Werkstatt in Gelsenkirchen, dreißig Jahre Familienbetrieb, und ich sollte auf einmal nur noch der Azubi sein, der Kaffee kocht

Ich bin Matthias Brenner, achtunddreißig, und ich repariere seit sechzehn Jahren Autos in der Werkstatt, die mein Schwiegervater Rüdiger Kessler in Gelsenkirchen aufgebaut hat. Ich erzähle das hier mal von meiner Seite, weil in der Familie inzwischen eine ganz andere Version rumgeht, in der ich der Bösewicht bin. Vielleicht bin ich das auch. Aber dann will ich wenigstens erklären, warum.

Meine Frau Sabine ist Rüdigers einzige Tochter. Als wir 2011 geheiratet haben, hat er mir eine Stelle in der Werkstatt angeboten, weil sein eigener Rücken schon damals kaputt war und er einen zuverlässigen Mechaniker brauchte, keinen Schwiegersohn zum Bespaßen. Ich habe zugesagt, obwohl ich vorher bei einer Vertragswerkstatt in Essen fast das Doppelte verdient habe. Das hat mir nie jemand gedankt, das war einfach die Erwartung: der Mann heiratet in den Betrieb ein und schuftet.

Fünfzehn Jahre lang habe ich jeden Tag um sechs Uhr die Rolltore hochgezogen. Ich habe die Kundenkartei digitalisiert, weil Rüdiger noch mit Karteikarten aus den Neunzigern gearbeitet hat. Ich habe zwei Hebebühnen finanziert, die auf meinen Namen laufen, nicht auf den Betrieb, weil ich damals mein eigenes Erspartes reingesteckt habe, achtzehntausend Euro, ein Kredit über vier Jahre. Rüdiger hat das akzeptiert, solange es ihm nutzte. Als es dann um die Zukunft der Werkstatt ging, hat er plötzlich nur noch von "seinem Lebenswerk" gesprochen, als hätte ich die letzten anderthalb Jahrzehnte woanders verbracht.

Der Bruch kam letzten Herbst, als Rüdiger anfing, ernsthaft über die Übergabe zu reden. Ich dachte naiv, es geht um mich, weil ich der einzige bin, der die Kunden kennt, der weiß, welcher Motor in welchem Wagen verbaut ist, der die Buchhaltung macht. Stattdessen hat er seinen Neffen Kevin ins Spiel gebracht, den Sohn seiner Schwester aus Herne, der gerade seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in einem Autohaus abgebrochen hat. Kevin ist vierundzwanzig und hat noch nie einen Kolbenring gewechselt, aber er trägt den Nachnamen Kessler, und das war Rüdiger auf einmal wichtiger als sechzehn Jahre Arbeit.

Ich habe versucht, ruhig zu bleiben. Ich habe Rüdiger gefragt, was mit den Hebebühnen passiert, die mir gehören, was mit meiner Beteiligung an den Kundenverträgen ist, die ich in den letzten Jahren selbst akquiriert habe, dreiundzwanzig Firmenkunden, Handwerksbetriebe, ein Fuhrpark von einer Spedition aus Buer. Er hat gesagt, das gehört alles "zur Werkstatt", also zu ihm, und wenn ich das anders sehe, könne ich ja gehen. Sabine stand daneben und hat nichts gesagt. Das hat mich fast mehr getroffen als Rüdigers Worte.

Was ich in der Familie nie erzählt habe: Meine eigene Mutter, Erika, ist letztes Jahr an einem Schlaganfall gestorben, und ich habe sechzehntausend Euro Erbe bekommen. Ich habe das Geld nicht angerührt, weil ich instinktiv gespürt habe, dass ich es noch brauchen würde. Als Rüdiger im November klarmachte, dass Kevin ab Januar "ranwachsen" sollte, quasi als Juniorchef neben mir, aber mit Aussicht auf Übernahme, habe ich angefangen, mich umzuhören. Ein Kumpel aus meiner Lehrzeit, Tobias, betreibt seit zwei Jahren eine kleine Werkstatt in Herten, die zu groß für ihn allein geworden ist. Er suchte einen Partner mit eigenem Kapital.

Ende Januar habe ich mit Tobias einen Vertrag unterschrieben. Ich bin jetzt zu vierzig Prozent Mitinhaber seiner Werkstatt, Kapitaleinlage zweiundzwanzigtausend Euro, mein Erbe plus Erspartes. Die zwei Hebebühnen, die auf meinen Namen liefen, habe ich innerhalb einer Woche abgebaut und rübertransportiert, ganz legal, sie gehörten mir. Von den dreiundzwanzig Firmenkunden habe ich achtzehn direkt angerufen und ihnen gesagt, dass ich den Betrieb wechsle. Vierzehn sind mit mir gegangen, darunter die Spedition aus Buer, die allein für zwölf Prozent von Rüdigers Jahresumsatz stand.

Als Rüdiger das begriff, ist er persönlich in Herten aufgetaucht, an einem Dienstagvormittag im Februar, während ich unter einem Passat lag. Er stand einfach in der Einfahrt, in seiner alten Fleecejacke, die er seit zehn Jahren trägt, und hat gewartet, bis ich rauskam. Ich habe mir die Hände am Lappen abgewischt und ihn gefragt, was er will. Er hat gesagt, ich hätte ihm die Existenz kaputt gemacht, dass Kevin jetzt vor einer leeren Werkstatt steht und dass Sabine nachts nicht mehr schläft.

Ich habe ihm gesagt, dass die Hebebühnen mir gehören und die Kunden mir vertraut haben, nicht dem Namen Kessler. Und dass er sechzehn Jahre Zeit hatte, mich als das zu behandeln, was ich war, nämlich Teilhaber im Alltag, und stattdessen hat er mich am Ende wie einen Angestellten rausgeworfen, der zufällig seine Tochter geheiratet hat. Er ist ohne ein weiteres Wort wieder eingestiegen und weggefahren.

Sabine hat drei Tage nicht mit mir geredet. Dann kam der Teil, den in der Familie keiner erwähnt: Sie hat mir vorgeworfen, ich hätte alles hinter ihrem Rücken geplant, aber als ich sie fragte, ob sie sich in den vier Monaten davor auch nur ein einziges Mal für mich eingesetzt hätte, ist sie still geworden. Wir reden inzwischen wieder normal, aber es liegt was zwischen uns, das noch nicht ausgesprochen ist.

Die Werkstatt von Rüdiger läuft seit Februar mit halber Kraft. Kevin ist im März wieder gegangen, zurück ins Autohaus in Herne, weil er mit den verbliebenen Reparaturen fachlich überfordert war. Ich habe das nicht provoziert, das hat sich einfach so ergeben, aber ich behaupte auch nicht, dass es mir leidgetan hat.

Letzten Monat habe ich Sabine mitgenommen zur Eröffnung des zweiten Standorts, den Tobias und ich in Bottrop planen. Sie hat sich die Pläne angeschaut, die Kalkulation, meinen Namen unter dem Gesellschaftervertrag. Ich habe ihr die Mappe hingelegt und gesagt, dass es diesmal auf beide Namen laufen kann, wenn sie will, dreißig Prozent für sie, aus meinem Anteil, keine Bedingungen. Sie hat lange auf das Papier geschaut, dann nach dem Stift gegriffen, den ich ihr hingehalten habe, und unterschrieben. Ihr Vater weiß bis heute nicht, dass sie das getan hat.

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Werkstatt in Gelsenkirchen, dreißig Jahre Familienbetrieb, und ich sollte auf einmal nur noch der Azubi sein, der Kaffee kocht