Die Frau, die 54 Jahre lang jeden Abend ihre Füße zeigen musste

Ich war zweiundachtzig, als der Arzt mir nach der Untersuchung diese Frage stellte. Er hatte die Röntgenbilder lange angesehen, war aufgestanden, hatte die Tür abgeschlossen und sich wieder gesetzt. Dann fragte er mich, ob mein Mann mich jemals zu etwas gezwungen hätte.

Ich erschrak. Und dann sagte ich die Wahrheit.

„Ja. Vierundfünfzig Jahre lang."

Der Stift in seiner Hand blieb über dem Papier stehen. Er sah zur Tür. Draußen saß Heinrich, mein Mann, mit dem ich seit sechsundfünfzig Jahren verheiratet war. Wir leben in einer kleinen Stadt bei Freiburg, in einer Wohnung über einer Bäckerei, wo jeden Morgen um fünf der Geruch von frischen Brezeln durch die Ritzen der Fenster zieht. Heinrich saß also draußen im Flur des Universitätsklinikums, und der Arzt dachte vermutlich das Schlimmste.

An diesem Morgen war ich in der Küche gestürzt. Nichts gebrochen, aber die Bilder zeigten alte Verletzungen. Brüche, die längst verheilt waren. Narben im Gewebe. Manche konnte ich nicht einmal zuordnen.

„Woher stammen diese alten Verletzungen?", hatte er gefragt.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht."

Daraufhin hatte er Heinrich gebeten, draußen zu warten.

Jetzt saß er mir gegenüber und wählte seine Worte sehr vorsichtig. „Frau Berger, hat Ihr Mann jemals kontrolliert, wohin Sie gehen?"

Ich musste lachen. „Ja."

„Hat er Ihnen Dinge verboten?"

„Oft."

„Hat er Sie jemals körperlich festgehalten?"

Ich dachte kurz nach. „Ja, das hat er."

Der Arzt legte den Stift hin. „Und hat er Sie gezwungen, Dinge zu tun, die Sie nicht wollten?"

Ich sah ihn an. „Jeden Abend. Vierundfünfzig Jahre."

Er schrieb nichts mehr mit. „Was hat er Sie gezwungen zu tun?"

Ich holte tief Luft. „Jeden Abend, bevor ich schlafen durfte, musste ich Schuhe und Socken ausziehen. Dann musste ich mich unter die hellste Lampe im Badezimmer setzen."

Sein Gesicht veränderte sich. Ich redete weiter.

„Ich durfte nicht ins Bett, bis er meine Füße, meine Hände und einen Teil meines Rückens kontrolliert hatte. Manchmal musste ich mich umdrehen. Manchmal die Arme heben. Manchmal musste ich Kleidung zur Seite schieben, damit er sicher sein konnte, dass ihm nichts entgangen war."

Der Arzt war sichtlich angespannt. „Und Sie wollten das nicht?"

„Viele Abende nicht."

„Und er hat trotzdem weitergemacht?"

„Immer."

Dann erzählte ich ihm die Teile, die noch schlimmer klangen. Heinrich ließ mich nie allein sehr heiß baden. Er verbot mir, draußen barfuß zu laufen. Neue Schuhe durfte ich erst tragen, nachdem er sie selbst geprüft hatte. Jahrelang hatte er einen kleinen Spiegel im Handschuhfach des Autos, und auf langen Fahrten hielt er manchmal an und sagte: „Zeig mir deine Füße."

Einmal, ich war jünger und wütender, warf ich den Spiegel aus dem Fenster. Wir standen auf einem Rastplatz an der A5, irgendwo zwischen Karlsruhe und Freiburg. Heinrich stieg wortlos aus, ging zurück, fand den Spiegel im Gras und legte ihn zurück ins Handschuhfach.

„Du kannst mich dafür hassen", sagte er. „Aber ich höre nicht auf."

Der Arzt schwieg lange. Dann fragte er: „Haben Sie jemals daran gedacht, ihn zu verlassen?"

Ich lachte leise. „Sehr oft."

Er wurde blass. Da wusste ich, dass es Zeit war, den Rest zu erzählen.

„Aber es gibt etwas, das Sie nicht wissen." Ich legte meine Hand auf den Tisch. „Ich spüre fast keine Schmerzen."

Er starrte mich an. „Wie meinen Sie das?"

Und ich erzählte ihm, was vor vierundfünfzig Jahren passiert war.

Ich war achtundzwanzig. Heinrich und ich waren erst zwei Jahre verheiratet, als ich einen schweren Autounfall hatte. Ich überlebte. Ich konnte gehen, meine Arme bewegen. Von außen sah es aus, als hätte ich mich fast vollständig erholt.

Aber der Unfall hatte Nerven beschädigt. Seitdem spüre ich in bestimmten Körperregionen kaum noch Schmerz oder Temperatur. Anfangs wirkte das fast wie ein Vorteil. Ich scherzte damals: „Wenigstens tun mir die Füße nicht mehr weh."

Dann kam Heinrich eines Tages in die Küche und sah eine kleine Blutspur unter meinem Fuß. Ich war in eine Glasscherbe getreten. Und hatte es nicht bemerkt. Ich war durch die ganze Wohnung gelaufen.

Ein anderes Mal verbrühte ich mir den Fuß mit heißem Wasser und merkte es erst Stunden später. Beim dritten Mal steckte ein kleines Metallteil in meinem Schuh. Ich lief den ganzen Tag darauf. Als Heinrich es abends sah, brauchte ich bereits medizinische Behandlung.

Im Krankenhaus sagte ein Arzt damals einen Satz zu Heinrich, von dem ich erst viel später erfuhr: „Die größte Gefahr sind die Dinge, die sie nicht spürt. Eine Wunde. Eine Verbrennung. Eine Infektion. Was bei anderen sofort wehtut, kann bei ihr tagelang unbemerkt bleiben."

Und von dieser Nacht an wurde Heinrich das, was mein Körper nicht mehr sein konnte. Mein Alarmsystem.

An diesem ersten Abend sagte er: „Zeig mir deine Füße."

Ich war wütend. „Ich bin kein Kind."

„Weiß ich."

„Dann lass mich in Ruhe."

„Nein."

Am nächsten Abend wieder. Und wieder. Und wieder. Nach ein paar Monaten war ich es leid. Einmal schrie ich ihn an: „Du kontrollierst mich!"

Seine Antwort machte mich damals rasend: „Wenn es sein muss, ja."

Jahrelang verstanden nicht einmal unsere Kinder, warum ihr Vater mich nicht schlafen ließ, ohne mich vorher zu „untersuchen". Ich scherzte manchmal, ich hätte den nervigsten Mann der Welt geheiratet.

Aber es gab Nächte, in denen diese nervige Gewohnheit mich gerettet hat.

Einmal sah Heinrich einen dunklen Fleck an meiner Fußsohle. Ich spürte nichts. Am nächsten Tag fand der Arzt einen dünnen Holzsplitter und eine beginnende Infektion. Ein anderes Mal bemerkte er eine gereizte Stelle auf meinem Rücken, die ich nicht gespürt hatte. Wieder ein anderes Mal eine kleine Verbrennung an meiner Hand, von der ich nicht einmal wusste, woher sie kam.

Vierundfünfzig Jahre, fast jeden Abend dasselbe. Und jedes Mal, wenn ich sagte: „Ich bin müde heute", antwortete er: „Fünf Minuten. Dann kannst du schlafen."

Ich beendete die Geschichte. Der Arzt sagte einen Moment lang nichts. Dann stand er auf, ging zur Tür und öffnete sie.

Heinrich kam sofort herein, besorgt. „Was ist los?"

Der Arzt sah ihn an. „Ihre Frau hat mir erzählt, dass Sie sie vierundfünfzig Jahre lang gezwungen haben, Sie jeden Abend ihren Körper untersuchen zu lassen."

Heinrichs Gesicht verlor alle Farbe. „Helene…"

Ich musste lachen. „Keine Sorge. Ich habe ihm alles erzählt."

Heinrich setzte sich neben mich. Der Arzt holte noch einmal eines der Bilder hervor.

„Tatsächlich ist Ihnen diesmal etwas entgangen", sagte er.

Wir sahen ihn beide an. Er zeigte auf meinen rechten Fuß. Ich hatte mir offenbar ein paar Tage zuvor eine kleine Verletzung zugezogen und nichts davon bemerkt. Heinrich hatte sie auch nicht gesehen, weil sie zwischen meinen Zehen lag.

Es war nichts Ernstes. Aber der Arzt sagte: „Wenn das ein paar Wochen unbemerkt geblieben wäre, hätte es zu einem ernsten Problem werden können."

Heinrich drehte sich zu mir um. Ich kannte diesen Blick. Es war derselbe Blick wie vor vierundfünfzig Jahren.

„Fang nicht an", sagte ich.

„Ab jetzt kontrolliere ich auch zwischen deinen Zehen."

„Heinrich."

„Der Arzt hat gerade gesagt…"

Der Arzt konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Ich auch nicht.

Dann sah ich Heinrichs Hände an. Sie waren alt geworden. Die Finger nicht mehr so sicher wie früher. Und mir wurde plötzlich etwas klar, worüber ich in all den Jahren nie richtig nachgedacht hatte.

Die Leute sagen, Liebe bedeute, jeden Tag „Ich liebe dich" zu sagen. Heinrich war darin nie besonders gut gewesen. Sein „Ich liebe dich" sah anders aus. Es sah aus wie eine grelle Lampe im Badezimmer. Ein kleiner Spiegel im Handschuhfach. Die Worte: „Zeig mir deine Füße."

Und ein Mann, der vierundfünfzig Jahre lang jeden Abend nach dem Schmerz suchte, den ich selbst nicht mehr spüren konnte.

Ich nahm seine Hand.

„Du hast mich wirklich ein halbes Leben lang gezwungen."

Er sah mich an. „Ich weiß."

„Und weißt du, was das Schlimmste ist?"

„Was?"

Ich grinste. „Jetzt fange ich an, dich zu zwingen."

„Wozu?"

„Zum Optiker. Du brauchst eine neue Brille. Heute ist dir was entgangen."

Mit zweiundachtzig verließ ich das Universitätsklinikum Hand in Hand mit Heinrich. Unten vor dem Eingang stand wie immer der kleine Kiosk, der frische Brezeln verkauft, und Heinrich kaufte mir eine, obwohl ich keinen Hunger hatte. Er tat das seit Jahrzehnten bei jedem Krankenhausbesuch. Als ob eine Brezel alles wiedergutmachen könnte.

Ich ließ ihn.

Zuhause zog er noch am selben Abend einen kleinen Hocker ins Badezimmer, setzte sich unter die Lampe und öffnete die Schublade mit der Nagelschere, die er eigens für meine Fußpflege gekauft hatte. Er kontrollierte jeden Zeh einzeln, sogar die Zwischenräume, mit einer Taschenlampe, die unsere jüngste Tochter ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. „Für den Notfall", hatte sie gesagt. Sie wusste nicht, wofür.

Am nächsten Morgen rief ich beim Optiker in der Salzstraße an und machte einen Termin. Auf dem Kalender schrieb ich: Heinrich, neue Brille, 11:30.

Als er am Nachmittag mit seinem alten Gestell nach Hause kam, hielt er eine Tüte vom Bäcker hoch.

„Für dich", sagte er.

„Du hattest einen Termin."

„Ich weiß. Aber der Optiker hatte keine Zeit. Morgen um zehn."

Ich nahm die Tüte. Ein Laugenweckle. Er kaufte mir jeden Tag eins, seit ich ihm vor Jahren gesagt hatte, dass ich sie nach dem Unfall am liebsten mochte, weil sie weich genug zum Kauen waren, wenn mein Kiefer wieder schmerzte.

Ich stellte die Tüte auf den Tisch.

„Dann gehst du morgen um zehn", sagte ich. „Und ich komme mit."

Am Abend duschte er, zog sein Nachthemd an und wartete, bis ich im Bett lag. Dann knipste er die Lampe im Badezimmer an. Ich hörte das vertraute Geräusch seiner nackten Füße auf den Fliesen, das leise Klappen der Schranktür, dann seinen Schritt zurück zum Bett.

Ich hatte die Socken schon ausgezogen. Die Füße lagen frei auf der Decke. Ich tat das seit ein paar Jahren, ohne dass er es verlangen musste. Früher hätte ich daraus eine Grundsatzdebatte gemacht. Jetzt war es einfacher.

Er setzte sich auf den Hocker, nahm meinen rechten Fuß in beide Hände und beugte sich vor. Die Taschenlampe lag auf dem Nachttisch. Er hatte sie vergessen.

Eine Minute später schlief ich ein, während seine Hände meinen linken Fuß abtasteten. Ich hörte ihn nicht „Gute Nacht" sagen. Er sagte das nie. Er kontrollierte, deckte mich zu und machte das Licht aus.

Das war sein „Gute Nacht".

Im Halbschlaf spürte ich, wie er die Decke über meine Füße zog. Und ich dachte, während ich wegdämmerte: Vierundfünfzig Jahre. Ein Mann, ein Hocker, eine Lampe. Jeden Abend derselbe Kampf gegen etwas, das ich nicht spüren konnte.

Der Arzt hatte gefragt, ob ich jemals darüber nachgedacht hätte, ihn zu verlassen.

Ja, dachte ich, oft. Aber nie länger als fünf Minuten.

Dann musste ich ihm ja wieder meine Füße zeigen.

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