Die kalte Stimme hinter der Tür

Ich war vierunddreißig, als ich mir ein Leben aufgebaut hatte, in dem ich niemandem mehr erklären musste, warum ich allein die Raten für meine Eigentumswohnung in Freiburg zahlte, warum ich sonntags mit dem Regionalzug zu meiner Mutter nach Offenburg fuhr und warum ich es mochte, abends in eine Wohnung zu kommen, in der niemand schrie. Ich arbeitete in der Hubertus-Apotheke am Siegesdenkmal, hatte eine kleine Zweizimmerwohnung in der Wiehre und war es gewohnt, dass jeder Gegenstand genau dort lag, wo ich ihn selbst hingelegt hatte.

Von Bernd hörte ich zum ersten Mal auf der Geburtstagsfeier meiner Kollegin, als Marion mir beim Kaffeeausschenken zuflüsterte, sie kenne da einen sehr anständigen, ruhigen Mann, der einfach Pech gehabt habe mit seiner ersten Frau. Das klang so, als sei die gescheiterte Ehe das einzige Unglück in seinem Leben gewesen, und ich sagte zu, ihn auf einen Kaffee zu treffen.

Bernd redete nicht laut, unterbrach nicht und versuchte nie, mich mit billigen Sprüchen zu beeindrucken. Neben ihm fühlte ich mich sicher. Das bedeutete mir mehr als Blumen oder Komplimente, denn ich war in einem Bremer Mietshaus aufgewachsen, in dem ich nachts durch die dünnen Wände hörte, wie der Nachbar seine Frau anschrie, und morgens versteckte sie die blauen Flecken unter einer Sonnenbrille. Ich hatte mir geschworen, dass es in meiner Wohnung so etwas nie geben würde.

Ein halbes Jahr lang beobachtete ich Bernd sehr genau. Dann schlug er vor, zusammenzuziehen, und ich glaubte, endlich den Richtigen gefunden zu haben.

In den ersten Wochen wirkte fast alles gemütlich. Er kochte morgens Kaffee, brachte den Müll zur blauen Tonne im Hof hinunter und machte sonntags Pfannkuchen. Aber bald fragte er, wie viel ich genau verdiene, warum ich jeden Monat Geld auf ein Sparkonto überweise und ob die Wohnung wirklich nur auf meinen Namen im Grundbuch steht.

„Warum willst du das wissen?“, fragte ich eines Abends, als er schon zum dritten Mal auf meine Ersparnisse zu sprechen kam.

„Wir sind jetzt eine Familie“, antwortete er, „da sollte es keine Geheimnisse geben.“

Dabei sah er mich an wie ein abgeschlossenes Schränkchen, zu dem er nur den Schlüssel finden musste.

Ich bezahlte die Nebenkosten, kaufte für die ganze Woche bei Rewe ein und sagte ihm, er solle sich an den gemeinsamen Ausgaben beteiligen, so viel ihm angenehm sei. Bernd fragte nicht weiter, und ich redete mir ein, er sei einfach zu neugierig gewesen. Aber tief in mir saß dieses dumpfe Unbehagen, das man müde nennt, wenn man den richtigen Namen nicht aussprechen will.

Dann kamen die Kleinigkeiten, für die ich immer eine Erklärung fand, weil ich nicht zugeben wollte, dass meine Vorsicht nutzlos gewesen war. Es störte ihn, wenn ich nach der Arbeit noch kurz bei Marion vorbeischaute. Er nahm mein Handy in die Hand, angeblich um nach der Uhrzeit zu sehen. Einmal fragte er, warum ich mir die Lippen schminke, obwohl ich in der Apotheke hauptsächlich mit Rentnern zu tun hätte.

„Du reagierst zu empfindlich“, sagte er, wenn ich über Grenzen sprechen wollte. „Normale Paare haben keine Geheimnisse voreinander.“

Der Bruch kam nach der Silberhochzeit seiner Tante, zu der wir in ein Gasthaus nach Gundelfingen gefahren waren. Bernd machte Witze und schenkte den Gästen nach, aber auf der Rückfahrt im Auto fragte er plötzlich, warum ich so lange mit dem Nachbarn seiner Cousine geredet hätte, obwohl der Mann mir nur von der Pflege seiner demenzkranken Mutter erzählt hatte.

„Du bist jetzt ernsthaft eifersüchtig auf einen Mann, dessen Nachnamen ich nicht mal kenne?“, fragte ich und bemühte mich, ruhig zu klingen.

„Hör auf, die Naive zu spielen. Du weißt genau, was du getan hast“, sagte er.

Ich hörte in seiner Stimme nicht Wut, sondern Verachtung.

Zu Hause hängte ich meinen Mantel an die Garderobe und ging in die Küche, weil ich dachte, er würde sich beruhigen, wenn ich ihn ein paar Minuten allein ließ. Bernd kam hinterher, knallte die Tür zu und zählte auf, womit ich ihn an diesem Abend angeblich gedemütigt hatte. Jeder Vorwurf klang absurder als der vorige.

Als ich sagte, wir sollten morgen mit klarem Kopf reden, packte er mein Handgelenk so fest, dass meine Finger sofort taub wurden. Ich versuchte, mich loszureißen, aber er zog mich zu sich heran und stieß mich gegen den Küchenschrank. Meine Lieblingstasse aus dem Erzgebirge fiel herunter und zersprang direkt vor unseren Füßen.

In diesem Moment hörte ich nicht das zerbrechende Porzellan, sondern die dünne Wand aus meiner Kindheit, hinter der die Nachbarin damals weinte.

Ich spürte, wie meine Beine kalt wurden, und gleichzeitig hatte ich eine merkwürdige Klarheit, als ob jemand in meinem Kopf ein Fenster aufgerissen hätte. Bernd sah mein Gesicht und drückte mein Handgelenk noch fester.

„Jetzt wirst du lernen, wie man mit einem Mann umgeht, der dich leben lässt, wie du willst“, sagte er.

Er stand in meiner Küche, unter meinem Dach, zwischen Dingen, die ich mit meinem eigenen Geld gekauft hatte.

Ich sah auf seine Hand an meinem Handgelenk. Dann wanderte mein Blick zur halb offenen Flurtür. Dahinter, auf der kleinen Holzkommode neben der Garderobe, lagen mein Handy und ein Schlüsselbund. Der Schlüssel zur Wohnungstür, der Briefkastenschlüssel, der kleine Schlüssel für das Kellerabteil.

Und auf der Kommode stand auch der schwere Emailletopf meiner Großmutter, den ich aus Bremen mitgebracht hatte.

Bernd wusste nicht, dass in mir in dieser Sekunde der letzte Faden riss.

Ich riss mich mit einem Ruck los, so plötzlich, dass er das Gleichgewicht verlor und gegen den Kühlschrank taumelte. Ich rannte in den Flur, griff nach dem Schlüsselbund und war aus der Tür, bevor er überhaupt begriffen hatte, was passierte. Im Treppenhaus hörte ich, wie hinter mir die Wohnungstür gegen die Wand schlug.

„Komm sofort zurück!“, schrie er.

Ich lief die Treppe hinunter, an der Tür der Nachbarin vorbei, die einen Spalt breit geöffnet war. Sie hatte den Streit gehört. Vielleicht hatte sie schon den Telefonhörer in der Hand.

Draußen schlug mir Aprilluft entgegen, kalt und feucht nach dem Regen. Die Straßenlaterne vor dem Haus flackerte. Ich blieb erst stehen, als ich an der Haltestelle vor der Volksbank ankam.

Da merkte ich, dass ich kein Geld für ein Busticket eingesteckt hatte. In meiner Jackentasche waren nur die Schlüssel und ein halbes Päckchen Taschentücher. Aber ich hatte mein Handy. Und die App meiner Bank.

Ich öffnete sie mit zitternden Fingern.

Auf dem Girokonto lagen viertausendzweihundert Euro. Das war das Gehalt von zweieinhalb Monaten, das ich für die Nachzahlung der Betriebskosten und für die Zahnarztrechnung im Mai zurückgelegt hatte.

Ich überwies fünftausend Euro auf ein neu eingerichtetes Sparkonto, kündigte die gemeinsame Haushaltskasse und änderte das Passwort für das Online-Banking.

Dann rief ich meine Mutter an.

„Ich komme heute Nacht noch“, sagte ich. „Bernd ist in der Wohnung.“

Sie fragte nicht lange. Um Viertel nach zwölf stand sie im Morgenmantel an der Tür ihrer Altbauwohnung in Offenburg und machte mir einen starken Kamillentee mit Honig.

Am nächsten Morgen fuhr ich zurück. Als ich die Wohnungstür aufschloss, war die Küche leer. Die Scherben lagen noch auf dem Boden, die Kaffeemaschine war unangetastet, und der Müllbeutel, den ich am Abend zuvor an die Tür gehängt hatte, stand noch im Flur. Bernd hatte die Nacht nicht hier verbracht.

Sein Rucksack war weg. Die Zahnbürste aus dem Bad auch. Nur sein T-Shirt hing noch über dem Stuhl im Schlafzimmer.

Ich rief die Bank an und ließ die Kontovollmacht sperren, die ich ihm vor zwei Monaten aus Bequemlichkeit eingerichtet hatte. Dann rief ich den Vermieter an, obwohl es ein Feiertag war. Er klang müde, nannte mich aber sofort „Frau Hartmann“ und nicht „die Kämpferin“, wie Bernd es immer spöttisch getan hatte.

Als er am Nachmittag zurückrief, klang er sachlich.

„Die Wohnung ist nicht die Hauptmietsache“, sagte er. „Ich habe nur einen Untermietvertrag mit Ihnen abgeschlossen. Sie können mir das schriftlich bestätigen, dann bekommen Sie die Kaution in voller Höhe zurück. Viertausend Euro. Aber ich brauche eine Meldebescheinigung.“

Ich ging zum Bürgeramt, ließ mir die Anmeldung als alleinige Mieterin ausdrucken und warf einen Blick auf die Uhr. Es war sechzehn Uhr dreiundzwanzig.

Um achtzehn Uhr klingelte es an der Tür.

„Ich habe meinen Schlüssel vergessen“, hörte ich Bernds Stimme durch die geschlossene Tür.

Er klang nicht wütend. Er klang beherrscht, aber ruhig, mit dieser leisen Schärfe, die er auch an dem Abend gehabt hatte, als er mich gegen den Schrank stieß.

Ich stand im Flur und rührte mich nicht.

„Du wirst mich einlassen“, sagte er. „Wir müssen reden.“

Ich sah durch den Türspion. Sein Gesicht war angespannt, er hielt eine Aldi-Tüte in der Hand, als hätte er auf dem Rückweg eingekauft. Als ob nichts gewesen wäre.

„Ich habe verstanden, dass das gestern zu viel war“, sagte er. „Du warst aufgeregt. Ich war auch müde. Lass uns das klären wie Erwachsene.“

Er legte die Hand auf die Türklinke und drückte sie. Die Klinke bewegte sich keinen Millimeter.

„Hast du das Schloss gewechselt?“, fragte er.

„Der Schlüsseldienst war heute Morgen da“, sagte ich.

Ich hatte einen neuen Schließzylinder einsetzen lassen, gleich nachdem ich vom Bürgeramt zurückgekommen war. Neunundsiebzig Euro hat es gekostet. Die Quittung lag auf der Kommode im Flur.

„Das kannst du nicht machen“, sagte Bernd. „Das ist auch meine Wohnung.“

„Nein“, sagte ich. „Die Wohnung läuft auf meinen Namen. Der Mietvertrag ist von mir unterschrieben. Die Kaution habe ich bezahlt. Die Möbel gehören mir. Was hast du bezahlt, Bernd?“

Er schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Ich hab dir geglaubt, dass wir eine Familie sind.“

„Du hast mir das Handgelenk gebrochen“, sagte ich.

Das stimmte nicht ganz. Der Arzt in der Notaufnahme hatte nur eine schwere Prellung festgestellt. Aber Bernd wusste nicht, dass ich bei der Notaufnahme gewesen war. Der Satz wirkte trotzdem.

Es wurde still vor der Tür.

„Ich rufe die Polizei“, sagte er.

„Dann tu das doch“, antwortete ich. „Ich habe die Fotos vom Handgelenk. Und die Anzeige von gestern Nacht liegt im Flur auf dem Tisch.“

Das war gelogen. Ich hatte keine Anzeige erstattet. Aber es war meine einzige Waffe in diesem Moment, und ich hielt sie ruhig in der Hand wie den Schlüssel zur Wohnungstür.

Bernd schwieg. Ich hörte, wie er die Aldi-Tüte abstellte. Dann hörte ich seine Schritte die Treppe hinunter.

Drei Tage später rief er an. Ich ging nicht ran. Er schrieb eine SMS: „Ich hol meine Sachen am Samstag ab. Um vierzehn Uhr. Mach die Tür auf oder lass den Schlüssel beim Nachbarn.“

Am Samstag um vierzehn Uhr stand ich auf dem Bürgersteig vor der Haustür. Neben mir stand meine Nachbarin, Frau Kowalski, die mich kurz am Arm berührte und dann auf die Straße sah.

Bernd kam mit einem Transporter. Er lud seine Sachen in Kartons ein: die Werkzeugkiste, die Skiausrüstung, zwei Bananenkartons mit Kleidung, der alte Campingkocher aus der Abstellkammer.

Ich gab ihm einen Beutel mit den Dingen, die noch in der Wohnung lagen: das T-Shirt, drei Paar Socken, ein Ladegerät.

„Ich habe fünftausend Euro überwiesen“, sagte ich. „Die gehören auf mein Sparkonto, nicht auf deins.“

„Das ist Diebstahl“, sagte er.

„Nein“, sagte ich. „Das ist die Miete, die du mir seit März schuldest. Rechne nach.“

Er rechnete nicht. Er sah mich an, als hätte ich ihn vor der gesamten Nachbarschaft ausgezogen.

Frau Kowalski trat einen Schritt vor.

„Der Fahrer wartet“, sagte sie.

Bernd stieg ein und fuhr davon. Die Aldi-Tüte, die er vor der Tür abgestellt hatte, stand noch im Hausflur. Ich trug sie in den Hof und warf sie in die blaue Tonne. Obenauf lag ein Sechserpack Bier und ein Aufkleber mit der Adresse seiner Mutter in Rottenburg am Neckar.

Am Abend rief Marion an.

„Bernd hat bei uns auf dem Hof gestanden“, sagte sie. „Er hat nach deiner neuen Adresse gefragt. Ich hab gesagt, ich weiß nichts.“

„Danke“, sagte ich.

„Was hat er gewollt?“

„Mein Geld wahrscheinlich. Oder meine Wohnung. Oder beides.“

„Und du?“, fragte Marion. „Was willst du jetzt?“

Ich legte auf, ohne zu antworten. Ich wusste es noch nicht.

Fünf Wochen später saß ich in der Apotheke und sortierte die Medikamente im Hochschrank, als ein Mann in den Laden kam, der so roch, als hätte er einen Monat nicht geschlafen. Er war schmal, hatte einen Bart, der mehr stoppelig als gepflegt war, und er legte ein Rezept auf den Tresen.

„Zwei Schachteln Metoprolol, bitte“, sagte er.

„Krankenkassenkarte dabei?“, fragte ich.

Er nickte und schob die Karte über den Tresen.

Als ich den Namen las, blieb mir die Hand am Scanner hängen. Bernds Vorname. Der Nachname seiner Mutter.

Er sah mich an, als erkannte er mich nicht sofort. Dann war es zu spät.

„Ich hätte nie gedacht, dass du noch hier arbeitest“, sagte er.

„Ich wohne noch in der Wohnung, die du klauen wolltest, falls es dich tröstet“, sagte ich.

„Ich wollte nichts klauen“, sagte er. „Ich wollte nur leben wie ein Mensch.“

„Dann lern erst mal, dass man dafür nicht die Handgelenke anderer Leute bricht“, sagte ich.

Ich legte die zwei Schachteln in eine Papiertüte und schob sie ihm hin. Die Karte legte ich daneben.

„Drei Euro achtzig“, sagte ich.

Er nahm die Tüte und die Karte, zahlte bar und ging zur Tür. Bevor er hinausging, blieb er stehen.

„Ich hab nie verstanden, warum du so kalt geworden bist“, sagte er.

„Ich auch nicht“, sagte ich. „Bis zu dem Abend, an dem du es mir gezeigt hast.“

Am Freitag derselben Woche bekam ich einen Brief vom Amtsgericht. Bernd hatte eine Klage eingereicht: er wollte die fünftausend Euro zurück und die Feststellung, dass ich ihn zu Unrecht aus der Wohnung ausgesperrt habe. Die Verhandlung war auf den neunzehnten November festgesetzt.

Ich rief einen Anwalt an. Herr Baumann hieß er. Er hatte eine kleine Kanzlei in der Salzstraße, über einem türkischen Gemüseladen, und seine Büroeinrichtung bestand aus einem Schreibtisch, einem Aktenschrank und einem Kaffeevollautomaten, der beim Aufheizen klang wie ein Traktor.

„Wie war die freiwillige Zahlung an ihn?“, fragte er.

„Er hat mir vom ersten Tag an keine einzige Rate der Betriebskosten bezahlt. Ich habe die Nebenkostenabrechnung vom letzten Jahr. Fünfhundertvierzig Euro. Dazu die Rate für den Kühlschrank, den wir im Januar gekauft haben: siebenhundertachtzig Euro. Der Rest war Miete, die er mir schuldig war, weil ich ihn aufgenommen habe, obwohl er keinen Mietvertrag hatte.“

„Haben Sie das schriftlich?“

„Ich habe Kontoauszüge“, sagte ich. „Und die letzte Nachricht von ihm, in der er mir schreibt, er habe ‚vergessen, das Geld abzuheben‘.“

Herr Baumann nickte und trank einen Schluck Espresso.

„Dann lassen wir die Klage auflaufen“, sagte er. „Sie werden sehen, vor Gericht weint er.“

Ich weinte nicht. Ich saß am Abend in meiner Wohnung, die mir noch nie so ruhig vorgekommen war, und sah auf die Stelle an der Küchenwand, wo die Kachel einen feinen Sprung hatte, weil Bernd mich dagegengestoßen hatte. Ich war vierunddreißig Jahre alt, geschieden, und ich würde ab jetzt aufhören, Männern zu glauben, die sagten, ihre erste Frau sei verrückt gewesen.

Am neunzehnten November um neun Uhr saß ich im Gerichtssaal. Bernd erschien ohne Anwalt, im blauen Sakko, das ich ihm im Januar gekauft hatte. Er hatte es nicht mal gewaschen.

Der Richter hieß Schneider und war ein älterer Mann mit randloser Brille, der nicht viel redete, aber alles mitschrieb, was gesagt wurde.

„Sie behaupten, Frau Hartmann hätte Sie widerrechtlich aus der gemeinsamen Wohnung ausgeschlossen“, sagte er. „Waren Sie im Besitz eines Mietvertrags?“

„Nein, aber wir waren ein Paar“, sagte Bernd. „Da gilt Gewohnheitsrecht.“

„Im deutschen Mietrecht gibt es kein Gewohnheitsrecht für einen Partner ohne Vertrag“, sagte der Richter. „Haben Sie sich an den Kosten beteiligt?“

„Ich hätte ja gekonnt“, sagte Bernd.

„Haben Sie es getan?“

„Nicht regelmäßig. Aber ich habe den Haushalt geführt.“

Mein Anwalt legte die Kontoauszüge vor. Der Richter blätterte sie durch.

„Die Zahlungen von Ihrem Konto, Frau Hartmann, in Höhe von fünftausend Euro – das war Ihr eigenes Geld?“

„Ja“, sagte ich. „Ich habe es auf mein Sparkonto überwiesen, als ich gemerkt habe, dass er nachts mein Online-Banking geöffnet hatte.“

„Das stimmt nicht“, sagte Bernd. „Ich habe nur einmal auf ihr Handy geschaut, weil ich dachte, sie betrügt mich.“

„Warum haben Sie dann am Morgen nach der Trennung versucht, sich mit ihrer Karte Geld am Automaten abzuheben?“, fragte Herr Baumann.

Bernd wurde rot. „Das ist eine Lüge.“

„Ich habe die Abbuchungsbenachrichtigung der Sparkasse“, sagte mein Anwalt. „Vom selben Tag, acht Uhr vierzehn, am Automaten in der Kaiser-Joseph-Straße. Betrag zweihundertfünfzig Euro. Die Karte wurde wegen falscher PIN nicht akzeptiert.“

Bernd sagte nichts.

Ich sah ihn an und dachte zum ersten Mal an diesem Morgen an den Abend, als er mich gegen den Küchen schrank gestoßen hatte. Nicht mit Wut, sondern mit einer Art stiller Genugtuung, dass er es tun konnte.

Das Urteil fiel um elf Uhr dreiundzwanzig.

Die Klage wurde abgewiesen. Bernd musste die Kosten des Verfahrens tragen: tausendzweihundertvierzig Euro.

„Und die fünftausend Euro?“, fragte er noch, als der Richter aufstand.

„Die behält Frau Hartmann“, sagte der Richter. „Sie sind ihr die Miete schuldig, nicht umgekehrt.“

Bernd verließ den Saal, ohne mich anzusehen.

Ich blieb noch einen Moment sitzen. Draußen hörte ich die Straßenbahn der Linie 4, die am Gerichtsgebäude vorbeifuhr.

Dann stand ich auf, nahm meine Handtasche und ging zur Tür, ohne seinem Anwalt – den es nicht gab – die Hand zu geben, und ohne ihm noch einmal in die Augen zu sehen.

Auf der Straße vor dem Gericht stand ein Straßenmusikant und spielte „Hallelujah“ auf der Geige. Ich warf ihm einen Euro in den Becher.

Marion schickte mir am Abend eine Sprachnachricht.

„Ich hab gehört, du hast gewonnen. Erzähl.“

Ich antwortete nicht. Ich saß in meiner Küche, trank einen Becher kalten Früchtetee und sah auf die Quittung des Schlüsseldienstes, die noch immer auf der Kommode lag. Neunundsiebzig Euro.

Am nächsten Morgen ging ich zur Arbeit und öffnete die Apotheke wie jeden Tag. Das Licht im Laden summte leise, draußen leuchteten die Lindenblätter in der Oktobersonne. Ich rückte die Zahnpastatuben im Regal zurecht und dachte daran, wie meine Mutter früher gesagt hatte: „Kind, du musst nicht jeden Kampf gewinnen. Du musst nur die Tür hinter dir zumachen können, wenn der Kampf vorbei ist.“

Ich hatte die Tür zugezogen. Und zum ersten Mal seit Monaten hatte ich in meiner eigenen Wohnung geschlafen, mit abgeschlossenem Schloss und ohne das Handgelenk unter dem Kopfkissen zu verstecken.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Die kalte Stimme hinter der Tür