Der Mann, der elf Jahre auf einen Anruf wartete

Der Mann, der zwei Jahre auf einen Anruf wartete

Ich arbeite seit neun Jahren im Tierheim am Rand von Hannover. Ich habe Hunderte von Hunden kommen und gehen sehen. Aber diesen einen werde ich nicht vergessen.

Er kam an einem Dienstag im November. Die Polizei brachte ihn. Sein Besitzer war in einer kleinen Wohnung in Linden gestorben, allein, der Hund hatte zwei Tage neben dem Bett ausgeharrt. Im Übergabeprotokoll stand: Rüde, Mischling, etwa fünf Jahre alt, Name unbekannt. Das Tier zitterte, als wir es in den Zwinger führten. Nicht vor Kälte. Vor etwas anderem.

In den ersten Wochen fraß er kaum. Er lag in der Ecke auf einer Wolldecke, die unsere Tierpflegerin Sabine ihm hingelegt hatte, und hob nur den Kopf, wenn jemand am Gang vorbeiging. Dann legte er ihn wieder auf die Pfoten. Als hätte er aufgehört zu hoffen.

Ich nannte ihn Benno. Nach dem Straßennamen, in dem man ihn gefunden hatte – Bennenweg.

Benno wurde nie aggressiv. Er bellte nicht, knurrte nicht, zerrte nicht an der Leine. Das machte es fast schlimmer. Ein Hund, der kämpft, will noch etwas. Benno wollte nichts mehr. Nur manchmal, wenn mein Handy klingelte, fuhr sein Kopf hoch. Er hielt den Atem an – und atmete wieder aus, wenn er sah, dass es nur Sabine war oder ich. Dieser Hund hat zwei Jahre lang auf einen einzigen Anruf gewartet. Zwei Jahre.

Wir haben alles versucht. Aushänge im Stadtteil, Zeitungsanzeigen, Aufrufe bei Radio Hannover. Da war ein Erbe, eine kleine Wohnung, ein paar tausend Euro auf dem Konto. Aber die Frage, wer diesen Hund nimmt, blieb offen. Der Verstorbene hatte keine Kinder, die Schwestern lebten in Schwerin und Wuppertal, und bei der Testamentseröffnung saßen sich fremde Leute gegenüber, die nur über den Notar miteinander sprachen. Über Benno sprach niemand. Der Hund war nicht im Testament erwähnt. Er war einfach nicht vorgesehen.

Einmal kam eine Frau aus Wuppertal ins Tierheim. Sie blieb drei Minuten. Sie trug einen beigen Mantel, der nach Weichspüler roch, und sagte, sie habe schon zwei Hunde zu Hause, und überhaupt – ein Jahr im Zwinger, das sehe man dem Tier doch an, warum solle sie sich das antun? Dann ging sie wieder, und Benno wimmerte leise, als sich die Tür schloss. Danach kam niemand mehr.

Ich hörte auf, Besuchern von Benno zu erzählen. Wenn Familien kamen, um sich die Welpen anzusehen, führte ich sie am hinteren Zwinger vorbei – nicht, weil ich Benno verstecken wollte, sondern weil ich es nicht mehr ertrug, wie sie den Kopf schüttelten. „Der ist ja schon was älter“, sagten sie. Als sei das eine Diagnose.

Vor ein paar Wochen kam ein Anruf. Ein Mann aus Salzgitter, Mitte sechzig. Seine Stimme klang, als hätte er lange nicht mehr gesprochen. Er fragte, ob noch Hunde aus einer Wohnungsauflösung in Linden da seien. Es gehe um den Hund seines Bruders. Im Hintergrund hörte ich einen Motor, dann eine jüngere Stimme, die etwas rief – sein Sohn, sagte er, der ihn fahre, weil er selbst seit dem Schlaganfall nicht mehr fahre.

Ich sagte ihm, dass der Hund seit zwei Jahren bei uns sei.

Am Telefon war es still, dann hörte ich ein Geräusch, als würde ein Stuhl über Fliesen gezogen. „Ich dachte, er wäre längst weg“, sagte der Mann. „Ich hatte solche Angst, in diese Wohnung zu fahren. Ich dachte, das schaffe ich nicht. Und dann war es irgendwann zu spät. Man redet sich ein, ein anderer kümmert sich schon. Die Schwestern werden das gemacht haben. Sicher. Und dann vergeht ein Monat, noch einer, und irgendwann fragt man nicht mehr.“

Er kam drei Tage später. Sein Sohn hielt den Wagen vor dem Eingang, der Motor lief noch, während der alte Mann ausstieg und im Regen stehen blieb, den Kragen seiner Jacke hochgeschlagen, einen zerknitterten Briefumschlag in der Hand. Ich dachte zuerst, es sei ein Foto von früher. Aber als er ihn aufklappte, lag darin nur ein einzelner Autoschlüssel mit einem abgegriffenen Ledermäppchen am Ring.

„Seiner“, sagte er. „Mein Bruder hat mir den Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben, als er krank wurde. Ich habe ihn nie zurückgebracht. Ich dachte immer, wenn ich dort aufräume, dann muss ich mich auch dem Hund stellen. Und dann ist mir der Mut ausgegangen. Also habe ich mich das ganze Jahr davor gedrückt. Der Schlüssel lag die ganze Zeit in meiner Schreibtischschublade.“

Wir gingen zusammen durch den Gang. Benno lag auf seiner Decke und hob kaum den Kopf, wie immer. Aber diesmal stieß er ein leises Fiepen aus. Der alte Mann kniete sich auf den Betonboden, obwohl ich ihm eine Matte angeboten hatte, und hielt die Hand durch das Gitter. Benno drückte seine Schnauze gegen die Finger. Er kannte diesen Geruch. Nach zwei Jahren.

„Es tut mir leid“, sagte der Mann. Er sagte es mehrmals, immer leiser, als würde er es zu jemandem sagen, den man nicht mehr sieht. Dann fiel ihm etwas aus der Jackentasche. Ein kleines, zerkautes Stoffschwein. Spielzeug aus einem Kaubrötchen-Set für Hunde. Er hob es auf und wurde rot. „Das hatte er als Welpe. Ich wollte es damals wegbringen, aber dann –“ Er brach ab.

Ich ließ die beiden allein. Als ich nach einer halben Stunde wiederkam, lag Benno auf dem Rücken und ließ sich den Bauch kraulen. Es war das erste Mal, dass ich ihn so sah.

Die Übergabe dauerte keine zehn Minuten. Der Mann erledigte den Papierkram mit einer Sorgfalt, die fast übertrieben wirkte. Er unterschrieb jede Seite, als würde er ein Grundstück kaufen. Dann holte er Benno an die frische Luft. Der Hund lief dreimal im Kreis zwischen Tür und Auto hin und her, als wolle er sichergehen, dass niemand ihn zurückbringt.

Ich stand am Tor und sah, wie der Sohn die Heckklappe des dunkelblauen Kombis öffnete. Auf der Rückbank lag schon eine alte Wolldecke ausgebreitet, mit Hundehaaren einer anderen Farbe darauf – als hätten sie noch am Morgen einen Platz für ihn vorbereitet.

Benno sprang auf die Rückbank. Der alte Mann setzte sich neben ihn, legte ihm die Hand auf den Kopf und hielt sie dort, während sein Sohn am Steuer den Motor hochdrehte.

Ich wollte noch etwas sagen. Vielleicht „Alles Gute“. Aber ich brachte keinen Ton heraus. Also hob ich nur die Hand.

Der Wagen fuhr vom Hof, die Scheiben beschlugen. Bennos Silhouette zeichnete sich dunkel gegen das Heckfenster ab. Er saß aufrecht. Er schaute nicht zurück.

Sabine kam mit einem Eimer für die Zwingerreinigung an mir vorbei und blieb stehen. „Na endlich“, sagte sie und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

In der Mittagspause saß ich im Aufenthaltsraum und schaute auf mein Handy. Der Bildschirm zeigte den Sperrcode. Ich wusste, dass Benno nicht anrufen würde. Und trotzdem legte ich das Handy nicht aus der Hand.

Zwei Wochen später traf ein Umschlag ein. Absender Salzgitter. Darin lag ein Foto, unscharf, auf dem ein alter Mann und ein Hund vor einem Gartenzaun stehen. Auf der Rückseite stand mit Kugelschreiber: „Benno hat seine Decke mitgebracht. Und wir haben seinen Platz am Tisch.“

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