**Vierhundert Euro und der Schlüssel zum Gartenhaus in Cochem**

Ich bin siebenundfünfzig, heiße Ingrid Baumann, und seit drei Wochen gehört mir ein kleines Weingut-Häuschen an der Mosel, das meiner Mutter gehört hat. Sie ist im August gestorben, mit einundachtzig, und ich habe sie in den letzten sieben Monaten gepflegt – jeden zweiten Tag mit dem Auto von Koblenz nach Cochem, dreiundzwanzig Kilometer die Landstraße entlang, an den Weinbergen vorbei, die im Herbst so aussehen, als würde jemand sie mit Kupfer bemalt haben.

Meine Tochter Sabine und ihr Mann Jonas haben sich nicht einmal an den Medikamenten beteiligt. Hundertzwanzig Euro im Monat für die Herztabletten, das war es, worum ich gebeten hatte. „Wir haben selbst genug Sorgen", hat Sabine am Telefon gesagt, und ich habe gehört, wie im Hintergrund der Fernseher lief – irgendeine Kochshow, Stimmen, die über Kürbissuppe redeten, während meine Mutter im Nebenzimmer nach Luft rang.

Ich weiß, dass das nicht meine Tochter ist, die so redet. Das ist Jonas. Er hat ihr das eingeredet, Stück für Stück, in den letzten zwei Jahren.

Direkt nach der Beerdigung – wir standen noch auf dem Parkplatz vor der Friedhofskapelle in Cochem, der Regen hatte gerade aufgehört, es roch nach nassem Asphalt und Chrysanthemen – kam Jonas zu mir und sagte, das Häuschen müsse „gerecht aufgeteilt" werden. Sofort. Noch bevor die Erbschaftssteuer überhaupt geklärt war. Er hatte schon einen Zettel dabei, mit Zahlen.

Ich war fassungslos. Dieser Mann hat keine Sekunde für meine Mutter übriggehabt, hat nie eine einzige Nacht bei ihr gesessen – und jetzt steht er da mit einem Taschenrechner.

Ich hatte fast mein halbes Leben lang alles allein gestemmt. Mein Mann Klaus ist gegangen, ein Jahr nach der Hochzeit, kurz nachdem Sabine geboren war. Immerhin hat er uns die Dreizimmerwohnung in der Rheinstraße gelassen – das muss man ihm lassen, wenigstens das hat er richtig gemacht. Wieder heiraten wollte ich nicht. Ich war ja nicht allein, ich hatte Sabine, die musste großgezogen werden.

Ich habe mir alle Mühe gegeben, aber einer Vaterfigur konnte ich sie nicht ersetzen. Und irgendwann fing Sabine an, sich an jeden Mann zu klammern, mit dem sie zusammen war. Nicht jedem gefiel das. Ich habe oft am Küchentisch gesessen, mit ihr, mit einer Tasse Kamillentee, die längst kalt geworden war, und ihr gebrochenes Herz wieder zusammengeflickt.

Dann kam Jonas. Am Anfang war er hilfsbereit, hat den Rasen gemäht, wenn er zu Besuch war, hat mir bei der Steuererklärung geholfen. Ich war restlos dafür, dass Sabine ihn heiratet. Er hat mich respektiert, hat Sabine respektiert. Was will man mehr? Ich hielt ihn für den perfekten Schwiegersohn.

Aber so märchenhaft bleibt nie etwas. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit hat sich Jonas verändert. Genau in dieser Zeit habe ich angefangen, mich um meine Mutter zu kümmern – sie lebte noch, war früh Mutter geworden, so wie ich, deshalb hat sie ihre Enkelin noch erlebt. Aber dann wurde sie krank. Die Schwäche hat sie so überwältigt, dass ich sie zu mir nehmen musste, rund um die Uhr.

Es gab keine andere Möglichkeit, also lebte meine Mutter bei mir. Jonas hat das überhaupt nicht gepasst. Was ihn da so aufgebracht hat, weiß ich bis heute nicht. Ich habe ihn ja nicht gezwungen, sich um die alte Frau zu kümmern. Im Gegenteil, die ganze Last lag allein auf meinen Schultern. Meine Mutter war auch nicht anspruchsvoll, sie war bei klarem Verstand bis zum letzten Tag. Ich verstehe bis heute nicht, was ihm nicht gepasst hat.

Mit der Zeit wurde es nur schlimmer. Auch meine Tochter stellte sich auf Jonas' Seite. Jetzt haben mich beide gemieden – kein Anruf zum Geburtstag, kein „Wie geht's der Oma", nichts.

Ich habe damals gedacht, das geht vorbei. Es ging nicht vorbei.

Meine Mutter starb im August, in der Nacht, im Häuschen in Cochem, mit Blick auf den Weinberg, den sie zusammen mit meinem Vater vor vierzig Jahren gepflanzt hatte. Ich saß neben ihrem Bett, hielt ihre Hand, die so leicht geworden war wie ein trockener Zweig. Sabine kam erst zur Beerdigung. Jonas trug einen dunkelblauen Anzug, den er sich extra gekauft hatte, und roch nach einem neuen Rasierwasser.

Auf dem Zettel, den er mir am Parkplatz zeigte, stand: Verkauf des Häuschens, Aufteilung fifty-fifty, „damit alles fair ist". Als hätte er auch nur eine einzige Windel gewechselt, einen einzigen Herzanfall meiner Mutter überstanden, eine einzige Nacht am Bett verbracht.

Ich habe ihm den Zettel zurückgegeben und gesagt, ich müsse nachdenken.

Zwei Wochen lang habe ich nichts gesagt. Ich bin zum Notar in Koblenz gefahren, Kanzlei Herrmann in der Löhrstraße, ein Mann mit grauem Bart, der mir in Ruhe erklärt hat, wie die Erbfolge in Deutschland tatsächlich funktioniert: Sabine ist die einzige gesetzliche Erbin nach mir – Jonas hat rechtlich überhaupt keinen Anspruch auf das Häuschen. Keinen einzigen Cent. Er kann reden, so viel er will, mit Zetteln wedeln, so viel er will.

Ich habe zwei Dinge getan.

Erstens: Ich habe das Häuschen nicht verkauft. Ich habe es auf mich überschreiben lassen, offiziell, mit Grundbucheintrag, und dann sofort ein notarielles Testament gemacht, in dem steht, dass es direkt an Sabine geht – aber mit einer Klausel, die der Notar „Vorbehaltsnießbrauch mit Verwertungsausschluss" nannte. Sabine kann es besitzen, dort wohnen, es vermieten. Verkaufen kann sie es erst nach meinem Tod, und nicht, solange Jonas ihr Ehemann ist, ohne meine notarielle Zustimmung zu Lebzeiten.

Zweitens: Ich habe die hundertzwanzig Euro im Monat, die ich früher für die Medikamente meiner Mutter gezahlt habe, nicht mehr auf Sabines Konto überwiesen, wie ich es all die Jahre bei kleineren Dingen getan hatte – Kindergartenbeiträge, Geburtstagsgeschenke für die Enkelin, mal ein Zuschuss zur Miete. Ich habe das Dauerauftrag gekündigt. Bei der Sparkasse Koblenz, an einem Dienstagvormittag, mit dem Ausdruck in der Hand.

Vier Wochen später hat Jonas angerufen. Ich habe das Telefon auf dem Küchentisch liegen lassen, neben einer Schale mit Zwetschgen aus dem eigenen Garten, und erst beim vierten Klingeln rangenommen.

„Warum kommt kein Geld mehr?", hat er gefragt, ohne Begrüßung.

„Welches Geld, Jonas?"

„Das für Sabine. Für die Kleine."

„Ich zahle für niemanden mehr, für den ich nicht zahlen muss", habe ich gesagt. „Und das Häuschen gehört mir. Es geht an Sabine, wenn ich sterbe. Nicht an dich. Nie an dich."

Er hat aufgelegt.

Drei Tage danach stand er vor meiner Tür in Koblenz, ohne anzurufen, um halb acht abends, im Anzug von der Beerdigung, nur ohne Krawatte. Sabine war nicht dabei. Ich habe die Tür einen Spalt geöffnet, die Kette noch eingehängt, so wie meine Mutter es mich gelehrt hat, als ich klein war.

„Das ist nicht fair", hat er gesagt. „Sie ist deine Tochter."

„Genau", habe ich geantwortet. „Meine Tochter. Nicht deine Bank."

Ich habe die Tür zugemacht. Nicht zugeknallt – nur zugemacht, ruhig, mit dem Schlüssel einmal umgedreht. Draußen stand er noch eine Weile, ich habe seine Schritte auf dem Kies gehört, dann den Motor seines Wagens.

Sabine hat sich zwei Wochen später gemeldet. Nicht am Telefon – sie stand einfach vor der Tür, allein, mit einer Tüte Zwetschgenkuchen aus der Bäckerei an der Ecke, den ich früher immer für sie gekauft hatte, wenn sie klein war und Bauchweh hatte. Wir haben am Küchentisch gesessen, den Kuchen nicht angerührt, und sie hat gesagt, dass sie das mit dem Häuschen gar nicht gewusst hatte – dass Jonas ihr erzählt hatte, ich würde alles verkaufen und das Geld für mich behalten.

Ich habe ihr den Grundbuchauszug gezeigt, den ich seitdem in der Küchenschublade aufbewahre, zwischen den Rezepten meiner Mutter. Sie hat lange draufgeschaut, ohne etwas zu sagen.

Ich habe ihr nichts vorgeworfen. Ich habe nur Kaffee nachgeschenkt und gesagt, das Häuschen wartet auf sie, in Cochem, mit dem Weinberg und dem alten Kirschbaum hinterm Haus. Wann immer sie kommen will. Allein.

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