Der Baron und die Mazurka

Der Kater lag auf der warmen Bank am Spielplatz, den Bauch der Nachmittagssonne entgegengereckt, und blinzelte so selbstverständlich, als gehöre ihm der ganze Hinterhof der Dammtorstraße in Lübeck. Formal gehörte er niemandem – aber nach dem Recht des Ältesten war er hier der Hausherr. Nele kannte diesen Kater seit drei Jahren. Die Nachbarn aus dem Erdgeschoss, die ihn einst von der Straße aufgelesen hatten, nannten ihn Barnabas. Rasse hatte er keine, ein gewöhnlicher grauer Streuner, aber von der Sorte, der man auf der Straße automatisch nachschaut. Auffallend schön. Und mit einem Dickkopf, der seinesgleichen suchte.

Das Merkwürdigste aber war etwas anderes. Barnabas kam Nele entgegen. Nicht den Nachbarn, nicht den alten Damen mit ihren Näpfchen, nicht dem Hausmeister – ihr. Kaum bog sie in den Torweg ein, tauchte er aus dem Nichts auf: sprang von der Kastanie neben der Sandkiste, kroch unter einem geparkten Opel hervor, oder erhob sich träge von seiner Bank. Und schon trabte er neben ihr her. Anschmiegen tat er sich nicht, betteln auch nicht. Er lief einfach mit. Bis zur Ecke, bis zur Bushaltestelle, manchmal bis zum Bäcker an der Kreuzung. Und wenn Nele zurückkam, tauchte er wieder auf und begleitete sie bis zur Haustür.

„Na, Barnabas, wie war dein Tag?", fragte sie ihn dann, wenn niemand in der Nähe war, der es hätte hören können. Der Kater hob den Kopf, das Ohr zuckte, und ab und zu warf er ein kurzes „Miau" ein, als würde er seinen Kommentar dazugeben. Nele musste lachen: „Ich zweifle keine Sekunde daran, dass du alles verstehst. Schade nur, dass ich dich nicht verstehe."

Warum eine achtunddreißigjährige Frau ihrem Alltag mit einem Streunerkater bespricht statt mit einem Mann – das hat eine Vorgeschichte. Elf Jahre lang lebte Nele allein. Nicht ganz allein, wohlgemerkt: Mit ihr lebte Mazurka. Ein Hund. Aber ohne Partner an ihrer Seite. Zu verdanken hatte sie das Jonas, ihrem Jugendfreund vom Gymnasium in Reinfeld. Der hatte ihr jahrelang die Ehe versprochen, gleich nach dem Abitur. Sie hatte geglaubt. Andere Männer hatte sie all die Jahre nicht mal angeschaut. Er ließ sie auf der Abifeier sitzen – für eine andere.

Den Hund fand sie in derselben Nacht. Sie war fast an ihrer Haustür angekommen, da entdeckte sie auf dem Spielplatz einen kleinen Welpen, der an einem vergessenen Plastikeimer in der Sandkiste kaute. So verloren wie sie selbst in diesem Moment. Sie setzte sich neben ihn in den Sand – der Rock würde sich schon reinigen lassen – und fing an zu weinen. Wahrscheinlich, weil sie sich vorstellte, wie einsam es dem Kleinen jetzt war. Genauso einsam wie ihr. Nach Hause kam sie mit dem Welpen unter der Jacke.

„Warum bist du denn schon so früh da?", wunderte sich ihre Mutter, die die Tochter erst gegen Morgen erwartet hatte. „Hat Jonas dich gebracht? Warum kommt er nicht rein?"

„Nein, Mama, ich bin allein gekommen", Nele wischte sich die Tränen ab und trocknete ihr Gesicht. „Und Jonas wird es nicht mehr geben. Nicht in dieser Wohnung, nicht in meinem Leben. Dafür gibt es jetzt ihn." Sie überlegte kurz, sah den Welpen an, der mit dem Schwänzchen wedelte, und sagte: „Mazurka."

Die Mutter schaute erst die Tochter an, dann den Welpen, und seufzte nur schwer. Streiten hatte keinen Sinn. Wenn Nele etwas beschlossen hatte, dann war es beschlossen. Elf Jahre sind seitdem vergangen. Nele hat ihr Studium an der Uni Kiel abgeschlossen, eine Stelle als Steuerfachangestellte gefunden. Eine Weile wohnte sie noch bei der Mutter, aber die „vertrug den Hund schlecht", und so mietete Nele sich eine Wohnung in der Innenstadt, ganz in der Nähe vom Holstentor.

Beziehungen gab es in dieser Zeit keine. Es hat einfach nicht gepasst. Die ganze Zärtlichkeit bekam Mazurka ab – und der Hund gab doppelt zurück. Die Mutter, die längst von Enkelkindern träumte, musste sich damit abfinden, wiederholte aber bei jeder Gelegenheit: „Ein Hund ist schön und gut, Kind. Aber zum vollen Glück braucht ein Mensch noch einen Menschen."

„Mama, wenn der richtige Mann kommt, mach ich ihm die Tür weit auf. Aber bis dahin…"

„Schon gut, schon gut, ich hab's verstanden."

Barnabas kam später in ihr Leben, als Mazurka schon in die Jahre gekommen war. Der Kater wohnte bei den Nachbarn auf derselben Etage, übernachtete dort auch nur – die Tage verbrachte er draußen. Weit weg lief er dabei nie: unter dem Flieder, auf der Bank, oder auf der alten Kastanie. Hunger litt er nie. Kaum miaute Barnabas ein paarmal, liefen sämtliche Damen aus der Nachbarschaft mit Schüsseln und Tüten zusammen.

„Barnabaschen, komm her, ich hab dir Suppenhuhn mitgebracht, ganz frisch!"

„Ach was, probier erst meine Leberwurst, selbstgemacht!"

„Wie mager der Arme geworden ist", jammerte eine dritte. „Komm, es gibt Fisch."

Mager war Barnabas nie. Eher im Gegenteil. Aber mit den Damen zu diskutieren war zwecklos, und so war der Kater besser versorgt als so mancher Wohnungskater. Von Nele bekam er übrigens nichts. Sie fütterte ihn nicht, ließ ihn nicht rein. Sie sprach nur mit ihm, wie mit einem Menschen. Und versuchte ernsthaft zu verstehen, was er ihr da eigentlich erzählte.

Mazurka verhielt sich dem Kater gegenüber gleichgültig. Genauer: Er tat so, als bemerke er ihn nicht. Ob aus Eifersucht oder weil er Katzen grundsätzlich nicht mochte – bei Frauchen ließ er die Pfoten unten. Sie stritten nicht, und das war schon viel. „Wenn die sich mal anfreunden würden…", dachte Nele manchmal, wenn sie ihre beiden Vierbeiner betrachtete.

Dann verkauften die Nachbarn ihre Wohnung und zogen weg, nach Bremen, wie es hieß. Den Kater nahmen sie nicht mit. Suchten ihn nicht einmal im Hof, obwohl sie wussten, dass er irgendwo in der Nähe war. Barnabas war tatsächlich in der Nähe. Er saß auf der Kastanie und beobachtete durchs Laub, wie sie die Kisten in den Möbelwagen luden. Als der Wagen abfuhr, sprang der Kater vom Baum, ging einmal über den Hof – und kehrte an seinen alten Platz zurück. Am Abend war er dort. Am nächsten Tag auch. Übernachten hatte er jetzt nirgendwo mehr.

Ehrlich gesagt, allzu betrübt schien der Kater nicht. Eine warme Beziehung zu seinen ehemaligen Besitzern hatte er nie gehabt. Nele streichelte ihn bei einem der Spaziergänge. Es tat ihr leid um ihn, sehr leid sogar. Aber zu sich nehmen konnte sie ihn nicht: Zu Hause wartete der alte Mazurka, der Ruhe brauchte, und sie selbst war von früh bis spät auf der Arbeit. Dass der Hund draußen ruhig mit dem Kater umging, hieß noch lange nicht, dass es auch in vier Wänden so bleiben würde. Zufüttern versuchte sie – überflüssig. Die Damen aus dem Hof kamen auch so bestens klar.

Das Leben lief seinen gewohnten Gang, bis an einem Dienstagmorgen im Mai etwas geschah, das alles änderte. Barnabas war an diesem Morgen nicht in der Nähe – er begleitete die beiden nicht immer. Nele führte Mazurka aus, der beschnupperte gemächlich einen Busch, nichts deutete auf Ärger hin. Da tauchte im Torweg ein anderer Hund auf. Kein gewöhnlicher – ein großer, reinrassiger Schäferhund, den man nicht einfach übersehen konnte. Wohl hatte ihn jemand ohne Leine laufen lassen.

Der Schäferhund sah Mazurka. Alt, halb so groß wie er selbst. Und stürzte sich sofort auf ihn – obwohl Mazurka ihm nichts getan, nicht mal in seine Richtung geschaut hatte. Nele stand etwa zwanzig Meter entfernt, und als sie begriff, was da vor sich ging, war es schon fast zu spät. Schneller als der Hund konnte sie nicht laufen. Das Einzige, was blieb: „Mazurka!"

Der Hund hob den Kopf, blickte überrascht zu seinem Frauchen – und bemerkte erst dann den Schäferhund, der mit finsteren Absichten auf ihn zuraste. Er blieb stehen. In seinen Augen war zu lesen, dass er nicht wusste, was zu tun war. Kämpfen gegen diesen Brocken war sinnlos, weglaufen erst recht – seinen Bewegungen fehlte längst die Leichtigkeit junger Hunde. Also blieb er einfach stehen. Wartend.

Was der fremde Hund mit ihm angestellt hätte, wenn er ihn erreicht hätte, weiß niemand. Denn er erreichte ihn nicht. Aus irgendeiner Ecke des Hofes tauchte Barnabas auf. Ob zufällig da, ob durch Neles Schrei alarmiert – er erfasste die Lage in Sekundenbruchteilen und warf sich, ohne zu zögern, dazwischen. Der Kater riskierte sein hübsches Fell gewaltig, denn der fremde Hund war größer als er und Mazurka zusammen. Aber er sprang. Krümmte den Rücken zum Bogen, fauchte drohend. Und als der Angreifer, schon einen halben Meter entfernt, die Warnung ignorierte, schlug er ihm mehrmals die Pfote quer über die Nase. Und sah ihm dabei direkt in die Augen: Wagst du es noch mal – wird es schlimmer.

Unklar, wovor der Schäferhund mehr erschrak – vor der schweren Katzenpfote oder vor der Entschlossenheit in diesem Blick, von der er selbst kein Gramm besaß. Jedenfalls wich er zurück. Drehte sich um und rannte davon, dorthin, woher er gekommen war.

„Rocky! Rocky, wo steckst du?!", rief irgendwo ein Mann. Er packte den Hund am Halsband, klippte die Leine ein und zerrte ihn weg.

Nele war inzwischen herangelaufen, in der Hand einen Stock, den sie von der Sandkiste aufgehoben hatte. Sie warf ihn weg, kniete sich neben Mazurka, streichelte ihn, und nahm dann Barnabas auf den Arm. Die Pfoten des Katers zitterten noch – Angst hatte er offenbar doch gehabt.

„Du bist mein gestreifter Beschützer", sagte sie ihm leise. „Danke, dass du für ihn eingestanden bist."

Während sie Hund und Kater streichelte, dachte Nele nur an eine Frage: Warum? Barnabas und Mazurka waren nie befreundet gewesen. Sie selbst hatte dem Kater nie etwas Besonderes getan – nicht gefüttert wie die Nachbarinnen, nicht reingelassen. Und sie kam zu einem Schluss: Es lag an den Gesprächen. Sie hatte mit ihm geredet wie mit einem Menschen – und er hatte ihr menschlich vergolten. Genauer: katzenhaft. Gutes mit Gutem.

Von außen betrachtet: ein ganz gewöhnlicher Kater, nichts Besonderes. Und doch. Sie drückte Barnabas an sich und spürte, wie schnell sein Herz unter dem Fell schlug. Ihr wurde ihre eigenen Gedanken plötzlich peinlich. Sie hatte immer gedacht, sie plaudere einfach ab und zu mit dem Streunerkater aus dem Hof. Dabei hatten diese Gespräche für ihn offenbar viel mehr bedeutet, als sie geahnt hatte. So fühlte er sich gebraucht.

Nach so etwas konnte sie ihn unmöglich draußen lassen. Und Nele, ohne den Kater um seine Meinung zu fragen, ging mit ihm auf dem Arm und Mazurka an der Leine nach Hause. Zu dritt.

So wurde Barnabas endgültig ein Wohnungskater. Nach draußen ließ sie ihn nicht mehr allein – dafür war er ihr zu wichtig geworden. Das Einzige, worauf sie sich einließ: Wenn sie Mazurka ausführte, ging der Kater mit. Das war seine Bedingung, und ablehnen konnte sie sie nicht.

Das Interessanteste passierte danach. Weil sie nun die meiste Zeit in denselben vier Wänden verbrachten, freundeten Barnabas und Mazurka sich mit der Zeit tatsächlich an. Nele sah nicht selten, wie der Kater den Hund putzte. Sich um ihn kümmerte. Manchmal schliefen die beiden zusammen auf demselben Kissen im Flur, neben der alten Kommode, die noch von der Großmutter aus Flensburg stammte. Und wenn sie früher zur Arbeit ging und sich sorgte, wie es Mazurka wohl gehe, war sie jetzt ruhiger. Sie wusste: Barnabas würde aufpassen. Und sollte etwas passieren, würde er einen solchen Lärm veranstalten, dass die Nachbarn sofort reagierten.

So war es tatsächlich schon einmal. In einer Nacht im März ging es Mazurka plötzlich schlecht, und Barnabas machte einen solchen Aufstand, dass das ganze Treppenhaus wach wurde. Nele entschuldigte sich danach tagelang bei jedem einzelnen Nachbarn. Aber als die Leute den Grund für das nächtliche Katzenkonzert erfuhren, lächelten sie nur und gingen wortlos wieder in ihre Wohnungen.

Die Mutter, als sie hörte, dass die Tochter sich nun auch noch einen Kater zugelegt hatte, schlug nur die Hände über dem Kopf zusammen.

„Nele! Und wann denkst du mal an dein Privatleben? Du bist achtunddreißig!"

„Mama, fang nicht wieder an", antwortete Nele müde. „Weißt du noch, was Oma immer gesagt hat: Alles zu seiner Zeit. Ich hab jetzt einen Hund, einen Kater. Als Nächstes kommt bestimmt auch ein Mann."

Drei Wochen später klingelte es an einem Samstagvormittag an der Tür – der neue Nachbar aus dem zweiten Stock, ein Tierarzt, der eigentlich nur nach einem entlaufenen Wellensittich fragen wollte und stattdessen zwanzig Minuten auf der Fußmatte stehen blieb, weil Barnabas sich um seine Beine wickelte und partout nicht losließ. Er kam am nächsten Tag wieder, angeblich um nach dem Kater zu sehen. Und noch einmal die Woche danach.

Barnabas saß auf der Fensterbank, ein Auge geschlossen, während Nele dem Mann Kaffee einschenkte und über die schwarze Nähmaschine der Großmutter sprach, die sie nie benutzte, aber nie wegwarf. Wie genau der Kater das Privatleben seines Frauchens in Ordnung bringen wollte, ist eine andere Geschichte. Wichtig ist nur eines: Weder Katzen noch Hunde kommen einfach so in unser Leben. Sie kommen genau dann, wenn es Zeit wird, uns glücklich zu machen.

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