Neulich saß ich nachts in der Küche in unserer Wohnung in Köln-Ehrenfeld und sortierte die Krankenkassenunterlagen, die sich seit Papas Tod im Wohnzimmerschrank stapelten. Zwischen den gelben Umschlägen lag ein Zettel von Mama, mit ihrer ungelenken Handschrift vom Ende. *Ruft euch an.* Mehr stand da nicht.
Ich hab den Zettel wieder in den Umschlag geschoben. Wahrscheinlich zu schnell.
Jonas, mein Bruder, kam am nächsten Morgen vorbei. Er hatte Croissants vom Bäcker dabei, die guten mit Mandeln, und seine Tochter Emma hüpfte im Flur herum und wollte wissen, ob sie auf meinem Balkon die Tauben füttern darf. Jonas stellte die Tüte auf den Tisch und fragte, ob ich die Sterbeurkunde schon an die Rentenversicherung geschickt hätte. Nicht: Wie geht es dir. Nicht: Ich hab auch schlecht geschlafen. Sondern: Ist das Formular raus?
Ich habe den Kaffee zu lange laufen lassen, bis er bitter wurde, und dabei auf seine Hände gestarrt. Mamas Hände. Dieselben kurzen Finger. Dieselbe Angewohnheit, den Daumen über die Fingerkuppen zu reiben, wenn etwas unangenehm wird.
Es war nicht immer so. Früher hat Jonas mich auf dem Rücken durch den Stadtwald getragen, wenn ich mir beim Radfahren das Knie aufgeschlagen hatte. Er war der Einzige, der mich trösten konnte, wenn Papa wieder mal die Küchentür zugeknallt hatte. Wir haben unter einer Decke Radio gehört, heimlich, wenn wir längst schlafen sollten. Wir haben uns die Taschenlampe geteilt, die Batterie fast leer, und Geschichten erzählt, bis einer von uns eingeschlafen ist.
Dann kam der Rest. Jonas heiratete früh. Seine Frau Sonja mochte mich nicht, und ich mochte sie auch nicht besonders. Als Mama krank wurde, war ich diejenige, die dreimal die Woche nach Düsseldorf fuhr, während Jonas beruflich in Hamburg festhing. Ich war diejenige, die den Pflegedienst organisierte, die mit den Ärzten stritt, die nachts auf der Couch hinter Mamas Bett schlief. Jonas kam an den Wochenenden, manchmal. Er brachte Blumen mit und redete darüber, wie schwer es war, alles unter einen Hut zu bekommen.
Als Mama starb, waren wir beide im Zimmer. Sie drückte meine Hand, dann seine. *Ihr habt ja euch*, hat sie gesagt. Das war ihr Abschied.
Die Beerdigung war im November. Nieselregen, der vom Rhein herüberzog. Jonas hielt eine Rede, die niemand verstand, weil er zu schnell gesprochen hat. Ich stand daneben, in Mamas altem Wollmantel, und dachte an den Zettel im Wohnzimmerschrank. *Ruft euch an.*
Ein halbes Jahr später brauchte ich eine Anschrift. Jonas hatte mir seine neue Adresse in Berlin nicht gegeben; er war umgezogen, ohne etwas zu sagen. Ich fragte Sonja per Nachricht. Sie antwortete eine Woche lang nicht. Dann kam eine Mail vom Nachlassgericht.
Das Erbe war nicht groß. Eine Viertel-Million hatte Mama nicht. Es war eine Doppelhaushälfte in Köln-Porz, die Mama und Papa vor fünfunddreißig Jahren gekauft hatten, dazu ein Sparkassenkonto mit einem mittleren fünfstelligen Betrag. Und ein kleines Wertpapierdepot, das Papa heimlich angelegt hatte, als wir Kinder klein waren — viertausend Euro ungefähr, aufgeteilt auf zwei Fonds, die seit Jahrzehnten vor sich hin arbeiteten.
Jonas rief an. Es war ein Dienstag, kurz vor Mitternacht. Ich saß am Küchentisch, vor mir die aufgeschlagene Steuererklärung. Er klang, als hätte er getrunken.
„Wir müssen über das Haus reden.“
„Was gibt es da zu reden? Es gehört uns beiden, halbe-halbe.“
„Ja, aber ich wohne in Berlin. Was soll ich mit einer Hälfte von einem Haus in Köln-Porz?“ Seine Stimme wurde schneidend. „Ich will meinen Anteil. Und zwar bald. Ich hab eine Tochter, die irgendwann studieren will.“
„Du hast deinen Anteil. Du hast die Hälfte der Miete, wenn du willst. Ich wohne hier, ich zahl dir eine Kaltmiete für deine Hälfte, das reicht doch —“
„Ich will keine Miete. Ich will verkaufen.“ Er machte eine Pause. „Oder du zahlst mich aus.“
Ich dachte an den Zettel, an die Taschenlampe, an sein dummes Grinsen, wenn er gewann beim Mensch ärgere dich nicht. Dann dachte ich an die Zahl. Der Gutachter, den ich im Frühjahr hatte kommen lassen, hatte das Haus mit vierhundertdreißigtausend bewertet. Die Hälfte davon: zweihundertfünfzehntausend. Ich hatte vielleicht neunzigtausend auf der Bank.
„Weißt du, was Mama gesagt hat?“, fragte ich. „Dass wir uns nicht verlieren sollen.“
Ein Geräusch, das ein Lachen sein sollte. „Mama ist tot. Und ich brauche Geld.“
Ich habe aufgelegt. Nicht aus Wut. Sondern weil ich nicht wollte, dass er mich weinen hört. Das ist der Unterschied, den niemand sieht.
Ein paar Tage später kam ein Brief von seinem Anwalt aus Berlin. Das Grundstück sollte verwertet werden. Es standen Paragrafen darin, die sich anfühlten wie Schläge. Die Frist zur Stellungnahme betrug zwei Wochen. Ich habe den Brief in den Umschlag zurückgesteckt und in den Schrank gelegt, zu den gelben Krankenkassenumschlägen und zu Mamas Zettel.
Am Samstag fuhr ich zu Mamas Bank. Ich hatte die Wahl, eine Anwältin zu nehmen, die mich vor Gericht vertritt, oder das Spiel zu verkürzen. Ich nahm das Konto und das Depot und ließ alles übertragen. Es war mein Anteil am Bargeld, das war nichts Böses. Aber ich ließ auch die kleine Auszahlung aus Papas Fonds an Emma überweisen — achttausenddreihundert Euro mit Zinsen. Für ihre Ausbildung oder das erste Auto oder was auch immer. Ich schrieb dazu: *Von deiner Oma, die dich nie richtig kennenlernen durfte, und von deiner Tante, die dich immer lieben wird, egal was dein Vater macht.*
Dann fuhr ich nach Porz. Vor dem Haus stand der Müll falsch. Die Tonne war umgekippt, der Wind hatte Papier über den Vorgarten verteilt. Ich hob alles auf, bevor ich die Tür aufschloss. Es roch nach dem Regen vom Vortag und nach dem alten Flieder, den Mama am Küchenfenster gepflanzt hatte, als ich in die Grundschule kam. Ich machte die Fenster auf, ließ den Sommer rein.
Ich schrieb Jonas eine Nachricht, kurz und sachlich: *Ich kaufe deine Hälfte. Der Termin ist am Donnerstag um zehn beim Notar in der Innenstadt. Bring deinen Ausweis mit und dein Konto, damit wir den Betrag anweisen können.*
Er kam. Zu spät. Im Notartermin saß er mir gegenüber, das Hemd zerknittert, die Augen rot. Der Notar, ein ruhiger Mann mit randloser Brille, las den Vertrag vor. Es ging um Teilungsversteigerung war abgewendet, Kaufpreis, Lasten, Vollzug. Jonas nickte an den richtigen Stellen, unterschrieb, ohne eine Frage zu stellen. Als wir aufstanden, sah er mich an, als wollte er irgendetwas sagen. Vielleicht alles. Vielleicht nichts. Ich gab ihm einen unsichtbaren Abschied.
Auf dem Flur vor dem Notariat stand Sonja. Sie hatte draußen gewartet, in einem hellblauen Blazer, die Arme verschränkt. „Bist du jetzt zufrieden?“, fragte sie.
Ich dachte an Mamas Zettel. An die Taschenlampe. An Jonas, der mich durch den Stadtwald getragen hat.
„Nein“, sagte ich. „Das bin ich nicht. Aber ich wohne in dem Haus, in dem wir aufgewachsen sind. Und Emma hat ein Konto für später. Dafür reicht es.“
Jonas starrte mich an. Er sagte nichts. Er wusste, dass ich nicht die Böse war. Er wusste es, und genau deshalb brannte es in ihm, dass ich leise geblieben bin.
Am Abend war ich allein in der Doppelhaushälfte. Ich saß auf der Terrasse, wo Papas alter Grillrost noch an der Wand lehnte. Ich trank ein Kölsch und schaute auf den Zaun, den Jonas und ich als Kinder mit Kreide bemalt hatten, die Farbe längst abgewaschen von zwanzig Sommern.
Er musste nicht wissen, dass ich zwanzig Jahre lang gespart hatte, um die Hälfte zu kaufen. Er musste auch nicht wissen, dass ich die Kreditzusage der Volksbank bereits am Montag in der Tasche gehabt hatte. Was er wissen musste, stand in der Nachricht, die ich ihm spät, sehr spät an jenem Tag schickte:
*Ich habe dich ausgezahlt. Du hast jetzt dein Geld. Emma hat etwas von Oma und Papa. Und ich habe das Haus, in dem Mama gesagt hat: Ihr habt ja euch. Wenn du irgendwann wieder durch Porz fährst, klingle. Der Flieder blüht.*
Ich schickte es ab und stellte das Handy in den Flur. Der nächste Morgen kam ruhig. Ich machte das Fenster am Küchentisch auf, wo der Kaffee nicht mehr bitter war, und der Geruch von Flieder zog herein wie eine Antwort, die ich nicht erwartet hatte.







