Der Nachttisch mit dem Klingelton auf voller Lautstärke

Ich bin Krankenschwester auf der geriatrischen Station im Klinikum Ingolstadt, Nachtschicht, seit elf Jahren schon. Man sieht viel, wenn man nachts durch die Flure geht – Familien, die kommen, Familien, die nicht kommen, und Handys, die auf den Nachttischen liegen wie kleine Wächter.

Frau Brechtken lag bei uns in Zimmer 14, am Fenster, wegen einer Hüftoperation. Dreiundsiebzig Jahre alt, drahtig, mit einer Handtasche, die sie nicht mal im Krankenhausbett aus der Hand gab. Ihr Handy – so ein altes Nokia mit großen Tasten, das ihr Sohn ihr gekauft hatte, weil sie mit dem Smartphone nicht klarkam – lag immer griffbereit neben dem Wasserglas, Lautstärke auf Maximum, damit sie den Anruf ja nicht verpasst.

Der Anruf kam jeden Abend um Viertel nach sieben. Ihr Sohn Matthias, Immobilienmakler aus München, drei Autostunden entfernt. Ich hab das Klingeln oft gehört, wenn ich die Abendmedikamente austeilte – dieser alte Nokia-Ton, tüdelü-tüdelü, mitten im Stationsflur, während irgendwo ein Blutdruckmessgerät piepte und der Fernseher im Aufenthaltsraum die Tagesschau-Wiederholung lief.

"Mama? Ja, ich bin's. Wie geht's der Hüfte?"

Immer die gleichen zwei, drei Sätze. Sie erzählte vom Essen, das zu wenig gesalzen sei, von der Physiotherapeutin, die sie Frau Brechtken-Ohlsen nannte statt nur Brechtken, was sie aufregte. Er hörte zu, glaube ich, so drei, vier Minuten, dann kam meistens: "Ich muss los, Mama, hab noch nen Besichtigungstermin. Morgen wieder um Viertel nach sieben."

Ich hab das mitbekommen, weil ich in dem Zimmer die Infusion wechseln musste. Sie hat aufgelegt und das Handy sofort wieder auf den Nachttisch gelegt, mit dem Bildschirm nach oben, als würde sie es die ganze Nacht bewachen wollen.

Eines Abends, ich glaube es war ein Donnerstag, kam der Anruf nicht. Viertel nach sieben, halb acht, acht Uhr. Ich hatte gerade Nachtdienst übernommen und sah, wie sie das Handy alle paar Minuten in die Hand nahm, den Bildschirm anschaltete, wieder hinlegte. Die Bettnachbarin, eine ältere Dame aus Zimmer 14b, fragte irgendwann: "Ruft er heute nicht an?"

Frau Brechtken sagte nur: "Bestimmt ein wichtiger Kunde." Und drehte sich zur Wand.

Um zwanzig nach neun rief er dann doch an. Ich war zufällig im Zimmer, wollte die Nachtmedikation bringen. Sie ging sofort ran, fast erleichtert, aber ihre Stimme klang anders als sonst, kürzer angebunden.

"Wo warst du?"

Ich konnte nur seine Stimme als Gemurmel hören, nicht die Worte. Aber sie presste die Lippen zusammen und sagte dann: "Ein Vertragsabschluss ist kein Grund, mich zwei Stunden warten zu lassen, Matthias." Pause. "Nein, ich sag doch nichts. Ist schon gut." Aber es war nicht gut, das konnte man ihrer Hand ansehen, wie sie die Bettdecke zwischen den Fingern zerknüllte.

Am nächsten Tag kam ihre Tochter zu Besuch, Sabine, aus Regensburg. Die beiden saßen zusammen, ich brachte den Mittagstee, und ich hörte, wie Frau Brechtken zu ihrer Tochter sagte: "Er ruft an, weil er meint, er müsste. Nicht, weil er will."

Sabine widersprach: "Mama, er hat drei Kinder und ein Maklerbüro, das gerade wegen der Zinsen am Kämpfen ist."

"Ich hab auch drei Kinder gehabt und einen Kiosk am Nordbahnhof geführt", sagte Frau Brechtken. "Ich hab trotzdem jeden Sonntag meine Mutter besucht, mit dem Bus, anderthalb Stunden hin, anderthalb zurück."

Sabine wurde still, rührte in ihrem Tee, sagte nichts mehr dazu.

Ich hab in den folgenden Tagen gemerkt: Es ging Frau Brechtken gar nicht so sehr um den Anruf selbst. Es ging um das Gefühl, dass der Anruf eine Pflichtübung geworden war, ein Häkchen auf einer Liste, drei Minuten, dann "ich muss los". Sie hat mir das einmal erklärt, als ich ihr nachts die Schmerzmittel brachte und sie nicht schlafen konnte.

"Wissen Sie, was schlimmer ist als gar kein Anruf?", fragte sie mich. Ich hatte keine Antwort. "Ein Anruf, bei dem man merkt, der andere schaut dabei schon auf die Uhr."

Sie wurde nach elf Tagen entlassen, mit Rollator und einem Reha-Termin in vier Wochen. Ich hab sie nicht wiedergesehen, bis Sabine – die mit mir inzwischen ein bisschen Kontakt hatte, weil sie öfter kam als der Bruder – mir vor ein paar Wochen an der Aufnahme erzählte, was aus der Sache geworden war.

Frau Brechtken hatte, noch während der Reha, mit ihrem Anwalt in Ingolstadt gesprochen und eine notarielle Vollmacht geändert, die sie Jahre zuvor Matthias gegeben hatte – die Kontovollmacht für ihr Sparkonto bei der Sparkasse Ingolstadt, achtundvierzigtausend Euro, gedacht als spätere Unterstützung für seine Maklerfirma, das war so eine stille Abmachung zwischen den beiden gewesen, nie ganz ausgesprochen, aber beide wussten es. Sie hat die Vollmacht widerrufen und stattdessen Sabine eingetragen, mit der klaren Ansage: das Geld ist für die Pflege, falls sie mal ins Heim muss, nicht für irgendein Maklerbüro.

Sabine erzählte mir, wie ihre Mutter der Beraterin bei der Sparkasse die Unterlagen über den Tisch schob, ruhig, ohne große Geste, und sagte: "Dann ist das jetzt erledigt." Kein Wort mehr dazu.

Matthias hat es erst zwei Wochen später gemerkt, als er wegen einer Umschuldung für sein Büro auf das Konto zugreifen wollte und die Sparkasse ihm mitteilte, die Vollmacht sei nicht mehr gültig. Er ist am selben Nachmittag noch nach Ingolstadt gefahren, drei Stunden, ungeplant, ohne vorher anzurufen – zum ersten Mal seit ich von der Sache wusste, dass er unangekündigt kam.

Sabine war zufällig bei der Mutter, als er klingelte. Sie sagte, er habe ziemlich aufgebracht in der Tür gestanden und gefragt, warum niemand ihm Bescheid gesagt habe. Frau Brechtken habe ihn ins Wohnzimmer gebeten, ihm einen Kaffee hingestellt und gesagt: "Ich hab's dir doch gesagt. Um Viertel nach sieben, letzten Donnerstag vor vier Wochen. Du warst nur schon wieder unterwegs zu einem Termin."

Mehr habe sie nicht gesagt. Er sei noch eine Weile geblieben, habe wohl versucht zu erklären, wie es beruflich gerade laufe, und sie habe zugehört, ohne ihre Meinung zu ändern. Sabine sagte, ihre Mutter habe ihm zum Abschied die Hand auf den Arm gelegt und gemeint, das sei nichts Persönliches, nur eine Frage, wem sie ihr Geld anvertraue.

Der alte Nokia liegt, soweit ich weiß, immer noch auf ihrem Nachttisch. Und er ruft jetzt wohl öfter an – nicht mehr um Viertel nach sieben, sondern wann es sich eben ergibt. Was mir Sabine noch erzählte: Ihre Mutter hat sich einen zweiten Klingelton eingestellt, extra für ihn, ein anderer als der Standardton. Damit sie beim Klingeln gleich weiß, wer es ist, bevor sie überhaupt rangeht.

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