Ich heiße Frank Bösel, ich fahre seit einundzwanzig Jahren Straßenbahn für die BVG, Linie M10, und an diesem Samstag hatte ich frei. Deshalb stand ich mit meiner Nichte Pia am Straßenrand, Ecke Warschauer Straße, mit einer Bratwurst in der Hand, die ich nie zu Ende gegessen habe.
Der CSD in Berlin ist bei uns im Kiez fast wie ein zweites Weihnachten – die Balkone hängen voller Regenbogenfahnen, aus dem Späti an der Ecke dröhnt Musik, und der Kaffee kostet an dem Tag garantiert fünfzig Cent mehr, weil der Verkäufer weiß, dass keiner meckert. Pia ist neunzehn, sie hat mich extra angerufen, weil ihre Mitbewohnerin krank geworden war und sie niemanden zum Mitgehen hatte. Wir standen also da, es war kurz nach vier, die Sonne stand tief und blendete direkt in die Motzstraße rein.
Dann hörte ich den Motor. Nicht laut, eher falsch – so ein Ton, den man aus dem Bauch heraus erkennt, bevor der Kopf begreift, was passiert. Ein weißer Transporter, so ein Modell, wie es jeder Handwerker in Berlin fährt, bog von der Seite in den Zug der Teilnehmenden ein. Kein Bremslicht. Er fuhr einfach rein.
Ich habe Pia am Ärmel gepackt und hinter einen Fahrradständer gezogen, das war reiner Reflex, kein Heldentum. Die Bratwurst fiel mir aus der Hand, ich sah sie später auf dem Boden liegen, neben einer umgekippten Bluetooth-Box, aus der noch Musik lief, irgendein Sommerhit, während um sie herum Leute schrien.
Was danach kam, bekam ich nur in Fetzen mit. Der Wagen blieb stehen, irgendwo zwischen zwei umgeworfenen Sonnenschirmen von einem Falafel-Stand. Zwei Türen gingen auf. Ich sah Bewegung, mehr nicht – Pia fragte mich später, ob ich ein Messer gesehen hätte, und ich musste ehrlich sagen: nein, ich sah nur, wie Leute plötzlich zurückwichen, wie eine Welle, die sich umkehrt. Eine Frau lag auf dem Asphalt und rührte sich nicht. Neben ihr kniete ein Mann im Dragoutfit, die Perücke war ihm vom Kopf gerutscht, er umklammerte ihre Hand und schrie nach einem Arzt, obwohl mindestens zwanzig Leute schon am Telefon waren.
Die Polizei war innerhalb von Minuten da, das muss man ihnen lassen – es standen ja schon Einsatzkräfte entlang der Route, wegen der Anmeldung. Sie riegelten die Kreuzung ab, drei Rettungswagen kamen fast gleichzeitig aus Richtung Frankfurter Allee. Ich hörte später von einer Sanitäterin, mit der ich noch kurz sprach, weil sie sich an meinem Fahrradständer abstützte und nach Wasser fragte – sie sagte, sie hätten sechzehn Verletzte gezählt, elf davon schwer, manche mit Schnittwunden, die nicht vom Aufprall stammen konnten. Eine Frau starb noch am Ort.
Ich brachte Pia nach Hause, mit der U-Bahn, wir gingen zwei Stationen zu Fuß, weil die Bahnen um den Ostkreuz herum alle standen. Sie umklammerte die ganze Fahrt über ihr Handy, ohne draufzuschauen.
Am Montag stand's dann überall: Die Polizei hatte einen Mann festgenommen, iranischer Staatsbürger, er soll im Transporter gesessen haben, als der in die Menge fuhr. Nach dem Fahrer wurde noch gesucht. Ich las die Meldung dreimal, auf der Parkbank vor dem Depot, bevor meine Schicht anfing, weil ich wissen wollte, ob die Frau, die dort gestorben war, einen Namen bekommen hatte. Es stand keiner drin. Nur "eine 34-jährige Frau aus Berlin".
Zwei Tage später kriegte ich einen Anruf von der Kripo. Zeugenaussage, wegen meines Standorts an der Kreuzung. Ich fuhr am Dienstagnachmittag zur Dienststelle am Tempelhofer Damm, mit der Linie 104, und saß dort anderthalb Stunden, versuchte einem Kommissar zu erklären, was ich gesehen hatte – was erschreckend wenig war, wenn man's genau nimmt. Kein Kennzeichen, keine Gesichter, nur der Ton des Motors und die Farbe des Wagens.
Der Kommissar gab mir am Ende die Hand und sagte, jede Kleinigkeit helfe, auch wenn's einem selbst nicht so vorkomme. Ich ging dann noch mal am Falafel-Stand vorbei, auf dem Rückweg – der Besitzer hatte seinen Sonnenschirm wieder aufgestellt, notdürftig mit Panzertape geflickt, und verkaufte, als wäre nichts gewesen. Ich holte mir einen Teller und gab ihm zehn Euro mehr, als er verlangt hatte. Er kommentierte es nicht, tat mir nur noch eine Extraportion Soße drauf.
Die Ermittler suchen bis heute nach dem Fahrer. Ich fahre seitdem jeden Samstag ein Stück durch die Warschauer Straße, wenn ich Feierabend habe, einfach so, ohne Grund, den ich richtig erklären könnte. Und jedes Mal, wenn da eine Bluetooth-Box irgendwo Musik spielt, bleibe ich kurz stehen.







