— Mama, Onkel Jens mag mich nicht.
Mira kniete sich vor ihre Tochter, die Strumpfhose rutschte ihr dabei bis zum Knöchel. In der Küche pfiff noch der Wasserkocher, sie hatte ihn vergessen.
— Wie kommst du denn darauf, Lena? Er hat dir doch die Puzzle-Weltkugel geschenkt, die mit den Ländern. Würde er das machen, wenn er dich nicht mögen würde?
Die Achtjährige zog die Nase kraus. In der Logik der Mutter steckte etwas Richtiges, aber sie hatte es doch selbst gehört, mit eigenen Ohren, an der Wohnungstür.
— Er hat's gesagt, Mama! Dass ich alles kaputt mache! Dass ich euch im Weg bin!
Mira presste die Lippen zusammen. Sie wusste, wie schwer es für Lena war, einen fremden Mann in der Wohnung zu akzeptieren, und entschied sich für die einfachere Erklärung: Das Kind hatte sich das ausgedacht, aus Eifersucht, aus Trotz.
— Das stimmt nicht. Onkel Jens hat dich sehr gern. Denk dir nichts aus.
Lena schnaufte, drehte sich um und rannte ins Kinderzimmer, die Tür knallte nicht ganz zu — sie blieb einen Spalt offen, so wie immer, wenn das Mädchen wütend war und trotzdem wollte, dass man sie hörte.
Von Lenas Vater war Mira vor drei Jahren geschieden worden, oder besser: sie hatte sich scheiden lassen. Kein schlechter Vater, aber ein miserabler Ehemann. Zwei Jahre lang hatte sie versucht, die Ehe zu kitten, wegen Lena, die an ihrem Papa hing wie eine Klette. Dann fand sie die Nachrichten auf seinem Handy, eine Kollegin aus der Filiale in Spandau, und sie wusste: Das war nicht die erste. Sie packte seinen Koffer, stellte ihn in den Flur, und als er abends von der Arbeit kam, drückte sie ihm den Griff in die Hand.
— Was soll das?
— Das ist Schluss. Wir lassen uns scheiden. Nimm deinen Kram und geh.
Lena hatte sie an dem Tag zu ihrer Oma nach Charlottenburg geschickt, damit die Kleine von dem Streit nichts mitbekam. Später erklärte sie ihr, dass Papa nicht mehr bei ihnen wohnen würde, dass sie ihn aber weiter sehen würde. Mit fünf hatte Lena das kaum begriffen. Anfangs hielt der Vater sein Wort, holte sie samstags ab, ging mit ihr in den Zoo, kaufte ihr Kakao mit Sahne. Mira legte ihm nie Steine in den Weg — im Gegenteil, sie war froh über jeden Besuch. Doch mit der Zeit wurden die Besuche seltener. Erst alle zwei Wochen, dann einmal im Monat, manchmal auch gar nicht. Er hatte eine neue Freundin, und für ein Kind blieb da wenig Platz.
Mira war lange allein geblieben. Zu lange, fand ihre Mutter. Irgendwie war sie den Männern gegenüber misstrauisch geworden, wollte niemandem mehr vertrauen. Bis sie Jens kennenlernte — bei einem Elternabend, ironischerweise, sein Neffe ging in Lenas Klasse. Jens wirkte solide. Freundlich, aufmerksam, keine Berührungsängste, als er erfuhr, dass Mira eine Tochter hatte. Mit Lena kam er anfangs gut zurecht, brachte ihr Gummibärchen mit, ein Malbuch, half ihr sogar bei den Matheaufgaben. Mira konnte ihr Glück kaum fassen. Einen netten Mann zu finden ist nicht das Schwierigste — einen zu finden, der das eigene Kind mitnimmt, das ist die Kunst.
Lena selbst blieb reserviert. Sie bat ihn nie zum Spielen, sprach nur das Nötigste mit ihm. Und als sie heute erklärte, Onkel Jens möge sie nicht, war Mira nicht wirklich überrascht. Acht Jahre — das Alter, in dem Kinder anfangen, die Welt der Erwachsenen zu durchschauen und gleichzeitig Angst davor zu haben. Vermutlich Eifersucht, dachte sie. Angst, dass der Papa mit dem neuen Mann endgültig verschwindet.
Sie wusste, dass sie mit ihrer Tochter reden musste. Aber jetzt, wo Lena gekränkt war, wollte sie ihr Zeit geben.
Am Abend fragte Lena, ob sie zu Oma Renate dürfe. Mira fuhr sie hin, froh über die Gelegenheit, mit Jens allein zu sein — und froh, dass ihre Tochter bei der Großmutter gut aufgehoben war.
Renate merkte sofort, dass mit ihrer Enkelin etwas nicht stimmte. Normalerweise war Lena ein Wirbelwind, erfand Spiele, redete ohne Punkt und Komma. Heute saß sie still am Küchentisch und stocherte im Kakao.
— Was ist los, mein Schatz?
— Mama glaubt mir nicht. Aber Onkel Jens glaubt sie.
— Was ist denn passiert?
Als Renate von ihrer Tochters neuem Mann erfahren hatte, war sie zunächst erleichtert gewesen — Mira war jung, sollte nicht wegen einer gescheiterten Ehe ihr Leben lang allein bleiben. Trotzdem hatte sie sich Sorgen um die Enkelin gemacht: Wie würde Lena einen fremden Mann in der Wohnung aufnehmen? Und wichtiger noch — wie würde er sie aufnehmen? Seit Mira mit Jens zusammengezogen war, vor gut vier Monaten, fragte Renate bei jedem Besuch, ob alles in Ordnung sei. Lena nickte immer nur, ohne Details. Normal, dachte Renate, sie brauchen Zeit, sich aneinander zu gewöhnen.
Heute aber, als das Mädchen zu erzählen begann, zog sich Renate das Herz zusammen.
— Onkel Jens war zu Hause, Mama war einkaufen, ich bin runter auf den Spielplatz. Als ich wiederkam, hat er das nicht gehört, weil er telefoniert hat. Aber ich hab's gehört. Er hat gesagt, mit meiner Mama läuft alles super, wenn da nur nicht ihre Tochter wäre, die ihn nervt. Ich mein — mich. Und dann hat er noch gesagt, er hofft, ich bin öfter bei dir als zu Hause.
— Hast du das deiner Mama erzählt?
— Ich hab's versucht! Aber sie hat gleich gesagt, ich hab mir das nur eingebildet. Weil Onkel Jens mir doch Geschenke macht, also mag er mich, hat sie gesagt.
— Ach du liebe Güte, — Renate strich ihr über den Kopf. — Wir finden eine Lösung, versprochen.
— Kann ich vielleicht bei dir wohnen? — fragte Lena leise. — Wenn ich denen so im Weg bin?
— Das besprechen wir alles. Und glaub mir: Du bist deiner Mama niemals im Weg.
Als Lena eingeschlafen war, ging Renate in die Küche und zog die Tür hinter sich zu. Sie wählte die Nummer ihrer Tochter. Es dauerte, bis abgehoben wurde — Mira und Jens saßen beim Abendessen, Kerzen auf dem Tisch, eine Flasche Rioja, die sie extra für den Anlass gekauft hatten, weil Jens am nächsten Tag seine kleine Autowerkstatt in der Mommsenstraße offiziell auf sich hatte umschreiben lassen wollen und feiern wollte.
— Was ist, Mama? — fragte Mira beunruhigt. — Ist was mit Lena?
Es war bereits kurz vor zehn, sonst rief ihre Mutter um diese Zeit nie an.
— Mit Lena ist alles gut, sie schläft. Aber wir müssen reden, Mira. Und zwar jetzt, nicht morgen.
Mira stand vom Tisch auf, ging mit dem Handy ins Schlafzimmer. Jens blieb sitzen, drehte sein Weinglas zwischen den Fingern, schaute ihr nach.
Renate erzählte alles, Wort für Wort, so wie Lena es ihr geschildert hatte. Am anderen Ende blieb es lange still — jene Art von Stille, in der man förmlich hört, wie jemand ein Bild im Kopf zerlegt und neu zusammensetzt.
— Das kann nicht sein, — sagte Mira schließlich, aber ihre Stimme trug den Satz nicht mehr.
— Sie hat mit wem telefoniert, Mira. Frag ihn selbst, mit wem. Und frag ihn, warum er dir nie erzählt hat, dass Lena an dem Nachmittag draußen war.
Mira legte auf und blieb eine Weile auf der Bettkante sitzen, das Handy im Schoß. Dann ging sie zurück ins Esszimmer. Jens hatte die Kerzen schon fast heruntergebrannt lassen.
— Wer war das am Telefon, letzten Mittwoch, als ich einkaufen war?
— Wie meinst du das?
— Lena hat gehört, wie du gesagt hast, dass sie dich nervt. Dass du hoffst, sie ist öfter bei ihrer Oma als bei uns.
Jens stellte das Glas ab, zu hastig, der Rotwein schwappte über den Rand auf die weiße Tischdecke, ein Fleck, der sich sofort ausbreitete.
— Das war mein Bruder. Wir haben über — über was ganz anderes geredet, das ist aus dem Zusammenhang gerissen.
— Lena reißt sich keine Sätze aus dem Zusammenhang. Sie ist acht, kein Bühnenautor.
Er stand auf, versuchte, ihre Hand zu nehmen, aber Mira zog sie weg.
— Mira, ich hab in dem Moment einfach Dampf abgelassen, das heißt nicht —
— Du hast mich zwei Stunden lang beim Abendessen davon überzeugt, wie sehr du meine Tochter liebst. Und ich hab meinem eigenen Kind gesagt, es bildet sich Dinge ein.
Sie ging in die Küche, holte ihren Laptop aus der Tasche, klappte ihn auf dem Küchentisch auf. Ihre Hände zitterten nicht, das überraschte sie selbst. Auf dem Bildschirm öffnete sie das Portal ihrer Bank, dann den gemeinsamen Konto-Zugang, den sie vor drei Monaten für die Nebenkosten der Wohnung eingerichtet hatten. Sie klickte auf „Vollmacht entfernen".
— Was machst du da? — Jens stand in der Tür, den Weinfleck noch auf dem Hemd.
— Ich nehme dich aus dem Konto raus. Und morgen früh gehst du zum Notar deiner Werkstatt allein, ohne mich als Trauzeugin bei irgendeiner Feier, denn die fällt aus.
— Du wirfst wegen einem Missverständnis mit einem Kind vier Monate weg?
— Ich werfe nichts weg. Ich hör auf, für jemanden geradezustehen, der meine Tochter als Störung bezeichnet, wenn er glaubt, ich hör's nicht.
Sie zog den Ehering, den er ihr vor sechs Wochen als Verlobungsring geschenkt hatte, vom Finger, legte ihn neben seinen Teller — ohne Theater, einfach hingelegt, wie man ein Buch zuklappt, das man nicht zu Ende lesen will. Zweihundertachtzig Euro hatte sie in den letzten Monaten für gemeinsame Anschaffungen vorgestreckt, das würde sie ihm per Überweisung mit klarem Verwendungszweck zurückfordern — nichts sollte zwischen ihnen offenbleiben, kein Cent, kein Anspruch.
Am nächsten Morgen packte sie seine zwei Kartons, stellte sie vor die Wohnungstür, ließ den Schlüsseldienst aus der Kantstraße kommen und den Zylinder austauschen — eine Stunde, neunzig Euro, bar bezahlt. Als Jens am Nachmittag klingelte, öffnete sie die Tür nur bis zur Kette.
— Deine Sachen stehen im Flur unten beim Hausmeister.
— Mira, lass uns reden, bitte, ich —
— Lena kommt gleich von der Schule. Ich möchte nicht, dass sie dich hier sieht.
Sie schloss die Tür. Durch den Spion sah sie ihn noch eine Weile im Treppenhaus stehen, den Blick auf die neue Klingel gerichtet, auf der ihr Name jetzt allein stand. Dann drehte er sich um und ging.
Als Lena eine halbe Stunde später mit dem Ranzen zur Tür hereinkam, roch es nach frischem Kaffee und nach den Zimtschnecken, die Renate mitgebracht hatte. Mira kniete sich hin, auf Augenhöhe mit ihrer Tochter, diesmal ohne den Wasserkocher im Hinterkopf.
— Ich hab dir nicht geglaubt. Das war falsch von mir.
Lena sah sie lange an, dann streckte sie ihr wortlos die Hand hin, in der ein Zimtschnecken-Stück steckte — als hätte sie schon die halbe für sich abgebissen und wollte den Rest teilen. Mira nahm ihn, setzte sich mit ihrer Tochter auf den Küchenboden, und da, zwischen Ranzen und Kakaotassen, blieben sie eine Weile einfach sitzen.







