Die ungeduldige Enkelin und der letzte Schlüssel zur Großmutter

Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte 6:47 Uhr, als Lena Brandts Handy zum dritten Mal vibrierte. Ihre Großmutter, Erna Brandt, hatte wieder angerufen.

„Ich hab's dir doch gesagt, Oma, um neun bin ich da", murmelte Lena und ließ das Telefon auf die Bettdecke fallen. Draußen, in der Kastanienallee in Köln-Ehrenfeld, fuhr schon der erste Bus vorbei. Es war der 14. September, ein Montag, und Lena hatte um elf einen Termin bei ihrer Steuerberaterin. Dazwischen: die Bank, wegen der Vollmacht für Omas Konto. Ein enger Zeitplan, den sie sich in ihrem Kalender rot markiert hatte.

Als sie um Viertel nach neun endlich vor der Wohnungstür in der Venloer Straße stand, öffnete Erna ihr in Morgenmantel und Hausschuhen, ein Stapel Papiere in der Hand.

„Ich hab die Unterlagen rausgesucht", sagte sie. „Aber ich finde die Kontonummer nicht. Und dieser Brief von der Sparkasse, der ist irgendwie komisch formuliert, ich versteh nicht—"

„Oma, wir haben nicht ewig Zeit." Lena drängte sich an ihr vorbei in den Flur, wo es nach Kaffee und altem Papier roch. Auf dem Küchentisch lag das Chaos: Kontoauszüge, ein Rentenbescheid, ein Werbebrief einer Krankenkasse, den Erna offenbar für etwas Wichtiges hielt.

„Das ist nur Werbung", sagte Lena und schob den Brief beiseite. „Wo ist die IBAN?"

„Ich weiß nicht, wo du das hinlegst, wenn du alles durcheinanderwirfst." Ernas Stimme zitterte leicht, aber Lena hörte es nicht richtig, sie war schon dabei, die Ordner durchzublättern, ungeduldig, die Uhr im Nacken.

„Sparkasse Köln-Bonn, Konto 4471—" Erna suchte in ihrem Gedächtnis nach Zahlen, die sich vierzig Jahre lang nicht verändert hatten, und jetzt, in diesem Moment, unter dem Druck von Lenas Blick auf die Armbanduhr, verschwanden sie einfach.

„Oma, komm schon."

„Ich brauch nur einen Moment."

„Wir haben keinen Moment, ich muss um elf bei Frau Weickert sein."

Erna setzte sich auf den Küchenstuhl, die Hände flach auf den Tisch gelegt, und schwieg. In diesem Schweigen lag etwas, das Lena erst später verstehen würde: nicht Trotz, sondern Erschöpfung. Die Erschöpfung von jemandem, der spürt, dass er zur Last geworden ist, ohne es zu wollen.

„Weißt du was", sagte Lena schließlich und griff nach ihrer Tasche, „ich mach das allein bei der Bank. Gib mir einfach deinen Perso und die Vollmacht, die du unterschrieben hast."

„Die liegt im Schlafzimmer, in der Nachttischschublade." Ernas Stimme war jetzt kaum mehr als ein Ausatmen.

Lena fand die Schublade voller Fotos – schwarzweiße Aufnahmen von einer Hochzeit 1968, ein Bild von Lena selbst als Baby auf Ernas Arm, ein Kinoticket, vergilbt, von einem Film, dessen Titel man nicht mehr lesen konnte. Ganz unten, unter all dem, lag die Vollmacht. Daneben ein Umschlag, auf dem in Ernas krakeliger Schrift stand: „Für Lena, falls."

Sie öffnete ihn nicht. Sie steckte ihn ein, zusammen mit der Vollmacht, und ging zurück in die Küche.

„Ich bin um eins wieder da", sagte sie an der Tür, schon halb im Treppenhaus.

Bei der Sparkasse in der Venloer Straße saß sie zwanzig Minuten später Herrn Achterberg gegenüber, einem Berater mit randloser Brille, der die Vollmacht prüfte, während Lena auf ihr Handy schaute – 10:52 Uhr, noch acht Minuten bis zum nächsten Termin, den sie unmöglich schaffen würde.

„Frau Brandt", sagte Herr Achterberg, „diese Vollmacht ist nicht vollständig. Es fehlt die Unterschrift eines zweiten Zeugen, oder eine notarielle Beglaubigung. So kann ich das Konto nicht freigeben."

„Das kann nicht sein." Lena griff nach dem Papier. Tatsächlich: nur eine Unterschrift, Ernas, zittrig, aber eindeutig. Keine zweite.

„Ihre Großmutter hätte das wissen müssen, oder jemand hätte sie beraten müssen—"

„Sie hat's mir gesagt", unterbrach Lena leise, mehr zu sich selbst. „Heute Morgen. Sie hat gesagt, der Brief von der Sparkasse sei komisch formuliert. Ich hab nicht zugehört."

Sie stand auf, bedankte sich, ging.

Draußen, auf der Venloer Straße, rief sie nicht die Steuerberaterin an, um den Termin zu verschieben. Sie ging zu Fuß zurück, vierzig Minuten, obwohl sie mit der Bahn hätte fahren können, weil sie Zeit brauchte, um in ihrem Kopf etwas zu sortieren, das keine Kontonummer war.

Erna saß noch immer am Küchentisch, die Papiere jetzt ordentlich gestapelt, als wäre nichts gewesen.

„Die Vollmacht taugt nichts", sagte Lena und setzte sich ihr gegenüber. „Es fehlt eine Unterschrift. Wir müssen zum Notar."

„Ich hab's dir doch gesagt, der Brief war komisch."

„Ich weiß. Ich hätte zuhören sollen."

Erna schwieg einen Moment, dann schob sie den Umschlag mit der Aufschrift „Für Lena, falls" über den Tisch, den Lena vorhin eingesteckt und dann wieder zurückgelegt hatte, ohne dass Lena es bemerkt hatte.

„Mach ihn jetzt auf. Nicht falls. Jetzt."

Lena öffnete ihn. Darin: kein Brief, sondern ein zweiter, älterer Umschlag, auf dem in verblasster Tinte „5.000 DM, Sparbuch für Lena, 1994" stand, und daneben, mit Kugelschreiber, neu hinzugefügt: „Umgerechnet und übertragen, 2.556 Euro. Für den Fall, dass du mal Hilfe brauchst und nicht fragen willst."

„Das hab ich damals angelegt, als du geboren bist", sagte Erna. „Ich wollt's dir schon lange geben. Aber du hattest nie Zeit, dich hinzusetzen und zuzuhören."

Lena legte den Umschlag auf den Tisch, zwischen die Kontoauszüge und den Rentenbescheid, und griff nach der Hand ihrer Großmutter – nicht nach der Vollmacht, nicht nach dem Handy, nach der Hand.

„Ich hab Zeit", sagte sie. „Morgen gehen wir zum Notar. Aber heute bleib ich einfach hier sitzen."

Sie blieb bis zum Abend, hörte sich die Geschichte zu jedem Foto in der Nachttischschublade an, auch die vom Kinoticket, dessen Titel Erna noch immer auswendig wusste, obwohl das Papier ihn längst nicht mehr verriet.

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