Der Hund am Ende des Ganges

— Ich brauche einen sehr alten Hund, sagte die Frau. Sabine Wörmer, seit vier Jahren ehrenamtlich im Tierheim „Vier Pfoten Wetzlar" tätig, hob den Kopf vom Aufnahmebogen und musterte die Besucherin. In diesen Jahren hatte sie Wünsche aller Art gehört. Man wollte Welpen, man wollte etwas Kuscheliges, „das nicht haart" und „das mit Kindern kann". Ein Mann hatte einmal ausdrücklich nach einem Hund „mit traurigen Augen, fürs Fotoshooting" gefragt. Aber das hier war neu.

— Ich brauche einen sehr alten Hund, wiederholte die Frau.

— Wie alt genau?

— Den ältesten, den Sie haben. Zwölf, dreizehn Jahre. Je älter, desto besser.

Die Frau stand am Empfangstresen, eine Stofftasche über der Schulter. Klein, hager, Anfang sechzig vielleicht. Das graue Haar zu einem strengen Knoten gebunden, aus dem sich eine Strähne gelöst hatte. An den Füßen abgelaufene Sneaker mit Grasflecken am Rand, dazu eine olivgrüne Jacke, an den Nähten ausgeblichen. Ihr Gesicht war ruhig, kein Lächeln, aber auch keine Anspannung. Das Gesicht eines Menschen, der genau weiß, weshalb er hier ist.

— Einen Moment, ich frage kurz bei Frau Herzog nach, sagte Sabine und verschwand im Hinterzimmer.

Renate Herzog, Leiterin des Tierheims seit elf Jahren, schnitt gerade Möhren für die Abendfütterung klein. Das Messer schlug im gleichmäßigen Takt auf das Brett, daneben stand ein Topf mit abgekühltem Reis und ein Stapel Edelstahlnäpfe.

— Da draußen ist eine Frau. Will den ältesten Hund, den wir haben.

Renate hielt inne. — Den ältesten?

— Ja. Sagt, je älter, desto besser.

— Merkwürdig. Hol sie rein.

Die Frau hieß Margarete Boll. Sie setzte sich auf den Stuhl im Büro, stellte die Tasche auf den Schoß und faltete die Hände. Trockene, sehnige Finger, kurze Nägel, feine Risse an den Knöcheln — die Hände von jemandem, der viel mit ihnen arbeitet: waschen, schrubben, im Garten graben, verbinden.

— Frau Boll, ist Ihnen klar, dass alte Hunde besondere Pflege brauchen? Renate sprach ruhig, aber mit einem wachen Unterton. — Tierarztkosten, spezielles Futter, oft chronische Leiden. Gelenke, Nieren, Herz. Das ist nicht einfach und nicht billig.

— Das weiß ich.

— Haben Sie Erfahrung mit Tieren?

— Ja.

— Erzählen Sie, wenn Sie mögen.

Margarete schwieg einen Moment. Sie sah aus dem Fenster, wo eine Reihe Zwinger und ein Stück Zaun mit abblätternder grüner Farbe zu sehen waren. Von der nahen B49 drang gedämpft der Verkehr herüber.

— Bei mir lebt gerade Bruno. Dreizehn Jahre alt, Mischling, Schäferhund und irgendwas Struppiges. Ich habe ihn vor zwei Jahren aus dem Tierheim in Gießen geholt. Er sollte eingeschläfert werden, Arthrose in den Hinterläufen, niemand wollte ihn. Vor Bruno war da Moritz, blind auf beiden Augen, fortgeschrittener grauer Star. Den habe ich mit elf zu mir genommen, er hat noch anderthalb Jahre bei mir gelebt. Davor Frieda, eine alte Schäferhündin mit Hüftdysplasie. Frieda war acht Monate bei mir.

Sie zählte die Namen ruhig auf, fast wie eine Einkaufsliste. Aber jeden Namen sprach sie eine Spur langsamer aus als die übrigen Worte. Als schenkte sie jedem noch eine Sekunde Dasein.

Renate legte den Kugelschreiber weg und nahm die Brille ab.

— Sie holen also gezielt alte Hunde?

— Ja.

— Darf ich fragen, warum?

Margarete sah sie direkt an. Graue Augen, ruhig, ohne Trotz, ohne Rechtfertigung.

— Weil die sonst keiner nimmt. Alle wollen Welpen. Oder junge, höchstens drei Jahre. Ein alter Hund sitzt im Zwinger und wartet. Und er versteht nicht, wofür. Sein ganzes Leben hat er jemanden geliebt, hat zu Füßen von jemandem geschlafen, jemanden an der Tür begrüßt. Und dann landet er hier. Das Herrchen ist gestorben, oder umgezogen, oder hat einfach entschieden, dass es reicht. Und ihm bleibt vielleicht noch ein Jahr, vielleicht zwei. Ich will nicht, dass er das auf Beton verbringt.

Im Büro wurde es still. Von nebenan war das Bellen eines Hundes zu hören — dumpf, gleichmäßig, ohne Bosheit. Nur aus Sehnsucht.

— Kommen Sie, sagte Renate und stand auf. — Ich zeige Ihnen etwas.

Sie führte Margarete durch einen Seitengang, an dem die frisch gebadeten und die neu eingelieferten Hunde untergebracht waren, bis zum letzten Zwinger im Trakt. Dort, auf einer durchgelegenen Decke, lag ein grau melierter Rottweiler-Mischling und hob kaum den Kopf, als die beiden Frauen stehen blieben.

— Das ist Anton. Fünfzehn Jahre, schätzen wir. Er kam vor drei Wochen, sein Herrchen ist in einem Pflegeheim in Marburg gestorben. Die Tochter wollte ihn nicht, sagte, sie habe „keinen Platz für einen sterbenden Hund". Er frisst kaum, er läuft kaum. Der Tierarzt gibt ihm noch ein paar Monate. Ehrlich gesagt — wir hatten schon überlegt, ob es nicht das Beste für ihn wäre, ihn erlösen zu lassen. Aber niemand von uns wollte diese Entscheidung allein treffen.

Margarete kniete sich vor den Zwinger, ohne zu zögern, ohne die olivgrüne Jacke zu schonen, die jetzt auf dem staubigen Boden auflag. Sie steckte die Hand durch das Gitter. Anton schnupperte einmal, kurz, dann legte er die Schnauze auf ihre Handfläche.

— Wie viel Zeit brauchen Sie, bis er bei Ihnen einziehen kann?

— Die Formalitäten dauern eine Stunde, sagte Renate. — Aber Frau Boll — bei allem Respekt, das ist der dritte Hund innerhalb von zwei Jahren, den Sie sterben sehen werden. Manche Menschen halten das nicht aus.

— Ich weiß, wie das endet, sagte Margarete, ohne die Hand aus dem Zwinger zu ziehen. — Jedes Mal weiß ich es vom ersten Tag an. Das ist nicht das Problem.

Was Margarete nicht sagte — und was Renate erst zwei Wochen später erfuhr, als sie bei einem Hausbesuch zur Kontrolle der Haltungsbedingungen in Margaretes Reihenhaus am Stadtrand von Wetzlar stand — war der Grund, der hinter alldem lag. An der Wand im Flur hing, halb verdeckt von einer Garderobe, ein gerahmtes Foto: ein Mann mittleren Alters, im Blaumann einer Werkstatt, daneben ein junger Deutscher Schäferhund. Auf der Rückseite des Rahmens, den Margarete einmal kurz abnahm, um Staub zu wischen, stand mit Kugelschreiber: „Werner & Rex, 2009."

— Mein Mann hatte eine Autowerkstatt in der Frankfurter Straße, sagte Margarete, als sie Renates Blick auf das Foto bemerkte. Sie sagte es beiläufig, während sie Kaffee in zwei Tassen goss, die nicht zusammenpassten. — Er starb vor sechs Jahren, Herzinfarkt, in der Grube unter einem Auto. Rex, unser Schäferhund, war da schon zwölf. Ich habe ihn noch ein Jahr gehabt, dann ist er eingeschlafen, im Schlaf, neben meinem Bett. Danach dachte ich, ich nehme mir keinen Hund mehr. Zu viel Abschied. Aber dann sah ich im Amtsblatt eine Anzeige vom Tierheim Gießen — ein alter Hund, niemand will ihn, Frist läuft ab. Und ich dachte: Wenn ich schon Abschied nehmen muss, dann soll wenigstens jemand vorher noch einmal glücklich sein.

Renate nickte nur, rührte in ihrem Kaffee und sagte nichts. Manche Sätze brauchten keine Antwort.

Anton zog bei Margarete ein, an einem Dienstag im März. Er fraß in der ersten Woche kaum, lag meist auf der Decke vor der Terrassentür, wo die Sonne hinfiel. Margarete kochte ihm Hühnchen mit Reis, weil er das Trockenfutter verweigerte, und trug ihn die zwei Stufen zum Garten hinunter, weil seine Hinterläufe versagten. Die Nachbarin, Frau Kessler, die im Haus nebenan wohnte und Margarete seit Jahren aus der Bäckerei am Eck kannte, fragte einmal über den Gartenzaun, ob das nicht zu anstrengend sei, in ihrem Alter, mit so einem kranken Tier.

— Anstrengend schon, sagte Margarete. — Aber schauen Sie ihn an. Er hat heute zum ersten Mal seit einer Woche mit dem Schwanz gewedelt.

Anton lebte vier Monate. Er starb im Juli, an einem Sonntagvormittag, während Margarete neben ihm auf dem Küchenboden saß und ihm mit der flachen Hand über den Rücken strich. Der Tierarzt, den sie für den letzten Weg gerufen hatte, ein junger Mann namens Dr. Rausch, sagte ihr später, dass Anton keine Schmerzen gehabt habe, das Herz sei einfach langsamer und langsamer geworden.

Margarete begrub ihn im Garten, unter dem Apfelbaum, neben der Stelle, wo schon Rex, Frieda und Moritz lagen. Sie hatte für jeden einen flachen Stein aus dem Baumarkt geholt und den Namen mit einem Silberstift daraufgeschrieben.

Drei Wochen nach Antons Tod erschien Margarete wieder im Tierheim. Diesmal saß Sabine am Empfang, erkannte sie sofort und wollte schon zu Renate ins Hinterzimmer laufen. Margarete hielt sie am Arm auf.

— Warten Sie. Ich habe diesmal eine Bitte, keine Frage.

Sie öffnete die Stofftasche und legte einen Aktenordner auf den Tresen. Darin: eine notariell beglaubigte Verfügung, aufgesetzt bei einem Notar in der Wetzlarer Innenstadt vor zwei Tagen. Margarete hatte darin festgelegt, dass ihr Reihenhaus samt Grundstück — geschätzter Wert 240.000 Euro — nach ihrem Tod nicht an ihren Neffen Holger gehen sollte, der seit Jahren nur zu Weihnachten anrief und sie einmal, beim letzten Besuch, gefragt hatte, „was sie eigentlich mit dem Geld vorhabe, wenn sie mal nicht mehr sei". Stattdessen richtete sie eine Stiftung ein: einen zweckgebundenen Betrag von 180.000 Euro, verwaltet über eine Treuhandstelle, ausschließlich zur Finanzierung der tierärztlichen Versorgung alter und kranker Hunde im Tierheim „Vier Pfoten Wetzlar" — solange, bis das Geld aufgebraucht sei.

— Ich habe mit Holger gesprochen, sagte Margarete zu Renate, die inzwischen dazugekommen war und den Ordner in der Hand hielt, ohne ihn ganz zu öffnen. — Letzte Woche, am Telefon. Er hat gefragt, ob das Haus schon zum Verkauf steht, weil ein Kollege von ihm interessiert sei. Ich habe ihm gesagt, dass es nicht ihm gehören wird. Er hat aufgelegt, ohne sich zu verabschieden.

Renate blätterte durch die Seiten, sah die Unterschrift des Notars, das Siegel, die Kontonummer der Treuhandstelle.

— Das ist eine sehr große Entscheidung, Frau Boll.

— Nein, sagte Margarete. — Es ist eine sehr einfache. Ich habe niemanden, der auf mich wartet außer den Hunden hier im Zwinger. Und wenn ich gehe, sollen sie nicht mehr auf Beton liegen, bis jemand kommt, der bereit ist, drei, vier Monate mit ihnen zu verbringen. Das Geld reicht, damit hier jeder alte Hund seine Tierarztrechnung bezahlt bekommt — auch wenn niemand ihn adoptiert.

An jenem Nachmittag ging Margarete noch einmal den Gang mit den Zwingern entlang, bis zum vorletzten, wo ein grauschnäuziger Dackel-Mischling namens Karl lag, laut Aufnahmebogen vierzehn Jahre alt, eingeliefert nach dem Tod seines Besitzers in einem Seniorenheim in Gießen. Sie kniete sich hin, steckte die Hand durch das Gitter, und Karl legte seine Schnauze hinein, so wie Anton es getan hatte, so wie Moritz, so wie Frieda.

— Wann kann ich ihn mitnehmen?, fragte sie.

Renate stand daneben, den Ordner noch immer in der Hand, und schrieb Karls Namen auf das Formular.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der Hund am Ende des Ganges