Werkstatt in Duisburg, zweiundvierzig Quadratmeter, drei Hebebühnen

Meine Schwiegermutter hat mich zwölf Jahre lang Kai genannt, obwohl ich Jonas heiße. Nicht aus Bosheit, das dachte ich jedenfalls am Anfang. Kai war der Name ihres verstorbenen Mannes, und irgendwann, so um Weihnachten herum, im dritten Jahr meiner Ehe mit Vivien, rutschte er ihr zum ersten Mal raus. „Kai, reichst du mir die Soße rüber?" Ich reichte die Soße. Alle lachten kurz, Vivien sagte „Mama, das ist Jonas", und Frau Brellinger, ihre Mutter, winkte ab wie über einen dummen Versprecher.

Nur wiederholte sich der Versprecher. Jedes Jahr. Bei jedem Familienessen in ihrem Reihenhaus in Moers, bei jedem Geburtstag, bei der Beerdigung meines eigenen Vaters sogar, wo sie mir die Hand drückte und sagte: „Kai, das tut mir so leid für dich."

Ich will ehrlich sein: Am Anfang fand ich es fast rührend. Eine alte Frau, die ihren Mann verloren hat und in mir vielleicht etwas von ihm wiedererkennt, dachte ich. Ich bin Kfz-Meister, hatte damals gerade die Werkstatt von meinem Vater übernommen, drei Hebebühnen, ein Angestellter, ein Azubi, zweiundvierzig Quadratmeter Halle an der Ruhrorter Straße. Kai, hatte Vivien mir erzählt, war Elektriker gewesen, hatte auch mit den Händen gearbeitet, hatte auch immer verölte Fingernägel gehabt. Vielleicht, dachte ich, ist das einfach ihre Art, mich willkommen zu heißen in dieser Familie. Also korrigierte ich sie nicht mehr. Ich dachte, ich tue ihr einen Gefallen.

Was ich nicht wusste: Sie hatte die Werkstatt von Anfang an nicht als meine gesehen. Sondern als die, die „der Junge" – also ich, Kai, wer auch immer ich für sie war – irgendwann an ihre Tochter weitergeben würde, so wie es sich für eine richtige Familie gehört. Das erfuhr ich erst, als mein Steuerberater mich anrief, weil bei der Grundbucheintragung für das Werkstattgrundstück plötzlich ein zweiter Name auftauchte.

Vivien hatte mich vor vierzehn Monaten verlassen. Freundlich, traurig, mit vielen Tränen, aber sie war gegangen, hatte gesagt, sie brauche „Zeit für sich", war zu einer Freundin nach Krefeld gezogen. Wir hatten die Scheidung fast abgeschlossen, ich hatte ihr die Hälfte unseres gemeinsamen Ersparten ausgezahlt, achtundzwanzigtausend Euro, sauber, ohne Streit. Ich dachte, das wäre es gewesen. Zivilisiert. Erwachsen.

Was ich nicht wusste: Ihre Mutter war in der Zwischenzeit zu meinem Notar in Duisburg-Homberg spaziert, mit einer Vollmacht, die ich ihr vor Jahren einmal unterschrieben hatte – für einen einzigen Vorgang, damals, als ich zwei Wochen in Thailand mit Vivien war und irgendein Bankschreiben ankam, das jemand entgegennehmen musste. Diese Vollmacht hatte Frau Brellinger nie zurückgegeben. Und mit dieser einen, längst überholten Vollmacht hatte sie einen „Nachtrag" zum Übergabevertrag der Werkstatt unterschreiben lassen, den mein Vater und ich vor sechs Jahren aufgesetzt hatten. Ein Passus, der ihrer Tochter im Falle meines Todes oder meiner „dauerhaften Abwesenheit" ein Vorkaufsrecht auf die Werkstatt zu einem symbolischen Preis einräumte. Fünftausend Euro. Für eine Werkstatt, die mein Steuerberater auf hundertzehntausend schätzte.

Ich saß in meinem Büro, kleiner Verschlag hinter der zweiten Hebebühne, mit Kaffeeflecken auf dem Schreibtisch, und las das Fax vom Notar zweimal. Dann rief ich Frau Brellinger an.

„Warum haben Sie das gemacht?"

Stille am anderen Ende. Dann, ganz ruhig: „Kai, das war doch nur für alle Fälle. Man weiß ja nie."

„Ich heiße Jonas."

„Natürlich, Junge. Reg dich nicht so auf."

Ich fuhr am nächsten Tag nach Moers. Nicht wütend, das kam später. Erst nur verwirrt, fast neugierig, wie jemand einen Schaden begutachtet, bei dem er die Ursache noch nicht kennt. Sie machte mir Kaffee, in der Küche mit den Gardinen, die schon zu Kais Lebzeiten dort gehangen haben mussten, gelblich, mit Blümchenmuster. An der Wand ein Foto von ihm, jung, in Blaumann, vor einem VW Käfer.

„Sie wissen, dass Vivien und ich geschieden sind", sagte ich.

„Das ist doch nur auf dem Papier."

„Es ist auf dem Papier, weil es real ist."

Sie rührte in ihrem Kaffee, obwohl kein Zucker drin war, das tat sie immer, eine Angewohnheit, die mir all die Jahre nie aufgefallen war, bis genau in diesem Moment. „Kai hat mir auch mal gesagt, er will weg. Man muss nur warten. Familie ist Familie."

Da verstand ich zum ersten Mal richtig: Sie sprach nicht über mich. Sie hatte nie über mich gesprochen. Sie führte seit zwölf Jahren ein Gespräch mit einem toten Mann, und ich hatte zufällig sein Gesicht getragen, seine Hände, seinen Beruf, sein Öl unter den Fingernägeln. Vivien war nur der Umweg, über den sie ihn zurückholen konnte. Die Werkstatt war nicht meine Werkstatt. Sie war Kais Werkstatt, die ihm nur zufällig, durch einen Fehler der Verwaltung namens „Scheidung", wieder entrissen worden war.

Ich fuhr nach Hause und rief meinen Anwalt an, einen Kumpel aus der Berufsschulzeit, der inzwischen eine kleine Kanzlei in Rheinhausen hatte. Er brauchte zwei Tage, um mir zu erklären, was ich schon ahnte: Der Nachtrag war anfechtbar, die Vollmacht klar zweckgebunden und längst erloschen gewesen, aber es würde ein Verfahren geben, Monate, vielleicht ein Jahr, Kosten, Nerven. Und in dieser Zeit, sagte er, stand im Grundbuch ein Vermerk, der jede Bank misstrauisch machen würde, falls ich je einen Kredit für neue Geräte brauchte. Meine Werkstatt, an einem Fadenwurm hängend, den eine Frau gesponnen hatte, die mich seit zwölf Jahren mit dem Namen ihres toten Mannes rief.

Ich hätte klagen können. Ich habe es nicht getan. Nicht aus Milde.

Ich fuhr noch einmal nach Moers, an einem Dienstagabend, Anfang März, es regnete, dieser feine Duisburger Nieselregen, der einem die Jacke durchweicht, ohne dass man merkt, wann es angefangen hat. Ich brachte keinen Anwalt mit, keinen Brief. Nur eine Mappe, blaue Klemmmappe, mit dem Ausdruck des Grundbuchauszugs und einem zweiten Dokument, das mein Anwalt für mich aufgesetzt hatte: eine notariell beglaubigte Erklärung, mit der ich – freiwillig, nicht vor Gericht erzwungen – der endgültigen Löschung dieser Vollmacht zustimmte und gleichzeitig unwiderruflich festhielt, dass Frau Brellinger und ihre Tochter zu meinen Lebzeiten keinerlei Anspruch, auch keinen ideellen, auf die Werkstatt Ruhrorter Straße hätten. Ein Dokument, das nichts nahm, was ihr je zugestanden hatte. Es nahm ihr nur die Illusion.

Sie öffnete die Tür im Morgenmantel, das Foto von Kai stand noch am selben Platz.

„Ich unterschreibe das nicht", sagte sie, kaum dass sie das Papier überflogen hatte.

„Das müssen Sie auch nicht", sagte ich. „Der Notar hat den Nachtrag bereits als unwirksam vermerkt, seit heute Nachmittag. Die Vollmacht war formal erloschen, das hat er schriftlich bestätigt. Dieses Papier hier" – ich legte die Mappe auf den Küchentisch, neben die Kaffeetasse, die immer noch dort stand, obwohl sie mich nicht hereingebeten hatte – „ist nur, damit wir beide wissen, woran wir sind. Sie können es unterschreiben oder nicht. Es ändert nichts mehr am Grundbuch."

Sie starrte auf das Papier, dann auf das Foto an der Wand, dann wieder auf mich, und zum ersten Mal in zwölf Jahren sagte sie: „Jonas."

Ich weiß nicht, ob es Reue war oder nur die Erkenntnis, dass das Spiel vorbei war. Das interessierte mich in dem Moment auch nicht mehr besonders.

„Ich hätte Ihnen die Werkstatt nie versprochen", sagte ich. „Auch wenn ich mit Vivien zusammengeblieben wäre. Sie ist von meinem Vater. Sie war nie für die Familie meiner Frau gedacht, sie war für meine."

Ich ließ die Mappe da, unterschrieben oder nicht, das war für mich zu diesem Zeitpunkt schon nebensächlich, der Notar hatte längst gehandelt. Ich fuhr zurück nach Duisburg, vorbei am Landschaftspark, dessen Hochöfen abends immer noch angestrahlt werden, orange gegen den dunklen Himmel, ein Anblick, an den ich mich nie richtig gewöhnt habe, obwohl ich mein ganzes Leben hier wohne.

Zwei Wochen später bekam ich Post vom Notar: die Löschung war vollzogen, sauber, kostete mich vierhundertzehn Euro Gebühren. Die Werkstatt stand wieder allein in meinem Namen, keine Nachträge, keine Vermerke, keine toten Ehemänner mehr im Grundbuch.

Frau Brellinger habe ich seitdem nicht wiedergesehen. Vivien schrieb mir einmal, kurz, sie wisse von der Sache, es tue ihr leid, ihre Mutter meine es „nicht böse". Ich habe nicht geantwortet. Nicht aus Groll. Es gab einfach nichts mehr zu klären.

In der Werkstatt hängt jetzt, an derselben Stelle, wo früher ein Kalender mit Automarken hing, ein Foto von meinem Vater, vor derselben Hebebühne, auf der ich heute noch arbeite. Mein Azubi hat mich letzte Woche gefragt, wer der Mann auf dem Bild sei. Ich habe ihm gesagt: mein Vater, Werner. Und dass diese Werkstatt seinen Namen trägt, auf dem Papier und sonst nirgendwo.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Werkstatt in Duisburg, zweiundvierzig Quadratmeter, drei Hebebühnen