Der Kessel im Vorgarten von Bad Wiessee

Karin Lehmann verlor die Schlüssel zu ihrem SUV genau in die Pfütze, die sich von irgendwelchen viel zu großen Gummistiefeln im Flur gebildet hatte. Sie stand auf der Schwelle ihres eigenen Hauses – vier Jahre Arbeit, jeder Cent ihrer Ersparnisse steckten in diesem Grundstück am Tegernsee, keine zwanzig Minuten von Bad Wiessee entfernt. In der Luft hing ein beißender Geruch nach Kohlsuppe, billigem Waschpulver und Baldriantropfen.

Aus der Küche, in ausgelatschten Filzpantoffeln über den teuren Designboden schlurfend, kam Erika Brandt hereingewatschelt. Sie trug einen verwaschenen Blümchenkittel und hielt einen Schöpflöffel in der Hand. Hinter ihr, den Blick hinter der Kühlschranktür versteckend, druckste ihr Sohn Matthias herum.

„Karin, schrei mich nicht gleich an", zischte die Schwiegermutter und rührte seelenruhig in einem verrosteten Emaille-Eimer, der mitten auf dem Ceranfeld stand. „Das ist kein Eimer, das ist mein Wäschekessel. Bei euch ist das Wasser so hart, eure Maschine spült die Chemie nicht richtig raus. Ich sorge mich um die Gesundheit meines Sohnes."

„Sie haben mir das Ceranfeld ruiniert!" Karin trat einen Schritt vor, spürte, wie die Wut in ihr hochkochte. „Und wo sind meine Thujen? Die sechs Smaragd-Thujen an der Grundstücksgrenze, Frau Brandt? Jede hat achtzig Euro gekostet!"

„Deine Büsche hab ich weggemacht", antwortete die Alte ungerührt. „Die werfen zu viel Schatten. Matthias gräbt jetzt draußen die Beete für Winterknoblauch um. Boden darf nicht brachliegen, Karin. Das ist Verschwendung."

„Matthias gräbt?" Karin richtete den Blick auf ihren Mann. „Matthias, willst du mir irgendwas erklären? Wir hatten abgemacht, deine Mutter kommt übers Wochenende, schaut sich das Haus mal an. Und was sehe ich im Flur? Drei Bündel mit altem Zeug und Setzlinge auf jeder Fensterbank!"

Matthias schloss endlich den Kühlschrank. Er rieb sich nervös den erdverschmierten Nacken.

„Karin, hör zu, die Lage hat sich geändert. Mutter kommt nicht mehr klar, dritter Stock ohne Aufzug in Rosenheim. Das Alter, die Gelenke. Wir dachten, sie überwintert hier bei uns. Wir haben hundertsechzig Quadratmeter, Gas-Brennwertkessel. Platz ist doch genug für alle."

„Wir? Ihr habt das entschieden? In meinem Haus, das ich mit meinem Geld gebaut habe, während du drei Jahre lang auf dem Sofa ‚dich selbst gefunden' hast, bevor du im Baumarkt angefangen hast?"

„Ihr seid rechtmäßig verheiratet!", polterte Erika Brandt und schwenkte den Schöpflöffel drohend durch die Luft. Ein Tropfen trübes Wasser klatschte auf die makellose weiße Sockelleiste. „Die Hälfte von jedem Nagel hier gehört Matthias. Und damit auch mir. Ich bin seine Mutter. Ich zieh ins Gästezimmer im Erdgeschoss. Deine Einrichtungskataloge hab ich schon in die Garage geräumt, brauch das Regal für meine Einweckgläser."

Karin spürte ihre Fingernägel sich in die Handflächen bohren. Das Haus war ihr Rückzugsort, jede Fliese, jeder Quadratmeter Fußbodenheizung war ihre eigene Entscheidung gewesen, abends am Küchentisch durchgerechnet nach der Arbeit im Büro.

„Matthias, hol die Taschen", sagte sie in einem Ton, bei dem ihre Kollegen in der Marketingabteilung sonst reihenweise Ausflüchte suchten. „Packt Mutters Sachen und deine gleich mit ein. Ihr verlasst dieses Haus. Jetzt sofort."

„Karin, sei doch vernünftig! Wohin sollen wir mitten in der Nacht?", jammerte Matthias und machte einen Schritt auf seine Frau zu. „Setz dich hin, trink erstmal Tee mit uns. Mutter hat Piroggen mit Leber gemacht…"

„Ich esse keine Leber. Ich esse Verräter zum Frühstück", sagte Karin, zog ihren Mantel aus und hängte ihn ordentlich an den Haken, vorsichtig, um nicht die stinkende Strickjacke der Schwiegermutter zu berühren. „Ihr habt zehn Minuten zum Packen. Sonst ruf ich den Sicherheitsdienst, und man trägt euch raus."

Erika Brandt kicherte plötzlich auf eine Art, die Karin einen Schauer über den Rücken jagte. Sie legte den Schöpflöffel auf die Arbeitsplatte, hinterließ einen Fettfleck auf dem Kunststein, und wischte sich die Hände am Kittelsaum ab.

„Sicherheitsdienst ruft sie. Na dann ruf mal. Aber schau vorher hier drauf, Hausherrin." Sie griff in die Kitteltasche, zog ein gefaltetes Blatt Papier heraus und hielt es Karin hin. „Lies, lies ruhig. Du hast doch eine Lesebrille dafür."

Karin wollte das Papier nicht nehmen. Jede Faser in ihr schrie danach, die Hand wegzuziehen. Trotzdem griff sie zu. Es war eine Fotokopie.

„Grundschuldbestellung?" Karins Stimme zitterte, während sie las. „Schuldner: Matthias Brandt. Gläubiger: ein gewisser Herbert Wenzel. Belastet: Grundstück und aufstehendes Wohnhaus. Absicherungsbetrag: zweihundertfünfzigtausend Euro."

Die Küche schien enger zu werden, als würden die Wände auf sie zurücken. Sie sah zu Matthias, der jetzt mit dem Rücken gegen die Kühlschranktür gepresst stand, als könnte das Möbelstück ihn schützen.

„Was ist das", fragte Karin leise, „für ein Papier, Matthias?"

„Ich… es war für die Werkstatt", stotterte er. „Onkel Herbert hat mir Geld geliehen, für die Autowerkstatt in Gmund. Die Anteile von Onkel Rüdiger auslösen. Es sollte nur… es ist nur bis Jahresende, bis die Werkstatt läuft, dann zahl ich zurück, und die Eintragung wird gelöscht, das war so abgesprochen…"

„Du hast unser Haus als Sicherheit für deine Werkstatt hinterlegt. Ohne mich zu fragen. Ohne meine Unterschrift." Karin faltete das Papier zusammen, langsam, mit einer Präzision, die mehr sagte als jedes Geschrei. „Das Grundstück steht auf meinen Namen, Matthias. Allein auf meinen. Ich habe es gekauft, bevor wir geheiratet haben, mit dem Geld aus dem Verkauf meiner Wohnung in München. Das weißt du."

Erika Brandts Gesicht verlor mit einem Schlag die selbstsichere Miene. „Das kann nicht sein. Matthias hat gesagt, das Haus gehört euch beiden…"

„Matthias hat gelogen", sagte Karin, „so wie er heute gelogen hat, als er behauptete, Sie kommen nur übers Wochenende."

Draußen, durch das Küchenfenster, war der Kastanienbaum zu sehen, den sie im ersten Jahr gepflanzt hatte, und dahinter, am Zaun, die kahlen Stümpfe der Thujen, wie abgesägte Finger im Dämmerlicht. Aus dem Radio auf der Fensterbank lief noch leise der Bayern-3-Verkehrsfunk, den Erika wohl eingeschaltet hatte, um sich beim Kochen die Zeit zu vertreiben. Irgendwo draußen bellte der Nachbarshund, wie jeden Abend um diese Zeit.

Karin nahm ihr Handy aus der Manteltasche. Nicht um den Sicherheitsdienst zu rufen. Sie wählte die Nummer ihres Notars in Miesbach, mit dem sie den Grundstückskauf abgewickelt hatte.

„Herr Dr. Falkner? Entschuldigung, dass ich so spät noch anrufe. Ich brauche morgen früh einen Termin. Es geht um eine Grundschuld, die jemand ohne meine Zustimmung auf mein Grundstück eintragen lassen will, und ich möchte, dass Sie prüfen, ob die überhaupt wirksam werden kann, wenn der Eintragende gar nicht Eigentümer ist. Und ich möchte parallel die Scheidung vorbereiten."

Matthias machte einen Satz nach vorn. „Karin, warte, wir können das regeln, ich zahl das Geld zurück, gib mir sechs Monate—"

„Du hattest vier Jahre, in denen ich dieses Haus für uns beide gebaut habe", sagte Karin, das Telefon noch am Ohr, „und du hast es in sechs Wochen für eine Werkstatt verpfändet, die deinem Onkel gehört. Onkel Herbert soll sich sein Geld von dir holen, nicht von meinem Dach überm Kopf."

Sie ging zur Kellertür, öffnete den Sicherungskasten und schaltete den Strom im Erdgeschoss ab, außer für den Kühlschrank. Der Wäschekessel auf dem Ceranfeld verstummte mit einem letzten Blubbern.

„Ihr habt bis morgen neun Uhr Zeit, eure Sachen zu holen. Ich lasse den Schlüsseldienst heute noch kommen und die Schlösser tauschen. Wenn Herr Wenzel sein Geld will, soll er sich an Matthias wenden – der Name auf dem Grundbuchblatt ist meiner, und das wird auch so bleiben."

Erika Brandt öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, doch nichts kam heraus. Sie stellte den Schöpflöffel endgültig zur Seite, griff nach ihrer Strickjacke am Haken und ging, ohne ein weiteres Wort, zur Tür hinaus, in die Kälte des Vorgartens, wo die Beete für den Winterknoblauch schon halb umgegraben lagen.

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