Sofias letzter Auftritt

Ich heiße Bastian Krell, ich bin Rettungssanitäter bei der Berufsfeuerwehr Dortmund, jetzt seit sechzehn Jahren, und ich erzähle das hier, weil ich es sonst nirgendwo loswerde. Keiner von meinen Kollegen glaubt mir die ganze Geschichte, wenn ich sie erzähle – klingt zu sehr nach Tatort, sagen sie. Aber ich war dabei, an dem Abend, als wir Sofia Reiner von der A1 bei Unna geholt haben, und ich war auch später noch mal dabei, im Institut für Rechtsmedizin. Das kommt nicht oft vor, dass man einen Fall zweimal sieht.

Es war ein Dienstag im November, kurz vor sieben, schon stockdunkel, und es nieselte diesen feinen Nieselregen, der die Scheibenwischer nur schmiert. Der Wagen, ein grauer Passat, lag im Grünstreifen auf dem Dach, die Räder drehten noch. Drinnen die Fahrerin: bewusstlos, tiefe Platzwunde an der Stirn, kein tastbarer Puls, als mein Kollege Yılmaz den Hals abgetastet hat. Wir haben reanimiert, während wir sie rausgeschnitten haben, zwanzig Minuten im strömenden Regen auf der Standspur, LKWs donnerten mit hundert an uns vorbei, dass der Trupp jedes Mal in die Böschung gedrückt wurde. Der Notarzt hat sie dann für tot erklärt, 19:41 Uhr, ich habe die Uhrzeit selbst ins Protokoll geschrieben, weil meine Hände dabei ruhiger waren als sonst – so ist das manchmal, wenn man nichts mehr tun kann.

Was ich damals nicht wusste: Die Frau, die wir aus dem Wrack gezogen haben, war seit zwei Jahren mit einem Mann namens Volker Bracht verheiratet, der ein Immobilienbüro in Witten hatte und, wie sich später rausstellte, eine Lebensversicherung über 380.000 Euro auf sie abgeschlossen hatte, kurz nach der Hochzeit. Das erfahre ich erst Wochen später aus der Zeitung, aber ich schreib's hier gleich dazu, damit die Geschichte Sinn ergibt.

Zwei Stunden nach der Übergabe an die Rechtsmedizin am Wittekindshof bin ich noch mal hin, wegen der Unterschrift auf dem Übergabeprotokoll, die hatte ich vergessen zu holen. Der Rechtsmediziner, ein ruhiger älterer Herr namens Dr. Achim Ostermann, saß im Vorraum und trank Kaffee aus einem Becher mit Kölner-Dom-Aufdruck, den hatte er, glaub ich, von seiner Tochter geschenkt bekommen. Ich erinnere mich an den Becher besser als an fast alles andere von diesem Abend, komisch, wie das Gehirn manchmal Prioritäten setzt.

Ostermann war schon drin im Sektionssaal, das Skalpell in der Hand, wollte gerade ansetzen – da hat sie die Augen aufgeschlagen. Er hat's mir selbst erzählt, mit einer Stimme, die für den Rest der Nacht nicht mehr ganz normal geklungen hat. Sie hatte die Hand gehoben, ihn am Handgelenk gepackt, und geflüstert: Bitte sagen Sie niemandem, dass ich lebe.

Er wollte natürlich sofort die Notaufnahme alarmieren, den Alarmknopf drücken. Aber sie hat auf die Milchglastür gezeigt. Zwei Schatten davor. Sie hat gesagt: Das ist nicht mein Mann. Das ist Reinhold. Er macht das für meinen Mann.

Die Tür ging auf, bevor Ostermann irgendwas entscheiden konnte. Ein Mann in einem dunklen Kaschmirmantel kam rein, ruhig, fast höflich – Reinhold Sass, wie ich später aus der Anklageschrift erfahren habe, Geschäftspartner von Volker Bracht, zuständig fürs Unangenehme. Er hat gefragt, ob sie wirklich tot sei. Ostermann hat auf die Akte verwiesen. Der Mann hat gesagt, Akten interessieren ihn nicht, und ist zur Liege gegangen.

Ich stand zu dem Zeitpunkt im Vorraum, weil ich Ostermanns Kaffeebecher vom Tresen genommen hatte, um ihn wegzustellen – reiner Zufall, dass ich durch den schmalen Spalt der angelehnten Tür noch was mitbekommen habe. Ich hab gesehen, wie Sass sich über die Liege beugt, so nah, dass sein Atem ihr Haar bewegt haben muss, und sagt: Du hast schon immer schlecht schauspielern können, Sofia.

Und dann – das ist der Teil, den mir keiner glaubt – hat er sein Handy rausgeholt, ist zwei Schritte zurückgetreten und hat eine Nummer gewählt. Volker, hat er gesagt, es ist erledigt, aber der Arzt hier macht mir Ärger mit dem Totenschein, ich brauch das heute noch, schwarz auf weiß.

In diesem Moment ist Sofia hochgeschnellt. Nicht theatralisch, nicht wie im Film – sie hat sich einfach mit aller Kraft von der Liege geworfen, mit dem Ellbogen nach Sass' Kehle, und geschrien, so laut, dass es durch die ganze Etage gehallt hat. Ich bin reingerannt, Ostermann hat den Alarm gedrückt, zwei Wachschützer kamen von der Anmeldung. Sass ist zur Tür, aber ich war näher dran und hab ihn an der Schulter seines Mantels erwischt, bis die Security übernommen hat. Er ist nicht weit gekommen, die Polizei war in neun Minuten da, das steht so im Einsatzbericht.

Was danach kam, hat mit dem eigentlichen Vorfall in der Rechtsmedizin nichts mehr zu tun, aber ich erzähl's zu Ende, weil ich es wissen wollte und Sofia es mir später selbst erzählt hat, bei einer Vernehmung, zu der ich als Zeuge geladen war. Der Unfall war kein Unfall. Volker Bracht hatte die Bremsleitung ihres Passat manipulieren lassen, durch einen Mechaniker aus seinem Bekanntenkreis, und als sie den Sturz überlebt hatte – knapp, mit einer Gehirnerschütterung und gebrochenem Handgelenk, aber eben lebendig –, sollte Sass in der Rechtsmedizin nachhelfen, falls die Ärzte sich geirrt hatten. Ein Druckkissen, hat die Staatsanwältin später gesagt, eine Sekunde, mehr hätte es nicht gebraucht.

Sofia hat, während sie in der Notaufnahme wartete und noch nicht wusste, ob man ihr glaubt, als Erstes um ihr Handy gebeten. Nicht um zu weinen, nicht um irgendjemanden anzurufen, der sie trösten sollte. Sie hat die Banking-App aufgemacht, mit zitternden Fingern, das Handy zweimal fallen lassen, weil ihre rechte Hand im Gips steckte, und ihrem Anwalt eine Vollmacht geschickt, die er schon vorbereitet hatte, seit sie vor drei Monaten zum ersten Mal bei ihm gewesen war, wegen der Ehe, wegen komischer Blicke, wegen einer Bremsleitung, die schon einmal "zufällig" undicht gewesen war. Am nächsten Vormittag hat sie mit dieser Vollmacht das gemeinsame Konto bei der Sparkasse Witten sperren lassen und die 380.000-Euro-Police bei der Versicherung als Betrugsversuch gemeldet, bevor Bracht überhaupt wusste, dass sie noch lebte.

Ich hab Bracht selbst gesehen, zwei Tage später, vor dem Gebäude der Kripo Dortmund, als er zur Vernehmung gebracht wurde. Ein Mann in einem teuren Mantel, der aussah, als hätte ihn gerade jemand aus einem Traum geholt, in dem alles noch nach Plan lief. Reinhold Sass hat gegen ihn ausgesagt, um selbst mit einer kürzeren Strafe davonzukommen, und Sofia ist zu keiner einzigen Verhandlung mehr in Witten erschienen – sie hat das Immobilienbüro, das eigentlich zur Hälfte ihr gehörte, per Notarvertrag an eine ehemalige Kollegin von Brachts Angestellten verkauft, für einen Bruchteil des Werts, nur damit nichts mehr mit ihrem Namen verbunden blieb.

Den Kaffeebecher mit dem Kölner Dom hat Ostermann übrigens weggeworfen, hat er mir erzählt, ein paar Wochen später. Konnte ihn nicht mehr benutzen.

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