Sechsunddvierzig Jahre lang hatte Ingrid Bauer in der Schneiderei am Marktplatz von Görlitz Kleider genäht, Säume gelegt, Reißverschlüsse eingesetzt. Ihre Tochter Franziska war das einzige Kind, das sie großgezogen hatte, allein, nachdem der Vater beim Aufbau seiner eigenen Autowerkstatt gestorben war — ein Herzinfarkt unter dem Wagenheber, sie war damals neun.
Der Geruch von Kreide und Bügeleisen hing noch in Ingrids Wohnung in der Steinstraße, obwohl sie seit drei Jahren nicht mehr arbeitete. Die Finger zitterten zu sehr für feine Nähte.
Franziska rief jeden Sonntag an. Immer um halb sechs, immer zwölf Minuten, nie länger. Ingrid hatte angefangen, die Uhr zu stellen, bevor das Telefon klingelte.
„Mama, wie geht's dir mit dem Bein?"
„Geht schon. Der Doktor hat neue Tabletten verschrieben."
„Gut, gut. Ich muss gleich los, wir haben noch Gäste."
Dann die zwölf Minuten, dann Stille im Hörer, dann das Tuten.
Es war ein Dienstag im März, als der Anruf kam, der nicht am Sonntag war. Franziskas Stimme klang anders — schneller, mit einer Kälte, die Ingrid seit Jahren nicht mehr gehört hatte.
„Mama, ich muss dich was fragen. Die Nähmaschine, die alte Pfaff — die aus dem Wohnzimmer. Kannst du die verkaufen?"
Ingrid saß auf dem Küchenstuhl, die Hand auf der Wachstuchdecke. „Wozu denn, Kind? Die Maschine läuft noch tadellos."
„Markus hat die Werkstatt vom Vater übernommen, aber er braucht Kapital für neue Hebebühnen. Vierzehntausend Euro. Wir dachten, wenn du die Wohnung —"
„Meine Wohnung?"
„Nicht verkaufen! Nur — beleihen. Eine Grundschuld. Das ist doch nur Papier, Mama, das macht jeder."
Ingrid schwieg so lange, dass Franziska „Bist du noch dran?" fragte.
„Ich bin dran", sagte Ingrid und legte auf.
Die Wohnung in der Steinstraße war das Einzige, was ihr gehörte. Vierundvierzig Quadratmeter, abbezahlt seit elf Jahren, jeden Groschen aus der Schneiderei zusammengespart. Kein Kredit, keine Bank, kein Schwiegersohn hatte je einen Finger dafür krumm gemacht.
Sie stand auf, ging zum Fenster. Unten auf dem Hof bellte der Dackel der Nachbarin, Frau Kowalski, wie jeden Nachmittag um vier, wenn der Postbote kam. Im Fernsehen lief lautlos die Vorabendserie, die Ingrid nie ausschaltete, weil die Stille in der Wohnung sonst zu laut war.
Drei Wochen passierte nichts. Dann kam Franziska persönlich, am Samstag, mit Markus im Schlepptau. Er trug noch den blauen Overall aus der Werkstatt, roch nach Motoröl und hatte einen Aktenordner unter dem Arm, schon vorbereitet, mit Unterschriftszeilen markiert.
„Wir haben schon mit dem Notar gesprochen", sagte Markus, ohne sich zu setzen. „Die Grundschuld läuft über hunderttausend Euro Sicherheit, aber wir brauchen ja nur vierzehn. Das ist reine Formsache."
„Formsache", wiederholte Ingrid.
Franziska drückte ihr die Hand. „Mama, ohne die Hebebühnen verliert Markus den Auftrag von der Spedition Wenzel. Das sind sechs Wagen im Monat. Das ist unsere Existenz."
Ingrid schaute auf die Hand ihrer Tochter, auf die kurzen, praktischen Nägel, die sie an eine andere Hand erinnerten — an ihre eigene, vor vierzig Jahren, als sie mit genau diesen Fingern Franziskas erste Söckchen gestrickt hatte.
„Lasst mir den Ordner da", sagte sie. „Ich schau's mir an."
Markus wollte protestieren, aber Franziska zog ihn am Ärmel. Als die Tür ins Schloss fiel, blieb Ingrid mit dem Aktenordner am Küchentisch sitzen, bis die Straßenlaterne draußen ansprang.
Sie rief nicht sofort einen Anwalt. Erst rief sie ihre Schwester Renate in Bautzen an, die vor Jahren selbst so einen Ordner unterschrieben hatte, für den Schwiegersohn ihrer eigenen Tochter — und danach zwei Jahre lang um jeden Cent Miete kämpfen musste, weil die Werkstatt trotzdem pleiteging.
„Unterschreib das nicht, Ingrid. Nicht mal zur Formsache."
Am Montag ging Ingrid zu Rechtsanwalt Herrn Pietschmann in der Berliner Straße, den sie noch aus der Schneiderei kannte — er hatte ihr vor Jahren mal einen Anzug enger nähen lassen. Sie legte den Ordner auf seinen Schreibtisch.
Pietschmann blätterte, schob die Brille hoch, blätterte weiter. „Frau Bauer. Das ist keine Sicherheit über vierzehntausend. Das ist eine Grundschuld über hunderttausend Euro, eingetragen an erster Rangstelle, ohne Zweckbindung. Wenn die Werkstatt insolvent geht — und bei Speditionsaufträgen mit einem einzigen Kunden ist das Risiko hoch —, kann die Bank Ihre Wohnung zwangsversteigern. Für die gesamten hunderttausend. Nicht für vierzehn."
Ingrid sagte nichts. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Bahnhof vorbei, das Fenster klapperte kurz im Rahmen.
„Wollten die Ihnen das erklären?", fragte Pietschmann.
„Nein."
Sie fuhr nicht direkt nach Hause. Sie ging zu Fuß über den Obermarkt, an der Bäckerei vorbei, wo sie seit Jahrzehnten ihre Mohnschnecke kaufte, und setzte sich auf die Bank vor dem Brunnen. Ein Rentner fütterte Tauben mit Brotresten, ein Stück flog Ingrid fast vor die Füße.
Sie dachte an den Wohnzimmerschrank, in dem noch der alte Nähkorb aus Pappelholz stand, den ihr eigener Vater ihr geschreinert hatte, bevor er im Krieg blieb. Fünfundsechzig Jahre besaß sie diese Wohnung schon in ihrem Kopf als sicheren Ort — auch bevor sie sie besaß, als Kind bei ihrer eigenen Mutter in einer ähnlichen Wohnung zwei Straßen weiter.
Am Abend rief sie Franziska an. Nicht Sonntag, nicht halb sechs.
„Ich unterschreibe nicht", sagte sie.
„Mama, wir haben doch schon —"
„Ihr habt einen Notartermin gemacht, bevor ihr mich gefragt habt, ob ich will. Das ist nicht dasselbe wie fragen."
„Du lässt Markus einfach fallen? Deinen eigenen Schwiegersohn?"
„Ich lasse ihn nicht fallen. Ich lasse mich nicht fallen. Wenn die Werkstatt vierzehntausend braucht, dann leiht ihr euch vierzehntausend — bei der Sparkasse, mit eurem eigenen Namen drauf. Nicht mit meiner Wohnung als Pfand für hunderttausend."
Am anderen Ende blieb es lange still. Dann, leiser: „Er wird ausrasten."
„Das ist nicht mein Problem, Kind. Das ist eures."
Zwei Tage später stand Markus tatsächlich vor ihrer Tür, ohne Franziska, den Overall noch an, Ölflecken an den Knöcheln. Er klingelte dreimal hintereinander.
„Sie ruinieren uns", sagte er, kaum dass Ingrid die Tür einen Spalt geöffnet hatte. „Wissen Sie, was passiert, wenn ich die Bühnen nicht bekomme? Wenzel geht zur Konkurrenz nach Bautzen. Sechs Wagen im Monat, weg."
„Dann sprechen Sie mit der Sparkasse. Unter Ihrem eigenen Namen."
„Die geben mir nichts, ich hab noch keine drei Jahre Bilanzen!"
„Dann ist es noch zu früh für hunderttausend Euro Schulden, Markus. Auch für mich."
Er schlug mit der flachen Hand gegen den Türrahmen, nicht gegen sie, aber laut genug, dass Frau Kowalski nebenan die Tür öffnete und wieder schloss. Ingrid rührte sich nicht.
„Sie waren doch immer so eine, die für die Familie da war", sagte er, jetzt leiser, fast bittend.
„Ich war vierundvierzig Jahre lang für meine Familie da, an der Nähmaschine, bis meine Finger nicht mehr konnten. Diese Wohnung ist das Einzige, was von der Zeit übrig ist. Die gebe ich nicht als Pfand für Ihre Hebebühnen."
Er ging, ohne ein weiteres Wort, die Treppe hinunter, so laut, dass es im ganzen Haus hallte.
Franziska rief drei Wochen nicht an. Kein Sonntag, keine zwölf Minuten. Ingrid stellte trotzdem die Uhr, jeden Sonntag um halb sechs, und saß am Telefon, ohne dass es klingelte.
In der vierten Woche kam ein Brief, kein Anruf. Handschrift, nicht Franziskas gewohnte, sondern eilig, mit durchgestrichenen Wörtern. Die Werkstatt sei tatsächlich insolvent gegangen, stand darin — nicht wegen der fehlenden Bühnen, sondern weil Wenzel schon vorher mit einer Firma aus Cottbus verhandelt hatte, ganz ohne Zusammenhang mit Ingrids Entscheidung. Markus arbeite jetzt angestellt bei einem Reifenhändler in Weißwasser.
Am Ende des Briefs stand ein einziger Satz, den Ingrid dreimal las: „Ich hab gemerkt, dass ich dich nur angerufen hab, wenn ich was gebraucht hab. Das tut mir leid."
Ingrid legte den Brief nicht ab. Sie holte den Nähkorb aus Pappelholz aus dem Schrank, den ihres Vaters, und legte den Brief hinein, zwischen Garnrollen und einer alten Blechschachtel mit Knöpfen.
Am Sonntag, halb sechs, klingelte das Telefon.
„Mama."
„Ich bin dran", sagte Ingrid.
Diesmal dauerte das Gespräch siebenundvierzig Minuten. Über nichts Wichtiges — über Frau Kowalskis Dackel, über die neuen Tabletten, über ein Rezept für Streuselkuchen, das Franziska von ihrer Großmutter haben wollte. Über die Wohnung fiel kein Wort.
Ingrid ging am Montag trotzdem noch einmal zu Herrn Pietschmann, allein, um sich schriftlich bestätigen zu lassen, dass keine Grundschuld je eingetragen worden war. Sie faltete das Papier zusammen und legte es zu dem Brief in den Nähkorb, unter die Knöpfe, wo es niemand außer ihr je finden würde — aber wo sie wusste, dass es lag.







