Ich fahre seit elf Jahren den Streugutwagen für die Stadt, und ich kenne jede Kurve zwischen dem Kreisverkehr an der Salinenstraße und der Umgehung Richtung Euerdorf auswendig. Aber diese eine Stelle, kurz vor der Brücke, da bremse ich immer noch automatisch, obwohl ich weiß, dass da nichts kommt. Da steht ein Haus mitten auf der Fahrbahn. Nicht neben der Straße. Mitten drin. Die Umgehungsstraße teilt sich davor in zwei Spuren, umrundet das Grundstück wie ein Fluss einen Stein, und trifft sich dahinter wieder.
Der Mann, dem das Haus gehört, heißt Herbert Lindner. Ich kenne ihn nur vom Vorbeifahren, hupe manchmal, wenn er im Vorgarten steht und seine Wäsche von den Auspuffgasen abschüttelt. Ein alter Mann, Ende siebzig, mit einer Wollmütze auch im Sommer. Seine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben, das weiß ich von der Bäckereifachverkäuferin am Kreisel, die erzählt gern.
Die Geschichte, die man sich in der Stadt erzählt, geht so: Als die Stadtwerke vor sechs Jahren die Umgehungsstraße planten, sollte Lindners Grundstück komplett verschwinden. Sein Haus, ein Fachwerkbau von 1961, den sein Vater noch mit den Händen aufgebaut hatte, stand exakt auf der geplanten Trasse. Die Stadt bot ihm 210.000 Euro und eine Alternativwohnung in einem Neubau am Stadtrand. Für die Gegend kein schlechtes Angebot, sagt jeder, der davon hört. Aber Lindner hat abgelehnt. Er wollte nicht raus. Er sagte, in dieser Küche habe er geheiratet gesehen, seine Tochter das Laufen gelernt, seine Frau ihren letzten Atemzug getan. Kein Preis der Welt konnte das aufwiegen, fand er.
Die Verhandlungen zogen sich über Monate. Ich habe mal einen Bauleiter an der Tankstelle getroffen, der erzählte, man habe ihm sogar 250.000 geboten, dazu eine Wohnung mit Blick auf die Saale. Lindner blieb stur. Am Ende hatte die Stadt eine Frist für die Fördermittel und konnte nicht mehr warten. Die Ingenieure haben die Trasse umgeplant. Zwei Fahrbahnen, links und rechts am Grundstück vorbei, dahinter wieder zusammengeführt. Das Haus blieb stehen, umschlossen von Asphalt.
Ich hab in den ersten Wochen nach der Eröffnung noch gedacht, das sieht witzig aus, fast wie eine Verkehrsinsel mit Geranien. Manche Autofahrer hielten sogar an, um Fotos zu machen, bis die Stadt ein Halteverbotsschild aufstellen musste, weil sich der Verkehr staute. Ein Lokalsender aus Schweinfurt hat einen Beitrag gedreht, drei Minuten, mit Drohnenaufnahmen von oben. Da sieht man das Haus wie eine Insel, ringsherum nur Fahrbahnmarkierungen und die zwei geschwungenen Leitplanken.
Was in dem Beitrag nicht vorkommt, sehe ich jeden Morgen um Viertel nach sechs, wenn ich meine erste Runde drehe. Der Staub auf den Fensterbänken, den Lindner nie ganz wegbekommt, egal wie oft er wischt. Die Risse im Verputz von der Erschütterung, wenn die Sattelschlepper zur Spedition am Ortsausgang durchfahren. Der Lärm ist im Winter am schlimmsten, wenn ich mit dem Räumfahrzeug Salz streue und der Motor gegen die Hauswand hallt wie in einer Betonröhre. Einmal hat er mich angehalten, im Bademantel, um sieben Uhr morgens, und gefragt, ob ich nicht auf der anderen Spur fahren könnte. Ich konnte nicht. Es gibt keine andere Spur, die an seinem Haus vorbeiführt, ohne vorbeizuführen.
Vor zwei Jahren, im Winter, saß ich mit dem Streufahrzeug bei Blitzeis eine halbe Stunde fest vor seiner Ausfahrt, weil ein Lieferwagen sich verschätzt hatte und quer stand. In der Zeit hat Lindner mir Kaffee rausgebracht, in einem Becher mit einem Aufdruck vom Sparkassen-Sommerfest 2009. Er hat mir erzählt, dass ihm die Stadt letztes Jahr noch mal ein Angebot gemacht hat, nachdem der Wert der umliegenden Grundstücke gestiegen war. Diesmal 340.000 Euro. Er hat wieder nein gesagt, aber ohne die alte Festigkeit in der Stimme. Er hat gesagt, mit siebenundsiebzig fange man kein neues Leben mehr an, aber wenn er ehrlich sei, mit einundsiebzig hätte er es vielleicht auch nicht gekonnt, und dass er sich manchmal frage, ob er die erste Chance nicht hätte nehmen sollen, damals, als seine Knie noch die Treppe zur neuen Wohnung geschafft hätten.
Ich habe nichts gesagt. Was sagt man dazu. Ich hab den Kaffee ausgetrunken und den Becher zurückgegeben, und er stand da in seiner Wollmütze, mit dem Handtuch über der Schulter, und hat auf den Lieferwagen gewartet, der endlich wegfuhr.
Diesen Sommer war ich mit dem Rasenmäher-Trupp der Stadt an der Verkehrsinsel gegenüber, wegen der Böschung. Lindner kam raus, in der Hand einen Aktenordner, dick, mit einem Gummiband drumherum. Er sagte, seine Tochter aus Würzburg habe ihn überredet, wenigstens eine notarielle Vollmacht auszustellen, für den Fall, dass die Stadt noch mal anfragt. Kein Verkauf, sagte er, nur damit jemand entscheiden kann, wenn er es selbst nicht mehr kann. Er hat den Ordner ins Auto gelegt, auf den Beifahrersitz, angeschnallt, als wär's ein Mitfahrer. Dann ist er zurück ins Haus, an der Fahrbahnmarkierung vorbei, die direkt an seiner Türschwelle endet, und hat die Tür hinter sich zugezogen. Der Verkehr floss weiter, rechts und links, als wäre er nie da gewesen.







