor der Abfahrt einen dicken Zettel in die Hand gedrückt: „Die Tomaten nicht vergessen zu gießen, die Rosen müssen gedüngt werden, und vergiss nicht, den Gashahn am Grill zu kontrollieren.“ Das Häuschen am Rande des Mooswalder Mooses, ein Holzbau mit verwinkeltem Grundstück, war ihr ganzer Stolz. Katrin und Thomas freuten sich jedes Jahr darauf, aus der stickigen Dachwohnung in Freiburg hierher zu fliehen. Thomas, der als Grafikdesigner ortsunabhängig arbeitete, verlegte sein Büro kurzerhand auf die schattige Terrasse unter den Ahorn. Katrin liebte es, samstags den großen Grill anzufeuern – es war ihr Ritual, das Herzstück ihres Sommers.

Das erste Mal, dass Gabi mit ihrer Familie auftauchte, wirkte es wie ein glücklicher Zufall. Sie rief an einem Samstagmorgen um halb zehn an: „Wir machen gerade eine kleine Fahrradtour, und zufälligerweise sind wir hier in der Gegend. Sollen wir kurz bei euch reinschauen? Wir haben uns ewig nicht gesehen!“ Katrin hatte sich gefreut. Sie hatte ein gutes, wenn auch nicht übertrieben herzliches Verhältnis zu ihrer Schwägerin. Man sah sich zu Geburtstagen und Weihnachten, kein böses Blut, keine tiefe Freundschaft. Thomas war begeistert, seine Schwester und seine Nichten zu sehen. Katrin zauberte aus dem Kühlschrank, was der Vorrat hergab. Es gab gegrillte Würstchen, Salate, selbstgebackenes Brot. Gabis Kinder tollten glücklich über die Wiese, schaukelten stundenlang unter der alten Eiche, und Marco, Gabis Mann, erzählte von seinem neuen Job in der IT-Abteilung einer Bank. Als sie am späten Nachmittag fuhren, winkte Gabi fröhlich aus dem Fenster: „Das war so schön, das müssen wir bald wiederholen!“

Das taten sie. Schon am nächsten Samstag. Und am übernächsten. Ohne Anruf. Ohne Vorwarnung. Pünktlich um halb zwölf hörte Katrin das Knirschen der Reifen auf dem Kiesweg. Thomas saß mit seinem Laptop auf der Terrasse, vertieft in ein Layout, während Katrin in der Küche stand und mit einem Auge schon nach dem Grill schielte. Es wurde zur Gewohnheit. Gabi und Marco kamen nicht, um zu besuchen – sie kamen, um zu essen. Die Kinder rannten barfuß durch die Beete, und während Katrin den Tisch deckte, saß Gabi auf der Hollywoodschaukel und scrollte auf ihrem Telefon. „Boah, dieser Duft!“, rief sie dann, wenn der Rauch aufstieg. „Bei euch schmeckt einfach alles besser als zu Hause!“

Anfangs redete sich Katrin die wachsende Irritation aus. „Du bist bloß kleinlich“, sagte sie sich, als sie den dritten Samstag in Folge Fleisch für sechs Personen marinierte, den vierten Salat wusch und das fünfte Mal die dreckigen Teller der Schwägerin in die Spülmaschine räumte. Sie redete sich ein, dass es doch schön sei für Thomas, der seine Familie sonst so selten zu Gesicht bekam. Doch als Gabi eines Tages anrief und fragte: „Sag mal, ist euer Grill morgen an? Ich hab einer Freundin und ihren Kindern gesagt, sie könnten auch vorbeikommen, sie wollen die Idylle hier auch mal sehen“, da riss in Katrin eine erste, feine Naht. Es kamen nicht einfach Gäste. Es kam ein Schwarm. Ein Schwarm, der nichts mitbrachte außer Hunger.

Katrin versuchte, das Thema vorsichtig bei Thomas anzusprechen. Es war an einem lauen Juniabend, nachdem die Verwandtschaft wieder abgerauscht war und einen Haufen Pappteller auf der Terrasse hinterlassen hatte. „Thomas“, sagte sie, während sie das dreckige Besteck in die Spüle legte, „ist dir eigentlich klar, dass deine Schwester heute mit insgesamt acht Leuten hier war und nicht einen müden Euro dazugelegt hat?“

Thomas schaute von seinem Telefon auf. Seine Miene war abwesend, er hatte gerade die Spielstände gecheckt. „Ach, Katrin, jetzt übertreib nicht. Sie sind halt gern hier. Das ist doch ein Kompliment. Und Marco hat doch den Wein mitgebracht.“ Katrin lachte freudlos auf. „Eine Flasche Wein vom Discounter für acht Euro. Weißt du, was mich allein das Fleisch heute gekostet hat? 47 Euro. Die Getränke, den Käse, das Brot noch nicht mal mitgerechnet. Und es geht nicht ums Geld, Thomas. Es geht darum, dass sie es für selbstverständlich hält. Dass sie mich nicht einmal fragt, ob sie helfen kann. Sie lehnt sich zurück und lässt mich ackern, Woche für Woche, während sie so tut, als wäre unser Garten eine All-Inclusive-Anlage.“

Thomas stellte sein Glas ab und seufzte. „Sie ist meine Schwester. Ihre Kinder sind meine Patenkinder. Ich kann ihnen doch nicht sagen, sie sollen nicht mehr kommen.“ „Darum geht es nicht!“, rief Katrin lauter als beabsichtigt. „Es geht nicht ums Kommen. Es geht darum, wie sie kommen. Als ob sie ein Recht darauf hätten, bekocht zu werden. Als ob meine Zeit nichts wert ist. Mittlerweile plane ich meinen ganzen Samstag nur noch um ihr Mittagessen herum. Unseren Samstag, Thomas!“ Er wandte sich ab, murmelte etwas von „Konfliktvermeidung“ und „Familienfrieden“, und sie wusste, dass dieses Gespräch ins Leere laufen würde. In dieser Nacht lag sie lange wach und lauschte dem Rauschen der Bäume, während sich in ihrer Brust ein Knoten fester und fester zog. Sie fühlte sich nicht mehr als Gastgeberin. Sie fühlte sich als Dienstleisterin.

Der Samstag Ende Juli schlug dem Fass den Boden aus. Es war drückend heiß, der Asphalt vor dem Haus flimmerte. Katrin hatte extra für alle eine große Portion marokkanische Hähnchenspieße vorbereitet, für die sie am Freitagabend zwei Stunden in der Küche gestanden hatte, um die Marinade aus Joghurt, Minze und Ras el-Hanout anzurühren. Marco und Gabi tauchten auf, diesmal sogar schon um elf, eine Dreiviertelstunde früher als sonst. Katrin war noch nicht mal umgezogen, trug noch ihre alte Jeans und ein ausgeblichenes T-Shirt. „Wir müssen leider gleich wieder los“, eröffnete Gabi anstelle einer Begrüßung, während sie aus dem Auto stieg. „Marco hat um halb zwei einen Termin in der Stadt, ganz spontan. Aber die Kinder hatten so einen Hunger, und wir dachten, wir holen uns eben kurz eine Kleinigkeit, bevor wir weiterfahren. Machst du uns schnell ein paar Spieße fertig?“

Da stand Katrin, in der einen Hand die Grillbürste, in der anderen den Teller mit den rohen Spießen, und starrte ihre Schwägerin an. Zeit schien sich zu dehnen und gleichzeitig rasend schnell abzulaufen. Die Kinder im Auto wurden unruhig, eines begann zu quengeln. Und Gabi, die Arme vor der Brust verschränkt, blickte Katrin erwartungsvoll an, mit dieser unerschütterlichen Selbstverständlichkeit, die sie über die Monate kultiviert hatte. Katrin fühlte, wie die Wut in ihr hochstieg, ein dunkler, heißer Strom, der endlich sein Bett gefunden hatte.

„Gabi“, sagte Katrin und legte die Bürste ab. Jedes Wort saß präzise. „Das hier ist kein Schnellrestaurant. Und ich bin nicht deine Bedienung. Du kannst nicht einfach so ankommen, nicht guten Tag sagen und verlangen, dass ich dir das Essen einpacke, weil du keine Zeit hast.“ Gabi blinzelte, als hätte sie sich verhört. „Wie bitte? Was ist denn jetzt los? Wir sind doch Familie, da wird man doch wohl mal fragen dürfen.“ „Fragen, ja. Aber fordern, wie du es seit Wochen tust, nein. Du hast Recht, wir sind Familie. Und bei Familie hilft man sich. Aber was du hier veranstaltest, ist Einbahnstraße. Du nimmst und nimmst und nimmst. Meine Zeit, meine Energie, mein Geld. Und du hast dich noch nicht einmal dafür bedankt, geschweige denn, dass du jemals gesagt hättest: ‚Katrin, lass mich heute mal den Grill übernehmen.‘“ Katrins Stimme war ruhig, aber sie trug die Schwere von drei Monaten mit sich. Marco kam zum Auto, ein verlegenes Lächeln auf den Lippen, das sofort gefror, als er Katrins Gesicht sah.

„Also geht es ums Geld, ist es das?“, fragte Gabi scharf. „Hätte ich dir was zustecken sollen, oder wie? Soll ich jetzt für jedes Mal, wo wir hier waren, nachträglich bezahlen? Die Spieße kosten doch nicht die Welt.“ Katrin lachte auf, ein Lachen, das völlig ohne Humor war. „Geld? Weißt du, was mich der Einkauf gestern gekostet hat? 85 Euro. Für einen Nachmittag. Und es geht mir nicht um das Geld, Gabi. Es geht um den Respekt. Den du nicht hast. Du hast dich hier breitgemacht wie ein Gast, der für ein VIP-Ticket bezahlt hat, aber du hast kein Ticket. Du hast nur guten Willen in Anspruch genommen und ihn restlos aufgebraucht.“

Thomas trat hinter Katrin aus der Terrassentür. Sein Gesicht war bleich. Er legte eine Hand auf Katrins Schulter, und sie wusste, dass er sie jetzt zum Schweigen bringen wollte, um die Eskalation abzufangen. Aber es war zu spät. Gabis Augen blitzten, und sie funkelte ihren Bruder an. „Thomas, sag du doch mal was! Deine Frau beschimpft hier deine Schwester. Findest du das in Ordnung?“ Ein langer, quälender Moment der Stille entstand, in dem nur das Zischen des Grills und das ferne Kreischen eines spielenden Kindes vom Nachbargrundstück zu hören waren. Thomas‘ Blick irrte zwischen seiner Frau und seiner Schwester umher. Katrin kannte diesen Blick. Es war der Blick eines Mannes, der sich nie entscheiden konnte, der es allen recht machen wollte und es damit allen falsch machte. „Also… ich… also, vielleicht hast du es ja nicht so gemeint, Gabi. Und Katrin, nicht so streng. Ist doch ein schöner Tag, lasst uns…“ „Nein!“ Katrins Stimme schnitt durch seine hilflosen Worte wie ein Messer. Sie schüttelte seine Hand ab und machte einen Schritt auf Gabi zu. „Thomas, wenn du jetzt nicht endlich ehrlich bist, dann ist das nicht nur Gabis Schuld. Du hast das jedes Wochenende gesehen. Du hast gesehen, wie ich bis mittags in der Küche stehe und deine Schwester es sich in unserer Hängematte bequem macht. Du hast gesehen, wie die Kasse immer leerer und ich immer erschöpfter wurde. Und du hast geschwiegen. Aus reiner Feigheit. Also sag es jetzt, ein einziges Mal in deinem Leben. Sag deiner Schwester, wie es ist.“

Thomas schluckte. Er sah seine Schwester an. Gabi blickte ihn triumphierend an, sicher, dass er sich auf ihre Seite schlagen würde. Dann sah er Katrin an, und er sah die Erschöpfung in ihren Augen, die tiefen Schatten, die sich in diesen Sommer unter sie gelegt hatten. Und endlich fiel der Groschen. „Gabi“, sagte er, und seine Stimme klang heiser und fremd, „Katrin hat recht. Es tut mir leid, aber es ist so. Ihr kommt jedes Wochenende, und es ist, als ob… als ob ihr nur wegen des Essens hier seid. Es ist einfach zu viel. Wir schaffen das so nicht mehr. Ich… ich will auch einfach mal meine Ruhe mit meiner Frau.“

Die Farbe wich aus Gabis Gesicht. Der Triumph in ihren Augen erlosch und machte einer tiefen, ungläubigen Verletztheit Platz. Sie starrte ihren Bruder an, als wäre er ein völlig Fremder geworden. Marco räusperte sich verlegen, legte die Hand auf den Türgriff des Autos. „So, so“, flüsterte Gabi. „Das ist also der Dank. Der Dank dafür, dass wir den weiten Weg auf uns nehmen, um eure Einsamkeit hier draußen zu unterbrechen. Na, dann herzlichen Glückwunsch. Ihr habt, was ihr wollt.“ Sie riss die Autotür auf, setzte sich auf den Beifahrersitz und knallte sie zu, dass die Scheibe klirrte. Die Kinder hinten im Kombi brachen in erschrockenes Weinen aus. Marco nickte Katrin und Thomas steif zu und stieg auf der Fahrerseite ein. Der Motor heulte auf, Kies spritzte gegen den Holzzaun, und dann war der silberne Kombi verschwunden. Nur eine dichte Wolke aus Staub blieb auf dem Weg zurück.

Katrin stand da, die Arme hingen ihr schwer herunter. Die Anspannung wich einer bleiernen Leere. Neben ihr stand Thomas, starrte auf den leeren Weg und sah aus wie ein geprügelter Hund. Der Grill qualmte noch, das Hähnchen war auf der Unterseite schwarz verkohlt. Ein ganzer Sommer der Wut und Enttäuschung lag nun offen zwischen ihnen, und es gab nichts mehr zu sagen.

Drei Wochen vergingen. Die Augusthitze brütete über dem Grundstück. Die Stille war anfangs drückend, dann, ganz langsam, heilsam. Thomas und Katrin sprachen wenig in den ersten Tagen nach dem Eklat. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Eines Abends, die Sonne färbte den Himmel über dem Mooswald in tiefes Orange und Rosa, saß Thomas mit einem Glas Wein auf der Terrasse und starrte auf sein stummes Telefon. „Gabi hat sich seitdem nicht gemeldet“, sagte er. Katrin, die mit einem Buch in der Hängematte lag, klappte es zu. „Das ist ihr gutes Recht. Ich habe die Brücke auch nicht abgebrannt, aber ich werde der Erste sein, der sie wieder aufbaut. Sie muss selbst drauf kommen.“ Thomas nickte langsam. Es war eine neue Seite in ihrer Beziehung, eine, auf der geschwiegen wurde, aber nicht aus Feigheit, sondern aus gemeinsam getragener Schwere.

Erst an einem verregneten Sonntagmorgen, der Himmel so grau, dass die Dämmerung den ganzen Tag über anzuhalten schien, klingelte das Telefon bei Thomas. Auf dem Display erschien Gabis Name. Er nahm das Gespräch an und sagte nichts, hörte nur zu. „Ich habe nachgedacht, Thomas.“ Gabis Stimme war leise, ohne jede Spur von Aggression, dafür mit einem fremden, nachdenklichen Unterton. „Die ganze letzte Woche. Und davor, als die Kinder wieder zur Schule mussten und ich Zeit hatte. Es war wirklich so. Es war so, wie Katrin gesagt hat. Ich habe es nicht gemerkt, oder ich wollte es nicht merken. Es war so einfach, sich bei euch einzuladen und sich verwöhnen zu lassen. Ich hab mich benommen wie eine selbstverständliche Idiotin. Es tut mir leid. Wirklich leid. Sag das bitte auch Katrin.“ Thomas spürte einen dicken Kloß im Hals. Er atmete tief durch. „Danke, Gabi. Das… das bedeutet mir viel. Und Katrin auch.“ Ein kurzes Schweigen. „Marco und ich… also, wir würden euch gern einladen. Nächstes Wochenende bei uns im Garten. Ich werde kochen. Alles. Ohne Hilfe. Und wenn ihr am Nachmittag einfach wieder fahren wollt, ist es okay. Ich will nur, dass ihr seht, dass ich es ernst meine.“ Thomas lächelte, das erste echte Lächeln seit Wochen. „Wir kommen. Freuen uns drauf.“ Er legte auf und ging hinaus zu Katrin, die unter dem Vordach saß und den Regen beobachtete. Er legte ihr die Decke um die Schultern, die sie für ihn gestrickt hatte, und erzählte ihr von dem Anruf. Katrin hörte zu, und dann legte sie langsam ihren Kopf an seine Schulter. Sie sagte kein Wort, nickte nur.

Es war keine spektakuläre Versöhnung, kein großes Drama mit Tränen und Umarmungen. Aber es war ein Anfang. Ein Jahr später, an einem Sommerabend, der genauso duftete wie der des letzten Jahres, saß Katrin in Gabis Garten unter einem Pavillon. Auf dem Tisch standen Schüsseln mit Couscous-Salat, gegrilltes Gemüse und eine riesige Platte mit Lammspießen, die Gabi mit einer Konzentration und Hingabe zubereitet hatte, die Katrin tief berührte. „Weißt du, was ich am meisten bereut habe?“, fragte Gabi und reichte ihr die Platte. „Dass ich dich damals an dem Samstag nicht einfach gebeten habe, den verdammten Grill auszumachen und dich stattdessen mit einer Limonade zu uns in den Schatten zu setzen. Stattdessen hab ich noch mehr von dir verlangt. Das war so unverschämt.“ Katrin nahm sich einen Spieß und grinste. „Ja, das war es. Aber weißt du was? Du machst verdammt gute Lammspieße. Und ich sitze heute einfach nur so lange hier, bis du sie mir in Alufolie für den Heimweg einpackst.“ Beide Frauen lachten, ein Lachen, das leichter war als der Rauch, der an diesem Abend von Gabis Grill aufstieg und sauber nach Rosmarin und Olivenholz roch.

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