Der Pfand im Treppenhaus

Es begann mit dem Geruch nach feuchtem Putz. Klemens Osterhagen war auf dem Weg in den Keller, um die Winterreifen zu holen, als er es hörte: ein dünnes, heiseres Maunzen. Er blieb auf dem Absatz stehen. Hinter der Brandschutztür, dort, wo die Briefkästen aufgereiht waren und ein einsamer Werbezettel für einen Pizzadienst am Boden klebte, wurde das Geräusch lauter.

Der Lichtschalter machte ein leises Klicken, die Neonröhre flackerte zweimal. Dann sah er sie. Zwischen zwei Papiercontainern, auf einem alten Bademantel, lag eine rotweiße Katze. Um sie herum fünf winzige, blinde Körper. Die Katze hob den Kopf, als wolle sie prüfen, ob von ihm Gefahr ausging.

„Moment", murmelte Klemens. Das Halsband war dunkelblau, mit einer kleinen Metallkapsel. Er kniete sich hin, drehte die Kapsel um. *Poldi. Tel. 0163–781…*

Er tippte die Nummer ins Handy, stieg wieder hinauf ins Erdgeschoss und rief an.

„Ja, hallo?"

„Hier ist Osterhagen, aus der Goethestraße 14. Entschuldigung, sind Sie die Besitzerin von Poldi?"

Am anderen Ende machte es einen Moment still. „Was ist mit der Katze?"

„Sie hat bei uns im Keller geworfen. Fünf Junge. Wollen Sie sie abholen?"

„Tut mir leid", sagte die Stimme. „Die behalte ich nicht mehr. Das Ding macht nur Ärger. Der Tierarzt letztes Jahr, das Futter, alles teuer. Ich hab genug um die Ohren."

„Aber Ihre Katze sitzt im Keller zwischen Müllkartons und hat gerade Junge bekommen."

„Nicht mehr meine Katze", sagte sie. Aufgelegt.

Klemens stand im Flur, den kalten Ziegelboden unter den Sohlen, und betrachtete das Display, als könnte es die Antwort noch ändern. Draußen fuhr ein Auto durch eine Pfütze. Er atmete zweimal tief aus und ging zurück in den Keller.

„So, Poldi", sagte er. „Dann sind wir jetzt also ohne Halsband."

Er brachte einen Napf Wasser, weiches Weißbrot, was er im Kühlschrank fand. Die Katze fraß, als hätte sie seit Tagen nichts bekommen. Klemens setzte sich auf die unterste Treppenstufe. Durch das Kellerfenster fiel der Lichtkegel einer Straßenlaterne herein und legte ein schmales Muster auf den Betonboden.

Dann klingelte sein Telefon. Ruth.

„Opa? Ist was passiert?"

„Ja, im Keller. Katze mit Jungen. Besitzerin hat gesagt, ihr Problem sei die Katze nicht mehr."

„Was?", Ruth lachte kurz auf. „Das klingt nach dir. Du kannst doch an keinem verletzten Vogel vorbeigehen."

„Ich kann sie nicht da unten liegen lassen."

„Nein, natürlich nicht. Ich komm morgen vorbei. Dann machen wir Fotos fürs Internet und suchen Leute für die Kleinen."

Am nächsten Morgen klingelte es an der Tür. Ruth war schon da, mit einer Faltbox und einer Wärmflasche.

„Für die Katzenmutter", sagte sie. „Die Milchbildung. Im Ernst, das haben sie im Ratgeber geschrieben."

Sie stiegen hinunter. Die Katze lag in derselben Ecke, wach, den Kopf zur Tür gedreht. Ruth kniete sich hin und legte die Wärmflasche in den Karton.

„Schau mal, der eine ist grau, der andere hat rote Pfoten. Und der hier ist beinahe weiß."

„Mach die Fotos. Aber keine Adresse."

Am Abend summte Ruths Handy ununterbrochen. Zwanzig Anfragen. Ältere Paare, Familien, Studenten, eine Frau, die schrieb: *Mein Kater ist im Januar gestorben. Vielleicht ist so ein Kleines die richtige Hilfe.*

„Wir müssen sie einzeln abklären", sagte Klemens. „Ich will nicht, dass einer sie aus einer Laune heraus nimmt und im Herbst am Straßenrand absetzt."

„Opa, du hörst dich an wie eine Pflegestelle vom Jugendamt."

„Dafür bin ich Pensionär."

Am dritten Tag fand Klemens das kleinste Kätzchen, das mit den roten Pfoten, kalt und teilnahmslos abseits der anderen liegen. Es trank nicht mehr. Er wickelte es in ein Geschirrtuch und fuhr mit dem Bus zur Tierklinik in der Bahnhofstraße, den Karton auf den Knien, während die Ampeln draußen viel zu langsam umsprangen.

„Unterzuckerung", sagte die Tierärztin. „Es kann noch kippen. Sie müssen es alle zwei Stunden füttern, auch nachts."

Er stellte den Wecker auf zwei Uhr, auf vier, auf sechs. Die Pipette war zu groß für das winzige Maul, die Milch lief am Kinn herunter, bis er den Winkel fand. Gegen fünf Uhr morgens, als er mit brennenden Augen am Küchentisch saß, das Kätzchen in ein Handtuch gewickelt an der Brust, spürte er zum ersten Mal, wie klein der Unterschied zwischen Leben und Sterben bei so einem Tier ist. Erst am Vormittag begann es wieder zu saugen, gierig, mit geschlossenen Augen.

Am selben Tag, als Klemens mit einem Beutel Katzenfutter vom Edeka an der Ecke zurückkam, stand sie im Treppenhaus. Kurzes, rot gefärbtes Haar, eine schwarze Jacke, die Art von Haltung, die man in Yoga-Kursen lernt, ohne je innerlich anzukommen. Judith Rathke. Sie wohnte im dritten Stock.

„Sie sind also der Typ, der im Keller meine Katze auffüttert."

„Klemens Osterhagen. Ja, das bin ich. Eines der Jungen hätten wir letzte Nacht fast verloren."

„Das ist nicht mein Problem mehr." Sie sagte es schnell, fast zu schnell. „Ihre Katze hatte ein Halsband. Da steht eine Verantwortung dahinter, wissen Sie."

„Die Katze wollte mein Mann. Dann ist er weg, und ich saß mit dem Tier da. Da könnt ihr mich alle mal."

Klemens antwortete nicht sofort. Er stellte den Beutel ab, das Katzenfutter raschelte. „Sie können Ihre Nummer aus dem Halsband lassen, wenn Sie nicht mehr erreichbar sein wollen. Aber Poldi wartet da unten, und das Kleine mit den roten Pfoten hätte um ein Haar nicht überlebt."

„Warum erzählen Sie mir das? Damit ich mich schlecht fühle?"

„Ich erzähl es Ihnen, weil es passiert ist."

„Ich will nur, dass Sie mich in Ruhe lassen." Sie griff nach der Klinke.

Sie ging an ihm vorbei die Treppe hinauf. Im oberen Stock fiel die Tür ins Schloss, so hart, dass der Putz von der Decke über der Lampe rieselte. Klemens nahm den Beutel wieder auf.

Die Nachbarn kamen nach und nach. Frau Demirel aus der vierten Etage brachte eine Tube Katzenpaste vorbei und blieb, um das rotweiße Kätzchen mit einem Wattestäbchen an der Nase zu kitzeln, bis es nieste. Der Hausmeister Hanno, der jeden im Haus kannte und keine Gelegenheit für einen Spruch ausließ, schleppte Katzenstreu heran und erfand seine Theorie von der „Unterhaltspflicht pro Pfote", über die er sich selbst mehr amüsierte als jeder andere. Klemens hörte zu, nickte an den richtigen Stellen, aber sein Kopf war beim Wecker, der bald wieder klingeln würde.

Ruth schrieb die Anzeige. *Fünf Katzenkinder suchen ein Zuhause. Sie sind eine Woche alt und kennen noch keinen einzigen Menschen, der sie fallen lässt.* Das Bild zeigte die Katzenmutter, wie sie den Kopf über die Jungen legte.

Eine junge Frau namens Pauline holte das graue Kätzchen ab, versprach einen Balkon mit Katzennetz und rief drei Tage später an, ganz aufgeregt, weil das Tier zum ersten Mal auf ihrem Kissen geschlafen hatte. Ein älteres Paar aus der Nachbarstraße nahm zwei der Jungen zusammen, „damit keins allein ist", wie die Frau sagte, während sie den Transportkorb bereits im Kofferraum festzurrte.

Als das dritte Kätzchen in der Box verschwand, suchte Poldi den Karton nach dem Geruch ab, drehte sich zweimal im Kreis und legte sich dann auf die Stelle, wo es gelegen hatte. Klemens saß daneben und sagte nichts. Man kann einer Katze nicht erklären, dass es in guten Händen ist. Man kann nur dafür sorgen, dass sie sich nicht verlassen fühlt.

Am Montag darauf, mitten in der Nacht, klingelte sein Telefon. Eine unbekannte Nummer. Er tastete im Dunkeln nach dem Handy, das Herz schon schneller, weil nächtliche Anrufe selten gute Nachrichten bringen.

„Hier ist Judith Rathke." Eine Pause, in der er ihren Atem hören konnte. „Ich wollte fragen, ob es den Jungen gut geht."

„Es ist zwei Uhr nachts."

„Ich weiß. Ich konnte nicht schlafen." Ein Rascheln, als würde sie im Dunkeln auf und ab gehen. „Ich hab die ganze Woche an das kranke Kätzchen gedacht. Dass es fast gestorben wäre, während ich oben im Bett lag und mir Serien angesehen habe."

„Es geht ihm jetzt gut. Es trinkt wieder."

„Kann ich es sehen? Morgen?"

„Kommen Sie um zehn." Er legte auf, blieb aber noch eine Weile wach liegen und war sich nicht sicher, ob sie tatsächlich auftauchen würde.

Um zehn stand niemand vor der Kellertür. Um halb elf auch nicht. Klemens fütterte die restlichen Kätzchen, wechselte die Zeitungen im Karton aus, und als er schon dachte, dass es dabei bleiben würde, hörte er Schritte auf der Treppe, zögernd, als würden sie mehrmals kehrtmachen wollen.

Judith kam herunter, Jeans, eine braune Strickjacke, die Hände tief in den Taschen vergraben. Im Keller blieb sie drei Schritte vor dem Karton stehen und rührte sich nicht.

„Ich weiß nicht, ob ich das Recht hab, sie anzufassen", sagte sie schließlich.

„Sie ist Ihre Katze."

„War."

„Ist. Solange Sie es nicht offiziell anders regeln."

Poldi hob den Kopf, die Pupillen weit im spärlichen Licht. Judith kniete sich nicht hin. Sie stand noch einen Moment da, dann ging sie in die Hocke, sehr langsam, als würde jede Bewegung etwas kosten. Die Katze kam nicht sofort. Erst nach einer Weile stand sie auf, streckte die Vorderbeine und lief zu ihr, stieß den Kopf gegen die ausgestreckte Hand.

Judith zog die Hand nicht zurück, aber sie sagte auch lange nichts. Ihre Finger blieben im Fell der Katze vergraben, unbeweglich.

„Ich hab beim Tierheim angerufen", sagte sie schließlich. „Wegen einer Kastration. Für später."

„Das ist ein Anfang."

„Ich weiß nicht, ob ich sie wieder hochnehme. In die Wohnung." Sie stand auf, wischte sich die Hände an der Jeans ab, obwohl da nichts zu wischen war. „Ich muss erst mit mir selbst klarkommen, bevor ich mich um noch was kümmere."

Klemens nickte nicht. Er sagte nur: „Dann lassen Sie sich Zeit. Poldi wartet, aber nicht ewig auf jemanden Bestimmtes. Sie wartet einfach."

Drei Tage passierte nichts. Klemens sah Judith einmal auf der Straße, mit dem Rücken zu ihm, wie sie in ihr Auto stieg und wegfuhr. Er dachte, das sei die Antwort.

Am vierten Abend, es regnete, und der Wind drückte das Kellerfenster auf, sodass es alle paar Minuten gegen den Rahmen schlug, stand sie plötzlich wieder unten an der Treppe, die Haare nass, ohne Schirm.

„Ich hab die ganze Zeit überlegt, ob ich das kann", sagte sie. „Mich um was kümmern, das nicht von allein funktioniert."

„Und?"

„Ich weiß es immer noch nicht. Aber ich hab schon mal Katzenspielzeug gekauft." Sie zog eine zerknautschte Tüte aus der Jackentasche, ein rotes Federspiel darin.

Klemens sagte nichts dazu. Er stand auf, ging zum Fenster und drückte es fest zu, bis das Klappern aufhörte.

Am nächsten Vormittag standen die letzten beiden Kätzchen in der Transportbox, eins rotweiß, das andere hellgrau. Judith hob die Box hoch, ihre Hand um den Griff, als müsste sie ihn festhalten, damit er ihr nicht doch noch entgleitet.

„Vierhundert Euro hab ich zur Seite gelegt", sagte sie. „Für die Kastration und das Geschirr. Für alles, was noch kommt."

„Das reicht erstmal."

Sie trug die Box zur Haustür. Draußen wartete ihr Auto, die Scheiben noch beschlagen vom Regen der letzten Nacht. Poldi, die sie an einer Leine neben sich führte, drückte sich kurz an Klemens' Bein, bevor Judith sie sanft zur Beifahrertür zog.

Aus dem Waschkeller rief Hanno: „Und? Zahlt die Frau jetzt den Unterhalt?"

„Sie hat Katzenspielzeug gekauft", sagte Klemens und roch den Regen, der von der Straße hereinzog.

„Das reicht dem Gesetz nicht."

„Vielleicht reicht's der Katze."

Der Motor sprang an. Klemens blieb im Hauseingang stehen, bis das Auto um die Ecke bog, dann ging er hinein und zog die Tür hinter sich zu.

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