Der Meistertitel am Vorabend des letzten Einsatzes

Köln, Ende Oktober. Vom Balkon im fünften Stock sah ich, wie die ersten Blätter auf den Bürgersteig der Venloer Straße fielen. In der Küche summte der alte Kühlschrank, in dem seit Montag nur noch ein halbes Ei und zwei Kisten Bier standen. Neben mir stand ein schwarzer Rucksack, halb gepackt: drei Paar Socken, Verbandsmaterial, ein geladenes Tablet mit Karten.

Ich hatte zweiundsechzig Stunden, bevor der Bus mich zur Sammelstelle brachte, und seit eineinhalb Jahren lag ich nicht mehr auf einer improvisierten Pritsche, das Gesicht zur abblätternden Decke gedreht, und versuchte, den Schlaf nachzuholen, der längst ein Teil meiner Schulden war. Dieses Mal war ich wach. Das hatte ich selbst so entschieden.

Ich habe einen Monat wieder geschlafen — nicht im Schichtrhythmus, sondern wie ein Mensch: von elf bis halb sieben, manchmal sogar ohne um drei Uhr hochzufahren, weil irgendwo eine Tür geknallt hatte. Der Körper kam damit nicht klar. Er suchte das Loch, in dem sonst die Müdigkeit saß, und als er es nicht fand, baute er sich selbst ein neues. Das Herz schlug schneller als nötig, der Magen war eng, obwohl ich aß. Erst habe ich es mit den falschen Dingen gefüllt — drei Tage lang kaum aus dem Bett, dann doch jeden Abend am Kiosk, diese kleinen Klebeflaschen mit Kräuterlikör, die alten Männern den Geschmack von Einsamkeit wegsüßen. Aber ich wusste, wohin das führt: in einen Sonntag, an dem du dich wäschst und trotzdem nicht sauber wirst, und am Montag stehst du vor der Einheit und deine Hände merken alles, was du verdrücken wolltest.

Also habe ich Rainer Brunnhütte angerufen. Rainer führt in Deutz einen kleinen Kraftsportkeller, die Wände sind grau gestrichen, der Boden ist mit schwarz-gelben Matten ausgelegt, und über dem Spiegel hängt ein Schild: „Satz. Pause. Noch ein Satz.“ Er ist dreiundfünfzig, hat vor zwanzig Jahren bei der Deutschen Meisterschaft im Kreuzheben gestanden und sagt über sich selbst, er sei „Techniker, kein Zauberer“. Am Telefon fragte er nur: „Was willst du?“

Ich sagte es ihm. Er schwieg kurz — ich hörte das leise Klacken seiner Kaffeemaschine im Hintergrund — und meinte dann: „Freitag, acht Uhr. Wenn du zu spät kommst, kriegst du die rostigen Scheiben.“ Am Freitag war ich um halb acht da.

Wir trainierten einmal pro Woche. Einmal schwer, so schwer, dass mir am nächsten Morgen die Unterarme brannten, wenn ich die Zahnbürste hielt. Dazwischen aß ich bewusst, schlief nach Plan und fuhr mit dem Rad an den Rhein, an den großen grünen Wiesen bei Rodenkirchen. Ich achtete auf meinen Puls, wie ein alter Klempner auf ein verstopftes Rohr. Es war, als hätte mir jemand für einen Monat einen normalen Alltag geliehen — mit dem Auftrag, etwas zurückzuzahlen.

Zum ersten Mal seit der Schule hatte ich wieder ein Ziel, das nicht überleben hieß, sondern können. Den Meistertitel im Kraftdreikampf im Verband Union Powerlifting Circuits. Rainer meinte dazu: „Da zählt dein Wettkampfprotokoll, nicht deine Vergangenheit.“ Er trug beim Reden immer eine Kniebandage als Stirnband.

Vor drei Wochen startete ich bei den Offenen in Bergisch Gladbach. Ich trat in die Halle, und mir wurde fast schwindelig von dem Geruch nach Kreide, Ammoniak und warmem Metall — ein Geruch, den ich zuletzt mit sechzehn geatmet hatte, als im Vereinsheim der DJK die alten Rückenpolster noch nach Keller rochen. Ich machte meinen ersten Versuch und hörte Rainers Stimme von der Seite: „Nicht denken. Drücken.“ Danach war Ruhe im Kopf, die ich seit Monaten nicht kannte.

Der zweite Wettkampf in Düsseldorf lief noch besser. Beim Bankdrücken ließ mich der Kampfrichter nach dem Signal los, und ich drückte die Stange, bis sie über mir stand wie ein verdienter Ast, auf den du nach dem Sturm endlich steigen kannst. Danach saß ich auf der Bank, den Kopf in ein Handtuch gewickelt, und irgendwo in der Halle klatschten zwei Männer.

Als meine Zahlen feststanden, stand ich hinter der Bühne und trank warmes Leitungswasser aus einer Plastikflasche. Seit jenem Tag trage ich den Titel Meister des Sports — eine Zeile in einer Liste, gespeichert unter meinem Namen. Und vier weitere Normen in der Leistungsklasse. Schwarz auf weiß. Manche hängen dafür Medaillen an die Wand. Ich habe die Urkunde in eine Klarsichthülle gelegt, zwischen Mietvertrag und den dünnen Umschlag, in dem ich meine Armeekarte aufbewahre.

Morgen ist der letzte Wettkampf in diesem Zyklus. In der Mülheimer Sporthalle an der Genovevastraße. Ich habe mich für die offene Klasse gemeldet, wieder Kniebeuge, Bankdrücken, Kreuzheben. Mein Körper fühlt sich an wie ein Zug, der einen Hügel hochfährt: noch nicht müde, aber die Steigung spürt man in jedem Waggon. Meine beste Chance liegt im Kreuzheben, und ich will noch einmal zweihundertzweiundzwanzig Komma fünf Kilo in die Höhe kriegen. Nicht, um jemandem etwas zu zeigen. Sondern um zu wissen, dass unter der Uniform noch ein Mann liegt, der mit dem Gewicht zurechtkommt, wenn jemand bis drei zählt.

Am Morgen erhielt ich eine Nachricht. Kateryna, die vor drei Wochen aus Charkiw ankam und im Nebenhaus wohnt, schrieb: „Du gehst wieder? Schon wieder? Ich dachte, du bleibst bis Weihnachten.“ Ich klappte das Telefon zu und legte es mit dem Display nach unten auf den Tisch. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte so antworten, wie Rainer beim Bankdrücken spricht: kurz, ohne Zögern, ohne die Angst, etwas falsch zu machen. Aber das bin ich nicht. Ich habe ihr nur geschrieben: „Ja. Aber vorher noch ein Termin.“

Rainer holt mich um halb acht ab. Er fährt einen zehn Jahre alten Passat, auf dem Beifahrersitz liegt immer eine Packung Salzbrezeln. Er hat angeboten, die Musikanlage beim Wettkampf zu bedienen. Er sagte: „Ich halte dir den Verband. Ein letztes Mal.“ Die Halle wird nach Schweiß und Plastik riechen, die Displays werden rot leuchten, irgendwo wird ein Kind über die Tribüne laufen und jemand wird „Ruhe“ rufen.

Vieles in mir ist müde. Aber heute ist die Müdigkeit nicht der Preis fürs Überstehen — sie ist das, was du vor dem letzten Versuch in den Fingerspitzen trägst, bevor du das Eisen anfasst. Und deshalb klemme ich morgen früh meinen schwarzen Rucksack zwischen die Knie, fahre über die Deutzer Brücke, stehe in der Halle, atme ein und tue das Einzige, das ich in diesen eineinhalb Monaten gelernt habe: ich fange an.

Diesmal, ganz am Ende, wenn der Kampfrichter den Versuch freigibt und die weißen Lampen aufleuchten, wird es in der Halle für einen Atemzug lang ruhig sein. Und in dieser Ruhe kommt nicht die Erinnerung an das, was mir der Krieg genommen hat. Da ist nur noch die Stange. Und die Zahl, die ich ihr schuldig bin.

Ich weiß nicht, was danach kommt. Der Bus, die Sammelstelle, die neuen Listen. Aber im schwarzen Rucksack liegt, sorgfältig in die Klarsichthülle geschoben, ein Blatt. Da steht, unter einem Datum, das niemandem außer mir etwas sagt: Meister des Sports. Das nehme ich mit.

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Der Meistertitel am Vorabend des letzten Einsatzes