Als Bettina von der Kette sprach, hielt ich gerade den Schraubenzieher zwischen den Zähnen und löste die letzte Schraube am Sicherungskasten. Wir saßen in der Küche unseres Reihenhauses in Gelsenkirchen, draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, und meine Schwiegermutter hatte sich extra für den sonntäglichen Kaffeeklatsch die Perlenkette umgelegt, die sie sonst nur zu Beerdigungen trug.
Ich bin Kai, achtunddreißig, Elektromeister bei einem mittelständischen Betrieb im Ruhrgebiet. Meine Frau Sanna führt seit sechs Jahren einen kleinen Blumenladen in der Fußgängerzone, den "Rosengarten". Wir sind zusammen seit der Berufsschule, verheiratet seit vier Jahren, und ich hatte mir eigentlich vorgenommen, an diesem Sonntag nur den Kasten fertig zu verdrahten und dann Fußball zu gucken.
Meine Mutter, Bettina, war schon immer eine Frau, die Dinge in Kategorien einteilte: nützlich, wertvoll, verschwendet. Sie hatte dreißig Jahre in der Buchhaltung eines Baumarkts gearbeitet und rechnete noch immer alles gegen — auch Zuneigung. An diesem Nachmittag hatte sie es auf Sannas Kette abgesehen, ein schweres Bisamarck-Geflecht, das Sannas Großmutter Ilse ihr vererbt hatte. Ilse war Krankenschwester gewesen, hatte Nachtschichten geschoben, um Sanna nach dem Unfalltod ihrer Eltern großzuziehen, und die Kette selbst stammte noch von Ilses Mann.
"Gib sie doch der Josephine", sagte meine Mutter und rührte in ihrem Kaffee, als spräche sie über das Wetter. "Die Kleine wird nächste Woche achtzehn, fängt jetzt in Münster mit dem Studium an. Sie braucht so etwas, um sich zu präsentieren. Du trägst die Kette doch sowieso nur unter dem Pulli, Sanna, dabei stehst du den ganzen Tag im kalten Verkaufsraum und schneidest Rosenstiele."
Ich muss ehrlich sagen: Ich sah das damals anders, als es später aussah, wenn man es Sanna erzählen hört. Für mich war meine Mutter nicht die Furie, die im Türrahmen steht und Blitze schleudert. Für mich war sie eine Frau, die mit sechzig Jahren Angst hatte, übergangen zu werden — von der neuen Generation, von Josephine mit ihrem Handyvertrag und ihren dreitausend Followern, von einer Schwiegertochter, die ruhiger und bestimmter war, als sie es je gewesen war. Wenn meine Mutter über "Nutzen" sprach, meinte sie eigentlich: Bitte, seht mich, ich habe auch noch etwas zu sagen in dieser Familie.
Das entschuldigt nichts. Aber es erklärt, warum ich, als sie so sprach, nicht sofort aufsprang. Ich kannte diesen Tonfall. Ich wusste, wie es endete, wenn ich widersprach: Vorwürfe, Tränen, tagelanges Schweigen am Telefon. Ich hatte mir über die Jahre angewöhnt, den Kopf einzuziehen, an der Sicherung zu schrauben, so zu tun, als sei die Feder im Werkzeugkasten das Wichtigste im Raum.
"Kai", sagte meine Mutter, ohne den Blick von Sanna zu nehmen, "sag du ihr doch auch mal, dass Vernunft manchmal wichtiger ist als Sentimentalität."
Ich legte den Schraubenzieher hin. "Mama. Das ist Sannas Sache."
Es war nicht mutig. Es war das Minimum. Aber es war das erste Mal seit Monaten, dass ich überhaupt etwas sagte, bevor die Situation vorbei war.
Sanna saß da mit dieser Ruhe, die mich manchmal mehr erschreckt als jedes Geschrei. Sie stellte die Kanne ab, drehte den Kopf zu meiner Mutter und sagte: "Sie haben recht, Bettina."
Ich kannte diesen Satz. Ich kannte ihn, weil Sanna ihn nur benutzt, wenn sie etwas vorhat, das man nicht mehr aufhalten kann. Ich legte instinktiv die Hand auf den Sicherungskasten, als könnte ich mich daran festhalten.
Meine Mutter, die tatsächlich ein rotes Samtetui aus ihrer Handtasche zog — sie hatte es vorbereitet, was mich im Nachhinein fast mehr erschüttert hat als alles andere, diese Vorbereitung, diese Sicherheit, dass sie gewinnen würde —, streckte die Hand aus.
Sanna öffnete den Verschluss der Kette. Die Kette rutschte in ihre Handfläche, schwer, golden, mit dem matten Glanz von altem 585er-Gold. In diesem Moment kam Balu in die Küche getrottet, unser Mischlingshund, den wir vor drei Jahren an der Autobahnraststätte bei Recklinghausen aufgelesen hatten — dreckig, mit einem eingerissenen Ohr, ein Fell wie ein alter Wischmopp. Er hatte diesen typischen schiefen Blick, bei dem man nie wusste, in welche Richtung er eigentlich schaute, und einen Schwanz, der aussah wie eine ausgefranste Klobürste.
Ich weiß noch, wie ich in diesem Sekundenbruchteil dachte: Bitte nicht. Ich kenne diesen Gesichtsausdruck meiner Frau.
"Balu, komm her, mein Junge", sagte Sanna, und ihre Stimme war so weich, wie sie sonst nur mit den Kunden im Laden sprach.
Der Hund kam, wedelte, drückte seine struppige Schnauze an ihr Knie. Sanna beugte sich runter, legte ihm die Kette um den zerzausten Hals, oberhalb seines alten Halsbands aus Segeltuch, und schloss den Verschluss.
Auf einmal war es still in der Küche. So still, dass man den Kühlschrank summen hörte und draußen, drei Straßen weiter, die Kirchturmuhr von St. Barbara zwölf schlug.
"Sehen Sie, Bettina", sagte Sanna und stand auf, "Sie hatten vollkommen recht. Ich habe ja nirgends etwas davon. Aber Balu geht zweimal am Tag raus, morgens in den Park an der Kleingartenanlage, abends auf die Hundewiese. Da trifft er die ganze Nachbarschaft — den Schäferhund von Familie Öztürk, den Dackel von nebenan. Er braucht Status in seinem Rudel."
Meine Mutter saß mit ausgestreckter Hand da, über der das leere Samtetui schwebte. Ihr Mund öffnete sich, aber es kam kein Ton. Ihr Gesicht ging von Weiß über zu fleckigem Rot, von den Ohrläppchen bis zum sorgfältig getönten Haaransatz. Balu, der die Aufmerksamkeit spürte, reckte stolz die Brust nach vorne und klopfte zweimal mit dem Schwanz gegen das Tischbein. Die Kette klimperte leise gegen seine Rippen.
Ich hielt es nicht mehr aus. Ich presste die Hand vor den Mund, aber es half nichts — es brach aus mir raus, dieses würgende, hustende Lachen, das ich seit der Konfirmation meines Neffen nicht mehr gehabt hatte. Ich lachte, bis mir die Tränen kamen, während meine Mutter mich mit einem Blick ansah, den ich nie zuvor gesehen hatte und seitdem nie wieder gesehen habe.
"Du… du bist ja verrückt geworden!", schrie meine Mutter schließlich und sprang auf, das Etui polterte zu Boden. "Dem Hund! Um den Hals! Ich — ich komme hier nicht mehr her!"
Sie schnappte sich ihre Handtasche, stieß beinahe den Küchenhocker um und war im Flur, kämpfte sich in ihre Pumps, riss an der Wohnungstür. "Kai!", rief sie noch aus dem Treppenhaus, mit dieser Stimme, die keine Widerrede duldete, "wenn du bei dieser durchgeknallten Frau bleibst, bist du nicht mehr mein Sohn!"
Die Tür fiel ins Schloss, so heftig, dass im Wohnzimmer die Kaffeetassen im Vitrinenschrank klirrten.
Was ich damals fühlte, war kein Triumph. Es war etwas anderes: eine Art Erleichterung, gemischt mit Scham. Denn während ich noch lachte, wurde mir klar, wie oft ich zugesehen hatte, wie meine Mutter über Sanna hinwegging, und wie oft ich einfach geschwiegen hatte. Diese Kette am Hals des Hundes war nicht nur eine Retourkutsche an meine Mutter. Sie war auch eine Rechnung an mich.
Sanna nahm Balu die Kette wieder ab, roch kurz daran — Hundefell und Zuhause, sagte sie später — und legte sie sich selbst wieder um, unter ihr T-Shirt.
"Kai", sagte sie, als es wieder ruhig war, "ich bin nicht durchgeknallt. Und ich respektiere, dass deine Mutter dich großgezogen hat. Aber ich lasse mir nie wieder vorschreiben, was ich trage oder wie ich lebe."
Ich stand auf, ging zu ihr, zog sie an mich, roch Kolophonium an meinen eigenen Händen vermischt mit ihrem Parfum. "Ich weiß", sagte ich. "Es tut mir leid, dass ich so lange nichts gesagt habe."
In den folgenden zwei Monaten rief meine Mutter nicht an. Ich rief sie zweimal an, beide Male ging niemand ran. Ich weiß, dass sie in dieser Zeit bei ihrer Schwester in Bochum war und dort, wie meine Tante mir später erzählte, immer wieder "diesen Hund mit dem Gold" erwähnte, fassungslos, fast beleidigt von der Frechheit der ganzen Sache.
Was ich in dieser Zeit tat, hat mit Bettina eigentlich nichts zu tun. Ich ging zum Notar in der Bahnhofstraße und ließ die Doppelhaushälfte, die meine Mutter zwei Jahre zuvor "vorübergehend" auf meinen Namen hatte überschreiben lassen, weil sie angeblich Steuervorteile brauchte, offiziell und endgültig auf mich und Sanna gemeinsam eintragen. Meine Mutter hatte all die Zeit über einen Wohnrecht-Passus behalten und mir mehrmals angedeutet, sie könne "jederzeit wieder einziehen, es ist ja formal noch ihr Haus gewesen". Ich ließ den Passus streichen. Kostenpunkt: knapp zwölfhundert Euro Notargebühren, dazu die Grunderwerbsteuer, die schon beim ersten Mal gezahlt war. Ich holte den Grundbuchauszug persönlich ab, eine dünne graue Mappe, und legte sie zu Hause in die Schublade neben Sannas Kettenetui.
Als meine Mutter nach acht Wochen wieder anrief, betont höflich, ohne ein Wort über Josephine oder Status zu verlieren, erwähnte sie beiläufig, sie überlege, "vielleicht mal für ein paar Wochen bei euch unterzukommen, bis die Handwerker bei mir fertig sind".
Ich sagte ihr am Telefon, ruhig, ohne Groll: "Mama, das Haus gehört jetzt Sanna und mir zu gleichen Teilen, eingetragen im Grundbuch, ohne Wohnrecht für dich. Du bist herzlich willkommen zu Kaffee und Kuchen. Aber einziehen kannst du hier nicht mehr."
Am anderen Ende blieb es lange still. Dann sagte sie nur: "Ach so", und legte auf.
Sie ruft seitdem an, jeden zweiten Sonntag, meist kurz und sachlich. Manchmal fragt sie nach Balu. Nie wieder nach der Kette.







