Kerstin schob den letzten Bissen Flammkuchen beiseite und drehte ihr Handy so, dass Meike es sehen konnte.
„Guck dir das an. Sein Profilbild. Attersee, letzte Woche." Ein Foto: ihr Mann Robert, braungebrannt, im Arm eine Frau mit rotem Kleid, die Bildunterschrift schlicht: *„Urlaub mit dir."*
„Meike, wach endlich auf. Glaubst du wirklich, der fährt drei Wochenenden im Monat nach München zu Kundenterminen und rührt dabei keine andere Frau an? Mein Klaus hat mich mit der Kollegin aus der Buchhaltung betrogen, neunzehn Jahre waren wir zusammen. Die machen das alle. Robert ist da keine Ausnahme."
Die Worte hingen noch in der Luft, als Meike zwei Stunden später allein in ihrer Küche in der Wiehre stand, die Herdplatte auf kleiner Flamme, Kamillentee, den sie nicht anrührte. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Bertoldsbrunnen vorbei, das vertraute Quietschen in der Kurve, das sie seit elf Jahren kannte und heute zum ersten Mal nicht beruhigend fand.
Robert war heute Morgen losgefahren, dritte Dienstreise diesen Monat. Verabschiedet hatte er sich flüchtig, einen Kuss auf die Stirn, den Koffer schon in der Hand. In letzter Zeit kam er von diesen Reisen zurück wie ein Kater, der sich gerade an der Sonne gewärmt hat – zufrieden, satt, aber wehrte jede Nähe ab, als hätte er sie in den Tagen davor nicht vermisst.
Kerstins Sätze drehten sich in Meikes Kopf im Kreis. Was, wenn sie recht hat?
Das Handy klingelte. Meike zuckte zusammen, kurz die Hoffnung, es sei Robert, der noch vor dem Schlafengehen anrufen wollte. Aber es war Jonas.
Jonas und Meike waren zusammen aufgewachsen, Nachbarskinder aus der gleichen Straße in Herdern, hatten zusammen das Abi gebaut, sich durch zwei gescheiterte Beziehungen und einen Todesfall in der Familie getragen. Seit Robert in ihrem Leben war, wollte er diese Freundschaft nicht mehr sehen. Fast verboten hatte er ihr den Kontakt, jede Nachricht von Jonas quittierte er mit einem Blick, der mehr sagte als Worte.
„Der Kerl gefällt mir nicht. Irgendwas ist faul an dem, ich weiß nur nicht was. Der wartet doch nur drauf, dich ins Bett zu kriegen. Ich will nicht, dass du noch mit ihm redest, Meike", hatte Robert erst letzte Woche wieder gesagt, als sie versuchte herauszufinden, woher diese Ablehnung eigentlich kam.
Jetzt, spätabends, mit Robert unterwegs, zog sich trotzdem etwas in ihr zusammen, als der Name auf dem Display aufleuchtete. Sie hatte Angst vor dem nächsten Streit. Aber nicht rangehen kam nicht infrage – was, wenn etwas passiert war?
„Jonas? Alles okay bei dir? Ist ziemlich spät für einen Anruf."
„Tut mir leid, dass ich so reinplatze. Ich weiß, wie spät es ist, aber ich brauch wirklich deine Hilfe. Bruno frisst nichts mehr, kann sich kaum noch aufrichten. Sieht für mich wieder nach der Sache mit der Austrocknung aus, du weißt schon, die Diagnose von letztem Jahr, den Namen hab ich vergessen. Ich hab das Medikament hier, aber die Infusion krieg ich nicht hin, das kann ich einfach nicht. Ihn irgendwohin zu tragen ist auch schwierig, und mein Auto steht ausgerechnet gerade in der Werkstatt. Ich hab überall angerufen wegen Hausbesuch, keiner macht das mehr, überall heißt es, in die Praxis bringen. Meike, kennst du vielleicht jemanden? Du arbeitest doch in der Tierarztpraxis. Ich zahl auch das Dreifache, ist mir egal. Gib mir bitte einen Kontakt."
Bruno war ein alter Herr, nach Hundejahren gerechnet – dreizehn im Frühling geworden, ein Bernhardiner-Mischling, den Meike noch als Welpen kannte, klein genug, dass er in Jonas' zwei Hände gepasst hatte. Wie oft waren sie mit ihm durch den Mundenhof spaziert, hatten über nichts und alles geredet, während Bruno im Gras nach Stöcken buddelte. Einmal hatte er sie umgerannt, sie lag lachend im nassen Herbstlaub, Jonas neben ihr, beide völlig durchnässt.
„Bring ihn sofort zu uns in die Praxis, ich ruf schon vorher an, wir haben Notdienst bis Mitternacht", sagte Meike, schon im Flur, schon nach den Autoschlüsseln greifend. „Ich fahr dich hin, dein Auto ist ja weg. Fünf Minuten, ich bin bei dir."
In der Praxis in der Belfortstraße legte der diensthabende Tierarzt Bruno auf den Untersuchungstisch, tastete den Bauch ab, hörte das flache Atmen. „Gut, dass Sie ihn gebracht haben. Die Werte hätten in ein paar Stunden kritisch werden können." Meike hielt Brunos Pfote, während die Infusion lief, und Jonas stand daneben, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben, weil er nicht wusste, wohin damit.
„Danke", sagte er leise, als sie später auf den Plastikstühlen im Wartezimmer saßen, das Neonlicht summte über ihnen. „Ich weiß, dass es kompliziert für dich ist, mit Robert und so. Aber ich hatte sonst niemanden."
„Ist schon gut." Meike drehte den Autoschlüssel in der Hand. Sie wollte gerade sagen, dass es keine Rolle spielt, dass sie immer für ihn da sein wird, egal was Robert denkt – da vibrierte ihr Handy in der Tasche.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Ein Foto, ohne Text. Robert, im selben roten Poloshirt wie auf dem Bild, das Kerstin ihr gezeigt hatte, an einem Hoteleingang, die Frau im roten Kleid neben ihm, seine Hand an ihrem Rücken. Unter dem Bild, drei Worte von der unbekannten Nummer: *„Frag ihn selbst."*
Meike starrte nicht lange auf den Bildschirm – sie tippte sofort die Nummer der Hotelrezeption, die im Bildhintergrund auf einem Schild zu erkennen war, googelte sie in zwanzig Sekunden. Ein Hotel am Attersee, Österreich. Sie rief nicht Robert an. Sie rief die Rezeption an.
„Guten Abend, ich möchte gerne wissen, ob für Herrn Robert Hartmann ein Zimmer reserviert ist – und ob es ein Doppelzimmer ist."
Die Dame am Empfang zögerte, dann bestätigte sie es, weil Meike sich als seine Ehefrau auswies und nach der Buchungsnummer fragte, die sie zufällig – aus einer alten gemeinsamen Kreditkartenabrechnung – noch im Kopf hatte. Doppelzimmer, gebucht für vier Nächte, zwei Erwachsene.
Sie fuhr nicht hin. Sie schrie nicht ins Telefon. Sie fuhr Jonas mit Bruno nach Hause, setzte sich, als sie wieder in der Wiehre war, an den Küchentisch, öffnete ihr Notebook und rief den Notar auf, den sie und Robert vor drei Jahren für den Ehevertrag genutzt hatten – die Kontaktdaten standen noch im Adressbuch.
Am nächsten Morgen saß sie um neun Uhr in der Kanzlei in der Kaiser-Joseph-Straße. Vierundzwanzigtausend Euro hatte sie in den letzten sechs Jahren in die gemeinsame Eigentumswohnung investiert, aus ihrem eigenen Erbe, dokumentiert mit Kontoauszügen, die sie noch am selben Morgen aus dem Online-Banking heruntergeladen hatte. Der Notar bestätigte: Gütertrennung war im Ehevertrag festgehalten, ihr Anteil war klar nachweisbar, die Trennung ließ sich sauber vollziehen.
Robert kam drei Tage später zurück, den Koffer noch in der Hand, das gleiche rote Poloshirt unter der Jacke. Die Wohnungstür ließ sich mit seinem Schlüssel nicht mehr öffnen – Meike hatte den Zylinder tauschen lassen, wie es der Notar empfohlen hatte, solange die güterrechtliche Trennung lief. Er klingelte, einmal, zweimal, dann rief er an. Meike öffnete die Tür nur einen Spalt, die Kette noch eingehängt, und hielt ihm einen Briefumschlag entgegen.
„Der Antrag auf Trennung ist beim Notar hinterlegt, mit allen Belegen zu meinem Anteil. Dein Anwalt kann sich bei ihm melden." Sie reichte ihm den Umschlag durch den Spalt. „Das Hotel am Attersee, Doppelzimmer, vier Nächte – die Buchungsnummer hab ich auch beigelegt, falls dein Anwalt Fragen hat."
Robert öffnete den Mund, wollte etwas sagen, aber es kam nichts. Er stand im Treppenhaus, der Koffer noch neben ihm, und Meike schloss die Tür.
Zwei Wochen später saß sie mit Jonas und Bruno im Mundenhof-Café, ein Milchkaffee vor sich, während Bruno unter dem Tisch schnarchte, wieder auf den Beinen, das Fell glänzend. Ihr Handy lag daneben, stumm. Kein Robert. Kein Kerstin mit neuen Ratschlägen. Nur Jonas, der ihr von seinem letzten Waldlauf erzählte, und die Herbstsonne, die durch die Fenster auf den Tisch fiel.







