**Sechs Wochen bis zur Rechnung**

— Wenn du schon eine Tochter kriegst und keinen Sohn, dann räum die Wohnung, — sagte Karin Brandt, kaum dass sie die Schuhe ausgezogen hatte, im Flur der Zweizimmerwohnung in Gelsenkirchen.

Ihr Sohn Tobias stand mit dem schlafenden Baby auf dem Arm zwischen Tür und Wohnzimmer, als hätte er nicht richtig gehört. Nele saß auf der Couch, den Rücken durchgedrückt, die Hände im Schoß verschränkt. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, das Fenster war einen Spalt offen, es roch nach dem Döner-Imbiss zwei Häuser weiter.

— Karin, setz dich doch, ich mach uns Tee, — sagte Nele und stand auf. — Du kommst grad aus dem Auto, du bist müde.

— Deinen Tee brauch ich nicht. Ich bin geschäftlich hier.

— Dann sag, worum's geht. Nur leise, die Kleine schläft grad erst ein.

— Ich soll leiser reden in meiner eigenen Familie?

Tobias trug die kleine Mia ins Kinderzimmer, kam zurück, setzte sich neben Nele, legte seine Hand auf ihre. Nele spürte, wie seine Finger zitterten, aber seine Stimme blieb fest.

— Mama, wovon redest du überhaupt? Was heißt hier räumen?

— Von der Wohnung hier. Ich hab die Anzahlung mitgestreckt, dreitausendzweihundert Euro, weißt du noch, wer euch damals aus der Patsche geholfen hat?

— Weiß ich. Und ich hab's dir zurückgezahlt, jeden Cent, innerhalb von zehn Monaten. Ich hab die Quittung, die Überweisungen liegen im Ordner.

— Ein Zettel, — schnaubte sie. — Und wer gibt mir die Nerven zurück, die ich investiert hab?

— Karin, wir sind dir wirklich dankbar, — mischte sich Nele ein, bemüht ruhig. — Ehrlich. Du hast uns damals geholfen. Lass uns das jetzt nicht kaputtreden.

— Kaputtgeredet hat sich das von allein, als du eine Tochter geboren hast statt einen Erben. Wem soll er den Namen weitergeben? Diesem Rosa-Bündel da?

Nele sah ihren Mann an, hilflos. Sie hatte gehofft, es sei das Alter, der schwierige Charakter, ein Satz, der ihr im Ärger rausgerutscht war.

— Du hast sie noch gar nicht richtig gesehen, — sagte Nele leise. — Das ist deine Enkelin. Die schönste der Welt.

— Enkelinnen brauch ich keine. Ich hab dir gesagt, Tobias, nimm die Ruhige, aus anständigem Haus. Nein, musste diese hier sein.

— „Diese" heißt Nele, — sagte Tobias, und jetzt war Härte in seiner Stimme.

— Nenn sie meinetwegen Königin. Sie hat keinen Jungen zustande gebracht, also ist sie keinen Pfifferling wert.

— Hör auf.

— Was? — Karin drehte sich zu ihm. — Wie redest du mit mir, mit deiner eigenen Mutter?

— Ich rede ganz normal. Ich bitte dich aufzuhören. Solange du noch nichts sagst, was du nicht zurücknehmen kannst.

— Ich nehme sowieso nichts zurück. Das Kind kommt raus, du kommst zurück nach Hause, die Wohnung wird umgeschrieben. Wir finden dir eine anständige Frau, die weiß, wie man Söhne kriegt.

— Karin, — Nele stand auf, ihre Stimme zitterte vom Versuch, die Ruhe zu halten. — Ich bitte dich. Lass uns morgen weiterreden.

— Du bist wohl immer noch im Wolkenkuckucksheim. Pack deine Sachen.

— Das ist unser Zuhause.

— Das ist meine Laune, die ich euch geschenkt hab. Die Laune ist vorbei.

Tobias stellte sich zwischen seine Mutter und seine Frau. Er schrie nicht. Er stand einfach da, wie man sich vor den Wind stellt.

— Also gut, — sagte er. — Die Wohnung läuft auf Nele und mich, notariell beurkundet seit April 2019. Das Geld hab ich dir zurückgezahlt, mit Quittung und Kontoauszügen, alles liegt in dem Ordner, den du mir selbst mal geschenkt hast. Da gibt's nichts zu diskutieren.

— Du undankbarer—

— Ich bin noch nicht fertig, — er hob die Hand. — Und jetzt das Wichtigste. Mia ist meine Tochter. Nele ist meine Frau. Und in diesem Haus nennt sie keiner mehr „diese".

— Tobias, — Karin kniff die Augen zusammen, — du entscheidest dich jetzt für eine fremde Frau gegen deine Mutter?

— Ich entscheide mich für meine Familie. Und ich bitte dich zu gehen. Die Tür ist da drüben.

Karin schwieg ein paar Sekunden, als könnte sie nicht glauben, dass ihr Sohn dazu fähig war. Dann verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln, das keins war.

— Ich geh, — sagte sie. — Aber du kommst noch angekrochen. Ohne mich seid ihr nichts. Wartet nur, in einem Monat singt ihr ein anderes Lied.

Sie schlug die Tür so zu, dass der Kalender im Flur von der Wand fiel — der mit dem Bild vom Kölner Dom, den ihr eine Kollegin aus Nordrhein-Westfalen mitgebracht hatte. Nele hob ihn auf, hängte ihn wieder gerade, und für einen Moment war das die einzige Bewegung im Raum.

Der Monat kam. Und mit ihm die Rechnungen.

Karin hatte, wie sich herausstellte, seit Jahren die Kfz-Versicherung für Tobias' alten Passat mitfinanziert — offiziell lief der Vertrag auf ihren Namen, weil sie ihm den Wagen einst „geliehen" hatte, ohne ihn je zurückzufordern. Drei Wochen nach dem Streit rief sie bei der Versicherung an und ließ den Vertrag kündigen, fristlos, mit Verweis darauf, dass der Halter „nicht mehr zur Familie gehöre". Tobias stand plötzlich ohne Versicherungsschutz da, mitten in der Probezeit bei seiner neuen Stelle als Elektriker, für die er den Wagen jeden Tag brauchte.

Er rief sie nicht an. Er ging zur Sparkasse am Bahnhofsvorplatz, eröffnete ein eigenes Konto für den Wagen, meldete ihn auf sich um, schloss binnen zwei Tagen eine neue Versicherung ab — teurer, vierhundertzehn Euro im Jahr mehr, aber seine. Nele saß am Küchentisch, den Laptop mit dem Bankkonto geöffnet, und rechnete mit ihm zusammen, was noch fehlte.

Karin merkte, dass die Drohung nicht zog. Also kam sie ein zweites Mal, an einem Samstagnachmittag im Mai, unangekündigt, mit einer Tüte Alnatura-Kekse, als sei nichts gewesen. Mia lag im Laufstall und schlug mit einem Plastikring gegen die Gitterstäbe. Karin bückte sich, wollte sie hochnehmen.

— Nicht, — sagte Nele, ruhig, aber fest, und trat dazwischen. — Du hast sie „dieses Bündel" genannt. Du fasst sie nicht an, bis du dich entschuldigst. Bei ihr wird das nicht funktionieren so.

— Ich bin ihre Oma.

— Du bist die Frau, die verlangt hat, dass wir ausziehen, weil sie ein Mädchen ist. Das vergisst man nicht mit einer Tüte Kekse.

Karin blieb an der Tür stehen, die Tüte noch in der Hand. Tobias kam aus dem Schlafzimmer, sah die Szene, sagte nichts — er wartete einfach ab, was seine Frau tat.

— Ich hab mit einem Anwalt gesprochen, — sagte Nele dann, ohne die Stimme zu heben. — Wegen der Versicherungssache, wegen der Drohungen. Nichts Dramatisches. Ich hab nur eine schriftliche Erklärung aufsetzen lassen, dass die Wohnung uns beiden gehört und dass du keinen Anspruch hast, weder auf die Wohnung noch auf ein Mitspracherecht bei uns. Tobias hat sie schon unterschrieben. Fehlt nur noch deine Kenntnisnahme.

Sie legte den Ordner auf den Küchentisch — denselben grauen Ordner mit der Aufschrift „Wichtige Unterlagen", den Karin ihnen einst zu Weihnachten geschenkt hatte, gefüllt jetzt mit Kontoauszügen, dem Kaufvertrag der Wohnung, der Kündigung der Versicherung und der neuen Police auf Tobias' Namen.

Karin öffnete den Mund, wollte etwas sagen — über Undank, über Blut, über das, was man einer Mutter schuldet. Aber Mia, im Laufstall, ließ den Plastikring fallen, und im Zimmer war für einen Moment nur das Geräusch, wie er über den Parkettboden rollte.

— Ich unterschreib nichts, — sagte Karin schließlich.

— Musst du nicht, — antwortete Nele. — Es ändert nichts an der Rechtslage. Es ändert nur, wie oft du hier noch klingeln wirst.

Karin stellte die Tüte Kekse auf die Kommode im Flur, ohne ein Wort, und ging. Diesmal fiel kein Kalender von der Wand — Nele hatte ihn längst an einem anderen Nagel befestigt, etwas höher, außer Reichweite der Zugluft.

Tobias setzte sich neben Mia auf den Boden, hob den Ring auf, gab ihn ihr zurück. Nele blieb am Tisch stehen, den Ordner noch offen, die letzte Seite mit der Versicherungspolice obenauf. Vierhundertzehn Euro mehr im Jahr — das stand da schwarz auf weiß, und es war, zum ersten Mal seit Wochen, eine Zahl, über die niemand mehr streiten musste.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

**Sechs Wochen bis zur Rechnung**