Tante Lisbeth und der Brief aus München

Ich arbeite seit elf Jahren als Notarfachangestellte in einer Kanzlei in der Lüneburger Straße, dritter Stock, Blick auf den Parkplatz vom Supermarkt gegenüber. Mein Schreibtisch steht direkt neben der Tür zum Besprechungszimmer, deshalb kriege ich fast jedes Gespräch mit, das durch die Glasscheibe dringt. Man gewöhnt sich dran. Die meisten Leute kommen rein, setzen sich, unterschreiben, gehen wieder. Aber die Frau, die an einem Dienstag im November kam, die werde ich nicht vergessen.

Sie hieß Marlene Wiegand, 43, trug einen kamelhaarigen Mantel, der bessere Tage gesehen hatte, und drückte eine alte Ledertasche mit beiden Händen an sich, als könnte ihr jemand die wegnehmen. Sie hatte keinen Termin. Sie stand einfach im Flur, bis meine Kollegin Frau Dorn sie ansprach.

„Ich habe einen Termin um halb drei“, sagte Marlene.

Frau Dorn schaute in den Kalender. „Bei uns ist nichts eingetragen unter Wiegand.“

„Doch“, sagte Marlene. Sie zog einen zerknickten Zettel aus der Manteltasche und legte ihn auf den Tresen. Darauf stand, mit Kugelschreiber, die Adresse unserer Kanzlei und ein Name: Bernd Hartwig.

Bernd Hartwig war der Mann, mit dem sie seit zwei Jahren zusammen war. Und Bernd Hartwig hatte in unserer Kanzlei vor drei Tagen einen Termin gehabt, um sein Testament zu ändern.

Das wusste sie offenbar nicht.

Ich saß an meinem Platz und tat so, als würde ich Rechnungen sortieren. Aber ich hörte alles.

Frau Dorn bat Marlene ins Besprechungszimmer. Ich brachte zwei Gläser Wasser rein. Marlenes Hände zitterten so, dass sie das Glas mit beiden Händen umfasste, wie vorher die Tasche. Die Fingernägel waren abgekaut, der Ring am Finger war angelaufen. Kein Ehering.

„Ich will wissen, was geändert wurde“, sagte sie.

Frau Dorn erklärte ihr, dass sie dazu nicht befugt sei, dass nur der Erblasser selbst Auskunft verlangen könne.

Marlene senkte den Kopf, kurz. Dann sagte sie etwas, das mir durch den ganzen Körper fuhr.

„Wir bauen seit achtzehn Monaten ein Haus in Fallingbostel. Ich habe hundertzehntausend Euro eingebracht. Er hat den Kredit laufen. Der Bauträger hat den Vertrag auf seinen Namen gemacht, weil er meinte, das sei steuerlich besser. Ich habe jeden Beleg, jede Überweisung. Jeden.“ Sie tippte auf die Tasche. „Und jetzt sagt mir meine Schwester, Bernd hätte beim Kartenspielen erzählt, er hätte sein Testament ändern lassen. Bei einem Notar in München, wo seine Mutter herstammt und wo er als junger Mann gearbeitet hat. Noch vor Weihnachten.“

Frau Dorn schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Frau Wiegand, ich verstehe Ihre Sorge. Aber ich darf Ihnen keine Einsicht geben. Ich kann nur empfehlen, dass Sie sich rechtlich beraten lassen.“

Marlene saß da, den Rücken zur Glasscheibe, und ich sah, wie ihre Schultern sich hoben und senkten. Dreimal. Dann stand sie auf, nahm die Tasche, die Gläser ließ sie stehen, beide randvoll.

An der Tür drehte sie sich noch mal um.

„Bernd hat gesagt, wenn ihm was passiert, soll alles an mich gehen. Das hat er am Küchentisch gesagt.“ Sie machte die Tür leise zu, nicht geknallt. Leise. Das war das Schlimmste.

Zwei Tage später kam sie wieder. Diesmal mit Termin, den sie selbst telefonisch gemacht hatte, bei mir. Ich erkannte ihre Stimme sofort: sehr ruhig, jedes Wort wie für ein Protokoll.

Sie saß mir gegenüber, die Tasche auf dem Schoß, und legte einen Stapel Papiere auf den Tisch. Kontoauszüge, Überweisungsbelege, ein Schreiben vom Bauträger, Vertragsentwürfe. Der Geruch von kaltem Papier lag zwischen uns.

„Ich will nur wissen, ob das reicht“, sagte sie. „Ob ich damit zu einem Anwalt gehen kann.“

Ich blätterte die Unterlagen durch. Es war alles da. Die Hundertzehntausend waren in fünf Tranchen geflossen, jede dokumentiert, jede mit Verwendungszweck. Mein Großvater hatte immer gesagt, wer die Belege hat, hat die Geschichte. Ich dachte in diesem Moment daran, wie oft er recht behalten hatte.

„Frau Wiegand“, sagte ich, „das reicht für eine Beratung. Aber ich darf Sie nicht beraten, ich bin keine Anwältin.“

„Ich weiß“, sagte sie. „Ich wollte nur, dass jemand die Papiere anguckt, bevor ich damit zum Anwalt gehe. Damit ich nicht dastehe wie eine Irre.“

Ich schaute sie an. Sie hatte neue Schuhe an, schlichte schwarze, noch im Karton gesteift. Beim ersten Termin hatte ich abgetragene Stiefeletten gesehen, mit Salzrändern vom Schnee. Jetzt nicht.

„Wollen Sie einen Kaffee?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich will, dass das hier aufhört. Dass ich nachts von Gerüsten träume. Dass ich morgens um vier im Internet nach Rechtsprechung suche. Dass ich Bernds Gesicht nicht mehr ansehen muss, ohne zu wissen, was er über mich denkt.“

Sie sprach, als würde sie eine Rechnung prüfen. Ohne Tränen. Ihre Hand lag flach auf der Tasche, die Finger gespreizt, als wollte sie etwas festhalten, das schon weg war.

Ich dachte an meine eigene Trennung vor drei Jahren. Ich war damals auch jede Nacht wach gewesen. Hatte ich Belege gehabt? Nein. Ich hatte nicht mal einen gemeinsamen Vertrag gehabt. Nur eine Umzugskiste mit seinen Socken, die ich noch heute nicht weggeworfen habe, weil ich nie einen Grund fand, es an einem bestimmten Tag zu tun.

„Der Anwalt wird Ihnen helfen“, sagte ich. „Sammeln Sie weiter. Zahlen Sie nichts mehr ohne Beleg. Und verlangen Sie vom Bauträger einen Auszug über den Zahlungsstand. Auf Ihren Namen.“

Sie schrieb in ein kleines Notizbuch, mit einem Stift, den sie aus der Mantelinnentasche zog. Als sie aufblickte, sah ich, dass unter dem Mantel ein Rollkragenpullover in dunklem Rot steckte. Ein Sonntagspullover.

Als sie ging, blieb die Kanne Kaffee unberührt auf dem Tisch stehen. Meine Kollegin fragte, ob sie was wollte. „Nein“, sagte ich. „Die hat schon alles.“

Sechs Wochen später rief mich Marlene an und bat um einen dritten Termin — außerhalb der Öffnungszeiten, freitagabends, wenn die Kanzlei leer war. Ihr Anwalt hatte ein Schreiben an den Bauträger und an Bernds Notar in München geschickt und um Akteneinsicht in die Vertragsgrundlage gebeten. Bernd hatte davon erfahren und wollte reden, bevor sein Anwalt es tat.

Er kam mit. Ein hagerer Mann Mitte fünfzig, Aktentasche, Anzugjacke über dem Pullover, als hätte er sich für den Termin extra angezogen und dann doch nicht ganz. Frau Dorn war schon gegangen, ich hatte den Schlüssel.

Sie setzten sich einander gegenüber, ich saß am Kopfende, weil Marlene darum gebeten hatte, „damit jemand dabei ist, der die Zahlen kennt“.

„Ich habe das Testament geändert, ja“, sagte Bernd. „Meine Mutter hat mich gedrängt. Sie sagt, so lange wir nicht verheiratet sind, gehört dir nichts, und wenn mir was passiert, steht meine Mutter mit leeren Händen da, weil du dann das Haus kriegst und sie nichts.“

„Das Haus, das ich mitbezahlt habe“, sagte Marlene. Sie holte den Stapel Belege aus der Tasche, den sie in den vergangenen Wochen um ein Aktenregister erweitert hatte, mit Reitern in fünf Farben, und schob ihn über den Tisch. „Hier. Fünf Überweisungen, jede mit Verwendungszweck ‚Anzahlung Neubau Fallingbostel‘. Hier der Kreditvertrag, auf deinen Namen, mit meiner Unterschrift als Bürgin. Hier die Baurechnungen, die ich beglichen habe, weil dein Konto im August leer war. Ich habe alles aufgehoben, Bernd. Jeden Zettel.“

Bernd blätterte, langsamer bei jeder Seite. Bei der Bürgschaftsurkunde hielt er inne und rieb mit dem Daumen über seine eigene Unterschrift, als könnte er sie damit verändern.

„Das wusste ich nicht mehr so genau“, sagte er.

„Doch“, sagte Marlene. „Du hast unterschrieben, an diesem Tisch, in dieser Kanzlei, drei Türen weiter. Und wenn deine Mutter das Testament in München ändern lässt, dann ändert sie an einem Eigentum, an dem ich zur Hälfte beteiligt bin, ob mit Trauschein oder ohne. Das ist kein Erbe, Bernd. Das ist meine Bürgschaft, meine Anzahlung, mein Risiko.“

Ich sagte nichts, aber ich schob ihm einen Auszug aus dem Grundbuchvorbescheid zu, den unser Notar für den Kreditvertrag hatte anfertigen lassen — mit dem Vermerk zur Bürgschaft und der Sicherungshypothek zugunsten von Marlene, die der Bauträger auf ihr Drängen hin hatte eintragen lassen, ohne dass Bernd es bislang bemerkt hatte.

Bernd starrte auf den Vermerk lange genug, dass die Uhr im Flur zweimal schlug.

„Das steht da schon drin“, sagte er leise. „Seit wann?“

„Seit Januar“, sagte Marlene. „Als ich nicht mehr wusste, ob ich dir trauen kann.“

Er legte die Papiere zusammen, klopfte sie gerade auf der Tischplatte, wie man das mit einem Stapel Fotos macht, bevor man ihn wegräumt.

„Ich rede mit meiner Mutter“, sagte er. „Und mit dem Notar. Ich lass das zurückändern.“

„Das reicht nicht mehr“, sagte Marlene. „Ich will das Grundstück auf meinen Namen. Allein. Du kriegst deinen Anteil an der Kreditsumme zurück, sobald ich umfinanziert habe. Aber ich will nicht mehr in einem Haus wohnen, das mir jederzeit unter den Füßen weggezogen werden kann, weil deine Mutter Karten spielt und Geschichten erzählt.“

Bernd sah sie an, lange. Dann nickte er nicht, sondern stand auf, ging zum Fenster, das auf den dunklen Parkplatz hinausging, und blieb dort stehen, die Hände in den Hosentaschen.

„Gut“, sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen. „Gut.“

Vier Wochen danach unterschrieben beide vor unserem Notar die Umschreibung: Bernd trat seinen Anteil am Grundstück in Fallingbostel gegen Rückzahlung seiner eingebrachten Kreditrate an Marlene ab, die Bürgschaft wurde aufgehoben, die Hypothek gelöscht. Bernds Notar in München bestätigte schriftlich, dass die Testamentsänderung gegenstandslos sei, weil das Haus nun ohnehin nicht mehr in Bernds Vermögen fiel. Bernd zog zu seiner Mutter nach Celle, bis er, wie er sagte, „wieder auf eigenen Füßen steht“.

Ich habe die Unterschriften selbst beglaubigt, ihre Hand war ruhig dabei, viel ruhiger als beim ersten Glas Wasser im November.

Danach kam noch ein einziges Mal ein Umschlag von ihr, ohne Absender, nur mein Name in ordentlicher Handschrift. Darin ein kleiner Zeitungsausschnitt aus dem Böhme-Zeitung-Lokalteil: ein Foto vom Richtfest eines Hauses in Fallingbostel, eine Frau in dunkelrotem Pullover, die einen Sessel im Garten aufstellt und sich hineinsetzt, die Knie zur Brust gezogen, während eine Nachbarin mit einer Thermoskanne über den Rasen kommt.

Dazu ein Satz, mit Kugelschreiber, keine Anrede: „Danke, dass jemand die Zahlen ernst genommen hat.“

Ich habe den Ausschnitt in meine unterste Schublade gelegt, zu den alten Kalendern. Neben die Umzugskiste mit den Socken, die ich, wie ich an diesem Abend beschloss, endlich zur Kleiderkammer bringen würde.

Am nächsten Morgen kam ich früh in die Kanzlei, die Kiste unter dem Arm. Ich stellte sie kurz auf den Boden, um die Tür aufzuschließen, und blieb einen Moment stehen. Draußen fuhr ein Auto vom Hof. Die Ampel vor dem Supermarkt sprang von Rot auf Grün. Der Tag begann.

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