Sie wollte losrennen, aber die Beine gehorchten ihr nicht mehr. Bertram Kessler kam mit dem Stock in der Hand über den Hof auf sie zu, und in seinem Gesicht war nichts mehr von einem Menschen übrig.
— Ach, du bist es also, die ihn geholt hat. Hätte ich mir denken können. Komm mal her…
Aber der Reihe nach.
Sanne Vollmer arbeitete in Bremen als Kassiererin in einem Baumarkt an der Peripherie, drei Schichten die Woche, und die restliche Zeit verbrachte sie im Tierheim am Stadtrand, direkt neben dem alten Güterbahnhof, wo abends immer die Straßenbahn quietschend um die Kurve fuhr. Offiziell angestellt war sie dort nicht — sie half einfach.
— Was machst du da eigentlich, Sanne? Kacke wegräumen, umsonst? — fragte ihre Kollegin Bibi beim Feierabendbier und tippte sich an die Schläfe.
— Du verstehst das nicht. Die brauchen mich, — sagte Sanne und legte auf.
Sie wollte schon lange einen Hund, und sie dachte, im Tierheim würde sie am besten herausfinden, welcher Charakter zu ihr passt. Die ersten Tage lernte sie einfach die Tiere kennen. Wie die sie ansahen — das ließ sich kaum in Worte fassen. Trauer und Hoffnung gleichzeitig, in denselben Augen.
— Man kann in ihren Augen lesen, was sie denken, — sagte die Leiterin des Heims, Frau Brandt, eine Frau um die sechzig mit einer ewig klemmenden Bürotür.
Nach einer Woche konnte Sanne das auch. Und es erschreckte sie. Sie wollten alle nur eines: geliebt werden.
Hinter dem Hauptgebäude, an einem Zaun, den kaum jemand ansteuerte, stand ein separater Zwinger mit doppeltem Gitter. Darin ein Pitbull. Als er Sanne sah, warf er sich mit voller Wucht gegen das Metall.
— Frau Brandt, warum ist der von den anderen getrennt?
— Sehr aggressiv. Lässt weder Menschen noch Hunde an sich ran.
— Kann man nicht jemanden holen, einen Hundetrainer?
— Nein. Der ist verloren, verstehst du. Zur Einzelhaft auf Lebenszeit verurteilt. Und wenn die neue Verordnung kommt, wird er wahrscheinlich eingeschläfert.
— Eingeschläfert?!
— Ich finde das nicht mal grausam. Er leidet mehr darunter, dass er nicht mit Menschen oder Artgenossen klarkommt.
Sanne konnte nicht glauben, das aus dem Mund einer Tierheimleiterin zu hören. Einschläfern — das war der bequemste Weg. Aufgeben, ohne zu kämpfen.
— Darf ich ihn füttern? Bitte.
— Füttern, klar, kannst du. Nur — was willst du damit erreichen? Der ist nicht mehr zu erziehen.
— Ich versuch's trotzdem.
— Ach, Mädchen. Der frühere Besitzer hat ihn geschlagen. Und dann einfach weggeworfen. Was, glaubst du, wird aus einem Hund, der sein Leben lang geprügelt und verraten wurde?
— Sie kennen den Besitzer?
— Kenne ich. Leute haben's erzählt. Er hat den Hund zuletzt mit einem Stock verprügelt, weil der sich geweigert hat, eine trächtige Katze anzugreifen, auf Kommando.
— Wie schrecklich.
— Können Sie mir seine Adresse geben? Ich will mit ihm reden.
— Bringt nichts. Ich hab's versucht. Sogar die Polizei eingeschaltet — nichts. Ein widerlicher Mensch. Lass die Finger von dem.
Frau Brandt nannte ihr die Adresse nicht, um Sanne nicht in Gefahr zu bringen. Aber Sanne war nicht der Typ, der aufgibt. Von den anderen Helferinnen im Heim bekam sie die Information trotzdem — Bertram Kessler, ein Reihenhaus in Huchting, drei Straßen vom Kanal weg.
Sie erkannte ihn sofort, noch bevor sie ihn richtig gesehen hatte. Er stand im Vorgarten und warf einem halbjährigen Rottweiler-Welpen einen Stock zu.
— Entschuldigung, sind Sie Herr Kessler?
Der Mann drehte sich um, musterte sie von oben bis unten.
— Angenommen. Was willst du?
— Ich helfe im Tierheim aus. Dort ist Ihr Hund, den Sie geschlagen und ausgesetzt haben.
— Und? — er grinste.
— Warum haben Sie das gemacht? Tiere vertrauen uns.
— Willst du mir jetzt Moralpredigten halten? Verpiss dich, bevor ich den Kleinen hier auf dich hetze.
Sanne verstand, dass es bei diesem Mann kein Herz gab, an das man appellieren konnte, und zog sich zurück. Auf dem Rückweg zum Bus dachte sie: Selbst wenn er es bereuen würde — sie würde ihm den Hund niemals zurückgeben.
Einen Monat lang fütterte sie den Pitbull jeden Tag. Frau Brandt sah vom Bürofenster aus zu und schüttelte nur den Kopf. Sie glaubte nicht daran, dass dieser Hund noch zu retten war. Dabei liebte sie Tiere, wirklich — nur, das hier war ein besonderer Fall. Einer, bei dem jede Mühe umsonst blieb.
— Wie heißt er eigentlich? — fragte Sanne einmal. — Niemand nennt ihn beim Namen.
— Weil keiner seinen Namen kennt. Der frühere Besitzer soll ihn Hulk genannt haben. Ich hab's mal probiert — er hat fast den Zwinger zertrümmert. Passt sowieso nicht zu ihm.
Klar, passt nicht, dachte Sanne. Was für ein Hulk. Das ist Bruno.
Von da an nannte sie ihn nur noch so. Er reagierte nicht auf den Namen, aber er knurrte auch nicht — und das war schon ein kleiner Sieg.
— Hallo, Bruno. Schau mal, was ich dir mitgebracht hab.
Das Futter im Heim war knapp, also brachte sie ihm ab und zu gekochte Hähnchenbrust mit, eingewickelt in Butterbrotpapier aus der Küchenschublade zu Hause. Er nahm die kleine Extraportion an, ohne große Begeisterung zu zeigen — nur der Schwanz zuckte ein paarmal.
Eines Abends im Oktober, es hatte schon zu regnen begonnen und roch nach nassem Laub und Diesel vom nahen Güterbahnhof, entschied sie, das Verbot zu brechen. Sie öffnete die Zwingertür. Ihre Hände zitterten, das Schloss war eingerostet, weil es seit Wochen niemand mehr angefasst hatte — Futter und Wasser kamen nur durch die Klappe.
— Komm raus, Bruno. Lauf ein bisschen. Aber versprich mir, nicht wegzurennen.
Der Hund knurrte tief, Sanne trat einen Schritt zurück — da sprang er vor. Direkt auf sie zu. Sie schrie auf, stolperte, fiel hin. Er war in Sekunden aus dem Zwinger, stand über ihr, die Zähne gebleckt, das Knurren dicht an ihrem Gesicht.
Sie hätte vor Angst ohnmächtig werden können, wäre da nicht dieser Blickkontakt gewesen. In seinen Augen war kein Wille, ihr wehzutun. Nur: Ich bin außer mir, aber ich tu dir nichts. Sie lächelte ihn an. Nach einer Minute drehte er sich um und trottete zurück in den Zwinger, als wäre nichts gewesen.
— Was war los, Sanne?! — Frau Brandts Stimme, aufgeregt, von der Ecke des Gebäudes her.
— Alles gut. Bin nur gestolpert.
— Und die Tür da?
— Mach ich gleich zu. Klemmt ein bisschen, müsste geölt werden.
Von da an führte Sanne Bruno heimlich jeden Abend auf dem Hinterhof spazieren. Sie war überglücklich. Es hatte funktioniert.
Dann, an einem Dienstagmorgen, kam sie zur Arbeit und Frau Brandt stand mitten im Hof und hielt sich den Kopf.
— Um Gottes willen! Was jetzt?!
Der Zwinger stand offen. Leer.
— Wenn der jemanden beißt, sperren sie mich ein!
— Er beißt niemanden, Bruno ist nicht so, — sagte Sanne, obwohl ihr selbst mulmig war. Sie hatte am Vorabend absichtlich die Tür offengelassen, damit er raus konnte, wann er wollte. Sie hatte ihm vertraut. Und jetzt das.
Sie versprach, ihn zu finden, koste es, was es wolle. Auf dem Weg zur Bushaltestelle wusste sie plötzlich, wohin er gelaufen war. Absurd, aber sie war sich sicher: zurück zu seinem alten Besitzer.
Sie hatte recht. Vor dem Reihenhaus in Huchting stand Kessler mit dem Rottweiler-Welpen, und ein paar Meter entfernt lag Bruno im nassen Gras und beobachtete die beiden.
— Wozu bist du zurückgekommen? Ich brauch dich nicht. Verschwinde.
Bruno rührte sich nicht. Lag nur da und sah ihn an.
— Immer noch so ein dummer Köter. Hab ich gesagt, verschwinde! Nicht hören, was? Hab dich als Welpe zu wenig geschlagen, was?
Kessler ging auf ihn zu, und Sanne, die gerade um die Ecke bog, schrie:
— Fassen Sie ihn nicht an!
Kessler zuckte kurz zusammen, dann grinste er.
— Ach, du bist es also, die ihn geholt hat. Hätte ich mir denken können. Komm mal her.
Sanne wich zurück, stolperte über eine Wurzel am Gehwegrand und fiel. Über ihr sein Gesicht, den Stock schon erhoben. Sie hielt die Arme vors Gesicht — und in dem Moment hörte sie Brunos Bellen, hoch und wütend.
Als sie die Hände senkte, sah sie, wie Bruno sich in Kesslers Unterarm verbissen hatte und ihn von ihr wegzerrte. Der Stock fiel ins Gras. Kessler presste den blutenden Arm an die Brust, starrte den Hund an und zischte:
— So ist das also. Undankbares Vieh. Ich bring dir schon noch Gehorsam bei. Warte hier, Hulk, ich hol die Pistole.
Er lief ins Haus. Sanne rappelte sich auf, packte Bruno am Halsband und zog ihn Richtung Straße. Doch Bruno stemmte sich dagegen, bellte in Richtung des Welpen, der zitternd neben dem Gartenzaun saß.
— Klar, natürlich. Wie konnte ich das vergessen.
Sie lief zurück, schnappte sich den Welpen unter den Arm, und alle drei rannten los, weg von der Straße, weg vom Haus, bis zur Bushaltestelle an der Ecke Gröpelinger Heerstraße, wo gerade die Linie 90 einfuhr.
Vier Wochen lang lebte Sanne in Angst, Kessler könnte sie finden und zu Ende bringen, was er angefangen hatte. Aber niemand suchte sie. Er kannte weder ihren Namen richtig noch wusste er, dass sie eigentlich in Ritterhude wohnte, eine halbe Stunde außerhalb, in einem Reihenhaus mit ihrer Mutter, die sich zuerst geweigert hatte, zwei Hunde ins Haus zu lassen und dann doch klein beigab, als der Welpe ihr die Filzpantoffeln aus dem Flur klaute.
Im Tierheim zeigte sie sich erstmal nicht mehr. Erstens aus Angst, zweitens hatte sie jetzt zwei Mäuler zu stopfen, und mit dem Kassiererinnengehalt war das kein Zuckerschlecken. Aber es gab auch etwas Schönes: Bruno hatte einen Freund gefunden. Tagsüber, während Sanne im Baumarkt an der Kasse saß, tobten die beiden im Garten, und abends gingen alle drei zusammen raus, in den kleinen Wald hinter der Bahnlinie, wo im Herbst die Kastanien von den Bäumen fielen und auf dem asphaltierten Weg knackten.
Zwei Monate später klingelte an einem Samstagvormittag das Telefon. Frau Brandt, mit einer Nummer, die sich Sanne noch von der Heimakte gemerkt hatte.
— Ich dachte, du solltest es wissen. Kessler ist letzte Woche wegen des Rottweilers angezeigt worden — Nachbarn haben ihn gefilmt, wie er den Welpen an der Kette hinter dem Fahrrad herzog. Diesmal hat das Veterinäramt reagiert. Er hat ein Tierhalteverbot bekommen. Für zehn Jahre.
Sanne saß auf der Küchenbank, den Hörer in der einen Hand, mit der anderen strich sie Bruno über den Kopf, der sich, wie immer um diese Zeit, unter den Tisch gelegt hatte.
— Und der Welpe?
— Wurde beschlagnahmt. Ist bei uns, im Heim.
Am nächsten Tag fuhr Sanne mit dem Zug zurück ins Tierheim, zum ersten Mal seit Monaten. Sie brachte einen Ordner mit — Fotos von Bruno und dem kleinen Rottweiler, den sie inzwischen Otto getauft hatte, dazu ein ausgefülltes Formular für die offizielle Vermittlung, das sie sich vorab von der Website heruntergeladen hatte. Frau Brandt saß hinter ihrem Schreibtisch, die klemmende Bürotür stand offen.
— Ich will Otto adoptieren. Offiziell. Und ich will, dass Bruno endlich einen Impfpass und einen Chip bekommt, mit meinem Namen als Halterin.
Frau Brandt nahm den Ordner, blätterte, blieb an einem Foto hängen: Bruno und Otto, beide eingeschlafen auf demselben Sofakissen.
— Ich hätte nie gedacht, dass aus ihm noch was wird, — sagte sie, während sie den Stempel aus der Schublade holte.
— Ist er ja auch nicht geworden. Er war die ganze Zeit schon so. Nur hat's keiner gesehen.
Sanne unterschrieb, nahm die Kopie der Papiere, faltete sie in ihre Jackentasche und ging zum Bahnhof zurück, wo Bruno und Otto im Auto ihrer Mutter auf sie warteten, die Nasen gegen die Scheibe gedrückt.







