Sechs Monate Fauchen. Dann schlief er auf seiner Brust.

Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass mein Kater irgendwann freiwillig auf Jonas’ Brust schlafen würde, hätte ich ihm die Fiebertabletten aus der Hand genommen. Aber an einem Dienstag im November war es so weit. Draußen klopfte der Regen gegen das Schrägfenster, unten rumpelte die Linie 14 durch die Gneisenaustraße, und ich stand in meinem Schlafzimmer. Die Apothekentüte von der Rosen-Apotheke hing noch an meinem Handgelenk. Kuno lag quer über Jonas’ Brustkorb. Den Kopf hatte er an Jonas’ Hals gelegt, die weißen Pfoten unter den Körper geschoben. Er schnurrte wie eine alte Dunstabzugshaube.

Dabei hatte dieser Kater den Mann davor sechs Monate behandelt wie einen Einbrecher.

Kuno kam vor fünf Jahren zu mir. Kein Kitten aus dem Tierschutz allgemein, sondern ein kleines, drahtiges Etwas vom Katzenschutzverein am Lindenauer Hafen. Er saß in einer dieser klapprigen Transportboxen, schob die Nase durch die Gitterstäbe und harkte nach meinem Ärmel. Eine Frau mit Fusselrolle am Gürtel sagte: „Der mag Sie. Der hat den ganzen Vormittag bei niemandem geschnurrt.“ Ich nahm ihn mit. Eine Katze, die sofort weiß, was sie will, ist in meinem Viertel seltener als ein freier Parkplatz.

Zu Hause wurde aus dem mageren Kerl ein stattlicher Kater: grauer Rücken, weiße Vorderpfoten, ein Gesicht, als hätte er gerade eine unangenehme Steuererklärung gelesen. Er zerkratzte keine Tapete, sondern die Fußmatte, wenn ich mal zu lange in der Wanne lag. Er fraß alles außer Leberwurst vom Discounter, und abends belegte er die linke Bettkante wie ein Hotelgast, der für die halbe Matratze bezahlt hat. Besuch war ihm egal. Meine Schwester kam, er schnupperte einmal an ihrer Jeans, stieg aufs Bücherregal und machte die Augen zu.

Jonas war zuerst nur der Handwerker, der die Heizung reparieren sollte. Die Hausverwaltung schickte ihn an einem Montag, weil in meinem Bad seit drei Wochen ein Ventil klopfte, als wäre darin ein Specht eingesperrt. Er stand mit durchnässter Jacke im Flur, legte eine Schale unter das Rohr und fragte, ob ich zufällig noch einen alten Lappen hätte. Ich mochte, dass er kein Gespräch führte, nur weil es die Höflichkeit verlangte. Sein Werkzeugkasten roch nach Metall und Regen. Kuno saß auf dem Wäschekorb und fauchte.

Das Fauchen war nicht kurz. Es kam tief aus dem Bauch, als wollte er sagen: Du gehörst hier nicht rein.

Jonas hob die Hände. „Ich bin unbewaffnet.“ Kuno legte die Ohren an und verschwand unterm Badschrank.

Trotzdem kam Jonas wieder. Erst wegen einer undichten Dichtung, dann wegen der Dichtung in mir. Wir tranken Pfefferminztee am Küchentisch, und er erzählte, dass er als Kind einen Kater namens Maunz mit der Flasche aufgezogen hatte. Deshalb wollte er Kuno unbedingt für sich gewinnen. Er brachte diese pastenartigen Thunfisch-Sticks mit und legte sie vor den Kratzbaum. Kuno wartete, bis Jonas im Bad war, schoss hervor, packte den Stick und verschwand unterm Schrank.

So ging das vier Monate. Es klopfte längst keine Heizung mehr, aber Jonas kam jeden zweiten Abend. Kuno fauchte bei jedem Mal, als hätte er ihn noch nie gesehen. Sobald die Tür ins Schloss fiel, marschierte der Kater aus seinem Versteck und rieb sich an meinen Knöcheln. Meine Freundin Elif meinte: „Der will dich nicht teilen. Der bestraft euch beide.“ Meine Mutter sagte am Telefon: „Tiere merken so was, Pia. Vielleicht ist der Jonas gar nicht der Richtige.“ Ich wollte das nicht hören, aber es blieb hängen. Besonders abends, wenn Kuno auf meiner Brust lag und Jonas’ Zahnbürste im Becher danebenstand.

Dann kam der Brief. Jonas hatte eine Zusage für eine Genossenschaftswohnung in Plagwitz. Zwei Zimmer, Balkon zum Hof, Bad mit Fenster. Der Vertragsentwurf lag auf dem Tisch, dazu ein Schreiben: Wir sollten uns bis Freitag entscheiden. Sonst gehe die Wohnung an den nächsten Interessenten. Jonas faltete das Papier zusammen. „Ich kann da nicht allein einziehen, Pia. Und ich will nicht weiter in deiner Wohnung leben, wo mich deine Katze jeden Morgen wie einen Fremden behandelt.“ Ich drehte den Teebeutel im Wasserglas. „Ich kann aber nicht unterschreiben, solange Kuno nicht mal ruhig neben dir sitzt.“ Es war der erste Abend, an dem wir uns nichts mehr zu sagen hatten, ohne dass es böse wurde.

Mitte November, fünf Tage vor der Frist, schaltete Jonas’ Körper auf Alarm. Er stand morgens auf, trank einen Schluck Kaffee und legte sich wieder hin. Mittags hatte er neununddreißig-fünf. Abends klang sein Husten, als würde er durch ein feuchtes Handtuch atmen. Kuno schlich um die Schlafzimmertür herum, warf einen kurzen Kontrollblick aufs Bett und zog sich jedes Mal zurück. In der ersten Nacht saß er im Flur, den Rücken zur Tür, und leckte sich die Pfote. Am zweiten Tag verschlechterte sich alles. Jonas brachte kaum noch einen Satz heraus, die Haut unter seinen Augen wurde grau. Der Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung hörte seine Lunge ab und sagte, wenn die Temperatur nicht sinke, müsse ich mit ihm in die Ambulanz. Ich rief Elif an. Sie sagte: „Fahr in die Apotheke. Ich bring dir Suppe vorbei.“

Am dritten Tag fehlten fiebersenkende Zäpfchen. Der Kühlschrank war leer bis auf eine angetrocknete Tomate. Ich zog meine Regenjacke über, schrieb Jonas eine Notiz und ging. An der Haltestelle Angerbrücke wartete ich zehn Minuten auf die 14. Der Regen machte die Schienen glänzend. Auf dem Rückweg schickte ich Elif eine Nachricht: „Temperatur wieder achtunddreißig-zwei. Er schläft endlich.“ Dann stieg ich die vier Etagen hoch und steckte den Schlüssel ins Schloss. Im Hausflur roch es nach nassem Hund und Zwiebeln. Ich machte die Tür auf und blieb stehen.

Aus dem Schlafzimmer drang kein Husten. Kein Röcheln. Nur so ein tiefes, gleichmäßiges Brummen. Ich stellte die Tüten ab und ging auf Zehenspitzen den Flur hinunter. Die Tür stand einen Spalt offen. Ich schob sie mit dem Fuß auf. Jonas lag auf dem Rücken. Das Bettzeug hatte sich bis zu den Füßen geschoben. Und auf seiner Brust saß Kuno. Nicht davor. Nicht daneben. Auf ihm. Der Kater hatte die Augen halb geschlossen, die Vorderpfoten um Jonas’ Handgelenk gelegt. Bei jedem Atemzug hob und senkte sich das graue Fell. Er schnurrte in einem Rhythmus, den ich von keiner Maschine kannte.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand. Die Tüte in meiner Hand tropfte auf den Dielenboden. Kuno hob den Kopf, sah mich an und legte ihn wieder zurück. Als wäre ich eine von den Zimmerpflanzen, die den Umzug in diesem Jahr nicht überlebt haben.

Ich bin dann in die Küche gegangen und habe erst mal drei Minuten gebraucht, um die Apothekentüte aufzubekommen, weil meine Finger nicht wollten. Irgendwann wurde Jonas wach. Ich hörte ihn sagen: „Öh… okay.“ Ich ging zurück. Er lag ganz ruhig, die Augen an die Decke gerichtet. Kuno schlief noch. Jonas sagte: „Ich wage nicht, mich zu kratzen. Das ist wie ein schlafendes Baby, nur mit Krallen.“ Ich setzte mich auf die Bettkante. „Er hat dich endlich akzeptiert.“ Jonas zuckte mit den Schultern, so weit das ging. „Ich glaube, er hat nur gewartet, bis ich zu schwach zum Fauchen bin.“

In den nächsten Tagen verschwand das Fieber. Der Husten blieb noch eine Woche, wurde aber leiser. Kuno wich nicht von seiner Seite. Erst lag er im Fußende. Dann in Jonas’ Armbeuge. Am sechsten Morgen stand Jonas auf, duschte und setzte sich an den Küchentisch. Kuno sprang auf den Stuhl neben ihm und legte eine Pfote auf seinen Unterarm. Kein Fauchen. Kein angelegtes Ohr. Nur zwei grüne Augen, die ihn beobachteten, als wollten sie sichergehen, dass er nicht wieder krank wird.

Freitag rückte näher. Der Brief der Wohnungsbaugenossenschaft klebte mit einem Magneten an der Kühlschranktür. Ich hatte ihn in den Tagen vor der Krankheit dreimal gelesen. Jetzt nahm ich ihn ab und steckte ihn in meine Handtasche. Jonas saß auf dem Sofa, den Kater auf dem Schoß. Ich sagte: „Ich fahr kurz zur Geschäftsstelle.“ Er schaute auf. „Soll ich mitkommen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Bleib bei Kuno. Der ist gerade eingeschlafen.“

Ich fuhr mit der Tram bis zur Haltestelle Karl-Heine-Straße und ging die zwei Straßenzüge zu dem Büro. Frau Kaminski, die Verwalterin, hatte den Vertrag schon vorbereitet. Ich legte meinen Personalausweis und die Lohnabrechnung auf den Tisch. Dann machte ich am Telefon die Überweisung fertig. Im Feld Verwendungszweck stand: Kaution Sternwartenstraße 12, Mietbeginn 1. Dezember. Summe: 1.450 Euro. Frau Kaminski drückte mir zwei Schlüssel in die Hand. Sie waren kalt. Ich steckte sie in die Jackentasche und fuhr zurück.

Zu Hause warf ich die Schlüssel auf den Küchentisch. Sie rutschten ein Stück und blieben vor Jonas’ Kaffeetasse liegen. Er schaute erst auf das Metall, dann zu mir. „Ist das…?“

Ich setzte mich. „Mietbeginn erster Dezember. Kaution ist bezahlt. Eine der beiden Schlüssel gehört dir.“ Kuno hob den Kopf, streckte sich und sprang vom Sofa. Er kam zum Tisch, schnupperte an den Schlüsseln und rieb seine Backe daran. Als würde er sie einweihen. Jonas nahm einen Schlüssel und ließ ihn in der Handfläche drehen. „Ich hab ehrlich gedacht, du suchst lieber eine neue Wohnung ohne mich.“

Ich nahm den Brief von der Kühlschranktür und warf ihn in den Altpapierkorb. „Ohne dich ist es keine Wohnung. Und ohne den Kater auch nicht. Jetzt passt beides in einen Mietvertrag.“

Am Abend machte ich die Balkontür einen Spalt auf und ließ die kalte Luft herein. Kuno setzte sich auf die Schwelle, den Kopf im Wind. Jonas stellte sich daneben, den Schlüssel noch immer in der Faust. Draußen fuhr die 14 vorbei. Der Regen hatte aufgehört.

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Sechs Monate Fauchen. Dann schlief er auf seiner Brust.