Es war der erste Samstag im Oktober, als mein Mann Tom und ich endlich wieder zu meinem geerbten Wochenendgrundstück nach Werder an der Havel fuhren. Ich hatte die kleine Obstwiese von meiner Großmutter übernommen, elf Jahre ist das jetzt her, und jeden Herbst holen wir dort die späten Birnen und den Boskoop von den Bäumen. Diesmal öffnete ich das Holztor und blieb wie angewurzelt stehen.
Auf meinem Rasen standen Leute. Nicht irgendwelche Spaziergänger, die sich verlaufen hatten, sondern Toms Familie, ausgerüstet mit Körben, Eimern und einer Sackkarre. Seine Schwester Petra rammte gerade einen angespitzten Holzpfahl mit einem laminierten Schild in den Boden, direkt unter meinen alten Birnbaum. Auf dem Schild stand in großen Buchstaben ihr Name und darunter „Erntebereich B“.
„Petra, was machst du da?“, rief ich.
Sie warf mir einen Blick zu, als hätte sie mich gar nicht bemerkt. „Die Mutter hat die Aufteilung geschickt. Ich hab den Baum am Zaun und die rechte Beetreihe.“
Ich ging ohne Eile hinüber, beugte mich hinunter und zog den Pflock mit einem Ruck aus der Wiese. Dann legte ich ihn in ihren leeren Obstkorb, den sie neben den Kompost gestellt hatte.
„Hier wird heute erst mal gar nichts aufgeteilt“, sagte ich und hörte selbst, wie belegt meine Stimme klang. „Das ist mein Grundstück. Wer hat euch gesagt, dass ihr hier ernten dürft?“
Toms Bruder Sven stand derweil an meiner alten Gartenlaube, ein massiger Kerl im Holzfällerhemd, und rüttelte an der Tür. „Die ist ja nicht mal neu gestrichen“, murrte er. „Dafür hab ich zwanzig Jahre alte Fenster? Hat die Mutter gesagt, im Frühjahr sei alles gemacht worden. Was habt ihr mit dem Geld angestellt?“
Seine Frau Elke war schon auf der Terrasse und presste die Nase an die Scheibe, als begutachtete sie eine Ferienwohnung auf Usedom.
„Also gut“, rief sie über die Schulter, ohne mich eines Blickes zu würdigen. „Sven und ich nehmen das Schlafzimmer hinten raus. Tom und du könnt ja im Wohnzimmer auf der Couch schlafen, ihr seid ja sowieso nur am Wochenende da.“
Ich hörte, wie Tom hinter mir die Autotür zuschlug. Er hatte die ganze Zeit auf dem Beifahrersitz gesessen und mit seinem Chef telefoniert, weil in der Kita, die er als Hausmeister betreut, am Freitagabend die Heizung ausgefallen war. Jetzt stand er neben mir, die Autoschlüssel noch in der Hand, und starrte auf das Schild in Petras Korb.
„Mama“, sagte er ruhig, aber ich kannte diesen Ton. So hatte er mit dem Klempner gesprochen, der im Frühjahr die falschen Rohre verlegt hatte. „Was genau hast du den Leuten versprochen?“
Seine Mutter Karin war die Einzige, die bis zu diesem Moment gelächelt hatte. Sie saß auf meiner Hollywoodschaukel und kippelte mit den Füßen, die in zu neuen Trekkingsandalen steckten.
„Ach, Kind“, seufzte sie und klatschte in die Hände. „Nun mach doch kein Drama. Ich hab mir gedacht, ihr schafft das nicht mehr alleine, die Bäume werden ja jedes Jahr voller. Also habe ich der Familie einen Lageplan geschickt. Sven bekommt die Laube als Wochenendhaus, Petra den Beerengarten, Elke die Terrasse. Jeder hat seine Aufgabe, ihr habt weniger Arbeit. Das ist doch gut organisiert.“
„Organisiert“, wiederholte Tom. „Mama, das Grundstück gehört Nora. Nicht dir, nicht mir, nicht der Verwandtschaft. Wie kommst du darauf, hier Zonen einzuteilen?“
Jetzt schaltete sich Petra ein, und zwar in einem Ton, den ich von Familienfesten kannte. Er kam immer dann, wenn sie merkte, dass etwas nicht nach ihrem Plan lief.
„Ich habe Mutter im August vierhundert Euro für die neuen Beerensträucher überwiesen!“, stieß sie hervor. „Und für den Gartenschlauch mit Tropfsystem. Mir wurde ein Drittel der Ernte zugesagt, für die Marmelade!“
Sven stapfte von der Laube zu uns herüber, die Hände in den Taschen vergraben.
„Ich hab im Juni sechshundertfünfzig überwiesen. Für die neue Duschwanne in der Laube und die Fensterdichtungen. Als Gegenleistung sollte ich die Hütte an den Wochenenden nutzen dürfen, wann immer ich will.“
Elke trat einen Schritt vor und verschränkte die Arme. „Und von uns sind es dreihundert Euro für den Terrassenanstrich. Damit wollten wir ab nächstem Frühjahr unsere Sonntage hier verbringen. Bei dem Blick über die Havel.“
Ich sah zu Karin. Sie wippte nicht mehr. Stattdessen kramte sie in ihrer Handtasche, betont eilig, als suche sie nach einem Taschentuch. Gefunden hat sie keins, dafür fielen zwei Kassenbons ins Gras.
„Tom“, sagte ich, ohne den Blick von seiner Mutter zu nehmen, „hast du diesen Plan jemals gesehen?“
Er schüttelte den Kopf. „Ich hätte was gesagt.“
„Gut“, sagte ich. „Dann machen wir das jetzt anders. Kann jeder von euch kurz überweisen? Ich möchte einmal den Betrag sehen, den ihr für mein Grundstück bezahlt habt. Und Karin, du zeigst uns danach, was du mit dem Geld angeschafft hast. Einfach den Verwendungszweck der Überweisungen vergleichen.“
Es dauerte keine fünf Minuten. Petra hielt mir ihr Handy hin, Sven sein Tablet, Elke wedelte mit einem zerknitterten Kontoauszug. Insgesamt waren es dreizehnhundertfünfzig Euro. Später stellte sich heraus, dass Karin noch mehr eingesammelt hatte. Tante Lilo aus Frankfurt an der Oder hatte dreiundachtzig Euro für ein gemütliches Wochenende im Grünen überwiesen, und ihr Bruder, der in Cottbus lebt, noch mal hundertzwanzig für „Logis an der Havel“.
„Tausendfünfhundertdreiundfünfzig Euro“, rechnete Tom zusammen. „Mama, wo sind die Belege für die Sträucher, die Dusche, die Farbe?“
Karin presste die Lippen zusammen, als hätte sie auf eine saure Zitrone gebissen. „Ich habe alles bar bezahlt!“, platzte es aus ihr heraus. „Bei einem kleinen Gartenmarkt in Potsdam, der keine Quittungen ausstellt. Das müsst ihr mir einfach glauben!“
Ich sah zu der Beerenhecke, die ich im Frühjahr eigenhändig geschnitten hatte. Sie war voller reifer Brombeeren, und keine einzige neue Pflanze war dazugekommen. Der Gartenschlauch, den Petra erwähnt hatte, lag zusammengerollt neben dem Kompost. Ich hatte ihn vor drei Jahren im Baumarkt gekauft, für neunundzwanzig Euro, das wusste ich noch genau.
„Mama“, sagte Petra plötzlich, und ihre Stimme wurde messerscharf. „Woher hattest du im August das Geld für den neuen Fernseher? Der hat bei MediaMarkt in Potsdam über tausend Euro gekostet. Ich war dabei, als du ihn bestellt hast.“
Sven, der bis eben noch finster in die Luft gestarrt hatte, hob ruckartig den Kopf. „Und die Kreuzfahrt nach Kopenhagen im Juli? Du hast gesagt, das wäre ein Last-Minute-Angebot vom Reisebüro gewesen, vierhundertfünfzig Euro pro Person. Hast du mir erzählt. Mit einer Freundin.“
Karin wollte etwas erwidern, aber es kam nur ein Laut, der wie „Ach“ begann und irgendwo in einem Hüsteln endete. Dann stand sie auf, zu schnell, die Schaukel schaukelte leer weiter, und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf mich.
„Ihr versteht das nicht!“, stieß sie hervor. „Ich habe euch nur einen Gefallen tun wollen. Das Grundstück ist so groß, ihr seid so selten hier. Warum sollen andere es nicht auch nutzen? Ich habe niemandem etwas verkauft. Ich habe nur … verteilt.“
„Du hast Geld genommen“, sagte ich, „für etwas, das nie in deiner Macht stand, zu versprechen. Und dann hast du dieses Geld für dich ausgegeben. Dafür gibt es ein Wort.“
Tom war jetzt ganz bei seiner Mutter. Er beugte sich zu ihr hinunter, nicht aggressiv, aber so nahe, dass sie nicht wegschauen konnte.
„Mama, du gibst jedem einzelnen von uns bis zum Ende des Monats das Geld zurück. Inklusive Lilo und Onkel Harry. Sonst mach ich einen Termin beim Schiedsmann, und dann klären wir das dort. Und du wirst auf diesem Grundstück nie wieder irgendetwas verteilen, verstanden?“
Karin nickte zweimal, die Augen starr auf den Boden gerichtet. Es war kein Schuldeingeständnis, eher das Nicken eines Menschen, der begreift, dass die Fassade einstürzt und er nirgendwo mehr hinschauen kann, ohne eine Wand zu sehen.
Dann drehte ich mich zu Petra. „Und dein Schild“, sagte ich. „Nimm es mit. Hier wird nichts aufgeteilt, solange ich lebe. Wenn ich mal Hilfe bei der Ernte brauche, frage ich. Und ich frage die, die ich selbst einlade.“
Es ist seltsam still, wenn sieben Menschen gleichzeitig beschließen, nichts mehr zu sagen. Man hört auf einmal die Bäume, das ferne Bellen eines Hundes von einem Nachbargrundstück, das leise Klacken der Hollywoodschaukel, die endlich aufhörte zu schwingen.
Sie gingen eine halbe Stunde später. Ohne Obst, ohne Zonenplan, ohne Beute. Tom und ich blieben noch bis Sonntagabend und brachten die Äpfel ein, die tatsächlich schwer an den Ästen hingen. Es war eine gute Ernte.
Am Montag rief Tante Lilo an. Sie hat nie jemanden um etwas gebeten, aber jetzt wollte sie nur wissen, ob ihre dreiundachtzig Euro angekommen seien. Ich wartete, bis Karin den Betrag überwiesen hatte, dann trug ich ihr die Abendnachrichten vor.
Am nächsten Samstag rief ich einen Schlüsseldienst an und ließ das Schloss an der Gartenpforte austauschen. Karin hatte zwar nie einen Schlüssel besessen, aber ich wollte sichergehen, dass niemand auf die Idee kommt, sich selbst einzuladen.
Zwei Wochen später stand Sven vor unserer Wohnungstür in Potsdam, mit einem Strauß Astern und einem Briefumschlag. „Für den Schaden“, sagte er. „Und für die Beeren, die wir im letzten Jahr mitgenommen haben, ohne zu fragen. Meine Frau hat die Menge geschätzt. Es sind siebenundvierzig Euro.“
Ich nahm nur den Umschlag.
Tom schrieb seiner Mutter noch eine Nachricht. Sie lautete: „Deine Wohnung in Babelsberg ist dir selbst überlassen. Und ich hoffe, du hast sie noch.“ Er schickte sie ab, als wir im Auto saßen, und danach hörte ich ihn zum ersten Mal seit Wochen wieder lachen.
Vor dem Fenster rauschte die Bundesstraße, der erste Regen lief in Streifen über die Scheibe. Ich dachte an die Brombeeren, die wir zurückgelassen hatten. Sie hängen jetzt überreif an der Hecke, und nächste Woche fahren wir wieder hin. Ohne Einladung, einfach so. Weil es mein Grundstück ist.







