Marlene Brandt saß am Küchentisch ihrer Wohnung in Freiburg, das Kuvert vom Labor noch ungeöffnet vor sich, und rechnete zum dritten Mal nach, wie viel das Erbe ihres Vaters wert war: eine Doppelhaushälfte in Herdern, ein Sparbuch mit vierunddreißigtausend Euro, ein zwanzig Jahre alter Mercedes, den niemand mehr fahren wollte.
Ihr Bruder Konstantin hatte den Test bestellt. Nicht aus Neugier, das machte er von Anfang an klar, sondern weil der Notar in der Kaiser-Joseph-Straße eine Formalität verlangte, seit die Cousine aus Karlsruhe angerufen und Zweifel gesät hatte: Der alte Brandt sei nicht ihrer beider leiblicher Vater gewesen, hieß es, sondern nur der von einem.
Marlene öffnete das Kuvert mit dem Brotmesser, weil sie keine Schere fand. Die Zahlen und Buchstaben ergaben für sie zunächst nichts: Blutgruppe A, Rhesusfaktor positiv, ihre eigene; darunter, in einer zweiten Spalte, Konstantins Werte, Blutgruppe 0. Sie rief das Labor an und ließ sich erklären, was das bedeutete, mit einem Kugelschreiber in der Hand, den sie später am Tellerrand abwischte, weil sie beim Zuhören unbewusst darauf herumgekaut hatte.
Zwei Elternteile mit den Genen AB und 0 konnten niemals ein Kind mit Blutgruppe A und eines mit Blutgruppe 0 bekommen, sagte die Laborantin, das schließe eine gemeinsame Abstammung nicht zwingend aus, es gebe seltene Kombinationen, man solle einen genauen Abstammungstest machen. Aber die Kombination, die im Bericht ihrer beider Eltern vermerkt war – ihr Vater Gruppe A, ihre verstorbene Mutter Gruppe B – ließ sich mit Konstantins Gruppe 0 durchaus vereinbaren. Das Problem war ein anderes: Im Nachlassordner ihres Vaters, den Marlene am Vorabend durchgesehen hatte, lag ein alter Blutspendeausweis. Blutgruppe 0.
Sie fuhr am selben Nachmittag zu Konstantin, der seit der Scheidung in einer Zweizimmerwohnung in Wiehre lebte, zwei Straßenbahnstationen von ihr entfernt. Er öffnete in Arbeitskleidung, roch nach Sägespänen, ließ sie in die Küche, wo eine angebrochene Packung Filterkaffee auf der Anrichte stand.
„Der Alte war Blutgruppe null", sagte sie und legte den Spendeausweis neben die Laborwerte. „Du bist null. Ich bin A. Nach dem, was die Frau vom Labor mir erklärt hat, kann ein Kind mit Blutgruppe A keine Eltern haben, die beide null sind. Null und null ergibt immer null."
Konstantin nahm den Ausweis, drehte ihn zweimal um, als könnte die Rückseite etwas anderes behaupten. „Und Mama?"
„B. Steht in ihren alten Unterlagen, die Krankenkasse hat mir das rausgesucht."
Er rechnete nicht selbst nach, sondern rief noch am Küchentisch bei seiner Hausärztin an und ließ sich die Kombinatorik am Telefon bestätigen, während Marlene den Kaffee aufsetzte, ohne gefragt zu werden, wie viele Löffel er wollte. A und B als Elternteile konnten O, A, B oder AB bekommen – aber zwei Elternteile mit Blutgruppe null konnten niemals ein Kind mit Blutgruppe A bekommen. Wenn der Vater tatsächlich null war, war Marlene nicht seine Tochter.
„Das heißt, ich krieg das Haus alleine", sagte Konstantin, nachdem er aufgelegt hatte, und es klang nicht wie eine Drohung, eher wie eine Zahl, die er laut aussprach, weil er sie sonst nicht glauben würde.
„Das heißt gar nichts", sagte Marlene. „Das heißt, dass irgendwer sich in dreißig Jahren geirrt hat. Ausweise verwechseln sich. Labore verwechseln sich."
Sie verwechselten sich nicht. Der Termin beim Abstammungsgutachter in der Bertoldstraße, den sie zwei Wochen später gemeinsam wahrnahmen, kostete beide zusammen achthundertzehn Euro und lieferte ein Ergebnis, das keine Interpretation mehr zuließ: Konstantin war der leibliche Sohn von Heinrich Brandt. Marlene nicht.
Sie erfuhr das nicht am Telefon, sondern im Wartezimmer des Gutachters, weil Konstantin den Umschlag öffnete, während sie beide noch auf den Stühlen mit dem abgewetzten grauen Bezug saßen, und ihr die zweite Seite wortlos hinhielt, den Finger auf der Zeile mit dem Ausschlusswert.
Marlene fuhr nicht nach Hause. Sie fuhr zu ihrer Tante Ruth, der jüngeren Schwester ihrer Mutter, die in einem Reihenhaus in Littenweiler lebte und seit dem Tod ihrer Schwester jeden Mittwoch Fensterputzen als festen Termin im Kalender stehen hatte. Ruth stand mit dem Lappen am Wohnzimmerfenster, als Marlene ohne anzuklopfen die Terrassentür aufschob.
„Wer war mein Vater", sagte Marlene, kein Ausrufezeichen, keine Frage im eigentlichen Sinn, eher eine Feststellung, die eine Antwort verlangte.
Ruth legte den Lappen über die Fensterbank, ging nicht sofort zum Reden über, sondern goss erst Wasser aus dem Eimer in den Ausguss der Küche, als brauche sie die zwanzig Schritte dorthin, um sich zu sortieren. Dann erzählte sie, an die Anrichte gelehnt, von einem Kollegen ihrer Mutter aus der Zeit bei der Post, von zwei Jahren, in denen Heinrich Brandt auf Montage in Rotterdam gearbeitet hatte, von einer Entscheidung, die ihre Mutter getroffen und nie widerrufen hatte, weil Heinrich Marlene angenommen hatte, als wäre nichts gewesen, und weil Ruth versprochen hatte, es mit ins Grab zu nehmen.
„Er wusste es", sagte Ruth. „Er hat's gewusst, seit du drei warst. Er hat trotzdem jeden Elternabend deinetwegen freigenommen und nie eins von euch beiden anders behandelt."
Marlene setzte sich auf den Küchenstuhl, den Ruth ihr hinschob, und drehte den leeren Kaffeebecher, der schon dort stand, einmal um die eigene Achse, bevor sie ihn wieder losließ.
Die Erbschaft wurde drei Monate später beim Notar in der Kaiser-Joseph-Straße geregelt, mit einem Zusatz, den Konstantin selbst vorgeschlagen hatte, gegen den Rat seines eigenen Anwalts: Marlene bekam die Hälfte des Sparbuchs und den Mercedes, den sie sowieso nicht wollte und noch im selben Monat verkaufte; das Haus ging an Konstantin, mit einer notariell festgehaltenen Abfindung an Marlene, die dem halben Verkehrswert entsprach.
Als sie den Vertrag unterschrieben, saß Marlene neben ihrem Bruder, nicht ihrem Halbbruder, dieses Wort benutzte keiner von beiden je wieder, und schob ihm den Kugelschreiber hinüber, denselben, den sie Wochen zuvor am Küchentisch blank gekaut hatte.
„Er war trotzdem unser Vater", sagte Konstantin, während er unterschrieb.
„Ich weiß", sagte Marlene. „Das stand nie zur Debatte."







