Die beste Reserve

Später würde Claudia sich an diesen Morgen erinnern und nicht fassen können, wie ahnungslos sie gewesen war. An jenem Morgen aber stand sie am Herd und wendete Pfannkuchen. Der Duft von frischem Kaffee und gebräunter Butter lag im Raum, als Felix in die Küche schlurfte.

»Mama, ich bräuchte mal etwas Geld«, sagte er und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. »Anja hat übermorgen Geburtstag. Zwanzig wird sie. Wir wollen zu zweit nach Freiburg fahren, ein bisschen schick essen gehen und am Abend wiederkommen. Keine große Sause.«

Claudia wischte sich die Hände an der Schürze ab. Sie kannte ihren Sohn genau. Er erzählte ihr von seinen Vorlesungen an der Fachhochschule, von seinen Freunden und natürlich von Anja, der hübschen Verkäuferin aus dem Bioladen in der Altstadt, ein Jahr jünger als er und mit diesem unschuldigen Lächeln, das Mütter für gewöhnlich mögen.

»Hier, mein Junge.« Sie griff nach ihrer Geldbörse, zog zwei Fünfzigeuroscheine heraus und drückte sie ihm in die Hand. »Nur übertreib es nicht mit dem Geld. Und kommt rechtzeitig zurück. Nachts will ich euch nicht auf der Landstraße wissen.«

Felix küsste sie auf die Wange, stopfte die Scheine in seine Jackentasche und zog die Tür hinter sich zu. An der Bushaltestelle wartete Anja bereits, in einem fliederfarbenen Kleid und mit einer kleinen Umhängetasche. Felix fand, sie sah hübsch aus, auch wenn draußen schon die ersten Blätter fielen.

Auf der Fahrt nach Freiburg lachten sie viel. Sie saßen im Oberdeck des Regionalbusses, ganz hinten, und Anjas Haar roch nach Kokos. In der Stadt bummelten sie durch die Gassen, vorbei an den Bächle, und Felix kaufte ihr am Münsterplatz für zwölf Euro einen riesigen Bund violetter Gladiolen. »Weil Rosen zu gewöhnlich sind«, sagte er.

Im Restaurant »Goldener Hahn« gab es Kerzenlicht und hausgemachte Maultaschen. Zum Nachtisch brachte der Kellner ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte mit einer einzelnen Wunderkerze. Die Rechnung belief sich auf 78 Euro mit einer Flasche Weißwein. Anja schloss die Augen, wünschte sich etwas und pustete. Die Funken sprühten auf den weißen Teller.

»Was hast du dir gewünscht?«, fragte Felix und hielt ihre Hand über dem Tisch.

»Wenn ich es verrate, geht es nicht in Erfüllung«, flüsterte sie, und ihre Augen glitzerten im Kerzenschein. »Aber wenn es klappt, erzähle ich es dir eines Tages.«

Um 23:10 stiegen sie in den Bus zurück. Anja lehnte ihren Kopf an seine Schulter, fast eingeschlafen. Felix sah die Lichter der Autobahn vorbeiziehen und grinste vor sich hin. In Weingarten brachte er sie zuerst nach Hause und schlenderte dann durch die sternenklare Nacht zurück. Claudia saß noch mit einem Buch im Wohnzimmer. Sie blickte auf, als er hereinkam, und stellte ihm einen Teller belegte Brote hin.

»Na, hat die Dame ihren großen Tag genossen?«, fragte sie.

»Es war schön«, sagte Felix und biss in ein Brot. »Wirklich schön.«

Einige Tage später schob Claudia ihren Einkaufstrolley durch den Supermarkt am Ortsausgang, als sie zwischen den Kühlregalen eine vertraute Stimme hörte. Es war Martina, Anjas ältere Schwester, die einen wuscheligen Hund an der Leine und einen Korb voller Hundefutterdosen neben sich hatte.

»Frau Hartmann! Wie schön, Sie zu sehen«, rief Martina und steuerte ihren Wagen auf Claudias zu. »Ich wollte mich noch bei Ihnen bedanken. Anja hat mir von der Geburtstagsüberraschung in Freiburg erzählt. Ihr Sohn hat sich wirklich ins Zeug gelegt.«

Claudia winkte bescheiden ab. »Ach, wissen Sie, für Felix war das eine Freude. Er ist ein Junge, der mit dem Herzen handelt. Keine halben Sachen.«

Sie redeten über dies und das, über die steigenden Preise und die geplante Baustelle am Marktplatz. Schon wollte sich Claudia verabschieden, da senkte Martina verschwörerisch die Stimme und beugte sich etwas vor.

»Wissen Sie, unter uns«, sagte sie und zupfte gedankenverloren einen losen Faden von ihrem Ärmel, »Ihr Felix ist ein ganz Lieber. Ein anständiger Kerl. Ich habe Anja neulich noch gesagt, dass sie so einen nicht alle Tage findet. Aber glauben Sie, sie hört auf mich? Sie meinte tatsächlich, er sei ja nicht unbedingt ihr Traummann, aber besser in der Tasche als gar keiner. Sie wolle erst mal schauen, was sonst noch so kommt. So ein Unsinn, oder? Ich meine, in ihrem Alter sollte man doch … ach, ich plappere schon wieder zu viel. Vergessen Sie’s einfach.«

Martina lachte kurz auf, schnippte mit dem Finger und rief ihrem Hund zu, der an einem Regal schnupperte. Sie verabschiedete sich mit einem unbekümmerten Winken und rollte davon, als hätte sie nur die Uhrzeit durchgegeben. Claudia blieb stehen. Die Dose Tomaten in ihrer Hand fühlte sich auf einmal kalt an. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihr aus. Sie dachte nur: Felix war so vertrauensselig, so voller Liebe. Und dieses Mädchen sah ihn als Platzhalter, bis der Richtige kommt.

Sie beschloss, vorerst zu schweigen. Vielleicht hatte Martina übertrieben. Vielleicht war es ein Missverständnis. Aber das mulmige Gefühl blieb und wuchs mit jedem Tag, an dem sie ihn in seiner Verliebtheit beobachtete.

Zwei Wochen später kam Felix nicht wie gewohnt pfeifend vom Sport, sondern ließ die Tür so leise ins Schloss fallen, dass es fast unheimlich war. Er ging in sein Zimmer und machte Musik an – nichts Fröhliches. Claudia klopfte vorsichtig und trat ein. Er saß auf der Bettkante, sein Skateboard achtlos in die Ecke geworfen, und starrte auf sein Handy.

»Felix? Ist was mit der Uni? Oder … mit Anja?«

Er antwortete lange nicht. Dann warf er das Handy aufs Kissen und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Es ist aus, Mama. Ich hab’s beendet.«

»Aber warum? Es lief doch alles so gut.«

»Tat es eben nicht«, stieß er bitter hervor. »Ich war gestern mit den Jungs ein Bier trinken in der ›Krone‹. Da hat mir einer gesteckt, was sie neulich beim Mädelsabend von sich gab. Ihr genauer Wortlaut, falls es dich interessiert: ›Felix ist ein netter Typ, aber so richtig vom Hocker reißt er mich nicht. Ich halt ihn mir warm, bis was Ernstes vorbeikommt. Nicht, dass ich am Ende allein dasitze.‹«

Claudia setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. Sie spürte, wie er zitterte – nicht vor Kälte, sondern vor unterdrückter Wut.

»Ich hab sie heute Morgen angerufen«, fuhr Felix fort, seine Stimme rau. »Ich hab sie direkt gefragt. Erst hat sie alles abgestritten, hat behauptet, das sei frei erfunden. Aber dann, als ich nicht lockergelassen habe, ist sie ausgeflippt. Sie hat geschrien: ›Ja und? Man darf sich doch wohl Optionen offenhalten! Du bist nicht der Nabel der Welt. Und schau dich an – du fährst einen alten Ford Escort von ’95, was erwartest du?‹«

Er schnaubte. »Mein Auto, Mama. Sie hat mein Auto als Begründung genommen. Sie stand da und hat mir ins Gesicht gelogen, dass sie mich liebt, und dabei war ich für sie nur ein Lückenfüller. So eine verdammte Scheiße.«

Claudia zog ihn fest an sich und strich ihm über den Hinterkopf, ganz wie früher, als er noch ein kleiner Junge war und sich das Knie aufgeschlagen hatte. »Du warst nie ein Lückenfüller, mein Junge«, murmelte sie. »Sie hat einfach nicht kapiert, was sie an dir hatte. Die Leere ist bei ihr, nicht bei dir.«

Am Tag darauf stand Anja plötzlich vor der Gartentür. Ihr Gesicht war verquollen, sie hielt einen lieblos zusammengeknüllten Blumenstrauß in der Hand. Felix öffnete. Sie redete und redete, Entschuldigungen, Ausflüchte, »so war das nicht gemeint«, »meine Schwester spinnt«. Felix hörte ihr eine Minute lang zu, ganz ruhig. Dann sagte er nur: »Danke für die Blumen, Anja. Und jetzt geh bitte.« Er schloss die Tür, ging in die Küche und warf den Strauß in den Biomüll. Claudia, die am Küchentisch saß und eine Zeitschrift durchblätterte, sagte keinen Ton. Sie wusste, dass ihr Sohn mehr Klasse hatte, als eine große Szene zu machen.

Der Herbst kam. Felix vergrub sich in sein Bauingenieur-Praktikum bei einer Baufirma in Friedrichshafen. Jeden Morgen stand er um fünf auf und kam erst im Dunkeln wieder. Die Arbeit war hart, aber sie lenkte ab.

Dort, zwischen Bauplänen, Helmen und Betonmischern, lernte er Lena kennen. Lena war Bauzeichnerin, eine junge Frau mit einem schmalen Gesicht, unzähligen Sommersprossen auf der Nase und einem leisen, bestimmten Wesen. Sie gab nicht viel auf große Worte. Als er sich bei strömendem Regen auf der Baustelle eine Erkältung holte, stellte sie ihm ungefragt eine Kanne Ingwertee auf den Schreibtisch. Als sein alter Ford Escort, Baujahr ’95, tatsächlich den Geist aufgab und er die Panne im Büro erwähnte, bot sie ihm an, ihn abends mitzunehmen – in ihrem silbernen Opel Corsa. Sie redeten auf der Fahrt nicht über Autos, sondern über die beste Route rund um den Bodensee mit dem Rad.

Sie fragte nie nach dem, was andere fragten. Sie fragte ihn, ob er gerne liest, was für Musik er auf dem Weg zur Arbeit hört und ob er sich vorstellen könne, eines Tages ein Haus aus Holz zu bauen, nur so als Gedankenspiel. Felix merkte, dass er wieder lächelte, ohne sich dazu zu zwingen. Es fühlte sich überraschend an.

An einem klirrend kalten Dezemberabend, genau ein Jahr und drei Monate nachdem er Lena das erste Mal gesehen hatte, kniete er vor ihr auf der Moosburger Landungsbrücke, mit Blick auf den im Nebel verschwindenden See, und hielt ihr eine kleine Schachtel entgegen. Lena hielt sich die Hand vor den Mund, ihre Augen wurden riesig.

»Ich hab nicht viel«, sagte Felix, seine Stimme belegt vor Aufregung. »Nur mich, mein altes Auto – das immer noch fährt – und den Traum von einem Holzhaus. Aber du wirst in meinem Leben nie die zweite Wahl sein.«

Lena sagte Ja, bevor er den Satz zu Ende sprechen konnte. Dann lachte sie und zog ihn hoch in eine feste Umarmung.

Die Hochzeit fand im kleinen Standesamt von Weingarten statt, mit einem Sektempfang im Garten von Claudias Haus. Die Nachbarn brachten selbstgebackenen Zwiebelkuchen mit, und Felix’ bester Freund spielte auf seiner Gitarre schiefe, aber herzergreifende Lieder. Claudia stand in einem hellblauen Kostüm am Rand und weinte vor Glück in eine Papierserviette.

Drei Jahre später lag Kinderspielzeug im Garten. Emil, ein kleiner Junge mit strohblonden Haaren und Claudias entschlossenen blauen Augen, buddelte im Sandkasten unter dem Apfelbaum. Felix und Lena waren gerade von einer Fahrradtour zurückgekommen, ihre Wangen vom Wind gerötet, und Claudia brachte einen Krug Holunderlimonade nach draußen.

»Oma, schau mal, eine Ritterburg!«, rief Emil und hielt eine sandige Form in die Höhe, die eher nach einem zerfallenen Hügel aussah. Claudia klatschte begeistert.

Felix stand mit Lena an der Terrassentür und sah zu, wie seine Mutter sich zu Emil in den Sand kniete, ohne sich um ihr Kleid zu scheren. Ein alter Name schoss ihm durch den Kopf. Anja. Er hatte sie einmal im örtlichen Einkaufszentrum gesehen, ein paar Jahre nach der Trennung. Sie war allein, das Gesicht schmaler, der Blick fahrig. Er hatte einfach weitergehen können, ohne dass sein Herz auch nur einen Schlag aussetzte.

»Woran denkst du?«, flüsterte Lena und stupste ihn mit der Nase am Kinn.

»An nichts«, murmelte Felix. »Oder daran, dass ich hungrig bin.«

Lena lächelte, ihre Sommersprossen tanzten um die Nase.

Vom Sandkasten her schallte ein lautes, zufriedenes Kreischen. Emil hatte einen Wurm entdeckt und trug ihn auf seiner flachen Hand zur genaueren Begutachtung zu seiner Oma. Claudia betrachtete das kleine, zappelnde Ding mit gespieltem Ernst und sagte: »Ein Prachtexemplar, Emil. Den müssen wir sofort Fred nennen.«

Felix lachte. Es war ein tiefes, ehrliches Lachen, das aus dem Bauch kam.

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