Kapitänin Hartmanns achtzigster Geburtstag

Der Hof meines Onkels Walter in der Mecklenburger Seenplatte war an diesem Samstag bis unter die Dachbalken voll. Pappteller mit Kartoffelsalat nach „Kirchenfrauenart“, wie Tante Gisela betonte, dazu diese Gespräche, bei denen jeder beiläufig erwähnt, was das eigene Kind in München oder Zürich inzwischen verdient. Ich war nur wegen meiner Großmutter gekommen. Achtzig. Und sie nannte mich immer noch „die Verlässliche“.

Die Verlässliche. Die Stille. Die, auf die man zählen kann, wenn das Dach repariert werden muss. Die, die überwiesen hat, wenn das Geld für Daniels Bafög nicht reichte. Die, die nie eine Gegenleistung erwartet hat.

Verlässlichkeit, das habe ich gelernt, ist wie Sauerstoff. Unsichtbar, solange alles läuft. Und furchtbar, wenn man glaubt, man braucht dich nicht mehr.

Ich stand mit einem Glas Holunderlimonade am Rand der Rasenfläche, als der Umzug der guten Nachrichten begann. Daniels Beförderung zum Bereichsleiter. Cousine Nele hat ein Reihenhaus in Rostock gekauft. Applaus. Köpfe nicken.

Dann drehte sich Tante Gisela zu meinen Eltern um. „Und eure Tochter? Was macht sie so?“

Meine Mutter schaffte es, zu lächeln, ohne dass die Augen mitmachten. „Ach, die sucht immer noch ihren Weg.“

Mein Vater, ein halbes Lachen im Mundwinkel: „Vielleicht hilft sie wenigstens nachher beim Abwasch.“

Gelächter schwappte über die Biertische. Es hätte nichts sein können. Ein kleiner Stich, wie man ihn in Familien ständig verteilt. Aber es war mehr. Nach den Überweisungen. Nach den Jahren, in denen ich an Weihnachten die Rechnungen für das Pflegeheim der Großmutter still über den Tisch geschoben hatte. Nach all den Gesprächen, in denen sie sorgfältig vermieden, die Wahrheit zu erwähnen.

Ich stand auf, ging in die Küche des Hofes und stellte mein Glas ab. Durch das kleine Fenster sah ich zu, wie das Fest ohne mich weiterging. Die Kinder kickten einen Ball über den Kies. Jemand stimmte „Über den Wolken“ an. Der Abend lag golden über den Feldern, so ein Ostseelicht, das alle weicher macht, als sie tatsächlich sind.

Ich drehte den Wasserhahn auf, spülte ein paar Gläser, nur damit meine Hände etwas taten.

Dann das Geräusch.

Zuerst fern, wie ein Gewitter hinter dem Wald. Dann klarer: ein tiefes, stoßendes Wummern, das jedes Gespräch auf dem Hof abwürgte.

Köpfe hoben sich. Papierservietten rutschten von den Tischen.

Über den Buchen am Feldrand schob sich ein Bundeswehr-Hubschrauber vom Typ NH90, tief, präzise, und drückte eine Wand aus Staub und trockenen Blättern vor sich her. Er zog eine langsame Runde, setzte dann auf der abgemähten Wiese hinter dem Hof auf. Die Pappteller flogen wie aufgeschreckte Vögel durch die Luft.

Die Seitentür glitt auf.

Ein Offizier in makellosem Dienstanzug stieg aus, ging ohne Zögern durch die erstarrte Gesellschaft. An mir vorbei? Nein. Auf mich zu.

Er blieb einen Schritt vor mir stehen, schlug die Hacken zusammen, das Kinn angehoben, die Stimme ruhig, aber so gesetzt, dass jedes Wort über das auslaufende Rotorenklacken schnitt:

„Frau Kapitän zur See… Sie werden gebraucht.“

Hinter mir hörte ich, wie etwas zu Boden fiel. Ein Glas, dachte ich. Oder die Fassung meiner Mutter.

Eine Woche zuvor hatte mich das Verteidigungsministerium in Berlin angerufen. Einsatzvorbereitung, hieß es. Streng vertraulich. Ich sei gesetzt für eine Funktion, über die man am Telefon nicht spricht. Nur so viel: Es ging um die Marinemission im Mittelmeer, um die Koordination der internationalen Verbände. Um Verantwortung, die man nicht ablehnt, wenn man sie einmal im Dienstrock trägt. Ich hatte niemandem etwas gesagt. Nicht einmal meiner Mutter, die am Sonntagmorgen immer anrief und fragte, ob ich „endlich mal was Richtiges“ gefunden hätte.

Der Offizier hieß Oberleutnant Brandt. Er reichte mir eine schmale, versiegelte Mappe. Darin: der vorläufige Marschbefehl, die Sicherheitshinweise, der Ort der ersten Einweisung.

Ich nahm die Mappe, fühlte das Gewicht. Genau dreihundertachtzig Gramm, wusste ich, ohne nachzuwiegen. Das Papier des Ministeriums hat eine eigene Schwere.

Auf dem Hof war noch immer keiner zu hören, nur das leise Nachklackern der Rotoren und irgendwo ein Kleinkind, das anfing zu weinen.

Ich ging nicht zurück zu den Tischen. Ich ging ins Haus, einmal die schmale Holztreppe hinauf, in das Zimmer meiner Großmutter. Sie saß am Fenster, hatte alles gesehen. Ihre Hände lagen ruhig auf der Decke, die ich ihr vor drei Wintern aus Kiel mitgebracht hatte.

„Das war immer dein Weg“, sagte sie. Nicht als Frage.

Ich nahm ihre Hand, drückte sie kurz. Dann nahm ich meine Reisetasche, die unausgepackt im Flur stand, und ging wieder hinaus.

Mein Vater versperrte mir den Weg am Gartentor. Sein Gesicht war rot, vom Wein oder von irgendetwas anderem. „Du willst jetzt nicht wirklich…?“

Ich hielt nicht an.

„Beim nächsten Anruf“, sagte ich, ohne mich umzudrehen, „frag nicht, ob ich Arbeit gefunden habe. Frag, ob ich anrufen darf, wenn ich zurück bin.“

Die Rotoren zogen an, als ich die Tür des Hubschraubers hinter mir zuzog. Durch das kleine Fenster sah ich den Hof schrumpfen: die Pappteller auf dem Rasen, die aufgereihten Gartenstühle, meine Mutter, die die Hand vor den Mund hielt. Opa war der Einzige, der nicht zum Himmel starrte. Er stand an der Hauswand und hob langsam die Hand, wie zum Abschied. Ich hob die Hand nicht zurück. Ich wollte, dass er versteht, dass Verlässlichkeit kein Muss ist. Sie ist eine Entscheidung.

Vierzehn Monate später sitze ich in meiner neuen Dienststelle in Wilhelmshaven, ein Büro mit Blick auf den Jadebusen, wo die Fregatten im Regen liegen. Auf dem Schreibtisch stehen eine Tasse mit kalt gewordenem Tee und ein Foto meiner Großmutter, das mir noch am selben Abend ein Vetter nach Berlin ins Hotel geschickt hat. Daneben: die Mappe. Dieselbe, die mir Brandt auf dem Feld gereicht hat. Ich habe sie aufgehoben, obwohl sie längst nichts mehr bedeutet. Sie erinnert mich an das Geräusch jener Rotorblätter, das alles auf dem Hof in den Grund gefegt hat – jede herablassende Frage, jedes mitleidige Nicken.

In der Schublade liegt ein Umschlag. Achtzehntausend Euro, in bar, abgehoben an einem einzigen Montag bei einer Filiale der Commerzbank. Ich habe das Geld abgezählt, in einen braunen Umschlag gelegt und mit dem Namen meiner Mutter beschriftet. Ein kurzer Brief liegt bei, zwei Sätze nur: „Das war der letzte Zuschuss. Ab jetzt überweist ihr auf dieses Konto – leer lassen gilt auch als Antwort.“ Die Kontonummer darunter gehört einem Hilfswerk in Mecklenburg, das Alleinerziehende in der Region unterstützt.

Ich bringe den Umschlag am Nachmittag selbst zur Post. Die Filiale am Alten Markt riecht nach Druckerschwärze und den feuchten Jacken der Wartenden. Die Frau hinter dem Schalter wiegt den Umschlag in der Hand, klebt die Marke – ein Sonderstempel mit der Silhouette der Rostocker Marienkirche. Den Einwurf spüre ich im Handgelenk, als ich den Brief in den Schlitz fallen lasse.

Dann kaufe ich am Automaten vor dem Kiosk ein Ticket für die Regionalbahn. Zweiundzwanzig Minuten Fahrt, unter der Woche kostet das 4,20.

An meinem Platz im Zug lege ich die Hände flach auf die Mappe. Draußen ziehen die Felder vorbei, dieselben wie damals, nur kälter und unter einem grauen Himmel, der nach Nordwesten hin aufreißt. Ich schreibe niemandem, dass ich unterwegs bin. Ankunft in Neustrelitz um 17:44, das reicht als Ankündigung.

Auf dem verlassenen Bahnhofsvorplatz steht nur ein einziges Schild, das den Weg zum Pflegeheim weist, in dem meine Großmutter seit drei Monaten lebt. Ich brauche keine weiteren Hinweise. Ich kenne den Weg.

Als ich ankomme, sitzt sie im Aufenthaltsraum, vor dem Fernseher, in dem eine alte Folge „In aller Freundschaft“ läuft. Ihre Augen öffnen sich, als ich die Tür hinter mir zuziehe, und sie bewegt die Hand, als wolle sie ein Glas von einem Tisch nehmen, das nicht mehr da ist. Ich stelle meine Tasche ab, ziehe den Besucherstuhl heran und bleibe neben ihr sitzen, bis draußen vor dem Fenster die Straßenlaternen angehen – kleine kalte Sterne im Nieselregen.

Erst als ich wieder aufstehe, finde ich auf dem Tischchen neben ihrem Sessel einen Brief. Ungeöffnet. Der Absender ist mein Vater. Die Briefmarke klebt schief. Er hat auf den Umschlag geschrieben, mit Kugelschreiber, in seiner ordentlichen Handschrift, die ich noch aus den Schulnotizen kenne: „Bitte nicht ungelesen an die Verlässliche weiterreichen.“ Meine Großmutter hat den Brief genau so liegen lassen, wie er ankam.

Ich nehme ihn, lege ihn auf die Fensterbank und warte, bis die Stoßstange des letzten Linienbusses zu hören ist. Dann, kurz bevor ich gehe, nehme ich den Brief wieder vom Fensterbrett und lasse ihn in ihre Handtasche fallen, unter das fast leere Portemonnaie und die Fernbedienung des Fernsehers. Morgen, wenn sie ihn sucht, wird er noch da sein. So wie sie. So wie ich – aber nicht mehr auf Abruf.

Draußen schlägt mir der Regen ins Gesicht, kalt und sauber, und ich laufe nicht schneller als nötig.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Kapitänin Hartmanns achtzigster Geburtstag