Finchen, vergib mir

„Gib es einfach auf, Greta. Die Scheidung läuft, und du kannst daran nichts mehr ändern.“ Robert lehnte am Türrahmen der fast leeren Altbauwohnung in Hamburg-Eppendorf und klopfte mit dem Autoschlüssel gegen seinen Oberschenkel. Er sagte das mit der gleichen geschäftsmäßigen Kühle, mit der er jahrelang Verträge für seine Importfirma ausgehandelt hatte.

Greta stand am Fenster und starrte auf die kahlen Kastanien im Hof. Achtzehn Jahre. Achtzehn Jahre Ehe, ein gemeinsames Haus in der Isestraße, ein Sohn, der in München Medizin studierte. Alles weg, weil Robert bei einer Dienstreise nach Barcelona eine dreißigjährige Marketingfrau kennengelernt hatte. Seitdem war er kaum noch ansprechbar.

Sie drehte sich nicht um. „Ich soll also einfach akzeptieren, dass du mich gegen ein neueres Modell eintauschst?“

„Du sollst akzeptieren, dass es vorbei ist. Der Notartermin für den Hausverkauf ist nächste Woche. Du bekommst deine Hälfte, das reicht für was Kleines in Leipzig. Da ist doch deine Mutter. Deine Schwester. Frischer Wind und so.“

Leipzig. Die Stadt ihrer Kindheit. Ein Neuanfang. Die Worte klangen in ihren Ohren wie Hohn, aber sie hatte keine Kraft mehr für einen langen Kampf. Der Gedanke an die drei Monate, in denen sie nachts wach gelegen und Roberts gespieltes Schnarchen gehört hatte, während sein Handy unter dem Kopfkissen vibrierte, lähmte sie noch immer. Irgendwann war einfach eine Sicherung durchgebrannt. Keine Tränen mehr. Keine Wut. Nur noch Leere.

Sie drehte sich um und sah zu Finchen, der rot-weiß-schwarz gefleckten Katzendame, die auf dem leeren Bücherregal thronte und mit großen, bernsteinfarbenen Augen die Szene beobachtete.

„Und was machen wir mit der Katze?“

Robert zuckte mit den Schultern. Finchen sprang mit einem kleinen Plumps vom Regal und strich um seine Beine. Er bückte sich und kraulte sie hinter den Ohren, eine Geste, die Greta früher gerührt hätte. Heute sah sie nur noch einen Mann, der eine Show abzog.

„Naja, sie kennt das Viertel hier. Ein Umzug wäre doch purer Stress für das Tier. Ich wohne ja nur zehn Minuten entfernt, mit Leonie. Das ist ein Haus mit Garten in Winterhude. Da kann sie raus, alles ganz gemächlich.“

Greta spürte einen Stich. Robert mochte Katzen, ja. Er war nie grob gewesen. Aber er war nachlässig. Greta erinnerte sich an den Tag, als Finchen, damals ein winziges, ausgesetztes Bündel im Pappkarton, vor acht Jahren zu ihnen gekommen war. Eine Kollegin Roberts hatte sie gebracht. Greta hatte das Fläschchen warm gemacht, Greta war nachts aufgestanden, Greta war zur Tierärztin gefahren. Robert hatte gestreichelt. Gestreichelt und die Verantwortung ihr überlassen.

Trotzdem, die Katze rieb jetzt ihren Kopf an seinem Handgelenk. Es war keine Verzweiflung, dachte Greta. Es war pure Erschöpfung, die sie Ja sagen ließ.

Der letzte Blick, den sie vor dem Hinausgehen auffing, brannte sich ihr ins Gedächtnis. Finchen saß kerzengerade auf dem Dielenboden, den Kopf leicht schief, und starrte sie an. Kein Miauen. Kein Anschleichen. Nur dieser durchdringende Blick, als wollte sie fragen: Warum lässt du mich hier? Warum bestimmst du das über meinen Kopf hinweg?

Greta presste die Lippen zusammen und zog die Tür hinter sich zu. Im Treppenhaus hörte sie noch Roberts leises Lachen – er telefonierte bereits, versicherte seiner Leonie, dass die Ex-Frau jetzt endgültig ausgezogen sei.

Der ICE nach Leipzig glitt durch das flache Land. Greta lehnte den Kopf ans Fenster. Achtzehn Jahre, und alles, was sie mitnahm, passte in zwei große Koffer und sechs Umzugskartons, die bereits mit der Spedition unterwegs waren. Sie hatte ein Appartement in der Karl-Heine-Straße gekauft, zwei Zimmer, Altbau, vierter Stock ohne Aufzug. Genug für eine einzelne Frau und die Hoffnung auf Vergessen.

Doch das Vergessen kam nicht. Jeden Abend, wenn sie die Tür aufschloss, lauschte sie auf das vertraute trippelnde Geräusch von Pfoten auf Dielen. Sie wartete auf das leise, fragende „Miau?“, mit dem Finchen sie stets begrüßt hatte. Stattdessen Stille. Sie kochte sich Tee, setzte sich ans Fenster und starrte auf die Lichter der Kneipe gegenüber. Der Gedanke an die Katze fraß sich jede Nacht tiefer in ihre Brust.

Drei Monate. Ihr Sohn Jakob rief sie einmal die Woche an, pflichtbewusst. Und eines Abends, Ende November, klang seine Stimme seltsam gedämpft.

„Mama, ich wollte dir das eigentlich nicht sagen, weil du doch gerade versuchst, zur Ruhe zu kommen. Aber Papa hat angerufen. Finchen ist weg. Seit zwei Wochen. Er hat sie rausgelassen, meint er. Sie ist irgendwie durch den Garten getürmt und nicht wiedergekommen. Leonie meinte, sie würde schon wieder auftauchen, aber – nichts. Er hat ein paar Zettel an Laternen geklebt, mehr nicht. Ich dachte, du solltest es wissen.“

Greta legte auf und saß eine Stunde lang reglos auf dem Bett. Weg. Einfach weg. In einer fremden Gegend, mit einer fremden Frau im Haus. Ein angeschafftes Tier, das nie gelernt hatte, sich auf der Straße durchzuschlagen.

Sie machte die ganze Nacht kein Auge zu. Am nächsten Morgen rief sie im Antiquariat, in dem sie eine Halbtagsstelle hatte, an und meldete sich für drei Tage krank. Dann buchte sie ein ICE-Ticket zurück nach Hamburg.

Sie stieg am Hauptbahnhof aus in dasselbe schneidende Grau, das sie drei Monate zuvor verlassen hatte. Statt ein Hotel zu nehmen, rief sie ihre alte Schulfreundin Vera an, die in Barmbek wohnte. Vera fragte nicht lange, sie kannte Greta seit dreißig Jahren. Sie drückte ihr nur den Schlüssel in die Hand und sagte: „Mach, was du machen musst. Ich bin bis acht im Büro.“

Am frühen Nachmittag stand Greta vor einem weißen Reihenhaus in Winterhude. Der Garten war aufgeräumt, aber es gab keine Katzenklappe, keine Futterschale auf der Terrasse. Sie drückte auf die Klingel.

Die Tür öffnete eine schlanke Frau mit einer teuren Brille und einem misstrauischen Gesichtsausdruck. Robert stand hinten im Flur und wurde blass, als er Greta erkannte.

„Wann genau ist Finchen verschwunden?“, fragte Greta, ohne Hallo zu sagen.

Robert trat zögernd näher. „Greta, das ist doch absurd, dass du deswegen –“

„Wann?“

„Vor ungefähr vierzehn Tagen. Wir haben abends die Tür offen gelassen, weil die Heizungsluft so trocken war, und da ist sie rausgeschossen. Ich bin hinterher, hab gerufen, aber da war sie schon über den Zaun.“

„Und du hast sie einfach nicht wiedergesehen? Ein Tier, das ihr Leben lang Wohnungskatze war? Hast du das Tierheim angerufen? Tasso? Die Nachbarn?“

Die neue Frau an Roberts Seite verschränkte die Arme. „Also hör mal, wir haben wirklich andere Sorgen. Es ist nur eine Katze. Die kommen und gehen. Wenn sie zurückwill, wird sie schon kratzen. Robert, mach die Tür zu, es zieht.“

Greta warf ihr einen kurzen, eisigen Blick zu, dann fixierte sie wieder Robert. „Wenn sie auftaucht, egal wann, du rufst mich sofort an. Meine Nummer ist dieselbe. Hast du verstanden?“

„Ja, ja. Ist ja gut. Ich melde mich.“ Er wich ihrem Blick aus. Die Tür fiel ins Schloss.

Greta stand da, den Atem in weißen Wolken vor dem Gesicht. Eine Lähmung, die langsam in eine seltsame, fiebrige Entschlossenheit umschlug. Sie fuhr nicht zurück zu Vera. Sie nahm die U-Bahn, stieg an der Haltestelle Eppendorfer Baum aus und ging zu Fuß in die Isestraße. Ihr altes Viertel. Das Haus, in dem sie achtzehn Jahre gewohnt hatte.

Warum ging sie dorthin? Sie wusste es selbst nicht. Vielleicht, weil Tiere manchmal alte Wege finden, hatte sie irgendwo gelesen. Vielleicht auch nur, weil sie nirgendwo sonst hinwollte.

Auf einer Bank am Lehmweg saß eine alte Dame in einem dicken Daunenmantel und fütterte Tauben. Es war Frau Keller, die Witwe aus dem dritten Stock des Nachbarhauses.

„Greta? Kind, was machst du denn hier? Hat Robert wieder Vernunft angenommen?“

„Nein, Frau Keller, ich bin nur kurz in der Stadt. Wegen der Katze. Finchen ist weggelaufen, aus Winterhude. Ich dachte, vielleicht ist sie hierher…“

Frau Keller legte den Kopf schief. „Deine dreifarbige? Die scheue?“

„Ja, genau die! Haben Sie sie gesehen?“

„Aber ja doch. Die streunt hier seit einer guten Woche rum. Völlig verdreckt, das arme Ding. Ich hab ihr zweimal Trockenfutter hingestellt, aber ans Fassen war nicht zu denken. Sie lungert immer hinter den Müllcontainern im Hinterhof vom Haus Nummer 24. Ich dachte schon, die gehört jetzt den neuen Leuten bei euch in der Wohnung, aber die haben keinen Plan von gar nichts. Das ist deine?“

Greta rannte los, bevor Frau Keller den Satz beenden konnte. Sie hetzte die Straße hinunter, bog in die Hofeinfahrt ein. Alte Bekannte, diese feuchte, nach nassem Stein und Abgasen riechende Luft. Die Mülltonnen standen wie früher in einer langen Reihe an der Brandmauer.

„Finchen! Fin-chen!“

Ihre Stimme klang heiser, panisch. Sie pfiff, sie lockte, sie ging in die Hocke und spähte unter die Container. Nichts. Sie umrundete den ganzen Block, kam zurück, lief den Hof ein zweites Mal ab. Nichts.

Erschöpft ließ sie sich auf die kalte, steinerne Eingangsstufe des Nachbarhauses sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Das konnte nicht sein. Sie war so sicher gewesen, diesen einen Hinweis im richtigen Moment bekommen zu haben. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

„Finchen, vergib mir“, flüsterte sie in ihre Handflächen. „Du dummes, kleines Ding. Vergib mir, dass ich dich auch im Stich gelassen habe. Ich dachte, du liebst ihn wenigstens. Ich dachte, für dich wäre es besser. Ich wusste es nicht besser. Komm zurück. Bitte. Komm zurück.“

Sie hörte ihre eigenen Worte und wusste, dass sie nicht nur von der Katze sprach. Die Demütigung, das Ausgestoßenwerden, die Einsamkeit – all das, was sie drei Monate lang niedergekämpft hatte, brach aus ihr heraus.

Sie wischte sich mit dem Ärmel über die nassen Wangen und stand auf. Sie musste zu Vera, sich eine Strategie überlegen, morgen wiederkommen. Sie drehte sich ein letztes Mal um.

Hinter dem hintersten Container, halb verdeckt von einem zusammengefallenen Pizzakarton, bewegte sich etwas. Ein schmales, schmutzgraues Etwas, dessen Farbe man nicht erkennen konnte. Es taumelte einen Schritt ins Licht, dann noch einen.

Greta hielt die Luft an. Das Tier blieb stehen und hob den Kopf.

Es war der Blick. Der große, bernsteinfarbene Blick, der durch den Dreck und das verfilzte Fell schlug wie ein Blitz. Es kamen keine drei Farben zum Vorschein, es kam ein einziges Chaos aus Grau und Braun. Aber die Augen. Die Augen waren zweifelsfrei Finchens Augen.

„Finchen?“

Ein leises, heiseres Krächzen, kaum ein Miauen. Dann rannte die Katze los. Nicht vorsichtig, nicht die scheue Art, die sie selbst bei Robert an den Tag gelegt hatte. Sie schoss über den Asphalt und warf sich regelrecht gegen Gretas Schienbeine, krallte sich sofort in den Stoff ihres Mantels, kletterte unbeholfen, aber mit einer wilden Entschlossenheit an ihr hoch.

Greta fing sie auf, presste das zitternde, klapperdürre Bündel an ihre Brust. Die Katze grub die Krallen in ihre Schulter und rieb ihren dreckigen Kopf so heftig an Gretas Kinn, dass es fast wehtat. Ein tiefes, rasselndes, immer wieder aussetzendes Schnurren setzte ein, wie ein alter Motor, der nach Jahren endlich wieder anspringt.

„Du hast gewartet“, flüsterte Greta. „Du kleines Miststück hast hier auf mich gewartet. Wochenlang. Du hast es gewusst, dass ich komme. Du warst dir sicherer als ich selbst.“

Die Katze schob ihre Nase in Gretas Kragen und gab ein klägliches, aber zufriedenes Fiepsen von sich. Greta begann haltlos zu lachen, während ihr noch immer die Tränen übers Gesicht liefen. Sie stand mitten im Hof, im Hamburger Nieselregen, mit einer stinkenden, halb verhungerten Katze an der Brust, und fühlte sich zum ersten Mal seit Monaten nicht mehr zerbrochen.

Sie verbrachte die nächsten vier Tage in Veras Gästebett. Tagsüber saß sie in der Tierklinik, ließ Finchen durchchecken, entwurmen und gegen eine hartnäckige Ohrenentzündung behandeln. Abends saß sie mit Vera bei Rotwein, während die gewaschene, nun wieder flauschig-schwarz-rot-weiße Katze auf einer Wärmflasche schlief. Am fünften Tag hatte sie alle Papiere für den Transport zusammen, einen stabilen Stoffkorb und ein Ticket für den ICE zurück.

Finchen verhielt sich im Zug vorbildlich. Greta öffnete irgendwann den Reißverschluss des Korbs, und die Katze rollte sich auf ihrem Schoß zusammen, als sei nie etwas anderes ihr Platz gewesen. Als der Zug durch Bitterfeld fuhr, schliefen beide tief und fest.

„Entschuldigung, ist die wirklich so brav?“

Greta zuckte wach. Vor ihr stand ein großer Mann um die fünfzig, mit kurzem grauem Haar und Lachfältchen um die Augen. Er trug einen Pappbecher Kaffee und hielt ihn ihr hin.

„Hier. Der Automat hat Ihnen einen ausgespuckt. Ich hab vorhin gesehen, dass Sie so tief geschlafen haben, und dachte, Sie können einen gebrauchen. Ich bin Tom. Sitze zwei Reihen weiter.“

Greta nahm den Becher, verwirrt, aber dankbar. „Greta. Und ja, sie ist brav. Jedenfalls meistens. Ist eine lange Geschichte mit uns beiden. Sehr lang. Und sehr chaotisch.“

Tom lachte leise und lehnte sich an die Wand des Abteils. „Solche Geschichten sind meist die besten. Darf ich mich kurz setzen, oder ist das für die Katzendame reserviert?“

Finchen öffnete ein Auge, musterte ihn und begann leise zu schnurren. Sie ließ sogar zu, dass er ihr kurz mit einem Finger über den Kopf strich.

„Na dann“, sagte Greta und lächelte zum ersten Mal, ohne darüber nachzudenken, wie es wirkt. „Ich glaube, sie hat nichts dagegen. Und ich auch nicht. Setzen Sie sich, Tom. Wir haben noch zwei Stunden bis Leipzig. Ich weiß nicht, ob die für die ganze Geschichte reichen, aber für den Anfang.“

Tom setzte sich zu ihr, und Finchen begann, auf beiden Schößen gleichzeitig zu liegen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Greta warf einen Blick aus dem Fenster auf die flache, unter einem blassen Januarthimmel gleitende Landschaft. Sie fuhr nicht weg. Sie fuhr heim.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Finchen, vergib mir