Renate Brummer trug die Einkaufstasche am Unterarm und spürte schon auf halber Höhe der Talstraße, dass etwas nicht stimmte. Anfang Mai, die Kastanien vor der Kirche standen in voller Blüte, aus einem Garten roch es nach angezündetem Reisig, jemand hatte offenbar den Winterschnitt verbrannt. Ein ganz gewöhnlicher Abend im Schwarzwald. Nur die Leute schauten sie heute anders an. Sie grüßten, drehten sich dann aber auffällig lange nach ihr um. Manche tuschelten mit den Nachbarn, manche senkten den Blick, sobald sie ihr begegneten.
Renate unterrichtete seit siebenundzwanzig Jahren Biologie und Chemie am Gymnasium der Kleinstadt. In dieser Zeit hatte sie fast jeden im Ort kennengelernt, wenn nicht persönlich, dann über dessen Kinder. Manchen hatte sie die erste Eins gegeben, anderen die erste Fünf. Manche hatte sie fast eigenhändig zum Abitur geschleppt, und Eltern ehemaliger Schüler bedankten sich noch heute bei zufälligen Begegnungen: „Frau Brummer, dass Sie unseren Klaus damals nicht aufgegeben haben, das vergessen wir Ihnen nicht."
Sie war es gewohnt, dass man sie zuerst grüßte. Dass man bei Elternabenden ihre Meinung hören wollte. Dass man ihr vertraute. Jetzt schien etwas zerbrochen.
Vor ihrem Reihenhaus in der Siedlung am Bühlweg traf sie auf ihre Nachbarin, Ingeborg Stelzl. Die stand am Gartenzaun mit zwei weiteren Frauen und erzählte gerade etwas, sehr lebhaft. Als sie Renate sah, verstummte sie sofort. Die anderen beiden drehten sich um. Ein paar Sekunden hing ein unangenehmes Schweigen in der Luft.
„Guten Abend", sagte Renate ruhig.
„'n Abend …", murmelte Ingeborg und verschwand fast fluchtartig in ihrem Vorgarten.
Renate schloss die Haustür auf, stellte die Tasche ab, setzte sich an den Küchentisch. Achtundvierzig Jahre alt, seit neun Jahren Witwe – ihr Mann Herbert war an einem Herzinfarkt gestorben –, der Sohn Tobias hatte nach dem Studium eine Stelle bei einem Softwarehaus in Hamburg angenommen und kam selten zu Besuch. Sie beklagte sich nicht darüber. Sie hatte gelernt, allein zu leben: die Schule, die Bücher, der Gemüsegarten hinterm Haus. Im Winter Langlauf am Feldberg, im Sommer Pilze im Bannwald. Ein bisschen eintönig vielleicht. Unglücklich hätte sie sich trotzdem nie genannt.
Nur ihre Gesundheit machte ihr seit ein paar Monaten zu schaffen. Erst diese ständige Mattigkeit. Dann kam Übelkeit dazu, mal stärker, mal schwächer. Das Gewicht war gestiegen, gut sechs Kilo, dabei aß sie eher weniger als früher. Und der Bauch wurde runder. Fest, unbequem, nach vorn gewölbt – als würde sie … Der Gedanke war absurd, sie schob ihn jedes Mal beiseite. Achtundvierzig. Und von wem bitte. Wahrscheinlich die Wechseljahre, Hormone, so etwas kam vor.
Sie war schon zweimal in der Uniklinik Freiburg gewesen. Blut abgenommen, ein Ultraschall, noch ein Termin. Die Ärzte zuckten mit den Schultern: „Wir müssen die Befunde abwarten." Also wartete Renate.
Derweil verbreitete sich im Ort eine ganz andere Erklärung für ihr Aussehen.
Als Erste war Ingeborg Stelzl aufgefallen, dass sich etwas veränderte. Sie besaß eine geradezu untrügliche Beobachtungsgabe – nichts entging ihr, alles wusste sie, und alles gab sie irgendwann weiter. Auch sie lebte allein, der Mann war vor Jahren gegangen, die Kinder wohnten in Stuttgart und München. Den größten Teil des Tages verbrachte sie am Küchenfenster oder auf der Bank vor dem Gartentor. Sie registrierte, wer ankam, wer fortfuhr, wer bei wem klingelte, wer mit wem sprach. Böse gemeint war das eigentlich nicht. Fremde Ereignisse hatten schlicht ihr eigenes Leben ersetzt. Da bei ihr selbst kaum etwas passierte, verfolgte sie umso genauer, was bei den anderen los war.
Schon Anfang April war ihr aufgefallen, dass die Nachbarin anders aussah. Zugenommen. Ging langsamer. Und der Bauch … Besonders genau hatte Ingeborg hingeschaut, als Renate im Garten die Wäsche aufhängte. Ja, kein Zweifel mehr, dachte sie. Und irgendwas machte klick in ihrem Kopf.
„Na so was", murmelte sie vor sich hin. „Die ist doch achtundvierzig. Und von wem, frage ich mich."
Noch am selben Abend ging Ingeborg zu ihrer Bekannten Sabine, die im Edeka an der Kasse arbeitete. Bei Kaffee und Streuselkuchen fragte sie wie beiläufig: „Sabine, ist dir mal was aufgefallen? An der Brummer, an der Lehrerin. Die ist so rund geworden."
„Vielleicht hat sie einfach zugenommen", meinte Sabine.
„Ach was, zugenommen!" Ingeborg senkte gleich die Stimme. „Guck genauer hin. Das ist kein Fett, das ist der Bauch, der nach vorne geht. Genau wie bei einer Schwangeren. Und dauernd fährt sie nach Freiburg, alle zwei Wochen. Angeblich Untersuchungen, aber keiner sagt was Genaues. Weißt du, warum die nichts sagen? Weil's nichts mehr zu verheimlichen gibt, sobald man's sieht!"
„Nicht möglich!", staunte Sabine. „Die ist doch fast fünfzig!"
„Eben. Fast fünfzig, und der Bauch ist trotzdem da. Schau selber hin."
Am nächsten Tag erzählte Sabine es zwei Kolleginnen an der Kasse weiter. Die erzählten es abends ihren Männern. Die Männer grinsten, jeder steuerte noch eine Ausschmückung bei. Binnen weniger Tage wurde in halb Waldkirch darüber geredet. Bis Ende April hatte sich aus der simplen Vermutung ein ganzes Geflecht von Geschichten entwickelt. Die einen behaupteten, Renate habe bei den Fahrten nach Freiburg eine Affäre angefangen. Andere waren sicher, der Mann sei gar nicht auswärtig, sondern aus dem Ort, nur würden beide es geschickt geheim halten. Wieder andere tuschelten von einem verheirateten Mann aus Emmendingen, von dem sie angeblich schwanger sei.
Renate bemerkte die Veränderung im Umgang mit ihr sehr genau. Man grüßte seltener. Gespräche verstummten, sobald sie den Raum betrat. Bei einem Elternabend rief eine junge Mutter, die sich schon öfter durch Dreistigkeit hervorgetan hatte, plötzlich laut: „Vielleicht sollten unsere Kinder lieber eine andere Lehrkraft bekommen? Damit sie ein anständiges Vorbild vor Augen haben?"
Renate verstand im ersten Moment gar nicht, worauf die Frau anspielte. Die stellvertretende Schulleiterin, Brigitte Hoffmann, lenkte das Gespräch hastig auf ein anderes Thema. Zu spät. Das Gerücht hatte längst alles vergiftet.
Mitte Mai bat Schulleiter Klaus Reinecke sie zu sich ins Büro. Ein Mann um die fünfzig, keineswegs dumm, aber von einer Vorsicht, die manchmal an Feigheit grenzte. Er legte den Kugelschreiber hin, nahm ihn wieder auf, räusperte sich. Schließlich sagte er: „Frau Brummer, verzeihen Sie die Frage, aber … einige Eltern sind besorgt. Es gab sogar schriftliche Beschwerden. Es geht um den, na ja, moralischen Eindruck. Sie verstehen sicher."
„Nein", antwortete sie ruhig, während ihre Hände unter dem Tisch zitterten. „Erklären Sie mir das bitte konkret."
Reinecke wurde rot. „Es geht das Gerücht um, Sie seien … in anderen Umständen."
„Und weiter?"
„Na ja … wer der Vater ist."
Renate stand auf. Der Stuhl kratzte laut über den Linoleumboden. Reinecke zuckte zusammen.
„Herr Reinecke, ich schulde Ihnen keine Rechenschaft über mein Privatleben. Da es Sie aber so beunruhigt: Nein, ich bin nicht schwanger. Es gibt keinen Vater, weil es kein Kind gibt. Ich habe gesundheitliche Probleme und warte auf Befunde aus der Uniklinik. Ist das Antwort genug?"
„Aber natürlich, natürlich", nickte er hastig. „Ich hab's mir eigentlich schon gedacht. Verzeihen Sie. Die Eltern eben …"
Sie sagte nichts mehr und verließ das Büro. Im Lehrerzimmer wurde es still, als sie eintrat. Kollegen vertieften sich plötzlich in Klassenbücher, Handys, Papierstapel. Nur Brigitte kam auf sie zu und sagte leise: „Renate, lass dir das nicht nahegehen. Leute können ganz schön dumm sein, das weißt du doch selbst."
„Weiß ich", erwiderte Renate. „Nur wird's dadurch nicht leichter."
Abends saß sie lange am Küchenfenster. Draußen blühten noch die Kastanien am Zaun ihres Nachbarn. Und dann kamen ihr, ganz gegen ihren Willen, die Tränen. Siebenundzwanzig Jahre hatte sie der Schule gegeben. So vielen Schülern hatte sie geholfen, sich zurechtzufinden. So viele hatte sie durchgebracht bis zum Abitur. Und jetzt machte ein schmutziges Gerücht sie in den Augen der halben Stadt zur Schande.
Das Telefon klingelte. Tobias.
„Mama, hi. Wie geht's dir?"
„Gut, Toby. Alles in Ordnung."
„Sicher? Deine Stimme klingt komisch."
„Bin nur müde. Schuljahresende, bald die Prüfungen."
„Pass auf dich auf. Soll ich vielleicht rüberkommen?"
„Nicht nötig. Du hast Arbeit. Ich schaff das."
Nach dem Gespräch legte sie das Telefon auf den Tisch. Ihm alles erzählen? Nein. Er würde sich nur sorgen. Sie hatte ohnehin genug mit ihrer Gesundheit zu tun, Aufregung brauchte sie nicht auch noch. Es würde sich schon irgendwie klären.
Am nächsten Nachmittag rief die Uniklinik an. Eine Assistenzärztin, sachlich, freundlich: „Frau Brummer, kommen Sie bitte morgen persönlich vorbei, Dr. Wessling möchte die Ergebnisse mit Ihnen besprechen."
Renate fuhr am Vormittag mit dem Regionalzug nach Freiburg. Im Wartezimmer roch es nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffeeautomaten, ein kleines Mädchen malte mit Wachsmalstiften auf einem Kinderbuch, das nicht seins war. Dr. Wessling, eine Frau Mitte vierzig mit grauen Strähnen im Zopf, bat sie herein und schob ihr das Ultraschallbild über den Tisch.
„Frau Brummer, wir haben jetzt alle Werte. Es handelt sich um ein großes Ovarialzystadenom, gutartig, aber beträchtlich gewachsen — deshalb Bauchumfang, Übelkeit, das Druckgefühl. Wir operieren nächste Woche, laparoskopisch wenn möglich. Nach der OP ist alles wie vorher."
Renate saß einen Moment reglos, dann atmete sie aus, tiefer als seit Wochen. Kein Kind. Kein Geheimnis. Ein Tumor, gutartig, mit einem Namen und einem Operationstermin: Donnerstag, den 21. Mai.
Die Operation dauerte zwei Stunden vierzig. Am Freitag war sie wieder zu Hause, mit einem Entlassungsbrief in der Handtasche und einer Rechnung über den Eigenanteil von 385 Euro, die sie ordentlich in ihrem Aktenordner abheftete. Tobias kam übers Wochenende, kochte Kartoffelsuppe, die viel zu salzig geriet, und schwieg dabei fast die ganze Zeit über die Vorwürfe, die er von Freunden aus dem Heimatort gehört hatte.
Montag, erster Schultag nach der Genesungszeit. Renate ging denselben Weg wie immer, an Ingeborgs Gartenzaun vorbei. Diesmal blieb sie stehen. Ingeborg, die gerade die Bohnenranken hochband, richtete sich auf, mit rotem Gesicht.
„Frau Brummer, ich … wir haben gehört, es war eine Operation. Ich hoffe, es geht Ihnen —"
„Ein Zystadenom am Eierstock", sagte Renate ruhig und hielt ihr den Entlassungsbrief der Uniklinik hin, offen, gut lesbar. „Gutartig. Herausoperiert. Kein Kind, kein Liebhaber, kein Skandal. Nur eine Geschwulst, die gewachsen ist, während halb Waldkirch sich einen Roman ausgedacht hat."
Ingeborg wollte etwas sagen, brachte aber nur ein Nicken zustande.
„Ich erwarte keine Entschuldigung", fuhr Renate fort. „Aber Sie werden verstehen, dass ich ab heute etwas ändere. Ich habe heute Morgen bei der Bank meinen Dauerauftrag gekündigt — den für die Nachhilfestunden, die ich seit drei Jahren Ihrer Enkelin kostenlos gegeben habe, mittwochnachmittags, zwei Stunden, Mathematik und Chemie, damit sie die Fachoberschulreife schafft. Fünfundzwanzig Stunden waren das allein dieses Schuljahr. Ich habe nichts dafür verlangt. Das war meine Entscheidung, sie können sie jederzeit widerrufen. Und ich widerrufe sie jetzt. Ihre Enkelin ist eine gute Schülerin, sie wird auch ohne mich zurechtkommen. Aber ich gebe meine Zeit nicht mehr Leuten, die sie mit Klatsch vergelten."
Sie steckte den Entlassungsbrief zurück in ihre Tasche, zog die Reißverschlusshälften zusammen, und ging weiter zur Schule, wo Klaus Reinecke schon an der Tür wartete, den Blick auf den Boden gerichtet, weil im Lehrerzimmer bereits alle wussten, was in der Uniklinik Freiburg tatsächlich festgestellt worden war.







