Die Werkstatt in der Lindenstraße

Frau Marta Kessler hatte dreiunddreißig Jahre lang die Bücher für die Autowerkstatt ihres Mannes geführt, und als er starb, saß sie an einem Dienstagabend im März am Küchentisch in Bielefeld und rechnete zum wievielten Mal die Zahlen durch. Der Tee war kalt geworden. Draußen fuhr die Stadtbahn Richtung Jahnplatz vorbei, das Quietschen der Schienen kannte sie so gut wie ihren eigenen Atem.

Ihr Schwiegersohn Tobias hatte die Werkstatt übernommen — offiziell als Geschäftsführer, weil ihre Tochter Nele die Papiere nicht verstand und Marta, so hieß es, „schon genug getan hatte". Zwei Jahre war das her. Zwei Jahre, in denen Tobias aus einer Werkstatt mit zwei Hebebühnen ein Geschäft mit drei Filialen gemacht hatte — auf dem Papier zumindest. Die Kredite liefen auf Martas Namen, weil ihre Bonität besser war. Das hatte er ihr damals erklärt, mit einem Gesicht, das sie heute nicht mehr sehen wollte.

„Nur für den Anfang", hatte er gesagt. „Bis die zweite Filiale läuft."

Die zweite Filiale lief nie richtig. Die dritte erst recht nicht. Und im Februar hatte Tobias beim Familienessen — Rouladen, ihr Sohn Jonas war extra aus Münster gekommen, saß am Kopfende und schnitt sein Fleisch in immer kleinere Stücke, ohne viel zu essen — beiläufig erwähnt, dass er die Werkstatt in der Lindenstraße, die eigentliche, die seit 1991 der Familie gehörte, „aus steuerlichen Gründen" auf seinen eigenen Namen umschreiben wolle. Nele hatte genickt. Jonas hatte kurz aufgeschaut, dann wieder auf seinen Teller. Marta hatte die Kartoffeln weitergereicht und nichts gesagt.

Das war der Moment, an dem sie zu zählen begann.

Vierhundertzwanzigtausend Euro. So viel stand am Ende auf dem Blatt Papier, das sie in der Küche vor sich liegen hatte — Kredite, für die sie bürgte, Rechnungen, die über ihr Konto liefen, weil Tobias seines „vorübergehend gesperrt" hatte. Elf Jahre kannte sie ihn inzwischen, seit er mit neunzehn zum ersten Mal bei ihrer Tochter zum Abendessen aufgetaucht war, in einer Lederjacke, die nach Motoröl roch, und ihr die Hand geschüttelt hatte, als würde er einen Vertrag unterschreiben.

Der Hund von nebenan bellte, wie jeden Abend um diese Zeit, wenn der Nachbar mit ihm die letzte Runde drehte. Marta stand auf, goss den kalten Tee in die Spüle und holte die Ordner aus dem Wohnzimmerschrank — braune Aktenordner, mit ihrer eigenen, spitzen Handschrift beschriftet: „Kredit Sparkasse", „Bürgschaften", „Vollmachten Werkstatt".

Am nächsten Morgen fuhr sie zur Sparkasse am Jahnplatz. Herr Brandt, der Kundenberater, kannte sie seit zwanzig Jahren.

„Frau Kessler, guten Morgen. Was kann ich —"

„Ich möchte meine Bürgschaften prüfen lassen. Alle. Und ich möchte wissen, wie ich aus den Krediten für die Werkstatt Lindenstraße rauskomme."

Er blätterte, tippte, runzelte die Stirn. „Das sind fünf Bürgschaften, Frau Kessler. Die letzte von Oktober. Über hundertzehntausend."

„Ich weiß, wie viel es ist."

Am Nachmittag saß sie im Büro von Rechtsanwältin Sabine Wörner in der Herforder Straße, eine Mappe auf den Knien, die Finger fest um den Griff der Aktentasche, die ihr Mann ihr vor fünfzehn Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Auf dem Schreibtisch der Anwältin stand ein Kalender mit einem Foto vom Teutoburger Wald, aufgeschlagen auf September.

„Sie sind nicht Gesellschafterin", sagte Frau Wörner, nachdem sie die Papiere durchgesehen hatte. „Sie sind Bürgin. Das heißt: Sie haften, aber Sie haben kein Mitspracherecht. Das war von Anfang an so aufgesetzt."

„Kann ich die Bürgschaften widerrufen?"

„Nicht rückwirkend. Aber Sie können ab sofort verhindern, dass neue Verbindlichkeiten über Ihren Namen laufen. Und —" sie tippte auf ein Dokument — „diese Vollmacht hier, für das Geschäftskonto der Lindenstraße. Die haben Sie ihm nie schriftlich entzogen. Das sollten wir heute noch erledigen."

„Und die Werkstatt selbst? Der Grund, das Gebäude — das steht doch noch auf dem alten Namen, auf Papas Namen, oder?"

Frau Wörner blätterte weiter. „Formal ja, noch. Aber Ihr Schwiegersohn hat im Januar schon einen Notartermin gebucht — hier, steht in der Korrespondenz, die Sie mir gegeben haben. Wenn er Nele dazu bringt, als Miterbin zuzustimmen, kann die Umschreibung durchgehen. Sie können das nicht einfach zurückdrehen, Frau Kessler. Sie können es nur — verzögern. Widerspruch beim Grundbuchamt einlegen, sobald der Antrag da ist. Und hoffen, dass Ihre Tochter nicht unterschreibt, bevor Sie mit ihr geredet haben."

Marta nickte langsam und rieb mit dem Daumen über die Kante der Mappe. Ein Rennen also. Kein Beschluss, den sie fassen konnte, sondern ein Wettlauf, den sie vielleicht verlor.

Zwei Wochen später, an einem Samstag Ende März, saßen alle wieder am Tisch. Diesmal bei Marta, nicht bei Nele und Tobias. Auf dem Tisch lag keine Rouladenplatte, sondern ein grauer Aktenordner und ein Umschlag von der Sparkasse.

„Was soll das werden, Mama?" Nele klang schon gereizt, bevor irgendetwas gesagt war.

Marta öffnete den Ordner. „Ich habe heute Morgen bei der Sparkasse den Widerruf aller offenen Vollmachten für die Werkstatt Lindenstraße unterschrieben. Das Geschäftskonto ist ab Montag für mich gesperrt — für neue Belastungen. Bestehende Bürgschaften laufen weiter, aber ich zahle keine neuen Kredite mehr mit."

Tobias lachte kurz auf, ohne Humor. „Das — nein, das kannst du nicht, Marta, so einfach nicht. Ich hab die Kreditlinie für die dritte Filiale fest eingeplant, die Reifenlieferung kommt Freitag, wenn die nicht bezahlt wird, dann —"

„Dann bezahlst du die Reifen von deinem eigenen Konto."

„Ich hab kein — du weißt genau, dass das Konto der GmbH —" Er brach ab, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Du machst hier gerade die ganze dritte Filiale kaputt. Weißt du das? Zwölf Leute arbeiten da."

„Die zwölf Leute hättest du dir überlegen sollen, bevor du ihre Löhne auf meine Bürgschaft gebaut hast."

„Das ist — Nele, sag doch was, das ist doch auch dein Laden, das trifft auch dich, wenn die Bank —"

Nele hatte die Hände im Schoß gefaltet und starrte auf die Tischplatte. „Ich hab dich gefragt, im Januar, hab ich dich nicht gefragt, ob das mit dem Notar in Ordnung geht, und du hast gesagt, das ist Formsache, das ist —"

„Es IST Formsache." Tobias' Stimme kippte nach oben. „Es ist ganz normale steuerliche —"

„Es ist meine Werkstatt", sagte Marta. „Papas Werkstatt. Und du wolltest sie mir und Nele wegunterschreiben, während wir Rouladen essen."

Sie schob ihm den Umschlag hin. „Da drin ist eine Kopie der Aufstellung. Was du mir in zwei Jahren schuldest. Vierhundertzwanzigtausend Euro, Tobias. Nicht der Werkstatt. Mir."

„Das ist doch —" Er suchte nach dem Wort, fand es nicht richtig. „Das ist — so läuft das nicht in einer Familie, mit Kontoauszügen und Aufstellungen und —"

„Doch", sagte Marta. „Genau so läuft es, wenn eine Seite vergisst, dass es zwei gibt."

Der Kühlschrank in der Küche summte, ungewohnt laut in der Stille, die kurz entstand. Draußen, auf der Straße, fuhr jemand mit quietschenden Bremsen um die Ecke.

„Und die Lindenstraße?", fragte Tobias schließlich, leiser, aber mit einer Schärfe darunter. „Der Notartermin steht. Ende der Woche. Wenn Nele unterschreibt —"

„Nele unterschreibt nicht." Marta sah ihre Tochter an, nicht Tobias. „Oder, Nele?"

Nele sagte lange nichts. Sie drehte den Ehering an ihrem Finger, einmal, zweimal. „Ich weiß nicht, was ich unterschreibe, Mama, ich hab nie richtig verstanden, was da eigentlich —"

„Dann unterschreib jetzt auch nichts", sagte Marta. „Bis du's verstanden hast. Frau Wörner erklärt es dir, wenn du willst. Kostet dich nichts als eine Stunde."

Tobias schlug flach mit der Hand auf den Tisch, nicht laut, aber hart genug, dass der Umschlag verrutschte. „Ihr zwei gegen mich, ja? Klasse. Und wer erklärt dann den zwölf Leuten in Filiale drei, warum am Monatsende kein Geld —"

„Das erklärst du ihnen", sagte Marta. „Das war schon immer deine Aufgabe, du hast sie nur an mein Konto weitergereicht."

Tobias stand auf, so schnell, dass der Stuhl gegen den Heizkörper schlug. Er stand einen Moment da, den Mund halb offen, als wollte er noch etwas sagen, das größer war als alles vorher. Dann sagte er nur: „Das ist noch nicht vorbei. Der Termin beim Notar steht, mit oder ohne euch." Er nahm seine Jacke vom Stuhl und ging.

Nele blieb sitzen, den Ring immer noch zwischen den Fingern. „Warum jetzt, Mama? Warum nicht früher?"

„Weil ich früher gedacht habe, es reicht, wenn ich zahle und schweige." Marta zog den Umschlag wieder gerade, dort, wo Tobias' Hand ihn verrutscht hatte. „Ruf Frau Wörner am Montag an. Nimm Jonas mit zum Termin, wenn du willst, er hat sowieso gefragt, ob er noch bleiben soll."

Nele nickte, stand auf, blieb aber an der Tür noch stehen. „Und wenn er den Notartermin trotzdem durchzieht?"

„Dann legt Frau Wörner Widerspruch ein, und das Grundbuchamt braucht Monate, bis daraus was wird. Monate, in denen du in Ruhe entscheiden kannst, was du willst." Marta klappte den Ordner zu. „Das ist alles, was ich dir jetzt versprechen kann. Keine fertige Lösung. Nur Zeit."

Am Montagmorgen rief Herr Brandt von der Sparkasse an. Die Lieferung der Reifen sei storniert worden, sagte er, die Firma habe stattdessen versucht, per Nachnahme zu zahlen, das habe aber nicht ganz gereicht, es gebe noch offene zweihundert Euro. Marta sagte, das sei nicht mehr ihr Problem, bedankte sich und legte auf. Sie stellte die Kaffeemaschine an, setzte sich mit dem Grundbuchauszug in der Hand an den Küchentisch und strich mit dem Finger über die Zeile mit Tobias' Namen, die noch dastand, unverändert, streitig, ungelöst — und griff dann nach dem Telefon, um Frau Wörner wegen des Widerspruchs anzurufen.

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