Der Kater lag auf der Motorhaube, und es kümmerte ihn nicht, dass Corinna dreimal hintereinander die Hupe betätigte. Ein alter, grauer Kater mit einem zerrissenen Ohr, der es sich auf dem metallic-grünen Lack ihres Audi A6 gemütlich gemacht hatte, als wäre die Tiefgarage am Stuttgarter Hauptbahnhof sein persönliches Sonnendeck. Die Morgensonne fiel durch das Oberlicht und tauchte die Motorhaube in ein warmes Licht, das der Kater offensichtlich sehr zu schätzen wusste. Er hatte die Vorderpfoten unter die Brust gezogen und die Augen zu schmalen Schlitzen geschlossen, ein Bild vollkommener Zufriedenheit.
Corinna fluchte leise. Um halb acht begann in der Konzernzentrale der Bosch in Feuerbach die entscheidende Präsentation. Ihr Team hatte sechs Monate an dem Autonomen-Fahrassistenz-Projekt gearbeitet, und sie, die leitende Ingenieurin, hatte die Charts und Prototyp-Simulationen auf ihrem Tablet, das jetzt in ihrer Ledertasche steckte. Sie klickte mit der Zunge, wedelte mit den Händen. Der Kater öffnete ein Auge, ein mattgoldenes, und schloss es wieder mit einer Trägheit, die an einen Türsteher erinnerte, der einen ungebetenen Gast abwies.
"Morgen, Frau Dr. Hartmann. Ich seh schon, Sie haben den Hausherrn kennengelernt."
Rainer, der Hausmeister, schlurfte mit einem Werkzeugkoffer in der Hand heran. Seine graue Latzhose war voller Farbflecken. Er grinste schief.
"Der ist jetzt seit bald zwei Wochen jeden Morgen hier. Punkt sechs kommt der durchs Lüftungsgitter da drüben rein, marschiert schnurstracks zu Ihrem Wagen und macht's sich bequem. Ich hab ihn zweimal mit dem Wasserschlauch verscheucht. Kommt immer wieder. Wie so'n Bumerang."
"Wieso gerade mein Wagen?", fragte Corinna und hörte selbst, wie gereizt ihre Stimme klang. "Da stehen vierzig andere. Der X5 vom Marketing-Vorstand, der nagelneue EQS vom Justiziar – warum meiner?"
Rainer zuckte mit den Schultern. "Vielleicht mag er die Farbe."
Corinna seufzte. Sie mochte keine unlogischen Dinge. Sie war Ingenieurin durch und durch, hatte in Karlsruhe und am MIT studiert, hatte gelernt, dass hinter jedem Phänomen eine berechenbare Ursache steckte. Ein Kater, der jede Morgenstunde die Motorhaube ihres Wagens okkupierte, passte in kein Schema. Sie zog ihr Sakko aus, warf es auf den Beifahrersitz und trat näher. Der Kater war nicht scheu. Er blinzelte nur, als sie ihre Hand vorsichtig auf sein Fell legte. Es war sauber, weich und überraschend warm. Er roch nicht nach Abgasen oder Mülltonnen, sondern schwach nach einem Haushalt. Nach Weichspüler.
"Darf ich?" Corinna kraulte ihn hinter dem Ohr, und der Kater begann sofort zu schnurren. Ein tiefes, gleichmäßiges Brummen. Er reckte den Hals, und da sah sie es: Unter dem dichten Fell verbarg sich ein dünnes Lederhalsband. Kein billiges Flohband aus dem Supermarkt. Echtes, weiches Leder, das an manchen Stellen speckig glänzte. Daran hing eine kleine Messingkapsel, wie man sie früher für Pillen benutzte. Sie schraubte sie auf.
Ein winziger, zusammengerollter Zettel fiel in ihre Handfläche. Vergilbt, brüchig an den Rändern, mit einer winzigen, akkuraten Handschrift beschrieben. Corinna hielt den Zettel ins Licht, das durch die Garagendecke fiel, und las.
*Marie Hartmann. Altenwohnheim Rosenstift. Stuttgarter Straße 112. Zimmer 47.*
Ihr Herz setzte einen Schlag aus, und dann hämmerte es doppelt so schnell weiter. Der Name ihrer Mutter. Das Heim, in dem sie seit fast vier Jahren lebte – und das Corinna nur ein einziges Mal betreten hatte. Am Tag des Einzugs. Danach nie wieder.
Vier Jahre. Vier Jahre, in denen Corinna die Anrufe nicht entgegengenommen, die Briefe mit der geschwungenen Handschrift ungeöffnet in eine Schublade im Flur geworfen hatte. Der Streit am Telefon, kurz nach dem Umzug der Mutter, war heftig gewesen, endgültig. "Du schaffst mich einfach ab wie ein altes Möbelstück, das nicht mehr in die neue Wohnung passt", hatte ihre Mutter gesagt, mit dieser ruhigen, vorwurfsfreien Stimme, die schlimmer war als jedes Geschrei. "Hauptsache, du kannst weiter siebzig Stunden die Woche an deinen Robotern schrauben." Corinna hatte geantwortet, dass eine Demenz-WG einfach die beste und sicherste Lösung sei, dass sie unmöglich ständig von Feuerbach nach Bad Cannstatt hetzen könne, um nach dem Herd zu sehen. Ihre Mutter hatte aufgelegt. Corinna hatte nicht zurückgerufen. Aus Trotz. Aus schlechtem Gewissen. Aus einem Grund, den sie selbst nicht genau benennen konnte und der sich mit jedem verstreichenden Monat verhärtet hatte wie alter Beton.
Sie starrte auf den Zettel in ihrer Hand. Ihre Finger zitterten, als sie das Papier berührte. Der Kater sah sie an, und in seinem goldfarbenen Blick lag eine Geduld, die aus einer anderen Welt zu stammen schien.
"Der gehört meiner Mutter", flüsterte sie.
Rainer runzelte die Stirn. "Alles in Ordnung, Frau Doktor? Sie sind ja ganz blass."
Corinna antwortete nicht. Sie streichelte den Kater, der immer noch schnurrte, mechanisch, als könnte die Berührung des Fells den Aufruhr in ihrem Inneren glätten. Das Tablet mit den Präsentationsdaten lag bleischwer in ihrer Tasche. Die Simulation der Kreuzungserkennung. Die Meilensteine des Projekts. Ihr Team wartete. Sie zog ihr Handy heraus, öffnete den Chat mit ihrem Projektpartner und tippte: *Jochen, Präsentation muss verschoben werden. Familiärer Notfall.*
Sie las den Satz noch einmal. Familiärer Notfall. Ein seltsames Wort, wenn der Notfall schon vier Jahre andauerte. Sie löschte es, schrieb neu: *Persönliche Sache. Ich melde mich.* Dann schickte sie die Nachricht ab, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Das Handy begann sofort zu summen. Corinna schaltete es aus und ließ es in ihre Tasche fallen.
Sie öffnete die Autotür, nahm den Kater behutsam vom Lack und setzte ihn auf den Beifahrersitz. Er rollte sich sofort auf dem warmen Ledersitz zusammen, als hätte er nie etwas anderes getan. Corinna setzte sich hinters Steuer und warf einen Blick auf den Rücksitz, wo ihre sorgfältig sortierten Unterlagen lagen. Die Mappe war aufgegangen, Blätter mit Grafiken und Diagrammen hatten sich über die Sitze verteilt. Sie machte keine Anstalten, sie einzusammeln. Stattdessen startete sie den Motor.
Die Fahrt zum Rosenstift dauerte zwanzig Minuten. Corinna kannte den Weg, obwohl sie ihn nie fuhr. Sie wusste, dass sie an der Pizzeria vorbeikam, die früher ein griechisches Restaurant gewesen war, und an dem Spielplatz mit der defekten Schaukel, den die Stadt seit Jahren nicht reparierte. Eine Route, die in ihrem Kopf existierte, die sie aber systematisch umfahren hatte, als gäbe es einen Stau, der immer genau dann auftrat, wenn sie hätte abbiegen müssen.
Sie hatte das Haus für ihre Mutter gefunden, es war modern und hell, mit geschultem Personal und einem kleinen Garten, in dem im Sommer Rosen blühten. Eine gute Adresse. Teuer. Aber ihre Mutter hatte sich geweigert, die alte Dreizimmerwohnung in der Olgastraße freiwillig zu verlassen. "Da hat dein Vater noch gelebt", hatte sie gesagt. "Da riecht es noch nach ihm." Corinna hatte geantwortet, dass ihr Vater seit zwölf Jahren tot war und dass es nicht ums Riechen ginge, sondern um Sicherheit. Um Struktur. Um Fürsorge. Ihre Mutter hatte geweint, und Corinna hatte die Formalitäten erledigt, die Umzugsfirma bestellt und das alte Sofa zum Sperrmüll gegeben, gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Mutter. Ein sauberer Schnitt, hatte sie gedacht. Effizient. Wie ein gut geplantes Projekt.
Der Kater auf dem Beifahrersitz gähnte herzhaft und streckte eine Pfote nach dem Schaltknauf aus. Corinna musste trotz allem lächeln. "Du weißt schon genau, was du tust, oder?", murmelte sie und kraulte ihn kurz hinter dem Ohr. Er blinzelte zustimmend.
Das Rosenstift war ein zweistöckiger Bau aus den Sechzigern, der vor einigen Jahren mit einer Glasfront und rollstuhlgerechten Rampen renoviert worden war. Jemand hatte versucht, den Charme eines Kurhotels zu imitieren, mit Rattanmöbeln auf der Terrasse und einem Springbrunnen, der leise plätscherte. Corinna parkte den Audi im Schatten einer alten Linde und nahm den Kater auf den Arm. Am Empfang saß eine junge Frau mit Pferdeschwanz und las eine Zeitschrift. Als Corinna nach Marie Hartmann fragte, hellte sich ihr Gesicht auf.
"Ah, der berühmte Theo! Wir haben ihn seit Tagen gesucht. Frau Hartmann war so verzweifelt, dass sie kaum gegessen hat. Der Kater ist ihr doch heilig. Wie haben Sie ihn denn gefunden?"
"Er hat mich gefunden", sagte Corinna leise. "Zimmer 47, sagten Sie?"
"Den Gang runter, die letzte Tür links. Aber ich muss Sie vorwarnen…" Die junge Frau zögerte, als suchte sie nach den richtigen Worten. "Ihrer Mutter geht es nicht gut. Sie hat in den letzten Wochen stark abgebaut. Sie spricht viel von früher, erkennt uns manchmal nicht. Heute ist kein guter Tag."
Corinna nickte langsam. Der Kater in ihren Armen bewegte sich unruhig, als spürte er die Nähe seiner Besitzerin. Der Flur roch nach Desinfektionsmittel und künstlichem Blumenduft, eine Mischung, die sich in Corinnas Kehle festzusetzen schien. Ihre Schritte auf dem Linoleumboden klangen hohl.
Sie blieb vor der Tür mit der Nummer 47 stehen, eine einfache Holztür mit einem kleinen Schild, auf dem in verschnörkelter Schrift "Marie Hartmann" stand. Darunter hatte jemand mit Bleistift ein kleines Katzenohr gezeichnet. Corinnas Hand, die nach der Klinke greifen wollte, zitterte. Sie konnte ihre Mutter durch die Tür hören, eine brüchige Stimme, die leise vor sich hin sang. Eine Melodie, die Corinna aus ihrer Kindheit kannte. "Der Mond ist aufgegangen."
Sie drückte die Klinke hinunter.
Das Zimmer war klein, aber hell. Am Fenster stand ein Pflegerollstuhl, und darin saß ihre Mutter. Marie Hartmann war achtzig Jahre alt, aber in den vier Jahren ohne Corinna schien sie um zwei Jahrzehnte gealtert zu sein. Ihr weißes Haar, das sie früher zu einem strengen Knoten gebunden hatte, hing strähnig über die Schultern. Sie trug einen karierten Morgenmantel und hielt ein Fotoalbum auf dem Schoß, das sie nicht ansah. Ihr Blick ging aus dem Fenster, in die Krone der Linde, die der Wind bewegte.
Corinna trat ein. Das Leder ihrer Tasche quietschte leise, und ihre Mutter drehte langsam den Kopf. Ihre Augen, dasselbe helle Grau wie die von Corinna, musterten die Fremde im Türrahmen ohne Wiedererkennen. Der Kater in Corinnas Arm gab einen leisen, fast klagenden Laut von sich und sprang auf den Boden. Er lief, den Schwanz hoch aufgerichtet, zu der alten Frau und rieb seinen Kopf an ihren dürren, von Altersflecken übersäten Händen.
Marie Hartmann sah auf den Kater herab, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, das die Jahre für einen Moment wegwischte. "Theo, du Halunke. Wo hast du dich wieder herumgetrieben?", flüsterte sie und kraulte das zerzauste Ohr des Katers. Dann sah sie wieder auf, zu Corinna, die immer noch wie angewurzelt im Türrahmen stand. Ihre Augen wurden schmal.
"Und wer sind Sie, dass Sie mir meinen Kater zurückbringen? Sind Sie von der Tierrettung? Das ist sehr freundlich. Möchten Sie einen Tee?"
Corinna schluckte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. "Mama", sagte sie heiser. "Ich bin's. Corinna."
Marie Hartmann sah sie lange an. In ihrem Gesicht arbeitete es, als würde eine Erinnerung gegen eine Wand aus Nebel anrennen. Sie schüttelte ganz sacht den Kopf. "Ich habe keine Tochter, die Corinna heißt. Meine Tochter heißt Corinna und wohnt in Amerika. Die ist sehr beschäftigt." Ihre Stimme war fest und klar, und genau das brach Corinna fast das Herz. Es war keine Verwirrung. Es war Ausgrenzung.
"Nein, Mama", sagte Corinna und machte endlich einen Schritt ins Zimmer. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Blei. "Ich wohne in Feuerbach. Ich arbeite bei Bosch. Ich bin nicht in Amerika. Ich bin… nie weg gewesen. Nur nicht hier gewesen." Die Worte kamen holprig, falsch.
Sie ging vor dem Rollstuhl in die Hocke, so dass sich ihre Gesichter auf einer Höhe befanden, und nahm die kühlen, papierdünnen Hände ihrer Mutter in ihre. Theo, der Kater, sprang auf den Schoß der alten Frau und knetete mit seinen Pfoten den karierten Morgenmantel. Marie Hartmann sah abwechselnd auf den Kater und auf die Frau vor ihr. Auf die feinen Fältchen um die Augen, die sie an jemanden erinnerten. Auf die energische Falte zwischen den Brauen, die sie kannte. Sie hob zögernd eine Hand von Theos Fell und berührte mit den Fingerspitzen Corinnas Wange. Die Berührung war federleicht, tastend.
"Du riechst nach Maschinenöl", sagte Marie Hartmann leise, und diesmal zitterte ihre Stimme. "Genau wie dein Vater."
Es waren nicht die Worte, die Corinna die Tränen in die Augen trieben. Es war der Duft von Zimt und altem Papier, der ihrer Mutter anhing, derselbe Duft ihrer Kindheit. Corinna, die niemals weinte, die Ingenieurin mit den beiden Doktortiteln und dem stählernen Terminkalender, schluchzte einmal, trocken und abgehackt, und ließ den Kopf auf die Knie ihrer Mutter sinken. Der Kater Theo rückte ein Stück zur Seite, als müsste er Platz machen, und schnurrte dabei so laut, dass es klang wie ein kleiner Motor.
Marie Hartmann legte eine Hand auf den Hinterkopf ihrer Tochter, so wie sie es getan hatte, als Corinna noch ein kleines Mädchen mit aufgeschlagenen Knien und Angst vor Gewittern war. "Du bist ja doch gekommen", murmelte sie in das weiße Haar ihrer Tochter hinein. "Ich hab dem Theo jeden Morgen gesagt, geh und such sie, bring sie her. Aber er hat dich wohl erst spät gefunden."
Corinna antwortete nicht, sie konnte nicht. Sie blieb einfach so sitzen, den Kopf auf dem Schoß ihrer Mutter, und ließ die Hand auf ihrem Haar ruhen. Draußen strich der Wind durch die Linde, und ein paar Blätter lösten sich und trudelten gegen die Fensterscheibe. Der Kater Theo hatte sich zwischen den beiden wieder eingerollt, den Kopf an Corinnas Ellenbogen gelehnt, und sah mit halb geschlossenen Augen aus, als hätte er seine Mission erfüllt und könnte nun endlich schlafen.
Nach einer langen Weile richtete Corinna sich auf und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen. "Ich muss kurz was holen, Mama. Ich bin gleich wieder da." Ihre Mutter nickte abwesend und streichelte weiter den Kater.
Corinna ging hinaus auf den Flur und zog ihr Handy aus der Tasche. Sie schaltete es ein, ignorierte die Flut von Nachrichten und Anrufen und tippte eine letzte Nachricht an ihren Vorgesetzten: *Ich brauche eine Auszeit. Unbestimmte Zeit. Familiensache.* Dann steckte sie das Telefon weg und ging zurück in das kleine, helle Zimmer mit dem Rollstuhl und dem Fotoalbum und dem schnurrenden Kater.
"Das Album", sagte Marie Hartmann plötzlich und hielt es ihrer Tochter hin. "Schau mal, da bist du. Auf dem Dreirad. Das war der Sommer, in dem wir an den Bodensee gefahren sind und es nur geregnet hat."
Corinna nahm das Album und schlug es auf. Sie setzte sich auf den kleinen Hocker neben dem Rollstuhl, schlug die erste Seite auf und sah ein verblasstes Foto von einem kleinen Mädchen mit Zahnlücke und zwei streng geflochtenen Zöpfen, das auf einem quietschroten Dreirad stolz in die Kamera lachte. "Erzähl mir von dem Sommer", bat sie, und ihre Mutter begann zu erzählen.
Draußen wanderte die Sonne weiter und tauchte das Zimmer in ein warmes, goldenes Nachmittagslicht. Das Fotoalbum lag aufgeschlagen auf ihren Knien, und der Kater Theo schnurrte zufrieden dazu, als wäre die Welt endlich wieder in Ordnung.







