# Die vier Schatten im Steinbruch

Ich weiß noch, wie der Diesel stank. Nein, falsch. Ich weiß noch, wie *ruhig* ich war, als wir den Hang hinauffuhren. Das ist es, was mich heute noch wach hält.

Es war August 1989, und über dem Steinbruch bei Achern flimmerte die Hitze wie über einer Herdplatte. Tagsüber hätte man dort keinem Hund zugemutet, die Hand aufzulegen — nachts war es ein schwarzes Loch am Rand des Schwarzwalds. Genau der Ort, an den man fährt, wenn man etwas erledigen will, von dem keiner erfahren soll.

Ich saß am Steuer. Kein Opel, falls du fragst — ein alter Ford Taunus, Baujahr '79, die Tanknadel klemmte bei einer Viertelanzeige, die seit dem Frühjahr nicht mehr stimmte. Neben mir Dieter, der die Karte auf den Knien ausgebreitet hatte, obwohl jeder von uns den Weg im Schlaf kannte. Hinten Karsten und Ralf. Ralfs Gürtelschnalle klirrte bei jedem Schlagloch gegen den Türholm. Dreiundzwanzig Jahre war ich alt. Seit vier Monaten bei der Schutzpolizei, Streifendienst, Nachtschicht. Der jüngste von uns vieren. Der dümmste, wie sich herausstellte.

Wir wollten ihr einen Schrecken einjagen. So hatte Dieter es formuliert: *Der Alten einen Denkzettel, der Zigeunerin eine Lektion.* Dass das Mädchen dabei sein würde, wussten wir nicht. Oder besser: Ich wusste es nicht. Heute bin ich sicher, dass Dieter es wusste.

Das Haus stand auf der Anhöhe am Ende eines Feldwegs, wo der Asphalt in Schotter überging und die Leitplanken aufhörten. Kein Nachbar weit und breit, nur eine alte Rosskastanie, unter der ein Hund angekettet war, der nicht bellte, als wir vorfuhren. Das hätte mir auffallen müssen. Ein Köter, der keinen Laut gibt, wenn nachts vier Männer in Uniform aussteigen — das ist kein Zufall.

Die Alte hieß Mirjana. Das erfuhr ich erst später, beim Verhör, das nie stattfand. An dem Abend war sie einfach nur *die Zigeunerin*, so nannte Dieter sie, und ich habe es ihm nachgesprochen, weil ich zu feige war zu widersprechen. Ihr Haus hatte Mauern aus Bruchstein, das Dach war mit Moos bewachsen, und über der Tür hing ein Bündel getrockneter Kräuter, das nach Kamille und etwas Bitterem roch.

Das Mädchen kam zuerst heraus. Barfuß. Neunzehn, vielleicht jünger, mit einem Zopf über der Schulter und Augen, die uns alle vier einzeln abgetastet haben, ohne eine Sekunde zu zögern. Sie wusste, warum wir da waren. Nicht aus den Akten — davon wusste sie nichts. Sie wusste es so, wie man einen Wetterumschwung spürt, bevor die erste Bö kommt.

»Sie wollen mit meiner Großmutter sprechen«, sagte sie. Kein Fragezeichen. Die Stimme ruhig, nüchtern, als würde sie einem Briefträger die Tür aufmachen.

»Hol sie raus«, sagte Dieter.

Hinter ihr trat Mirjana aus dem Haus. Ich schätze, sie war über siebzig, aber ihre Haltung war die einer Frau, die jeden Morgen selbst Holz hackt. Sie trug ein dunkles Kopftuch und hielt etwas in der Hand — erst dachte ich, ein Rosenkranz. Dann sah ich, dass es ein Lederbeutel war, und in dem Beutel klimperte etwas, das nicht nach Münzen klang.

Dieter redete. Ich habe nicht zugehört. Ich habe auf die Hände der Alten gestarrt, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, dass von diesen Händen etwas ausgeht, eine Art Druck, als hätte jemand die Luft im Hof um uns herum dichter gemacht. Es war Absurdität, klar, aber ich war stocknüchtern und habe sie trotzdem gespürt. Wir alle haben sie gespürt. Ralf hörte auf, mit dem Gürtel zu klirren, weil er die Hände in die Hosentaschen schob. Ein Polizist mit den Händen in den Taschen.

Was dann passierte, habe ich mir tausendmal im Kopf wiederholt, und die Reihenfolge stimmt nie. In einer Version schlägt Dieter dem Mädchen mit dem Handrücken ins Gesicht, weil sie ihm ins Wort fällt. In einer anderen will Karsten ihr Handschellen anlegen, und sie wehrt sich nicht, sondern dreht nur den Kopf zu ihrer Großmutter und sagt etwas in ihrer Sprache. In einer dritten Version ist es Ralf, der die Alte stößt, und dabei fällt der Lederbeutel auf den Boden, und ein paar Knochenplättchen rollen heraus, und alle vier starren wir darauf wie auf ein Tier, das gerade noch nicht zubeißt.

Ich weiß nur noch, dass wir am Ende alle im Fahrzeug saßen und der Motor lief, und dass das Mädchen nicht mehr stand. Und dass die Alte auf der Schwelle saß, den Beutel auf den Knien, und uns nachsah. Sie hat nicht geschrien. Sie hat nicht geweint. Sie hat gesprochen, leise, in ihre eigenen Hände hinein.

Diesen Satz habe ich nicht verstanden. Aber ich habe ihn mir gemerkt, Silbe für Silbe, wie man sich einen Splitter merkt, der unter die Haut gegangen ist. Und ich habe die Narben an den Händen der Alten gesehen, alte Brandnarben, die wie Runen aussahen.

*Vier Schatten in Uniform*, hat sie gesagt, auf Deutsch, als wollte sie sichergehen, dass ich es verstehe. Ralf hat gelacht. Dieter hat das Gaspedal durchgetreten. Karsten hat das Funkgerät lauter gedreht, als könnte man mit Musik das vertreiben, was hinter uns im Hof stand.

Wir sind den Feldweg hinuntergefahren, zurück zur Bundesstraße. Keiner hat geredet. Dann, an der Kreuzung, hat Dieter gesagt: »Die hält die Klappe. Und wenn nicht — wer glaubt schon einer Zigeunerin?«

Das war der Plan. Und der Plan funktionierte. Elf Jahre lang, bis zu diesem Sommer, dem Sommer 2000, in dem ich diese Zeilen schreibe.

Neun Monate nach jener Nacht habe ich den Dienst quittiert. Nicht aus Gewissen — nicht damals. Sondern wegen der Träume. Ich träumte jede Nacht dasselbe: ein Mädchen mit nackten Füßen, das in schwarzes Wasser starrt, und in der Spiegelung keine Bäume, sondern vier aufrechte Schatten. Im vierten Monat nach der Nacht bin ich zum ersten Mal zu Mirjana gefahren, bei Tag, in Zivil. Ich wusste selbst nicht, was ich wollte — eine Absolution, einen Fluch, eine Diagnose. Ich wusste nur, dass ich nicht mehr schlafen konnte.

Das Haus am Hang stand leer. Nicht verlassen — leer, das ist ein Unterschied. Der Hund weg, die Kastanie noch da, die Tür mit einem Vorhängeschloss verriegelt, das schon Rost ansetzte. Auf der Schwelle lag noch ein einzelnes Knochenplättchen, halb in den Dreck getreten. Ich habe es eingesteckt. Ich hätte es nicht tun sollen.

Heute frage ich mich, ob der Fluch nicht damals schon wirkte, auf diese banale Art: dass er uns die guten Jahre nimmt, einen nach dem anderen, so gründlich, dass man es erst merkt, wenn es vorbei ist.

Karsten war der Erste. 1992, drei Jahre nach der Nacht im Steinbruch, Auffahrunfall auf der A5, er starb nicht sofort, sondern lag sechzehn Tage im Koma, und seine Frau erzählte später, er habe die ganze Zeit auf Serbisch gesprochen, obwohl er nie eine Sekunde Serbisch gelernt hatte. Das habe ich in der Unfallakte gelesen, die ich mir besorgt habe, Jahre später. Auf der letzten Seite hatte jemand mit Bleistift eine einzelne Zahl notiert: Vier.

Ralf wurde 1997, acht Jahre nach der Nacht, aus dem Polizeidienst entlassen. Nicht wegen der Sache mit dem Mädchen — das war verjährt, vertuscht, unter Akten begraben, die niemand mehr anfasste. Sondern wegen Unterschlagung. 40.000 Mark aus der Asservatenkammer, nie aufgetaucht. Seine Ehe ging noch im selben Jahr in die Brüche. Er lebt heute in einer Einzimmerwohnung in Lahr, trinkt, sagt man, und redet, wenn er getrunken hat, von einer alten Frau mit einem Lederbeutel, die ihn nachts besucht. Die Nachbarn halten ihn für verrückt. Vielleicht ist er es auch. Aber ich habe mitbekommen, wie er einmal in der Straßenbahn saß und leise die Fingernägel an der Fensterscheibe entlangkratzte, im Rhythmus von etwas, das ich im Radio nicht finden konnte. Damals, 1997, waren wir noch zu dritt im Bunde des Schweigens. Danach nur noch Dieter und ich.

Bei Dieter hat es am längsten gedauert. Dieter wurde befördert, Dieter wurde Erster Hauptkommissar, Dieter bekam ein Haus mit Wintergarten am Stadtrand von Offenburg und eine Tochter, die er über alles liebte. Das Mädchen war vergessen, die Nacht im Steinbruch war vergessen, und ich dachte manchmal, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stand und die Schlagzeilen las, der Fluch sei eine Erfindung meines schlechten Gewissens. Dann, vor drei Jahren, im Jahr 1997 — kurz nachdem Ralf seinen Dienst verloren hatte —, rief Dieters Frau mich an. Ob ich wüsste, wo er sei. Seit drei Tagen nicht nach Hause gekommen. Sein Wagen stand noch in der Garage, der Tank leer, die Schuhe nass, als hätte er stundenlang durch den Bach gefischt. Gefunden wurde er im April jenes Jahres, am Ufer der Kinzig, in einem Auwald, der im Sommer von den Mücken so verseucht ist, dass kein Mensch freiwillig dort hineingeht. Er saß unter einer Weide, die Arme um die Knie geschlungen, und sang ein Volkslied, das ich nicht kannte. Er hat nie wieder ein verständliches Wort gesprochen. Die Ärzte sagen: Dissoziative Störung nach unbekanntem Trauma. Ich sage: Er hat gehört, wie sie ihn gerufen hat, aus dem schwarzen Wasser, und er ist dem Ruf gefolgt, aber er kam nicht durch. Seit jenem Frühjahr 1997 bin ich der Letzte von uns vieren, der noch reden kann.

Ich bin übrig. Ich sitze hier, in Sinsheim, in einer Wohnung, die ich mir nie hätte leisten sollen, und schreibe das alles auf einen Zettel, den ich danach verbrennen werde. Nicht aus Angst. Aus Ordnung. 1997, als Dieter verschwand und Ralf seinen Dienst quittierte, endete zugleich die Vereinbarung, die wir vier einst getroffen hatten: Keiner redet je über die Nacht im Steinbruch. Wir haben sie nicht einmal nachher gegeneinander erwähnt, nicht ein einziges Mal, all die Jahre zuvor. Wir haben so getan, als hätte es keine Nacht gegeben, kein Mädchen, keine Alte, keinen Fluch. Das war der eigentliche Fluch, verstehst du? Nicht die Alte. Das Schweigen.

Aber ich habe das Plättchen noch. Das aus dem Dreck auf der Türschwelle. Ich habe es untersuchen lassen, illegal, über einen Bekannten aus dem Landesamt für Denkmalpflege. Elfenbein. Mammut, genauer gesagt, älter als die Pyramiden. Eingeritzt sind Zeichen, die sich keinem bekannten Schriftsystem zuordnen lassen. Wie das Mädchen hieß, weiß ich bis heute nicht. Ich habe nie gefragt. Und das Schlimmste ist: Ich kann mir nicht einmal ihre Stimme merken, nur das Geräusch ihrer nackten Füße auf dem Lehmboden, als sie heraustrat.

Vergangene Woche war ich noch einmal dort — zum zweiten Mal seit jener Nacht, elf Jahre nach dem ersten Besuch. Ich bin den Feldweg hinaufgefahren, im Hellen, mit einem frischen Tank und einem Handschuhfach voller Kaugummi, weil ich mir einrede, dass es gegen das Kiefersperren hilft. Das Haus ist abgerissen. Kein Stein mehr, keine Mauer, nicht einmal die Bodenplatte. Jemand hat ganze Arbeit geleistet, wahrscheinlich schon vor Jahren. Nur die Kastanie — sie steht noch. Genau dort, wo sie damals stand. Und darunter, im Gras, lag ein kleiner, flacher Stein, auf den mit schwarzer Erde eine Zahl geschrieben war.

Vier.

Ich bin nicht geblieben. Ich bin zum Wagen gegangen, habe die Tür geöffnet, und dann ist mir etwas Seltsames passiert: Der Hund schlug an. Kläffen. Aus dem Nichts, direkt hinter mir. Ich drehte mich um — nichts. Kein Hund, kein Gras mehr, nur der bewegungslose Abendhimmel. Und das Gefühl, als ob mir jemand mit zwei Fingern zwischen die Schulterblätter tippte, ganz leicht, wie man einen unwillkommenen Gast auf einen Fehler aufmerksam macht.

Ich habe den Rest des Wegs mit eingezogenen Schultern zurückgelegt.

Ich weiß, dass es nicht aufhört. Ich weiß, dass ich der Letzte bin, und ich weiß, wofür. Ich habe danach einen Scheck ausgestellt, 15.000 Mark, auf das Konto eines Vereins, der Roma-Frauen beim Berufseinstieg hilft. Nicht aus Mitleid. Ich habe keine Frau, keine Kinder, keinen Hund, und das Geld hätte ohnehin der Staat gekriegt. Vielleicht hilft es nichts. Vielleicht ist es die falsche Währung. Aber ich habe noch die Überweisung in der Jackentasche gehabt, und heute Morgen bin ich losgefahren, um sie abzugeben, am Schalter, persönlich.

Der Überweisungskorb im Foyer der Bank war leer, als ich ankam, kurz nach Ladenöffnung. Ich habe das Formular ausgefüllt, den Stift drei Atemzüge lang in der Hand gehalten, dann unterschrieben. Am Abend zuvor hatte ich mir auf dem Handy den Wecker gestellt, auf sechs Uhr, damit ich früh genug wach war und keiner mir vorwerfen konnte, ich hätte verschlafen. Und dann bin ich zur Bank gegangen, am frühen Vormittag, mit dem Papier in der Hand, und habe es am Schalter abgegeben, als wäre es eine Vorladung.

Die junge Frau hinter dem Schalter hat nicht aufgesehen. Sie hat gestempelt. »Geht in Ordnung, Herr…?« — mein Name, den ich für einen Moment vergessen hatte, stand auf dem Ausweis, sie las ihn ab. Ich habe nur genickt.

Draußen roch es nach Asphalt und Sommergewitter.

Der Himmel war viergeteilt.

Danach werde ich noch einmal zur Kastanie fahren. Nur hin, nichts weiter. Ich will den Stein mit der Vier anfassen. Vielleicht ist es dumm. Aber wenn ich die Zahlen umdrehe und aus der Vier ein offenes Fenster mache, sagt die Alte vielleicht, dass es genug ist.

Und wenn nicht — dann weiß ich wenigstens, dass ich der Einzige war, der nicht gelacht hat, als sie unter der Kastanie stand. Ich war nur der, der den Motor nicht abstellte, und der deshalb noch heute weiß, dass ein Dieselmotor, wenn er im Leerlauf läuft, so ruhig schnurrt wie etwas, das niemals wieder kalt wird.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

# Die vier Schatten im Steinbruch