Die Rückkehr des Architekten

Die Frau vom Strandkorb nebenan starrte schon seit einer halben Stunde auf Silkes Handtuch. Silke spürte den Blick im Nacken, während sie in ihrem Buch las. Als sie aufstand, um sich die Füße im Wasser zu vertreten, kam es prompt.

„Entschuldigen Sie, nehmen Sie doch bitte Ihre Sachen mit, wenn Sie länger wegbleiben. Es ist Hauptsaison hier am Timmendorfer Strand, die Leute suchen Plätze."

Silke griff wortlos nach dem verblassten Frottee, stopfte es in ihren Beutel. Sand rieselte auf ihre nackten Füße, blieb zwischen den Zehen kleben. Die Strandpromenade lag in flirrender Nachmittagshitze, Fahnen knatterten über den Dünen, Möwen kreischten über den Wellen der Ostsee. Sieben Jahre lang hatte sie diesen Urlaub vor sich hergeschoben, hatte das Geld in eine alte Keksdose gelegt, immer wenn etwas übrig blieb vom Gehalt in der Bibliothek in Kassel. Jetzt war sie hier, drei Wochen Nordsee Lübeck, und seit vier Tagen schlief sie schlecht.

Ihr Handy summte. Frau Köppen, die Vermieterin, erinnerte daran, den Müll zu trennen. „Bio kommt in die Tonne links, nicht in den Restmüll, das stand doch im Aushang."

Silke ging langsam zurück zur kleinen Pension in der Lindenstraße, vorbei an Eiscafés und Andenkenläden. Die Tür zur Terrasse stand offen, aus der Gemeinschaftsküche drang Stimmengewirr. Sie wollte gerade die Treppe hoch in ihr Zimmer unter dem Dach, als sie ihn sah.

Er saß auf der Terrasse, einen Espresso vor sich, und telefonierte. Maßgeschneidertes Hemd, teure Uhr, braun gebrannt. Die Haare waren grau geworden und dünner, aber die Art, wie er den Kopf beim Reden schief legte, die Finger um die Tasse schloss – alles wie früher.

Vor achtzehn Jahren. Greifswald. Die kleine Wohnung über der Bäckerei. Der Zettel auf dem Küchentisch, auf die Rückseite eines Kontoauszugs gekritzelt: Bin kurz weg, klär was. Er war nie wiedergekommen. Vier Tage vor der geplanten Hochzeit.

Silke blieb stehen, ihr wurde übel in der Hitze. Er legte auf, sah hoch, erkannte sie sofort. Kein Zögern. Er hatte sie erwartet, sie wusste es sofort.

„Silke." Er stand auf, kam auf sie zu. „Ich hab gestern schon deinen Namen auf dem Klingelschild gesehen. Silke Haller – dachte, ich trau meinen Augen nicht. Ist er das? Die Silke?"

Sie gab ihm nicht die Hand. „Lennert."

„Was machst du denn hier? Urlaub? Ich wohn im Strandhotel drüben, das große weiße. Bin beruflich, halb dienstlich, sag ich mal. Architekturbüro läuft gut." Er lachte kurz auf. „Unglaublich, wie klein diese Welt ist."

„Die Welt ist nicht klein. Die Ostsee ist klein."

Er überhörte den Ton. „Lass uns heute Abend was essen. Oben bei der Klippe, da ist ein Fischrestaurant, sehr gut. Ich lad dich ein. Ich mein das ernst, Silke."

Sie sah ihn an. Da war dieser Glanz in seinen Augen, den sie kannte – charmant, überzeugend, eine Spur zu selbstsicher. Früher hatte sie das geliebt.

„Ich hab schon Pläne", sagte sie und ging an ihm vorbei die Treppe hoch.

In ihrem Zimmer schloss sie die Tür, lehnte sich dagegen. Das Dachfenster stand offen, Möwen kreischten draußen. Achtzehn Jahre. Sie griff nach ihrer Wasserflasche, trank, versuchte die Erinnerung wegzuschlucken: das Brautkleid, das drei Jahre ungetragen im Schrank hing. Die Besuche bei ihrer Mutter im Krankenhaus, nach deren Zusammenbruch. Die Nächte, in denen sie sein Gesicht vor sich sah und sich fragte, ob er tot in einem Graben lag. Und dann irgendwann die Gewissheit: Er war einfach gegangen. Kein Unfall, keine Entführung, kein tragisches Missverständnis. Einfach nur kalte Füße und ein Zettel.

Gegen acht klopfte es. Sie machte nicht auf.

„Silke, ich bins. Ich hab da was für dich." Lennerts Stimme klang gedämpft durch das Holz.

Sie wartete, aber er ging nicht. Schließlich öffnete sie.

Er stand da mit einer Flasche Wein und einem riesigen Rosenstrauß. „Darf ich reinkommen? Nur kurz. Ich will mit dir reden. Wir sind doch erwachsene Menschen."

Sie trat beiseite. Er stellte den Wein ab, legte die Rosen auf den Tisch. Die Dielen knarrten unter seinen Schritten, das Zimmer war viel zu klein für seine breiten Schultern, sein Selbstbewusstsein.

„Verdammt noch mal, Silke." Er setzte sich ohne Aufforderung auf den einzigen Stuhl. „Ich hab damals Mist gebaut. Riesengroßen Mist. Aber ich war jung, Anfang zwanzig, und ich hatte diese Chance in Hamburg. Das große Büro, die Partnerstelle. Der Anruf kam zwei Tage vorher. Ich wusste: Sag ich es dir, kommst du mit, und dann hängt dein ganzes Studium in der Luft. Ich habs für dich getan, verstehst du? Damit du deinen Abschluss machen kannst."

„Du hast es also für mich getan." Ihre Stimme blieb flach.

„Ja! Und ich hab bezahlt dafür. Achtzehn Jahre hab ich gedacht, ich müsste das wiedergutmachen. Ich hatte Frauen, ich war verheiratet, geschieden. Aber nie wars das Richtige. Immer fehlte was. Und jetzt sitz ich hier, zufällig, und seh dich. Silke, das ist kein Zufall. Das ist ein verdammtes Wunder."

Sie schwieg.

Er beugte sich vor. „Ich hab eine große Wohnung in Hamburg an der Alster. Ich hab ne Firma. Ich hab Geld, Silke. Komm mit mir. Lass uns da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Nur ohne die Fehler von damals. Ich mach alles anders. Alles."

Sie dachte an das Reihenhaus in Kassel, in dem sie wohnte. Die geregelte Stille morgens um fünf, wenn sie den ersten Kaffee kochte. Die feste Arbeit in der Bibliothek. Der Alltag, der nie mehr aus den Fugen geraten war, weil sie nie wieder jemanden so nah an sich herangelassen hatte.

„Ich hab mein Leben, Lennert. Es ist nicht aufregend. Aber es ist meins."

Er lachte leise. „Silke. Bitte. Du arbeitest in irgendeiner Provinzbibliothek, hast du gesagt. Wofür? Du könntest alles haben. Ich kauf dir was du willst. Ein Haus. Reisen. Du musst nie wieder arbeiten gehen."

„Ich will arbeiten gehen." Sie ging zur Tür, machte sie auf. „Es war schön, dich zu sehen. Gute Nacht."

Er stand auf, zögerte, griff nach ihrer Hand, aber sie zog sie weg. Dann ging er. Der Duft der Rosen hing noch lange im Zimmer.

Am nächsten Tag stand sein Auto nicht mehr vor dem Strandhotel. Die Pension Köppen lag im Dunst, Vormittagssonne tauchte den Hof in träges Licht. Frau Köppen klopfte, brachte eine Extrarolle Klopapier. „Der nette Herr von gegenüber ist abgereist. Hat noch nach Ihnen gefragt. Wollte wissen, wie lange Sie bleiben."

Silke nickte. „Danke, Frau Köppen."

„Wissen Sie", die alte Frau nestelte an ihrer Schürze, „er sah aus wie ein Mann, der nicht gern allein ist. Und auch keiner, der oft ein Nein hört. Hab ich Recht?"

Silke schwieg. Die Vermieterin zuckte die Achseln und ging.

Mittags fuhr Silke mit dem Bus nach Travemünde. Sie wanderte bis zum Ende der Mole, setzte sich auf die Steine, sah den Fähren nach. Das Wasser schlug gegen den Beton, Gischt spritzte ihr ins Gesicht. Sie zog ihre Sandalen aus, hielt die Füße in die kalte Ostsee.

Die Hochzeitsglocken der Strandkapelle drangen herüber, eine kleine Gesellschaft mit weißen Luftballons zog vorbei. Eine Braut in kurzem Kleid, ein Bräutigam mit Sonnenbrille. Sie klatschten, lachten, Prost-Rufe hallten über das Wasser.

Silke lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

Zurück in der Pension kramte sie den Zettel aus ihrer Tasche, den sie morgens an der Pinnwand entdeckt hatte. Mittwoch, geführte Wanderung über den Brodtener Steiluferweg, inklusive Kaffeetrinken am Leuchtturm. Abfahrt neun Uhr. Sie strich ihn glatt, steckte ihn an den Spiegel.

Im Bad wusch sie sich das Salz von den Händen. Sie sah alt aus in dem kleinen Spiegel, die Fältchen um die Augen tiefer als sonst. Aber sie sahen gut aus, diese Falten. Sie kamen von viel Lachen mit ihren Kolleginnen, vom Blinzeln in die Sonne auf ihrem kleinen Balkon, vom Stirnrunzeln über spannenden Büchern.

Um zehn Uhr abends war der Himmel lila und rosa, die Luft mild. Sie stand am offenen Fenster, eine Tasse Tee in der Hand, und hörte dem Rauschen der Wellen zu. Hinten am Horizont, winzig und fern, glitzerte die Silhouette eines großen weißen Hotels. Sie trank den letzten Schluck Tee und zog die Vorhänge zu.

Morgen würde sie früh aufstehen, den Bus zum Leuchtturm nehmen und sich den Wind um die Nase wehen lassen. Drei Wochen Nordsee. Sie war noch lange nicht fertig damit.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Die Rückkehr des Architekten