Der Schlüssel zur Werkstatt in der Falterstraße

Er sagte es beim Frühstück, während er sich Kaffee nachschenkte, als würde er über die Entsorgung eines alten Kühlschranks sprechen: "Das Kind schaffst du nicht. Gib ihn zur Pflegefamilie, das wird für alle besser sein." Keine erhobene Stimme. Kein Streit davor, keine durchzechte Nacht, kein Alkohol im Atem. Nur Matthias, in Socken auf den kalten Fliesen unserer Küche in Gelsenkirchen, die Kaffeetasse mit dem Logo seiner alten Firma in der Hand, während ich am Tisch saß mit unserem sieben Monate alten Sohn Elias auf dem Schoß, der gerade eingeschlafen war, den Kopf schwer an meiner Schulter.

Ich heiße Carolin, ich bin dreiunddreißig, und ich war zu dem Zeitpunkt achtzehn Monate mit Elias zu Hause, während Matthias die Kfz-Werkstatt seines Vaters weiterführte, ein kleiner Betrieb mit zwei Hebebühnen in der Falterstraße, direkt neben dem Getränkemarkt, wo im Sommer immer die Klimaanlage über die Tür tropfte. Vor Elias hatte ich als Erzieherin gearbeitet, dreiundzwanzig Stunden die Woche, in einer Kita in Buer. Nach der Geburt kam die Kündigung fast automatisch, weil Matthias sagte, ein Kind brauche seine Mutter zu Hause, nicht in fremder Obhut ab sieben Uhr morgens.

Was er nicht sagte: dass Elias zu früh kam, in der zweiunddreißigsten Woche, mit einem Herzfehler, der zwei Operationen brauchte im Uniklinikum Essen. Dass ich seit anderthalb Jahren kaum eine durchgeschlafene Nacht hatte, weil er nachts oft schrie und ich ihn auf dem Arm durch die Wohnung trug, an dem Fenster vorbei, hinter dem die Straßenbahn der Linie 302 vorbeiratterte. Dass ich zwölf Kilo abgenommen hatte und meine Mutter mir jeden zweiten Tag eine Tupperdose mit Eintopf brachte, weil ich vergaß zu essen.

Matthias sah das alles anders. Für ihn war ich eine Frau, die "es nicht schaffte". Eine, die im Wohnzimmer weinte, während der Fernseher irgendeine Kochshow zeigte, die niemand ansah. Eine, deren Hände zitterten, wenn sie die Spritze mit dem Herzmedikament aufzog. Und an diesem Morgen, mit dem Kaffeeduft in der Küche und dem Nachbarshund, der im Hof bellte, weil der Postbote kam, entschied er, dass die Lösung darin bestand, unseren Sohn wegzugeben.

"Du willst ihn zur Pflegefamilie geben", wiederholte ich, nicht als Frage.

"Nur vorübergehend. Bis du wieder auf die Beine kommst." Er trank einen Schluck Kaffee. "Meine Cousine kennt jemanden vom Jugendamt in Recklinghausen. Es geht schnell, ohne großes Verfahren."

Ich erinnere mich, dass ich Elias fester hielt, seine warme Wange an meinem Hals, und dass ich nichts sagte. Nicht weil ich zustimmte. Sondern weil ich in diesem Moment begriff, dass etwas, das ich lange geahnt, aber nie ausgesprochen hatte, jetzt eine Form bekommen hatte. Matthias sah in mir kein Problem, das man löst, indem man mir hilft. Er sah ein Hindernis, das man entfernt.

Zwei Wochen zuvor hatte er mir vorgeschlagen, "eine Pause zu machen" und zu meiner Schwester nach Dortmund zu ziehen, "damit du dich erholst". Ich hatte es als Fürsorge gedeutet. Erst jetzt verstand ich, dass es der erste Versuch gewesen war, mich aus dem Bild zu entfernen, bevor er zum eigentlichen Plan kam: dem Kind.

Ich stand auf, mit Elias auf dem Arm, und ging ins Schlafzimmer. Setzte mich auf die Bettkante. Auf dem Nachttisch lag noch die Broschüre der Kardiologie mit dem nächsten Kontrolltermin, dritter Oktober, elf Uhr fünfzehn. Ich nahm mein Handy und rief meine Mutter an. Sie sagte drei Worte, die ich seither nicht vergessen habe: "Komm sofort her."

Ich packte an diesem Nachmittag zwei Taschen, während Matthias in der Werkstatt war. Nahm Elias' Papiere, seinen Impfpass, die Kopien der Klinikberichte, mein eigenes Sparbuch mit den viertausendzweihundert Euro, die von meinem Erzieherinnengehalt übrig geblieben waren, weil ich schon länger ahnte, dass ich sie brauchen könnte. Der Nachbarsjunge, elf Jahre alt, half mir, die Taschen zum Auto meiner Mutter zu tragen, ohne zu fragen, warum. Er trug einen BVB-Trikot, viel zu groß für ihn, wahrscheinlich von seinem großen Bruder.

Bei meiner Mutter in Buer, in der Wohnung, in der ich aufgewachsen war, mit dem immer leicht schiefen Bild vom Weihnachtsmarkt am Flur, begann ich neu zu ordnen, was von meinem Leben übrig war. Meine Mutter kümmerte sich abwechselnd mit mir um Elias, damit ich schlafen konnte. Nach elf Tagen rief mich Matthias an. Er klang nicht wütend. Er klang verwirrt, fast beleidigt, als hätte ich eine unausgesprochene Abmachung gebrochen.

"Du übertreibst", sagte er. "Ich wollte doch nur das Beste."

"Das Beste wäre gewesen, mir zu helfen. Nicht, unseren Sohn wegzugeben."

Er schwieg einen Moment, dann: "Die Werkstatt läuft nicht so gut ohne dich im Büro. Die Buchhaltung ist ein Chaos."

Da erst wurde mir klar, wie viel von dem, was ich all die Jahre unbezahlt für den Betrieb erledigt hatte, wirklich gehalten hatte: die Rechnungen, die Terminplanung, die Steuerunterlagen, die ich jeden Monat für den Steuerberater in Herten vorbereitete. Ich hatte das gemacht, während Elias im Beistellbett neben dem Schreibtisch schlief. Zehn Stunden pro Woche, seit fünf Jahren, ohne einen einzigen Cent dafür.

Ich ging zu einer Anwältin, Frau Berger, deren Kanzlei über einer Bäckerei in der Horster Straße lag, wo es nach Mohnbrötchen roch, wenn man die Treppe hochstieg. Sie hörte sich alles an, machte sich Notizen mit einem Kugelschreiber, auf dem "Sparkasse Gelsenkirchen" stand, und sagte dann etwas, das ich brauchte zu hören: "Sie haben nichts falsch gemacht. Und Sie müssen niemandem etwas beweisen."

Wir reichten die Trennung ein. Ich beantragte das alleinige Sorgerecht, mit Verweis auf die Aussage, die Matthias in einer Nachricht wiederholt hatte — er hatte mir tatsächlich geschrieben, "das Kind zur Adoption freizugeben wäre eine vernünftige Option" —, was das Familiengericht in Gelsenkirchen als deutliches Indiz für seine fehlende Bindungsbereitschaft wertete. Der Prozess dauerte vier Monate. Am Ende bekam ich das alleinige Sorgerecht, ein Umgangsrecht für Matthias unter Aufsicht, das er nie wahrnahm, und Unterhalt in Höhe von vierhundertzehn Euro monatlich, den ich über den Gerichtsvollzieher einfordern musste, weil er in den ersten sechs Monaten nichts zahlte.

Die Werkstatt in der Falterstraße geriet derweil tatsächlich ins Straucheln. Ohne jemanden, der die Buchhaltung ordentlich führte, verpasste Matthias zwei Mehrwertsteuer-Voranmeldungen. Die Sparkasse kündigte ihm den Betriebsmittelkredit. Ich erfuhr davon nicht aus Genugtuung, sondern weil seine Mutter mich anrief und fragte, ob ich "vielleicht wieder aushelfen" könnte. Ich sagte nein.

Ein Jahr nach jenem Morgen mit dem Kaffeeduft in der Küche saß ich wieder an einem Tisch — diesmal in unserer eigenen, kleinen Zweizimmerwohnung in Buer, mit Blick auf einen Kastanienbaum, der im Herbst die ganze Straße mit Blättern bedeckte. Elias, inzwischen zwei Jahre alt und nach der zweiten Operation kardiologisch stabil, saß auf dem Boden und stapelte Bauklötze zu einem wackligen Turm.

An diesem Nachmittag kam ein Einschreiben. Matthias verlangte, gerichtlich das begleitete Umgangsrecht zu erweitern. Ich las den Brief zweimal, faltete ihn dann zusammen und legte ihn in den Ordner, den ich seit dem ersten Anwaltstermin führte — blauer Aktendeckel, beschriftet mit "Elias, Sorgerecht" in meiner eigenen Handschrift. Ich rief Frau Berger an, vereinbarte einen Termin für Donnerstag, den 10. September, um vierzehn Uhr.

Elias schaute von seinem Turm auf, weil die Klötze umgefallen waren, und lachte, ohne dass ihn irgendetwas davon interessierte. Ich legte den Hörer auf, setzte mich neben ihn auf den Boden und begann, mit ihm die Klötze wieder aufzustapeln.

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