Einfach allein sein

Der Fahrradanhänger kippte auf dem Kopfsteinpflaster der Frauenstraße, und das Vorderrad rollte in Richtung der Straßenbahnschienen. Karsten fluchte, lief zwei Schritte hinterher, hob es auf – und drehte sich zu Jana um, als hätte sie persönlich das Schlagloch dorthin gestellt.

„Kannst du nicht mal aufpassen, wo du hinfährst? Immer du und deine Probleme!"

Jana stand da, den elf Monate alten Fritz auf dem Arm, der schon zu quengeln anfing, weil er die Stimme des Vaters kannte und wusste, was gleich kommt. Vor ihnen die Glastür der Kinderarztpraxis in der Bergstraße, drinnen roch es nach Desinfektionsmittel und nassen Regenschirmen, draußen nieselte es seit dem Morgen, so ein typischer November in Leipzig, an dem die Straßenbahn Nummer 4 alle acht Minuten vorbeirasselte und niemand ihr nachschaute.

„Du wolltest den gebrauchten Anhänger vom Flohmarkt kaufen", sagte Jana leise. „Nicht ich."

„Ach, lass mich in Ruhe."

Er kniete sich hin, versuchte das Rad wieder auf die Achse zu stecken. Es passte nicht. Er drehte es, drückte, fluchte leiser vor sich hin. Ein Mann mit Werkzeugtasche über der Schulter blieb stehen, schätzungsweise Mitte dreißig, Schmierflecken an den Fingern.

„Brauchen Sie Hilfe? Ich repariere solche Sachen beruflich."

„Komme klar", schnitt Karsten ihm das Wort ab, ohne aufzuschauen. Der Mann zuckte mit den Schultern, kramte trotzdem eine Karte aus der Jackentasche und reichte sie Jana, weil Karsten sich gar nicht umdrehte.

„Falls es doch nicht klappt. Jonas Brendel, Kinderwagen-Reparatur, mach ich hauptberuflich."

Jana steckte die Karte in die Manteltasche, ohne groß darüber nachzudenken, und dankte ihm mit einem kurzen Kopfnicken.

Karsten warf das Rad in den Wagen, klappte ihn zusammen und schleppte ihn die drei Stufen zur Praxistür hoch. Jana folgte mit Fritz auf dem Arm und dachte, nicht zum ersten Mal in diesem Jahr: Habe ich diesen Mann wirklich geheiratet? Seit Fritz auf der Welt ist, ist er ein anderer. Kälter.

Im Wartezimmer saßen mindestens zwölf Familien, die Klimaanlage kämpfte gegen die Heizungsluft, irgendwo lief leise das Vormittagsprogramm im MDR. Karsten schaute alle zehn Minuten auf die Uhr.

„Wir hocken hier bis zum Mittag."

„Ist doch bald dran", versuchte Jana zu beschwichtigen. „Halt noch ein bisschen durch."

„Ich hab heute frei. Statt mich zu Hause auszuruhen, steh ich hier mit dir rum."

„Und mit Fritz."

„Was?"

„Mit mir und Fritz. Du wolltest doch unbedingt einen Sohn. Hast gesagt, du hilfst bei allem mit."

„Ja, ja."

Er dachte dabei nur an die Zigarette, die er sich gleich draußen anzünden würde, alle zehn Minuten, weil das Babygeschrei seine Nerven zerfetzte und er nichts dagegen tun konnte, außer wegzulaufen.

Zwei Stunden später verließen sie die Praxis, gingen zur Haltestelle. Der Anhänger war immer noch kaputt, Jana trug Fritz.

„Und der Wagen?", fragte sie.

„Womit soll ich den reparieren, mit dem Finger?", fauchte Karsten. „Zu Hause mach ich das. Du solltest lieber vernünftig fahren lernen. Hab dir gesagt, du sollst um die Schlaglöcher fahren."

„Zeig's mir doch mal."

Er antwortete nicht, nur die Kiefermuskeln zuckten. Als die Straßenbahn kam, stieg er als Erster ein und nahm den letzten freien Platz. Jana musste stehen, ein Arm um Fritz, die andere Hand an der Haltestange.

„Junger Mann, wollen Sie der jungen Frau nicht Ihren Platz anbieten? Sie hat doch ein Kind auf dem Arm", meinte eine ältere Dame am Fenster empört.

„Was geht Sie das an?", blaffte Karsten. „Ich halte den Kinderwagen fest, wenn Sie's genau wissen wollen."

„Ist schon gut, ich steh", sagte Jana müde und dachte sich innerlich einen Dank für die Frau. Nur noch drei Haltestellen, dann sind wir zu Hause, redete sie sich ein. Dabei wollte sie eigentlich weinen. Wie erschöpft sie war von diesem Leben. Sie und Karsten – kein Ehepaar mehr, eher zwei Fremde, die zufällig dieselbe Wohnung teilten.

„Setzen Sie sich doch", hörte sie eine fremde Männerstimme. Es war Jonas, der Mann mit der Werkzeugtasche von vorhin. Er stand jetzt zwei Reihen weiter, war wohl in dieselbe Bahn gestiegen.

„Danke, ich steig gleich aus…"

„Setzen Sie sich trotzdem, nicht dass die Bahn bremst und Sie…"

Er kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden – die Straßenbahn bremste in diesem Moment abrupt, und Jana fiel praktisch in seine Arme. Ohne ihn wäre sie gestürzt.

„Danke", sagte sie, Fritz fest an sich gedrückt.

„Nichts zu danken. Setzen Sie sich."

Sie ließ sich auf den frei gewordenen Platz sinken, endlich konnte sie durchatmen. Die Füße brannten. Jonas stand neben ihr, während Karsten dunkelrot anlief vor Wut. Er konnte es seiner Frau nicht verzeihen, dass sie das Angebot eines Fremden angenommen hatte. Die ganze Fahrt über stellte er im Kopf eine Liste von Vorwürfen zusammen, die er ihr gleich am Ausstieg entgegenschleudern würde. Wahrscheinlich merkte er deshalb nicht, wie mehrere Fahrgäste ihn missbilligend musterten. Ein Ehemann und Vater, der seiner Frau mit Kind keinen Platz anbietet?

Jana dachte an etwas anderes: dass es wohl einfacher wäre, allein zu sein, als mit irgendwem zusammenzuleben. In letzter Zeit tat Karsten nichts anderes, als sie anzuschreien. Wofür? Was hatte sie sich zuschulden kommen lassen? Er hatte es nie erklärt.

An der Endhaltestelle stiegen alle aus. Karsten reichte ihr nicht mal die Hand, schnappte sich den Anhänger und ging, als wäre nichts gewesen. Jana stieg zuletzt aus, mit dem Kind auf dem Arm, und Jonas half ihr, damit sie nicht stolperte.

„Danke für alles."

„Ach, keine Ursache", sagte er, fast ein bisschen verlegen. „Das macht man doch, anderen Menschen helfen. Und die Karte hab ich Ihnen ja schon gegeben, falls der Anhänger doch noch zickt."

„Stimmt, hab ich noch." Sie tastete kurz nach der Manteltasche. „Danke, dass es Sie gibt."

„Schade, dass das nicht alle so sehen wie ich", sagte er und lächelte, bevor er in Richtung Poststraße abbog.

Jana schaute ihm nach, bis er um die Ecke verschwand. Karsten hatte die ganze Zeit an der Haltestelle gestanden und eine Zigarette nach der anderen geraucht, wie ein Schlot.

„Warum hast du mir nicht geholfen?", fragte Jana, als sie zu ihm trat.

„Bist du ein kleines Kind? Kommst du allein nicht klar? Ich hab immerhin den Wagen getragen, den du kaputt gemacht hast. Ohne mich hättest du doch nur dagesessen und geheult, wie üblich."

„Die Leute hätten geholfen…"

„Die Leute? Meinst du zufällig den Kerl, mit dem du vor meinen Augen geflirtet hast?"

„Geflirtet? Herrgott, Karsten, was redest du da? Der Mann hat mir einfach seinen Platz angeboten. Seltsam, dass du nicht drauf gekommen bist."

Ein Wort ergab das andere, und binnen einer Minute stritten sie schon wieder – genauer, Karsten schrie, und Jana schwieg ergeben und versuchte, Fritz zu beruhigen. Erst am Ende hielt sie es nicht mehr aus.

„Hör auf damit! Das Kind hat schon Angst vor dir. Ich auch. Du siehst gerade aus wie ein Tier."

„Ach ja, aber mit fremden Kerlen reden, davor hast du keine Angst. Alle sind gut, nur ich bin der Böse, was?"

Jana drehte sich um und ging zum Supermarkt in der Nähe, um noch etwas einzukaufen. Auf diesen Ton hatte sie keine Lust mehr zu antworten. Karsten, als hätte er nur darauf gewartet, stellte den Kinderwagen neben einen Kastanienbaum und verschwand in der nächsten Kneipe.

Eine halbe Stunde später trafen sie sich wieder. Sie mit Fritz und einer vollen, schweren Tüte, er mit einer Flasche Bier in der Hand und einer Zigarette im Mundwinkel.

„Karsten, hilf mir bitte", rief Jana.

Er grinste nur und rührte sich nicht vom Fleck. Erst als das Bier leer war, kam er näher und verkündete:

„Weißt du, ich bin wohl zu sanft mit dir. Man müsste härter durchgreifen, damit du nicht vergisst, wer hier das Sagen hat."

„Karsten, bist du betrunken? Wann hast du das geschafft?"

Seine Augen waren tatsächlich glasig, sein Verhalten anmaßend. Er brüllte, drohte. Jana kniff die Augen zusammen, als er plötzlich die Hand hob, drehte instinktiv Fritz von ihm weg. Jetzt schlägt er wieder zu, dachte sie.

Doch er schlug nicht. Kam nicht dazu.

Ein dumpfes Knurren war zu hören, und als Jana wieder hinschaute, stand vor ihr ein Hund. Klein, aber ohne jede Angst, das Fell struppig und an einer Stelle kahl gerieben, als hätte lange kein Halsband mehr richtig gesessen. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb Karsten mit erhobener Hand stehen blieb wie erstarrt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sogar ein Hund seine Frau verteidigen würde. Fluchend drehte er sich um und verschwand irgendwohin.

Jana ließ sich auf eine Parkbank fallen und bedankte sich noch lange bei ihrem vierbeinigen Beschützer, der offenbar mehr Menschlichkeit besaß als der Mensch selbst.

„Danke dir, kleiner Kerl. Willst du eine Scheibe Wurst? Hab frische gekauft."

Sie holte aus der Tüte die Fleischwurst, die eigentlich für Karstens Frühstücksbrote gedacht war – außer ihm aß in der Familie sowieso niemand Wurst –, wickelte die Folie ab und reichte sie dem Hund. Verdient hatte er es. Ihr Mann konnte sehen, wo er blieb.

Der Hund nahm die großzügige Gabe dankbar an, wedelte mit dem Schwanz, und Jana kam es vor, als würde er sie fast anlächeln. Fritz, inzwischen ruhig geworden, betrachtete den Hund neugierig und streckte ihm die Ärmchen entgegen. Der Hund wedelte fröhlicher, was Fritz zum Lachen brachte.

„An deiner Stelle würde ich ihn verlassen", hörte Jana eine Frauenstimme. Sie kam ihr bekannt vor. Sie hob den Kopf – die alte Dame von der Straßenbahn saß auf der Nachbarbank.

„Wozu brauchst du so einen Mann? Ist das überhaupt ein Mann? Nur Ärger hat man von so einem."

„Das sagt er auch immer über mich", sagte Jana. „Dass ich an allem schuld bin."

„Glaub mir, mit so einem kommt man auf keinen grünen Zweig. Keinen Platz anbieten für Frau und Kind, auf offener Straße herumschreien – ist das ein Mann?"

Die alte Frau schüttelte missbilligend den Kopf, stand auf, setzte sich zu Jana. Sie kamen sofort ins Gespräch, als würden sie sich schon ewig kennen.

„Wissen Sie zufällig, wem der Hund gehört? So ein hübsches Tier. Sieht gar nicht aus wie ein Streuner."

„Der wohnt bei mir im Haus, drei Etagen unter mir, der Besitzer. Oder wohnte. Trinkt, seit seine Frau ihn verlassen hat, und vor einer Woche hab ich gesehen, wie er den Hund vor die Tür gesetzt und weggeschickt hat. Angeschrien, getreten, und dann ist er reingegangen und hat abgeschlossen. Der Hund saß die halbe Nacht im Hausflur, bis der Hausmeister ihn rausgeworfen hat."

„Einfach so zurückgelassen?"

„Ja, Kindchen. Seitdem streunt er hier ums Karree. Ich hab ihm ab und zu was hingestellt, aber selber kann ich ihn nicht nehmen, mein Vermieter erlaubt keine Tiere. Was mit den Männern heutzutage los ist, versteh ich nicht."

„Furchtbar…"

„Sag ich doch."

Jana tat der Hund leid, und nach kurzem Überlegen, alles abwägend, beschloss sie: Sie würde ihn zu sich nehmen. Auch wenn Karsten dagegen sein würde. Sie hatte genug von seinen Launen und Wutanfällen. Spazierengehen würde mit diesem Hund an ihrer Seite jedenfalls fröhlicher werden. Und sicherer.

Sie bedankte sich bei der alten Dame für das Gespräch, stand auf, nahm Fritz auf den Arm, holte den Anhänger und kehrte zur Bank zurück, um die Einkaufstüte zu greifen.

„Was hast du vor, das alles allein zu schleppen?", fragte die Alte.

„Bin's halt gewöhnt…"

„Nein! Ich helf dir."

So gingen sie den Weg entlang: Jana mit Kind und Tüte, die alte Dame mit dem Anhänger, und der Hund, den sein Herr weggeworfen hatte, trottete hinterher, blieb alle paar Meter stehen und schaute zurück, als könne er es selbst nicht glauben.

Zu Hause in der Frauenstraße bedankte sich Jana noch einmal bei der Nachbarin, dann öffnete sie zögernd die Wohnungstür einen Spalt breit. Der Hund blieb auf der Fußmatte sitzen, die Nase in der Luft, witterte den fremden Flur.

„Na komm schon", sagte sie und klopfte sich auf die Knie.

Er kam vorsichtig, Schritt für Schritt, schnupperte an der Kommode, an Karstens Schuhen, die noch im Flur standen, an Fritz' Spielzeugkiste. In der Küche fand er sofort die Ecke unter dem Tisch und legte sich dort erstmal hin, den Kopf auf den Pfoten, die Ohren aber gespitzt. Jana stellte ihm eine flache Schale mit Wasser hin, die er in einem Zug halb leer trank, dabei tropfte mehr auf den Boden als in ihn hinein. Sie wischte die Pfütze mit einem Geschirrtuch auf und musste dabei lachen – zum ersten Mal an diesem Tag ein echtes Lachen.

Sie setzte Fritz in den Laufstall und begann, die Einkäufe auf den Küchentisch zu räumen. Der Hund beobachtete das Kind aufmerksam und bellte jedes Mal, wenn Fritz aus dem Laufstall klettern wollte. Fritz fand das zum Brüllen komisch und lachte laut. Jana beobachtete die beiden. So sieht also ein ruhiges Leben aus, dachte sie. Niemand schreit, niemand macht ihr Vorwürfe. Sogar die Luft schien leichter zu atmen.

Am Abend, als Fritz schon schlief, ließ sie den Hund kurz ins Kinderzimmer, damit er sich an den Geruch gewöhnte, breitete ihm eine alte Wolldecke in der Ecke neben der Kommode aus. Er drehte sich dreimal im Kreis, bevor er sich niederließ, den Blick auf die Tür zum Flur gerichtet, als wollte er von nun an Wache halten.

Nachdem sie die Einkäufe verstaut hatte, ging sie ins Schlafzimmer, holte den großen Reisekoffer aus dem Kleiderschrank und begann, Karstens Sachen hineinzupacken. Bis heute hatte sie alle seine Ausfälle ertragen. Jetzt aber – jetzt würde das nicht mehr so weitergehen. Genug. Wenn er zurückkommt, wird sie ihn einfach vor vollendete Tatsachen stellen. So wäre es für alle besser: für sie, für ihn, für Fritz.

Karsten kam erst spät in der Nacht heim, dreckig, kaum auf den Beinen, hielt sich an der Wand fest. Jana schleuderte ihm den gepackten Koffer vor die Füße und zeigte zur Tür.

„Verschwinde!"

„Was?! Du schmeißt mich raus? Was bildest du dir ein? Hast dir wohl 'nen neuen Liebhaber angelacht und willst mich jetzt loswerden?"

„Karsten, mir geht's besser allein als mit dir. Von dir kommt keine Hilfe, du bist mit allem unzufrieden, schreist mich an. Lass uns das im Guten beenden."

Karsten lief dunkelrot an, die Kiefer arbeiteten, die Fäuste ballten sich so fest, dass die Knöchel weiß wurden.

„Weißt du, was ich jetzt mit dir mache? Weißt du das?! Ich zeig dir jetzt mal, wer hier das Sagen hat…"

Doch kaum hatte er die Hand gehoben, schoss der Hund aus dem Kinderzimmer, mit tiefem Knurren, und stürzte sich auf Karsten. Jana konnte bis heute nicht begreifen, wie dieses kleine Tier einen Mann von fast zwei Metern in die Schranken weisen konnte. Aber es gelang ihm.

Fluchend wie ein Kutscher schnappte Karsten den Koffer und stürzte aus der Wohnung. An der Tür drehte er sich noch einmal um, presste die Worte durch die Zähne:

„Das wirst du noch bereuen!"

Der Hund sprang ihm bellend hinterher, bis Karsten die Treppe hinunterhastete, seinen verletzten Stolz rettend. Jana schloss die Tür ab und atmete auf.

Ob sie es je bereuen würde? Nein. Bereut hatte sie nur eines: dass sie es nicht früher getan hatte. Und wofür sollte sie jetzt trauern? Sie sollte sich freuen: Sie war frei. Geld hatte sie genug – sie arbeitete als Übersetzerin im Homeoffice und verdiente ordentlich, dreitausendzweihundert Euro netto im Monat. Die Wohnung in der Frauenstraße gehörte ihr allein, geerbt von ihrer Großmutter.

Am nächsten Morgen setzte sie sich an den Küchentisch, wo noch die Kaffeetasse von gestern stand, halb voll und kalt, den Hund zu ihren Füßen, und rief bei ihrem Anwalt an, den sie noch von der Wohnungsübergabe der Großmutter kannte.

„Grundbuch, Trauschein, das Übliche, ich fax Ihnen alles noch durch", sagte sie am Telefon und kritzelte sich dabei Stichworte auf einen Blaupausen-Notizzettel, den Fritz eigentlich schon halb zerkaut hatte. „Aber sagen Sie mir ehrlich: Kann er mir wirklich nichts wegnehmen? Auch nicht die Wohnung?"

„Wenn alles so ist, wie Sie sagen – nein", kam die Antwort. „Das steht seit dem Tag der Erbschaft nur auf Ihrem Namen. Da beißt sich Ihr Mann die Zähne aus."

Sie musste bei dem Bild kurz lächeln, dankte, legte auf und rief gleich danach bei der Bank an, um das gemeinsame Konto sperren zu lassen. Die Sachbearbeiterin am Telefon war erstaunlich freundlich, fragte sogar, ob alles in Ordnung sei, und Jana sagte nur: „Jetzt schon, danke."

Achthundertfünfzig Euro standen noch auf dem Konto – Karstens Gehalt war dort seit Monaten nicht mehr eingegangen, das hatte sie erst jetzt richtig bemerkt, weil sie nie genauer hingeschaut hatte.

Zum Schluss holte sie die Visitenkarte aus ihrer Jackentasche, die sie seit gestern früh mit sich herumtrug. „KINDERWAGEN-REPARATUR. Meister Jonas Brendel. Hausbesuch möglich."

„Ich ruf gleich mal an, wegen dem Rad", sagte sie zu dem Hund, der sich neben Fritz' Laufstall zusammengerollt hatte, den Kopf auf die Pfoten gelegt, und sie ansah, als würde er jedes Wort verstehen.

Draußen vor dem Fenster rasselte die Straßenbahn Nummer 4 vorbei, wie jeden Morgen. Jana wählte die Nummer.

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